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Verschiedene - SCOPH (Public-Health Austausch)
von Miriam, Göttingen

Motivation

Ich wollte gerne eine Famulatur in dem Land machen, in dem ich auch schon mein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert hatte: Indien. Genauer gesagt wollte ich genau in die Region, deren Sprache ich ein wenig sprechen kann. Über ein PJ und Famulaturrankings, habe ich dann von einem Krankenhaus in Tamil Nadu erfahren, was genau meinen Ortvorstellungen entsprach und sich zudem sehr interessant anhörte. Die Bewerbung für ein dortiges Praktikum lief dann über den bvmd unter der Rubrik Public Health Austausch.
Ich wollte mit diesem Praktikum das indische Gesundheitssystem ein wenig kennenlernen und erfahren, wie dort die medizinische Versorgung im ländlichen Bereich funktioniert.

Vorbereitung

Die Bewerbung lief ein wenig holprig, da ich mich ohne zu wissen, dass der bvmd dieses Projekt auch hat, direkt bei einer deutschen Partenerorganisation des Krankenhauses gemeldet hatte und irgendwann dann auch direkt beim Projekt. Allerdings habe ich lange keinerlei Antwort bekommen, sodass ich dann nach 4 Monaten zufällig beim bvmd gesehen habe, dass dieses Projekt ebenfalls als Public Health Austausch angeboten wurde und im September sogar noch ein Restplatz frei war. Die Bewerbung auf den Restplatz lief dann weitestgehend unkompliziert und schließlich hatte ich nach 5 monatiger Bemühung meinen Platz. Sobald ich den hatte, hat mich auch direkt der organisierende Arzt des Krankenhauses, Ravi, per Mail angeschrieben.
Zur Vorbereitung habe ich mir dann erstmal entsprechende Kleidung zugelegt. Das ist auf dem Land in Indien auch echt wichtig. Nicht nur, dass man im Krankenhaus entsprechend gewandet ist, sondern auch in seiner Freizeit, denn dort sehen einen die Menschen genauso gut. So frei wir hier in Deutschland auch sind, in Indien sollte man als Frau auf dem Land (Metropolen sind wieder eine ganz andere Welt) auf jeden Fall eine lange, möglichst auch weite Hose anziehen. Die Oberteile sollten entsprechend auch die Schultern bedecken und wenn möglich recht lang sein. Auch sind ein paar Tücher nicht verkehrt, welche man sich traditionell vor die Brust legt. Da ich schon in Indien war, habe ich also meine alten Chudidar /Salvar Kameze (bestehend aus Hose, dazu passendem Oberteil und Schal/Tuch) wieder hervorgekramt beziehungsweise ähnliche Dreiteiler zusammengestellt. Vielleicht kann man sich zu der Kleidung ein paar Bilder im Internet ansehen, damit man einen Eindruck erhält.
Da in dem Bundesstaat des Projekts Tamil gesprochen wird, habe ich versucht, mein Tamil ein wenig auf Vordermann zu bringen. Das geht nicht viel über Hallo, Wie geht‘s? und Tschüss hinaus, aber auch die kleinen Wörter freuen die Leute schon sehr und ich würde es jedem empfehlen, sich ein paar Wörter vorzunehmen und dann dort oder schon im Vorfeld zu lernen.
Viel mehr habe ich mich dann auch nicht vorbereitet, außer mir aktiv in Erinnerung geholt, dass die überwiegende Mehrheit der zumeist negativen Nachrichten in unseren Medien über Indien, nicht den Alltag der Menschen im Land widerspiegeln und man sich auch nicht von Verwandten und Bekannten mit weiteren Nachrichten einschüchtern lassen sollte.
Letzten Endes ist es immer wichtig zu wissen, dass man als offensichtlicher Ausländer im ländlichen Indien meist positiv diskriminiert wird und einem keine große Gefahr droht, wenn man sich an gewisse Regeln hält.

Visum

Für die Reise nach Indien benötigt man ein Visum. Will man es ganz offiziell machen, dann bräuchte man eigentlich ein spezielles Praktikumsvisum, was sehr schwer zu bekommen ist und wovon auch die indischen Ärzte von THI abraten. Sie empfehlen dagegen ein einfaches Touristen-Visum, welches recht leicht zu beantragen und zu bekommen ist. Man sollte das Visum maximal 2 Monate vor Reisebeginn beantragen und dann auch berücksichtigen, dass es sofort ab Ausstellungsdatum gültig ist. Also lieber einen großzügigen Zeitraum für die Gültigkeitsdauer des Visums beantragen, als nur ein oder 2 Monate. Dann ist man auf der sicheren Seite, wobei man wahrscheinlich eh immer ein Halbjahresvisum bekommt. Ich hatte das Touristenvisum mit „Single-Entry“ gewählt, welches wohl das unkomplizierteste ist.

