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Colombia (ASCEMCOL)

Notfallmedizin - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Fabian, Münster

Motivation

Nach Südamerika wollte ich eigentlich schon immer mal und Kolumbien als faszinierendes Reiseziel mit gutem Gesundheitssystem schien der ideale Ort zu sein, um eine Famulatur mit einem Auslandsaufenthalt zu verbinden.

Vorbereitung

Durch meine Erasmus-Zeit habe ich mich, zumindest was die Sprache betrifft, schon recht sicher gefühlt. Mit einigen befreundeten Kolumbianern oder Freunden, die einmal dort eine Zeit verbracht haben, habe ich mich noch über deren Erfahrungen im Land ausgetauscht und es ansonsten einfach auf mich zukommen lassen.

Visum

Als Deutscher war es nicht notwendig, ein Visum für meinen Aufenthalt von zwei Monaten zu beantragen.

Gesundheit

Es ist empfehlenswert, sich vorher über die notwendigen Impfungen gegen z. B. Gelbfieber, Typhus, Tetanus, Tollwut und Hepatitis zu informieren. Es gibt noch einige darüber hinaus, deren Notwendigkeit man mit sich selbst ausmachen muss. Cholera habe ich mir gespart und hatte keine Probleme. Malaria-Medikation habe ich ebenfalls nicht eingepackt, weil ich nicht vor hatte in entsprechende Gebiete zu reisen. Eine Reisekrankenversicherung würde ich in jedem Fall abschließen.

Sicherheit

Dass mir während meines Aufenthaltes nichts passiert ist, lag sicherlich auch daran, dass ich viel Wert auf meine Sicherheit gelegt habe. In Kolumbien wird es früh dunkel. Wenn man nicht gerade entlang der gut besuchten Hauptstraße nach Hause laufen kann, sollte man sich ein Taxi nehmen - wenn es mitten in der Nacht ist sowieso. Das haben mir auch die kolumbianischen Studenten ans Herz gelegt. Allein war ich sowieso meistens nicht, was sicherlich hilfreich war. Ich habe es auch vermieden, mein Handy zu oft in der Öffentlichkeit rauszuholen oder zu viel Bargeld mit mir herumzutragen.

Geld

Als Zahlungsmittel kommen Bargeld oder Kreditkarten infrage. Etwas ärgerlich ist, dass das Abheben mit hohen Gebühren einhergeht, man es also vermeiden will, oft zum ATM zu gehen, man aber zur selben Zeit auch nicht zu viel Bargeld auf einmal bei sich tragen will. Kreditkarte ist also wahrscheinlich am unkompliziertesten, natürlich aber nicht überall möglich z. B. an den zahlreichen Essensständen auf der Straße. Für den Anfang habe ich 100 Euro mitgenommen und am Flughafen Bogota umgetauscht. Kolumbien ist deutlich günstiger als Deutschland, gönnt euch einfach mal einen halben Liter frischen Ananas-Milkshake für einen Euro.

Sprache

Wer Spanisch gut beherrscht wird sich natürlich deutlich besser zurechtfinden und kann viel tiefer in das Land eintauchen. Die Sprache war der Schlüssel, die Kolumbianer richtig kennenzulernen. Einige davon haben mich dann sogar einmal mit in ihre Heimat eingeladen. Mit Englisch kommt man eigentlich in allen Lebensbereichen abseits vom Tourismus nicht sonderlich weit.

Verkehrsbindungen

Kolumbien kann man zwar über Alaska und Nordamerika mit dem Auto zu erreichen, zeitsparender ist es jedoch, sich einen Flug zu organisieren. Meistens geht es dann über entweder Barcelona oder Madrid nach Bogota und von dort jeweils weiter. Man sollte tatsächlich schauen, ob es nicht günstiger ist, die einzelnen Strecken getrennt voneinander zu buchen. Ich hatte auf der Hinreise auch Probleme mit Overbooking und günstiger war es im Endeffekt auch nicht, die gesamte Strecke auf einmal gebucht zu haben. Innerhalb des Landes kann man sich je nach Distanz mit kostengünstigen Inlandsflügen oder Fernbussen fortbewegen, die meiner Erfahrung nach ziemlich zuverlässig sind.

Kommunikation

Meine erste Amtshandlung war der Kauf einer kolumbianischen Sim-Karte, die man problemlos für ein paar Wochen benutzen kann. Mobiles Internet und eine kolumbianische Nummer, um mit Freunden vor Ort telefonieren zu können, sind enorm praktisch. Man lädt einfach einen Betrag auf die Karte und kann auf alle Services zugreifen. Für längere Zeiträume braucht man allerdings eine kolumbianische ID (Cedula).

