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Chile (IFMSA-Chile)

Innere - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Catharina, Tübingen

Motivation

Ich hatte bereits mein Pflegepraktikum im Ausland abgeleistet (Argentinien) und fand diese Erfahrung, in einem anderen Gesundheitssystem zu arbeiten, so eindrücklich, dass ich sie gerne wiederholen wollte. Außerdem ist die Auslandsfamulatur, zumal mit dem DAAD - Fahrkostenzuschuss, eine super Möglichkeit, mit nur geringen Kosten eine fremde Kultur und ein neues Land kennen zu lernen. Ich wollte gerne wieder nach Südamerika, insbesondere Chile hatte es mir angetan, weil ich dort 2013/2014 einige Wochen backpacken war und den Süden sehr faszinierend fand. Außerdem hatte ich mich für Costa Rica und Indonesien beworben, war also nicht unbedingt auf eine Region festgelegt.

Vorbereitung

Da ich schon mehrfach in Südamerika war, habe ich mich nicht sonderlich vorbereitet. Ich hatte schon einen Reiseführer über Chile, den ich aber leider kurz vor der Abreise nicht mehr gefunden habe, genauso wenig wie mein Spanisch - Medizin - Wörterbuch...
Grundsätzlich habe ich einige Erfahrungsberichte gelesen und mich informiert, welche Voraussetzungen ich für Chile erfüllen muss.
An den PreDeparture Trainings der bvmd habe ich bereits mehrfach teilgenommen (z.T. als Ausrichterin) und kann sie nur empfehlen - auch wenn ein Wochenende eine gründliche selbständige Vorbereitung auf den Auslandsaufenthalt natürlich nie ersetzt, sondern nur ergänzt.

Visum

Mit dem deutschen Reisepass habe ich kein Visum benötigt. Ich bin eingereist und bekam ein dreimonatiges Touristenvisum ausgestellt.
Für Argentinien, wo ich im August war, habe ich eine Ausreisebescheinigung benötigt. Also einen Nachweis, dass ich am Ende der drei Monate, die auch hier fürs Touristenvisum gelten, das Land wieder verlassen werde (z.B. ein Flugticket).

Gesundheit

Ich habe vor Abreise meinen Impfpass noch mal durchgeschaut. Für Chile sind die STIKO - Standardimpfungen empfohlen, sowie Hepatitis A, wogegen ich schon geimpft war. Meinen Impfschutz gegen Thyphus und Tollwut habe ich nicht auffrischen lassen, dementsprechend habe ich mich von Straßenhunden und Essen an Imbissbuden fern gehalten.
Zu meiner Reiseapotheke nach Südamerika gehören ein guter Mückenschutz, Sonnencreme, Tannacomp gegen Durchfälle und Ibuprofen. Manchmal nehme ich auch Antibiotika gegen einen möglichen HWI mit, diesmal hatte ich aber nicht vor, viel zu reisen und vor Ort bekommt man Medikamente sehr leicht in der nächsten Apotheke.

Sicherheit

Santiago de Chile ist mit seinen 5,6 Mio Einwohnern und vielen, vielen Touristen natürlich ein Ort, in dem man vermehrt auf Taschendiebe und Trickbetrüger achten muss, insbesondere im Zentrum und an Flughäfen. Ich habe für die Reise die wichtigsten Dokumente in einem Brustbeutel unter der Kleidung mitgeführt und auch unterwegs die Handtasche häufig unter dem Mantel getragen oder zumindest vor dem Körper. Es empfiehlt sich, keine allzu großen Summen dabei zu haben, aber immer ein bisschen. Ich habe mich in Santiago nie gefährdet gefühlt, obwohl mein Krankenhaus (Hospital El Pino) in einem der armen Viertel lag. Hier bin ich nur tagsüber gewesen und bin direkt vom Bus zum Krankenhaus und wieder zurück gelaufen. In der Innenstadt konnte man sich problemlos bewegen und nachts kann man sich überall ein Uber rufen.

Geld

In Chile bezahlt man mit dem chilenischen Peso. Ein Euro entspricht etwa 770 Pesos, die Preise unterscheiden sich nur geringfügig von den deutschen. Da es für viele Ausländer ungewohnt ist, mit 10 000 oder 100 000 Scheinen zu bezahlen, nutzen das einige Personen aus, sodass man sich am besten schon im Vornherein mit der Farbe der Scheine vertraut machen sollte und sein Rückgeld immer sofort zählen sollte. Ich hatte die ApoBank Visa Card und meine Deutsche Bank Karte dabei, hier konnte ich bei den entsprechenden Partnerbanken problemlos Geld abheben. Zusätzlich habe ich mir auch Euros mitgenommen, die ich in der Nähe des Plaza de las Armas gewechselt habe.