Gesundheit

Um nach Indien zu reisen, muss man keine speziellen Impfungen vorweisen können. Allerdings gibt es ein paar, die ich für sinnvoll erachte. So habe ich auf einen Tollwutimpfschutz (braucht eine längere Planung, da es drei Impfungen in jeweils gewissen Abständen sind) geachtet, als auch darauf, dass mein Impfschutz gegen Polio, Typhus und Hepatitis A aktuell ist. Ich hatte von einer anderen Auslandsreise mit Famulatur bereits eine Impfung gegen Meningokokken A,C,W,Y, damit ich kein Überträger bin, gerade auch im kinderärztlichen Bereich. Ob ich es für Indien allein gemacht hätte, weiß ich nicht.
Meine Reiseapotheke wird zugegebenermaßen immer größer, je länger ich Medizin studiere, allerdings beschränke ich mich weiterhin gerne auf ein paar Basics. Dazu gehören bei mir eine antibakterielle Salbe, wie zum Beispiel Betaisadonna, Nasenspray, Halsschmerztabletten und Schmerztabletten und eventuell noch ein Hautdesinfektionsspray. Pflaster dürfen natürlich nicht fehlen und eine Mullbinde ist auch nie verkehrt. Aber alles Weitere überlasse ich dann der medizinischen Versorgung vor Ort. Letztendlich ist man beim Praktikum ja eh an der Quelle und gerade in dem Projekt THI ist man im Fall der Fälle sehr gut versorgt.

Sicherheit

Generell aus meinen eigenen Erfahrungen, Berichten von Freunden und vor allem Aussagen von Inder/innen selber, ist der Süden des Landes sicherer als der Norden, besonders für Frauen. Man bekommt, wie oben bereits erwähnt, sehr viele negative Nachrichten über Indien zu hören und laut einer Liste ist Indien auch auf Platz eins der unsichersten Länder der Welt für Frauen. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass man als Europäer in den meisten Fällen als weißhäutige Person in dieses Land reist und man dadurch eh immer offensichtlich Ausländer ist und zumeist positiv diskriminiert wird. Obige Statistiken beziehen sich aber auf die landeseigene Bevölkerung. Vor diesem Hintergrund muss man diverse Statistiken für sich selbst ein wenig relativieren, zumal man auch keine solcher Bedenken hegt, wenn man in die USA fliegt, die in der Gefährlichkeitsliste für Frauen allerdings auf Platz 10 steht...
Am Tag habe ich mir beim Reisen keinerlei Gedanken gemacht. Ich musste mich allerdings erst einmal wieder daran gewöhnen, dass ich um einiges mehr auffalle und Blicke auf mich ziehe, trotz traditionell indischer Kleidung. Aber selbst in nächtliches Reisen halte ich je nach Typ für unproblematisch. Bleibt man auf großen Reiserouten und will nicht nachts ins kleinste Dorf, kann man darauf vertrauen, dass regelmäßig Busse fahren und mindestens zwei, drei weitere Leute mitreisen und man dementsprechend auch an Bushaltestellen an großen Highways im Nirgendwo nicht alleine steht. So bin ich nachts um 2 vom bangalorer Flughafen mit einem Linienbus erst zur nächstgrößeren Bushaltestelle gefahren, um von dort einen Bus Richtung Tamil Nadu zu nehmen. Wann da einer kommen wird, wusste ich nicht, aber ich habe darauf vertraut, dass das nicht länger als 30-40 Minuten sein wird. Schließlich ist das Busnetz sehr eng und hochfrequent. Mir hat das nicht viel ausgemacht und ich habe mich auch nicht unsicher gefühlt. Allerdings muss ich dazu sagen, dass ich da auf meine Reiseerfahrungen von vor 5 Jahren aufbaue und mir die Art und Weise zu reisen und Land und Leute ein wenig vertraut sind. Ob ich das so gemacht hätte, wenn ich das Land gar nicht kenne, weiß ich nicht, aber wenn es für andere so kommen sollte, kann ich beruhigen, dass es eigentlich keine Probleme geben sollte.
Einmal abgesehen vom menschlichen Sicherheitsaspekt, ist mir im Laufe des Aufenthalts doch ein Bewusstsein für eine etwas andere Tierwelt gewachsen. Noch vor 5 Jahren, habe ich mir darüber so gut wie keine Gedanken gemacht, allerdings habe ich dieses Mal die Problematik von giftigen Schlangen ein wenig deutlicher vor Augen geführt bekommen. Giftige Exemplare habe ich keine gesehen, aber durchaus ihre Folgen und nachdem wir zwei Schlangen auf dem Krankenhauscampus gesehen haben - sie waren beide jeweils ungiftig - habe ich dann doch lieber regelmäßig vor dem Schlafen gehen noch eine „Snake-Controle“ gemacht. Allerdings waren das auch die einzigen Tiere, die mir ein wenig Sorge bereitet haben. Die dortigen Skorpione tuen im ungünstigsten Fall zwar wohl sehr weh, aber sind ansonsten nicht giftig und etwaige Hunde, die herumstreunen sind meist sehr desinteressiert. Bellen sie doch mal ein wenig aggressiver oder verfolgen einen sogar, hilft es, wenn man sich ein Herz fasst, auf sie zugeht und eventuell einen Stein schmeißt. Letzteres musste ich allerdings nie tun und wenn man nicht gerade im Dunkeln durch das Dorf zur Unterkunft fährt, werden die Hunde auch eh selten aufmerksam.
Vielleicht noch ein Wort zu meiner generellen Beobachtung, sowohl während meines FSJs als auch zum letzten Aufenthalt: Ich habe den Eindruck, dass Inder generell anderen Indern (in anderen Landesregionen) weniger trauen und viel skeptischer, gar besorgt sind, als ich das war. Woran das liegt, vermag ich mir nicht zu erklären und irgendwelche Indizien konnte ich bei weitem nicht finden. Deswegen mein Tipp: Falls ihr reist, Inder kennen lernt und diese euch vor Landsleuten in Gebieten warnen, wo ihr als nächstes hin wollt: Hört euch das an, überlegt, ob es dafür Anhaltspunkte gibt, aber verlasst euch nicht auf diese Aussagen.
Zusammengefasst komme ich also wieder zum Fazit: Ja, in dem Land gibt es durchaus Gefahrenquellen, das sollte aber noch lange kein Grund sein, deswegen beunruhigt zu sein und die Reise nicht anzutreten.

