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Mittwoch, 21.01.2004 12:10:10
Big in Berlin
"Wir sind hier und wir sind laut - weil man uns die Bildung klaut!" schallt es von beiden Seiten der Friedrichstraße. Autos fangen an zu hupen, hunderte von Studenten antworten mit Jubelschreien und fangen an, auf- und abzuhüpfen. Studenten der Medizin, Biologie, Pharmazie, Landwirtschaft/Agrarwissenschaft und Lebensmittelchemie bildeten Anfang Dezember eine Kittelkette an einem zentralem Berliner Verkehrsknotenpunkt - mit überregionalem Echo, z.B. in der ZEIT. Seit Anfang November waren alle Berliner Unis und einige der Fachhochschulen nach und nach in den Streik getreten. Und die Mediziner waren - trotz aller Klischees und Befürchtungen - mittendrin. Angefangen hatte alles mit dem "Streik-Info-Café", das wir im Studentenhaus der Charité eröffneten. Meist rund um die Uhr hielten sich hier Studenten auf, wir planten, organisierten, kochten Kaffee, sprayten, agitierten und diskutierten.
Wir trugen unser Scherflein dazu bei, dass - in dieser Zeit in besonderem Maße - "ein Rundgang durch Berlin [zum] Erlebnis [wurde]" (taz). Gemeint waren kreative, gewaltlose und vor allem öffentlichkeitswirksame Protestformen: die "Flitzer", die sich an öffentlichen Orten halb oder ganz entkleideten, die "Bildung ging baden" (in der Spree), vor dem Roten Rathaus wurde dauergecampt (seit nunmehr 43 Tagen) und es wurden öffentliche Vorlesungen gehalten: z.B, "Jura für alle: Insolvenzrecht und der Bankenskandal" oder "Hirnentwicklung (für Politiker)". Geist ist halt geil. Wir Mediziner organisierten ebenfalls öffentliche Vorlesungen auf größeren Plätzen, behängten die Charité mit Transparenten oder hielten Inforveranstaltungen ab. Auf dem Potsdamer Platz stellten wir das Studentensterben dar, auf den Stufen vor dem Bettenhochhaus hielten wir Lesungen ab und auf dem Alexanderplatz untersuchten wir Patienten in einer improvisierten Praxis. Mit allen anderen Studenten zusammen demonstrierten wir gegen Studiengebühren bzw. -konten und gegen Kürzungen an den Berliner Unis von 72 Millionen Euro an den "Hauptunis" und von 98 Millionen in der fusionierten Universitätsmedizin. Letztere sind allerdings schon seit längerem beschlossen. Viele Studis sprachen sich weitergehend gegen Kürzungen im Sozialbereich aus oder taten ihren Unmut gegen den Berliner Bankenskandal kund. Zur Erinnerung: wegen fauler Kredite im Immobilienbereich und allgemeinem Verschwendungswahn bei der einst drittreichsten Bank Deutschlands entstand dem Land Berlin ein Schaden von CA. 21,6 Milliarden Euro. Nach Wochen mit zahlreichen Aktionen, Demos und Besetzungen, z.B. vom Hauptgebäude der HU, der taz, der Berliner Bank und dem Büro des Wissenschafts- und Kultursenators Thomas Flierl (PDS) wird es nun wieder ruhiger. Die Vollversammlung der Humboldt Uni beschloss soeben ein Ende des "Vollstreiks"; künftig sollen die Proteste auf Aktionstage konzentriert werden. Doch -keine Sorge- wir haben nicht aufgegeben! Wir stürzen uns nunmehr vermehrt in die inhaltliche Arbeit und gehen Fragen grundsätzlicherer Natur nach: "Welche Folgen werden die Kürzungen für die Charité haben?" etwa oder "Wo ist das Geld in der Gesellschaft?" Und das Streik-Info-Café wir dauerhaft zu "Kaffe & Stulle" - endlich am Campus Mitte Kaffee schlürfen! Wolfram Herrmann und Ben Geisler
Von: Admin
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