Sprache

Die Landessprache in Chile ist Spanisch. Es werden allerdings sehr viele Modismen benutzt und Wörter, die ich in dieser Bedeutung vorher noch nie gehört hatte. Nach einem Monat hatte ich mich allerdings, vor allem mithilfe meiner Gastschwestern, ganz gut in das Chilenische Spanisch eingehört und habe sogar ab und zu selbst mal das obligatorische "-po" ans Ende eines Wortes gehängt.
Ich spreche ziemlich gut Spanisch (B2/C1), sodass ich mich auch ausschließlich auf Spanisch verständigt habe. Das fand ich v.a. im Krankenhaus sehr angenehm, da man so mit den Patienten selbst Anamnese und Untersuchung durch führen konnte. Wie schon geschrieben, war ich in einem der ärmeren Viertel Santiagos, in dem der Großteil der Patienten nach der Grundschulausbildung mit dem Arbeiten begonnen hat und vermutlich kaum ein Patient mir ausführlich auf Englisch hätte antworten können. Mit den Ärzten und Kommilitonen wäre dies wohl kein Problem gewesen, wir haben regelmäßig aufbekommen, englische Artikel zur Vorbereitung auf den nächsten Tag zu lesen.

Verkehrsbindungen

Es gibt Fernbusse und günstige nationale Airlines, um andere Städte zu besuchen. Chile ist über 4000 km lang, sodass sich Flüge für weiter entfernte Gegenden häufig anbieten. Wenn man ein - zwei Wochen vorher einen Flug oder Bus bucht, kann man für unter 100€ hin und zurück fahren. Das gilt allerdings nicht für die großen Feiertage! Am 18. September wird in Chile der Tag der Unabhängigkeit gefeiert und die ganze Woche war für die meisten Schüler frei, wodurch viele Familien in den Urlaub gefahren/geflogen sind und die Preise ordentlich anzogen.
Die Verkehrsmittel würde ich als sehr sicher beschreiben, die größte Gefahr geht am Wochenende von betrunkenen Autofahrern aus, deren Zahl aber zum Glück abnimmt.
In der Stadt habe ich mich mit der Metro und Bussen fortbewegt. Dafür habe ich gleich am ersten Tag die "trajeta BIP" geholt. Eine Einzelstrecke (mit Umsteigen, in eine Richtung) kostet 680-770 CLP, also weniger als einen Euro.

Kommunikation

Ich habe mir eine chilenische SIM-Kart besorgt und konnte damit gut WhatsApp & Co von unterwegs nutzen. Wie genau die Tarifregelung war, habe ich leider bis heute nicht verstanden. Insgesamt habe ich für Karte und Aufladen etwa 10-12€ in diesem Monat bezahlt. Zu Hause und in der Uni hatte ich außerdem WLAN. Für die Kommunikation nach Hause habe ich Whatsapp und Skype-Anrufe genutzt.

Unterkunft

Ich war in einer großartigen Gastfamilie untergebracht. Die älteste Tochter studiert im dritten Jahr Medizin, ihr jüngerer Bruder BWL und die "Kleinste" machte gerade Abi. Die ganze Familie hat mich ganz lieb aufgenommen, abends haben wir immer zusammen zu Abend gegessen bzw. "las once" also die Teezeit. Morgens haben mich die Eltern auf dem Weg zu Arbeit an der Metrostation abgesetzt und einen Familienhund gab es auch. Zum Mittag habe ich mir immer selbst etwas in der Stadt geholt und ab und zu etwas zu Essen nach Hause mitgebracht, aber ansonsten wurde die Verpflegung ganz von der Gastfamilie gestellt. Bettwäsche und Kissen gab es auch.
Das Einzige, was ein bisschen ungünstig war, war, dass ich total im Norden der Stadt gewohnt habe und im Süden ins Krankenhaus musste, also immer etwa 1,5h unterwegs war.

Literatur

Für die Studierenden an meiner Uni in Santiago (Andres Bello) wurde der Harrison (Principles of Internal Medicine) als Grundlage empfohlen. Ich würde niemandem raten, das Buch für eine Famulatur zu kaufen! Aber als Nachschlagewerk in der Bib der Gastuniversität ist es für die Innere bestimmt sehr gut geeignet. Für Reisetipps empfehle ich ganz klar Google und andere Erfahrungsberichte.

Mitzunehmen

Was man auf jeden Fall braucht, ist ein Steckdosen-Adapter. Der lässt sich aber zur Not auch vor Ort kaufen, dann muss man nur den ersten Tag vielleicht irgendwie überbrücken. Wenn man überflüssiges Gepäck sparen will, kann man auch Duschgel und Co zu Hause lassen, die kosten in Chile ungefähr genauso viel oder ein ganz bisschen weniger. Was man aber aus Deutschland mitnehmen sollte, ist Sonnencreme, die ist sonst einfach fast überall auf der Welt teurer.
Wie so häufig habe ich dunkles Brot vermisst, aber damit kann man auch eine Weile leben.