Geld

In Indien zahlt man mit indischen Rupien. Ich habe mir nicht bereits in Deutschland Rupien besorgt, sondern bin noch am Flughafen zu einem der zahlreichen ATMs gegangen und habe mir dort per Kreditkarte Rupien abgehoben. Man zahlt am Flughafen zwar ein paar Gebühren, aber die sind für Euro-Verhältnisse nicht hoch und ich schätze die Umtauschkosten in Deutschland sind größer. Gibt der Automat sehr große Scheine raus, so würde ich direkt zu einer der geöffneten Banken (noch am Flughafen, auch nachts offen) gehen und mir die großen in kleinere Scheine umtauschen lassen. Das ist sehr wichtig, besonders, wenn es ums bezahlen in kleinen Geschäften geht, aber auch im Bus fühlt man sich wohler, 35 Rupien nicht gerade mit einem 500 Rupienschein zahlen zu müssen. Der Bus kann einen 500er zwar meist wechseln, macht das aber nicht unbedingt gerne….
Damit direkt zum nächsten Punkt: Geld außerhalb des Flughafens: Ich wollte noch in Deutschland einen Bus vom Flughafen in Richtung Tamil Nadu buchen, allerdings akzeptieren die meisten Internetplatformen keine ausländischen Kreditkarten, weswegen dieses Vorhaben scheiterte und ich mich wie oben in der Ruprik „Sicherheit“ beschrieben, einfach per öffentlichem Bussystem fortbewegte. Generell geht eigentlich alles über Bargeld. In großen Geschäften in Großstädten mag das vielleicht noch gehen, aber schon in großen Supermärkten, habe ich noch nie die Möglichkeit zur Kreditkartenzahlung gesehen. Wenn man denn etwas einkauft, wird man das wahrscheinlich eh in kleineren Läden tun.
1 Euro sind ungefähr 70-80 Rupien, je nach Kurs. Für ca. 50 Rupien kann man mit öffentlichen Bussen in die nächste 1 ½ bis 2 Stunden entfernte Stadt fahren, oder sich ein üppiges Mittagessen gönnen oder aber teurere Kekse aus der Riesenauswahl des Keksangebots gönnen. Man kommt also mit für uns wenig Geld dank des vorteilhaften Wechselkurses recht weit. Will man allerdings in dem fairen Kleidungsgeschäft „Porgai“ was zur Tribal Health Initiative gehört ein paar Sachen kaufen, wird man schnell 1000 Rupien los.
Da der nächste ATM 20 Minuten mit dem Bus vom Krankenhaus weg ist und auch nicht immer Geld parat hat!, sollte man sich einen Puffer an Bargeld in kleinen! Scheinen (50, 100 Rupienscheine) bereit halten. Wer weiß, ob immer andere ausländische Praktikanten mit einem im Projekt sind, die einem notfalls aushelfen können…