Unterkunft

ASCEMCOL hat mir zweifellos die beste Gastfamilie im ganzen Land organisiert. Ich habe mich vom ersten Moment an heimisch gefühlt, dreimal täglich wurde mit allen gegessen, ich hatte einen eigenen Schlüssel und sogar ein Zimmer ganz für mich. Im Grunde wurde ich so behandelt wie jedes andere Familienmitglied auch. Alle waren sehr interessiert und wahnsinnig hilfsbereit. Hätte besser nicht sein können.

Literatur

Ich hatte zwar einen Lonely Planet dabei, habe diesen aber fast nicht benutzt. Man bekommt viele Infos, wenn man einfach online schaut und vor allem wenn man die Locals fragt. Für das Praktikum habe ich nichts an Büchern o. ä. benötigt.

Mitzunehmen

Kittel und Stethoskop sind auf jeden Fall mitzubringen sowie lange Hosen und feste Schuhe. Ein Adapter für Steckdosen darf auch nicht fehlen. Ansonsten gilt: Weniger ist mehr. Vor Ort kauft man sich sowieso Souvenirs, Kaffee, Kleidung, Accessoires und andere Mitbringsel, also sollte man etwas Platz im Gepäck lassen. Ich hatte keinen Laptop oder sowas dabei und das war auch die richtige Entscheidung.

Reise und Ankunft

Mir war zwar klar, dass es chaotisch werden würde, aber es kam dann wirklich alles zusammen. Durch das Overbooking ist mein Gepäck in Madrid liegen geblieben und entgegen aller Aussagen der Partnerorganisation wurde ich weder vom Flughafen abgeholt, noch wusste irgendjemand, dass ich kommen sollte, noch hatte ich eine Unterkunft, noch fing das Praktikum ansatzweise zum geplanten Zeitraum an. Der Punkt ist, ihr müsst euch um alles selbst kümmern. Wenn ich nicht trotz täglichem Nachfragen nach einer Woche mal auf eigene Faust ins Krankenhaus gegangen wäre, um mich vorzustellen, würde ich wahrscheinlich noch heute auf eine Rückmeldung der lokalen Koordination warten. Habt keine falsche Scheu, auch ein viertes oder fünftes Mal nachzufragen, wenn ihr etwas braucht.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Wie eigentlich alle Austauschstudenten habe ich im Hospital San Juan de Dios von Armenia in der Abteilung für Notfallmedizin famuliert, wobei ich sowohl den ambulanten als auch den stationären Bereich kennengelernt habe. Die Ärzte und PJler der Abteilung haben mich sehr offen und herzlich empfangen, waren verständnisvoll und geduldig, wenn ich mal etwas nicht wusste und haben versucht, mich soweit miteinzubinden, wie möglich. Die meiste Zeit des Praktikums habe ich mit den PJlern verbracht, sodass mein Tagesablauf weitestgehend derselbe war. Die PJler Kolumbiens sind sehr gut ausgebildet, agieren praktisch vollkommen selbstständig. Um 8 Uhr begann meine Schicht bis ca. 13 Uhr. Dann wurde entweder zu Hause oder im Krankenhaus mit den anderen Studenten Mittag gegessen und im Anschluss von 14 bis 18 Uhr weitergearbeitet. Woraus bestand nun mein Alltag? Ich habe viele Aufnahmegespräche und körperliche Untersuchungen durchgeführt, kleinere Verletzungen versorgt oder Intensivpatienten mitüberwacht. Ich muss sagen, dass ich wirklich sehr viel in der Zeit lernen konnte. Die tagtäglichen Patientenspräche bringen wirklich Routine und somit Sicherheit mit ins Spiel, besonders im allgemeinmedizinischen Bereich – nie zuvor habe ich z. B. so viele EKGs angelegt und ausgewertet. Außerdem lernt man, mit wenig Ressourcen viel zu erreichen. Ein Ultraschallgerät habe ich in meiner gesamten Zeit dort nicht einmal benutzt und ein einziger CT war das fortschrittlichste, was das Uniklinikum der gesamten Region bieten konnte. Darüber hinaus war es auch echt interessant, mit Krankheitsbildern konfrontiert zu werden, die man so in Deutschland kaum sehen würde. Besonders eindrücklich waren dabei Macheten- und Stichverletzungen, sowie Schusswunden, die ich mitbehandelt habe. Aufgrund des hohen Anteils ländlicher Bevölkerungsgruppen mit eingeschränktem Zugang zu medizinischer Versorgung erreichen unbehandelte Krankheitsbilder teilweise auch Stadien, die man sich im europäischen Raum kaum vorstellen kann. Eine Behandlung ist dann oft nicht mehr möglich oder wirksam. In der Notaufnahme gehörten psychiatrische Fälle ebenfalls zum Alltag – Selbstmordversuche, Schizophrenien, Rauschmittelintoxikationen. Einer der leitenden Psychiater erklärte mir, dass die Region Armenias (El Quindío) eine der höchsten Selbstmordraten überhaupt verzeichnet. Das sind Momente, in denen man deutlich spürt, dass Kolumbien, wenn es sich auch schon weit entwickelt hat, noch weit von der Aufarbeitung seiner Geschichte entfernt ist.
Mit der Sprache hat es eigentlich ganz gut funktioniert, wenn es auch anfänglich einige Ausdrücke gab, die ich gar nicht kannte. Natürlich trifft man immer ein paar Leute, die enorm schnell sprechen, aber im Großen und Ganzen hatte ich keine Schwierigkeiten.