Reise und Ankunft

Ich sollte eigentlich im August mein Auslandspraktikum machen und hatte auch schon meinen Flug für August und September gebucht. Nach Erhalt meiner CA kam dann aber leider die Nachricht, dass sich alles noch mal verschieben wird und nach einem sehr langen hin und her hatte ich dann am Tag meiner Abreise die Bestätigung, dass ich im September in Santiago famulieren kann. Im August bin ich also in Santiago angekommen und nach zwei Tagen weiter nach Argentinien zu Freunden gereist. In der Woche vor Praktikumsbeginn bin ich dann per Bus wieder zurück nach Santiago, wo mich meine Gastschwester am Busbahnhof abgeholt hat.
Am ersten Tag im Krankenhaus wurde ich von einer meiner Contact Persons an der Metro abgeholt und wir sind zusammen im Bus zum Krankenhaus gefahren. Dort wurde ich dann von ihr und meiner zweiten CP dem zuständigen Oberarzt und den anderen Ärzt*innen und Studierenden vorgestellt. Außerdem wurde ich nachmittags der Sekretärin des Wohnheims und dem Hausmeister vorgestellt, wo ich auch meinen Spind und eine ID-Karte bekommen habe.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich habe auf einer allgemeinen Inneren Station gearbeitet. Hier gab es so ziemlich alle Krankheiten, von Lupus über CAPs, Niereninsuffizienzen, Leberzirrhosen bis hin zum multiplen Myelom.
Ich bin morgens immer um kurz nach 8 angekommen, habe meine Sachen in meinen Spind eingeschlossen, die Anwesenheitsliste unterschrieben und bin dann um 8:30 auf Station gegangen. Dort hatte man dann 1-1,5h um seinen Patienten zu untersuchen und die seit dem letzten Tag eingetroffenen Befunde durch zugehen. Ab ca. 10 Uhr wurde dann Visite gemacht. Hierbei hat uns der zuständige Arzt immer unheimlich viel gefragt und wenn wir etwas nicht wussten, sollten wir es bis zum nächsten Tag nachlesen. Er hat uns aber auch viel gezeigt (klinische Zeichen) und erklärt. Zwischendurch wurde man auch immer mal wieder zum EKG-Lesen und CT-Interpretationen aufgefordert. Alles in allem habe ich unheimlich viel von dieser Famulatur mitgenommen, vor allem da ich schon gar nicht mehr so gut auf das Fach vorbereitet war und die Studierenden aus Santiago unheimlich viel klinisches Wissen hatten. Von meinen Kommilitonen habe ich auch Aufschriebe und Skripte zu verschiedenen Themen bekommen, alle waren immer super hilfsbereit.
Nach einem Jahr sehr trockener Theorie an der Uni hat mir diese Famulatur unheimlich viel Spaß gemacht, denn obwohl ich wenig praktisch gemacht habe außer Anamnese und Untersuchung, wurde ich sehr in der Anwendung von klinischem Wissen geschult. Es ging sehr oft um die Anwendung von Algorithmen und Therapie-LL auf den individuellen Patienten und ich fand, dass die Studierenden am Ende der 7 Jahre eine sehr gute Vorbereitung auf den Praxisalltag haben.
In Chile studiert man 7 Jahre: 2 Jahre Vorklinik, 3 Jahre Klinik und 2 Jahre PJ. Auf meiner Station war ich in einer Kleingruppe von 6 Studierenden aus dem 4. Jahr, 3 PJlern, 1 Assistenzarzt und dem Facharzt. Die Aufteilung der 9 Patienten war so, dass immer 1-2 Blockpraktikanten (aus dem vierten Jahr) 1 Patienten betreut haben, jeweils drei Patienten waren einem PJler zugeordnet und für alle 9 Patienten war schließlich der Assistenzarzt zuständig, der dem Facharzt berichtet hat. Bei der Visite wurde immer von unten nach oben abgefragt, also der Student hat seinen Patienten vorgestellt und musste evtl. Rückfragen beantworten. Dann wurden alle Studierenden zu Besonderheiten dieses Krankheitsbildes gefragt und man musste reihum antworten. Wenn die Studierenden aus dem 4. Jahr nicht mehr weiter wussten, wurden PJler gefragt und zuletzt wurden Fragen über die neusten Publikationen zu diesem Krankheitsbild dem Assistenzarzt gestellt.
Um 12:30 Uhr war man dann fertig und die anderen Studierenden sind zu den Nachmittagsvorlesungen gegangen. Hier habe ich ab und zu an den Vorlesungen zur Inneren Medizin teilgenommen.
Jeden Dienstag gab es morgens eine klinische Fallvorstellung für alle Studierenden und PJler.