Sprache

Auch wenn Englisch offizielle Amtssprache ist, sprechen das bei weitem nicht alle. Gerade auf dem Land sieht es damit teilweise recht mau aus. Die Ärzte können alle sehr gut englisch und auch alle anderen, die auf einem College (Universitätsequivalent) studiert haben, da alle Studien auf englisch sind. Das darf man aber nicht bei Busfahrern, Verkäufern oder Passanten auf der Straße erwarten. Im Bundesstaat Tamil Nadu, in dem die Tribal Health Initiative liegt, wird Tamil gesprochen. Wie oben erwähnt, freut sich dort jeder, wenn man sich an ein paar Wörtern versucht. Lesen kann man die Schrift übrigens nicht, wenn man sich die Zeichen nicht gerade beigebracht hat, allerdings ist in Tamil Nadu vieles noch in lateinischen Buchstaben geschrieben, wenn man die Straßenschilder betrachtet. Das kann in anderen Bundesstaaten schon ganz anders aussehen…

Verkehrsbindungen

In Indien selbst kann man mit dem Zug, Überlandbussen, Stadtbussen und Rikschas sehr gut reisen. Das Busnetz ist zumindest im Süden sehr dicht und hochfrequent und man kann zwischen öffentlichen Bussen (zwar nicht so bequem, dafür aber häufig und günstig) und Privatbussen (bequemer, etwas teurer und vor allem wesentlich lautere Musik!) wählen. Generell kommt man gut von A nach B ohne im Vorfeld etwas gebucht zu haben.

Kommunikation

Als ich vor 5 Jahren zum ersten Mal in Indien war, bekam ich den Eindruck, dass Indien das Land der Handys schlechthin ist. Die Handydichte war wesentlich höher und vor allem der durchschnittliche Konsum wesentlich hochfrequenter, als noch in Deutschland, was sich mittlerweile aber angeglichen hat. Da in Indien das Festnetz bei weitem nicht so ausgebaut ist, wie in Deutschland, ist es vielleicht verständlich, weswegen die Handydichte und vor allem das Netz so gut ausgebaut ist. Ich habe mir über indische Freunde eine Sim-Karte von Vodafone gekauft, da die recht breit in Indien vertreten sind und das Netz auch recht gut ist. Will man diese Simkarte unter seinem eigenen Namen registrieren lassen, braucht man eventuell zwei Passfotos, habe ich mir sagen lassen. Ob das stimmt, weiß ich allerdings nicht. Es gibt super günstige Angebote, für ausreichend Internet, Minuten und SMS, sodass man nur sehr wenig Geld für seine Kommunikation aufwenden muss.
Im Krankenhaus kann man zudem das dortige WLan nutzen, entweder auf eigenen Endgeräten oder auf einem Laptop vom Krankenhaus.
Je nachdem, wie einem gerade zumute ist, kann man also gut nach Hause kommunizieren oder auch einfach mal eine Auszeit vom seinen sonstigen Kommunikationsalltag nutzen. Ich habe mich überwiegend für letzteres entschieden, was ich auch jedem empfehlen kann. Im Krankenhaus kann man immer mit anderen irgendetwas schönes unternehmen, sodass einem definitiv nicht langweilig wird.