Land und Leute

Die Wochenenden während der Famulatur habe ich genutzt, um die Kaffee-Region um Armenia herum zu erkunden. Armenia selbst ist relativ unspektakulär, mit dem Bus kommt man aber für kleines Geld in umliegende Dörfchen, wo man sich Kaffee-Fincas und Nationalparks anschauen kann. Es empfiehlt sich hier ein Trip in den Valle Cocora. Im Praktikum habe ich auch noch einige Bekanntschaften geschlossen, die mich in ihre jeweilige Heimat nach Bogota und Cali mitgenommen haben. Diese Offenheit und Bereitschaft, mir das eigene Land zu zeigen, war für mich keineswegs selbstverständlich. Es ist wohl eine der Eigenschaften der Kolumbianer, die ich ganz besonders zu schätzen gelernt habe. Ich habe im Großen und Ganzen nur positive Erfahrungen gemacht und die Menschen als sehr hilfsbereit und gastfreundlich kennengelernt. Schon als ich völlig verloren am Flughafen stand ohne Gepäck oder Übernachtungsmöglichkeit, hat mich einer der Flughafenangestellten zu einem Hostel in Klinikumsnähe gefahren und sich noch während meines ganzen Aufenthaltes bei mir erkundet und mich unterstützt. Wie schon oben beschrieben, war auch meine Gastfamilie mitunter das Beste, was mir passiert ist.
Nach Ende der Famulatur und dem etwas komplizierten Einfordern des Zertifikats bin ich ohne große Umschweife an die im Norden liegende Karibikküste des Landes gereist, um ein bisschen von Hostel zu Hostel zu ziehen und Urlaub zu machen. Dabei fällt schnell auf, dass Kolumbien touristisch schon ziemlich gut erschlossen ist. Einige Tourguides haben mir erzählt, dass das noch einige Jahrzehnte in der Vergangenheit undenkbar gewesen sei und das Land in dieser Hinsicht große Fortschritte habe. Die Menschen blicken mit Bedauern auf die Geschichte ihres Landes zurück und distanzieren sich von Vorurteilen. Sie sind über jede Gelegenheit froh, ein Stück des heutigen modernen Kolumbiens zeigen zu können, das sich auf dem Weg der Besserung findet. Natürlich gibt es auch noch heutige immense Probleme, die Politik ist korrupt und intransparent. In vielen Bereichen des Lebens kein Fortschritt zu verzeichnen, Gelder und Investitionen werden unterschlagen, soziale Aufstiegsmöglichkeiten sind eingeschränkt. Doch die Menschen sind sich dessen bewusst und gewillt, sich einzusetzen. So gab es nach längeren Forderungen kurz nach meiner Ankunft ein nationales Antikorruptionsvotum und mein Gastbruder und seine Kommilitonen haben nach meiner Abreise noch wochenlang die Universität boykottiert und gegen die auferlegten Budgetkürzungen demonstriert.

Fazit

Die Entscheidung Deutschland vorübergehend zu verlassen und in die Kultur Kolumbiens einzutauschen war einfach mit eine der Besten überhaupt. Es ist eine so einmalige Chance, das Leben in einem anderen Land auf diese Art und Weise kennenzulernen, besonders als Gast in einer Familie und voll integrierter Austauschfamulant. Man lernt auch enorm viel über sich selbst und entwickelt sich rasant weiter. Ich kann nur jedem ans Herz legen, solche Gelegenheiten nicht auszulassen.

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