Ich fand das Praktikum super lehrorientiert ausgerichtet und würde mir diesen Schwerpunkt auf die Ausbildung in der Visite auch in Deutschland mehr wünschen. Viele praktische Fertigkeiten wie Blutabnehmen, EKG legen, usw. werden in Chile von dafür ausgebildetem Personal übernommen, ich hätte aber, wenn ich gewollt hätte, auch hier mal einen Tag beim Blutabnehmen mitmachen können.

Land und Leute

Das Social Program der Lokalvertretungen (jede Uni in Santiago hat ihr eigenes ifmsa - Programm) stand für alle September-Incomings offen. Es gab jede Woche 1-2 Vorträge (Upon Arrival Training), an denen man teilnehmen konnte (Chile 101, chilenisches Gesundheitssystem, kontroverse Themen in der Medizin (Euthanasie & Abtreibung), Immigration, usw.), außerdem gab es etwa einmal in der Woche eine Abendveranstaltung und am Wochenende wurden Ausflüge angeboten, z.B. nach Valparaiso, Viña del Mar, auf einen Gletscher und zum Museo de la Memoria. Da ich 2013/14 schon in Chile und auch Santiago gewesen war, hatte ich vieles schon gesehen und habe daher nicht an allen Ausflügen, die man selbst zahlen musste, teilgenommen. Mit einem anderen Austauschstudenten bin ich über ein Wochenende in die Atacama - Wüste gereist, was ich absolut weiter empfehlen kann! Ich wäre auch gerne noch nach Südchile, also südlich der Chiloe-Insel, gereist, aber für einen ausführlichen Besuch hat meine Zeit nicht gereicht und mein Geldbeutel hat auch irgendwann stopp gesagt.
Von meinen argentinischen Freunden habe ich oft zu hören bekommen, dass die Chilenen viel zu konservativ seien. Das habe ich persönlich nicht so krass erlebt. Natürlich ist Chile im Vergleich zu anderen südamerikanischen Ländern ein sehr wohlhabendes Land und auch ziemlich stolz darauf, aber ich habe zum Glück hauptsächlich nicht Erzkonservative Diktatur-Befürworter getroffen. Der Großteil der Medizinstudierenden war eher liberal geprägt und es gibt viele Organisationen, die sich gegen den Einfluss der Kirche in der Medizin einsetzen, z.B. was sexuelle Aufklärung in Schulen angeht oder das Recht auf Abtreibung. Ich habe die Chilenen als ein sehr, sehr offenherziges Volk kennen gelernt, die sich unheimlich freuen, wenn man als Ausländer spanisch spricht und einem gerne die eigenen Traditionen (vor allem rund um die "fiesta de la independencia") erklären wollen.
Das Land ist politisch und wirtschaftlich stabil, die sozialen Umstände sind allerdings fast überall stark verbesserungswürdig. Vor allem die Schere zwischen Arm und Reich geht stark auseinander und nicht alle Politiker sind bestrebt, diese Schere zu schließen.
Ein eher schwieriges Thema ist die Militärdiktatur unter Pinochet in den 70er Jahren. Hier würde ich empfehlen, eher vorsichtig an das Thema ran zu gehen, da eine gesellschaftliche Aufbereitung nicht statt gefunden hat und viele der damaligen Militärs nie für die Verbrechen der Diktatur zur Rechenschaft gezogen wurden, sondern vielmehr in Teilen der Bevölkerung noch verehrt werden. Das Museo de la Memoria ist für jeden Ausländer, der ein wenig tiefer in das chilenische Selbstgefühl eintauchen will, ein absolutes Muss. Hier werden die Geschichten der Opfer erzählt, die in der Öffentlichkeit teilweise nie thematisiert wurden und auch die Ausgangslage, die zur Machtergreifung Pinochets führte, erläutert.
Mit meiner Gastfamilie, die starke Gegner der Diktatur waren, konnte ich zum Glück sehr offen darüber reden und von meinen Gasteltern erzählt bekommen, wie es war, in der Diktatur zu leben.

Fazit

Meine Erwartungen wurden auf jeden Fall erfüllt. Ich bin bei Auslandsaufenthalten immer dabei und hoffe, dass ich auch noch ein bvmd-Praktikum noch irgendwie in meinen Studienablauf quetschen kann. Prinzipiell könnte ich mir auch gut vorstellen, in Chile zu arbeiten auch wenn die Schere zwischen Arm und Reich/ ausgebildet vs. nicht-ausgebildet ziemlich auseinander klafft.
#alwayskeepexchanging

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