Unterkunft

Das Krankenhaus hat auf dem Campus selbst drei Häuser mit je zwei oder einem Zimmer. Es leben dort Ravi (Arzt) mit seiner Frau Premar (Krankenschwester) und ihren zwei Töchtern und dann noch die jeweiligen aktuellen Junior-Doctors oder andere Ärzte auf Fortbildung. Je nachdem, ob ein Raum/Haus auf dem Campus frei ist und ob noch andere ausländische Praktikanten da sind, wohnt man somit auf dem Krankenhauscampus oder in den „Quaters“ einer Unterkunft, ca. 20 Minuten zu Fuß vom Krankenhaus entfernt. Fahrräder bekommt man gestellt, hin und wieder muss man sich bloß um deren Reparatur kümmern ;)
Die Unterkünfte sind einfach, aber sehr schön (Bettwäsche, Decken: alles da). Sowohl in den Quaters als auch auf dem Campus kann man kochen, allerdings gibt es nur auf dem Campus einen Kühlschrank. Man muss sich aber nicht unbedingt ums Essen kümmern, da morgends, mittags und abends im Krankenhaus für alle Mitarbeiter gekocht wird.
Ich habe mich dort wohl gefühlt. Das Schönste an den Quaters ist, dass man aufsteht, einen Schritt vor die Tür macht und quasi mitten in der Natur steht. Man sieht und hört unglaublich viele Vögel und sieht auch sonst recht viele weitere Tiere. Ich habe es bevorzugt, dort zu wohnen, auch als auf dem Campus ein Zimmer frei wurde, weil ich so jeden Morgen einen wunderschönen Weg über die Felder zum Krankenhaus hatte und einfach mehr gesehen habe, als wenn ich 24/7 auf dem Campus geblieben wäre.
Für alle, die indische Toiletten nicht mögen: Im Krankenhaus als auch in den "Quaters" findet man westliche Toiletten.

Literatur

Ich habe nicht groß Internetseiten gelesen oder Bücher gewälzt. Schließlich muss jeder selber seine Erfahrungen sammeln, die nicht unbedingt dem Buchwissen entsprechen. Vor 6 Jahren habe ich allerdings „Reise nach Indien - Kulturkompass fürs Handgepäck“ gelesen und fand das soweit auch ganz gut, wenn ich mich jetzt recht erinnere. Kauderwelsch - Tamil kann ich auch noch empfehlen, da steht auch ein wenig über Tamil Nadu drinnen.

Mitzunehmen

Generell: So wenig wie möglich, so viel wie nötig. Grundsätzlich muss man in Südindien nicht mit kalten Temperaturen rechnen. So habe ich auch nur einen einzigen Pulli und eine dünne Regenjacke mitgenommen, welche ich allerdings außer fürs Flugzeug, zwecks verzweifelter Warmhaltungsversuche, nicht wirklich gebraucht habe. Eine Jeans habe ich dieses Mal nicht eingepackt, sondern nur die weiten Hosen, die ich passend zu den längeren Oberteilen und Tüchern angezogen habe. Turnschuhe habe ich auf gut Glück mal eingepackt und tatsächlich bin ich auch einige Male joggen gewesen. Fürs Joggen hatte ich dann aber auch trotz der warmen Temperaturen eine lange Hose und ein weites T-shirt mit. Als Alltagsschuh empfiehlt sich eine Sandale oder Flipflop, generell ein Schuh, aus dem man schnell rein und raus schlüpfen kann, da man beim Betreten eines Hauses die Schuhe immer auszieht, auch meist im Krankenhaus! Dementsprechend reichen zwei Sockenpaare eigentlich völlig aus. Man kann schließlich fast immer irgendwo Waschpulver kaufen und notfalls waschen. Die Wäsche trocknet dort bei den zumeist warmen Temperaturen eh sehr schnell.
An Krimskrams würde ich noch ein Taschenmesser empfehlen (ist bei keiner Reise verkehrt), eins, zwei gute Bücher (Romane), etwas Schreibzeug und was man sonst nicht entbehren möchte. Wer gerne medizinisches Wissen mitnehmen möchte, dem würde ich die Amboss-App empfehlen. In einem der Unterkunftshäuser fand sich auch ein Herold von 2011 und ein Harrison. Ich würde, wenn man sich nicht sicher ist, dass man wirklich in die Bücher reinschaut, von weiteren Medizinbüchern abraten. Sonst schleppt man nur umsonst Gewicht.

Reise und Ankunft

Ravi (Arzt) hatte mich schon einiges im Voraus per Mail kontaktiert und mir Hilfe bei Buchungen von Zügen oder Bussen angeboten. Da ich, bevor ich ins Krankenhaus bin, noch Freunde besucht hatte, verblieben wird dabei, dass ich mich einfach melden würde, wenn ich genauer wüsste, wann genau und wie ich zum Krankenhaus kommen würde. Dafür hatte ich Ravis Handynummer und sobald ich eine indische Nummer hatte, habe ich mich kurz gemeldet, damit wir uns gegenseitig erreichen könnten, falls etwas sein sollte.
Ganz unkompliziert habe ich Ravi dann am Reisetag geschrieben, wann ich in der nächstgrößeren Stadt war von wo ich einen Bus ins Dorf des Krankenhauses nehmen wollte. Er hat mir die Verbindungen genannt, mir gesagt, wo ich ausssteigen sollte, wenn ich nicht den Direktbus bekommen würde und wo und von wem ich dann abgeholt werden würde. Das hat trotz Straßensperrungen wegen hohen politischen Besuchs auf der Strecke recht gut geklappt.
Ich bin auch an dem Tag angereist, an dem ich offiziell mein Praktikum beginnen sollte. Aber wenn man ein paar Tage früher kommen mag, kann man das auch ganz gut regeln. Die sind da recht unkompliziert, da sie wegen der vielen Betten in den „Quaters“ eigentlich kein Unterkunftsproblem haben.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich kam an einem Sonntag an, also am einzigen Tag der Woche, an dem nur Notfallpatienten ins Krankenhaus kommen und sonst neben der Visite die Ärzte frei haben. So konnten mir die zwei anderen Medizinstudenten, die aus Deutschland und Österreich kamen, in Ruhe schon einmal einiges zum Ablauf erklären und mir die Räumlichkeiten zeigen. Der öffentliche Bereich des Krankenhauses besteht aus einem Bungalow für die Konsultation der ambulanten Patienten (OP = Out Patient genannt), einem großen Raum, der Krankenstation mit 12 Betten und zwei Intensivbetten („Medical Ward“ / „Ward“), einem großen und kleinen Operationsraum samt Vorräumen („OT = Operating Theater“), einem „chirurgical ward“ (chirurgische Krankenstation) für die Operierten, einer Geburtsstation mit „Kreissaal“ und diversen Untersuchungsräumen zum Beispiel dem Gastroskopie/Sonographie-Raum und dem Röntgenraum. Zudem gibt es noch eine Apotheke und Verwaltungsräume. Im nicht öffentlichen Bereich befinden sich dann die Wohnhäuser für die Ärzte, Krankenschwestern, Schülerinnen und zudem eine „Mess“ also der Essensbereich für die Mitarbeiter, wo jeden Tag morgens, mittags, abends sehr lecker gekocht wird.
Die Woche ist klar strukturiert: montags, donnerstags und samstags ist „OP-Day“ das bedeutet, dass der Fokus auf den ambulant kommenden Patienten liegt. Es kommen nicht selten 200-250 Patienten an so einem Tag, und je nach Anzahl der anwesenden Ärzte und Fälle, kann das sehr zäh werden. Dienstags und freitags wurden elektive OPs durchgeführt. An diesen Tagen war der ambulante Bereich eigentlich nicht geöffnet, aber kamen doch Patienten, wurden sie natürlich behandelt. Schließlich kamen sie teilweise von abgelegenen Dörfern und man will ihnen den Weg nicht unbedingt zweimal zumuten, allerdings mussten sie eventuelle mehr zahlen, wenn es kein Notfall war. Eine allgemein verpflichtende Krankenversicherung gibt es nicht und ich habe auch auf Nachfrage nicht wirklich herausfinden können, ob es denn private Krankenversicherungen gibt…Dementsprechend müssen alle Medikamente, Behandlungen und Operationen selber direkt bezahlt werden. Mittwochs fuhr immer mindestens ein Arzt und einige Krankenschwestern in ein etwas entfernter gelegenes Bergdorf, um den Menschen dort in der Region den Weg zum Arzt zu erleichtern. Hier kamen durchschnittlich 50-80 Patienten vorbei und natürlich kamen besonders viele, wenn nur ein Arzt da war ;) Im Sittilingier Krankenhaus selbst fanden dann wie an Sonntagen auch eigentlich nur Visiten statt, abgesehen von Patienten, die doch hin und wieder mal trotz geschlossener Ambulanz auftauchten.
Unabhängig davon war die Geburtsstation immer besetzt und je nachdem ob und wie viele Schwangere gerade da waren, gab es mehr oder weniger zu tun.

Mein typischer Arbeitstag begann immer erst einmal mit dem leckeren Frühstück. Meist mit einem oder zwei Ärzten oder meinen Mitpraktikanten zusammen, es kam aber auch vor, dass ich recht spät dran war und die anderen schon weg waren. Denn um 8:30 Uhr gab es immer eine 10 minütige Meditation im „Konferenzraum“, zu der jeder eingeladen war, aber kein Zwang bestand und da ich auch mal gerne von meiner Unterkunft durch die Felder lief anstatt zu radeln, bevorzugte ich an diesen Tagen dann lieber noch gemütlich zu frühstücken als meinen länger dauernden Spaziergang gegen die Meditation einzutauschen...Nichtsdestotrotz bedeuten diese 10 Minuten für die ganzen Mitarbeiter eine gemeinsame Zeit am Tag, an der sich die Mehrheit sieht, was an sich eine sehr schöne Sache ist.
Gegen 9:00 Uhr begannen dann die „Rounds“ also die Visiten im Medical und dem Chirurgical Ward. Dort bin ich meistens mitgegangen und wir haben über den Verlauf und das weitere Verfahren der Patientenbehandlung diskutiert. Dabei wurden wir Praktikanten meist mit eingebunden und wie den Assistenzärzten auch, erklärte Ravi (der als Facharzt für Innere und Chirurgie meist mit dabei war) sehr viel oder man konnte zumindest viele Fragen stellen und erhielt auch Antwort. Ebenfalls um 9:00 Uhr begann dann auch der „OP“, also die Ambulanz und nach der Visite gesellte ich mich meist zu Ravi, saß schräg hinter ihm und durfte alle Untersuchungen mitmachen oder schon einmal vorneweg durchführen. Wieso vorneweg? Vielleicht ist es ganz sinnvoll hier kurz die Räumlichkeiten näher zu beschreiben:
Noch vor dem Ambulanzhaus befindet sich die Anmeldung. Jeder Patient bringt seine eigene Patientenkarte mit. Die ist entweder gelb oder weiß, je nachdem ob der Patient zu den Tribals (also den „Urvölkern“ der Gegend gehört oder aus den umliegenden Dörfern kommt. Das hat kostentechnische Relevanz, denn die Tribals bekommen aus gegebenem Anlass finanzielle Begünstigungen, schließlich heißt das Krankenhaus ja nicht umsonst Tribal Health Hospital.
Bevor ein Patient einen Arzt sieht, wird bei ihm von den Schwestern der Blutdruck gemessen und auf der Patientenkarte notiert. Dann gibt er seine Karte ab und sie landet bei einem Arzt auf dem Tisch beziehungsweise zu unterst des bereits bestehenden Patientenkartenstapels. Die Patienten warten dann vor dem Gebäude und werden, wenn ihre Behandlung in naher Zeit absehbar ist, zum Warten in den Vorraum oder Innenhof von den Schwestern gebeten. Mit stabilen Bast-Trennwänden und Vorhängen als Türen, sind im Innenbereich des Hauses zwei „Anamneseräume“ abgetrennt, in denen jeweils ein kleiner Tisch (vielleicht 1x0,7m) steht, zwei Holzstühle und zwei Holzhocker. Auf den Stühlen sitzen sich zwei Ärzte am Tisch gegenüber und am Tischkopf können dann zwei Patienten gleichzeitig auf den klugerweise festgebundenen Hockern Platz nehmen. Das bietet von vornherein nicht die Privatsphäre, wie wir sie aus Deutschland gewohnt sind und ich habe mir sagen lassen, dass das auch nicht in den städtischen Krankenhäusern in Indien so läuft, aber hier war es eben aufgrund des Platzmangels so eingerichtet und soweit ich das mitbekommen habe, führte das nicht zu Problemen. Für die Ärzte war das teilweise sogar sehr praktisch, weil man direkt seinen Kollegen gegenüber um Rat fragen konnte. Aus meiner Sicht war das für die Assistenzärzte ganz besonders von Vorteil.
Musste ein Patient dann untersucht werden, gab es mit Vorhängen abgetrennt noch zwei Liegen. Und genau hier konnte ich meist schon voruntersuchen, während Ravi noch Sachen auf die Partientenkarte schrieb oder schon einmal den nächsten Patienten dran nahm.

Wie man vielleicht heraushören kann, ist das alles relativ klein und der von vornherein enge Raum wird meist mit den begleitenden Angehörigen und bereitstehenden Krankenschwestern und Schülerinnen fast vollständig ausgefüllt. Ein Glück, dass das sehr warme Klima eine sehr luftige Bauweise der ganzen Räume zulässt und stets frische Luft in das ganze Chaos kommt. Im Nachhinein bin ich erstaunt, dass mir diese ganze geballte Menschenmenge nur ein oder zwei Mal zu viel wurde und ich mit der nächstbesten Gelegenheit die Flucht in andere Räume suchte. So eine Gelegenheit war zum Beispiel gegeben, wenn gegen Nachmittag die ganzen gastroskopischen Untersuchungen anstanden. Dann ging es einmal quer über den Hof in einen zwar ebenfalls sehr engen Raum, aber immerhin waren dort dann nur Ravi, eventuell eine weitere Ärztin, die das Endoskopieren gerade lernte, eine Krankenschwester, der Patient und ich. Also wesentlich überschaubarer und vor allem ruhiger. Die Magenspiegelung an sich war wie ich sie aus Deutschland kannte. Allerdings gab es kleine Unterschiede im Setting. Sie fand hier ohne Sedierung (also dass der Patient schläft) statt, sodass der Untersucher mit ein wenig mehr Würgen und Spucken als in Deutschland umgehen können muss und auch die anschließende Desinfektion des Gastroskops war...sehr viel kürzer (ca. 5 Minuten), allerdings wurden die Patienten vorher auf Hepatitis B (HBV) getestet, um die Infektionsgefahr nachfolgender Patienten zu verringern. Mit einem einzigen Gastroskop aber gleichzeitig vielen Patienten muss man eben gewisse Einschnitte in Kauf nehmen.
Vom Ultraschallgerät war ich hellauf begeistert. So ein mordernes und leistungsfähiges Teil hatte ich bisher noch nicht gesehen! Doof, nur, dass nur ein Arzt im Krankenhaus die Ultraschalluntersuchung durchgeführt hat. Das lag daran, dass das Sonographieren in Indien nicht zur Grundausbildung eines Arztes dazugehört und so die Studenten nicht wie wir die Basics im Schallen beigebracht bekommen. Dementsprechend gibt es wenige Ärzte, die sich für teure Kurse im Sonographieren fortbilden lassen, wenn sie es nicht zwangsläufig brauchen.
Da ich gerade bei den Unterschieden bin, komme ich jetzt einmal zu den Operationen. Mein größtes „Aha“-Erlebnis ist hier wahrscheinlich gewesen: Es geht wesentlich mehr in Spinalanästhesie, als wir das in Deutschland so zu sehen bekommen. Ob es nun eine offene Blinddarm-OP war, ein Leistenbruch operiert wurde oder auch eine Laparoskopie durchgeführt wurde: die Spinalanästhesie reichte dazu völlig aus, der Patient war völlig schmerzfrei und hat meist sogar auch nichts weiteres an Medikamenten bekommen und ist einfach während der OP entspannt eingeschlafen. Die Anästhesie wurde nicht wie bei uns immer von einem Facharzt überwacht, sondern meist „nur“ von den entsprechend geschulten OP-Schwestern. Das hat immer gut funktioniert und nur wenn mal doch wie für eine Schilddrüsenentfernung eine Intubationsnarkose eingeleitet wurde, war der Anästhesist des Krankenhauses zur Stelle.
Ich durfte generell immer bei allem zugucken und mich auch häufig mit einwaschen und Haken halten oder auch selber nähen. Das hat mir super viel Spaß gemacht und ich konnte viel dabei lernen, besonders, weil das OP-Spektrum unglaublich groß war. So habe ich von einer Phimosne-OP über eine Blinddarm-OP, offener Nierensteinentfernung (der Stein stellte sich beim interventionellen Verfahren als leider viel zu groß heraus), Gebärmutterentfernung, Kaiserschnitt bis hin zur Schilddrüsenentfernung ziemlich viel sehen können. An einem Tag kamen sogar Wirbelsäulenspezialisten aus Mumbai und haben 4 Operationen durchgeführt. Da hat man dann doch die Unterschiede zwischen Großstadtversorgung und Landkrankenhaus gerade die Anästhesie betreffend sehr stark gemerkt.
Bei meinem ganzen Praktizieren und Zugucken klappte die Kommunikation mit den Ärzten sehr gut, da sie alle sehr gut englisch sprachen, schließlich studiert man in Indien, egal welches Fach, in englischer Sprache. Das ist letztendlich die Sprache, auf die man sich in diesem riesigen Land mit seiner enormen Sprachenvielfalt geeinigt hat und die mir sehr zugute kam ;)
Mit den Krankenschwestern war das dann schon wesentlich schwieriger, geschweige denn mit den Patienten. Das Krankenhaus befindet sich in einer recht abgelegenen Gegend, in der englisch wenn überhaupt in der Schule gelehrt und genutzt wird und ansonsten nicht angewandt wird. Dementsprechend sprechen viele dort nur Tamil. Da ich ein paar Wörter dieser Sprache spreche, konnte ich mich manchmal ein wenig besser verständigen, aber einen großen Unterschied zur „Hand und Fußkommunikation“ hat das nicht gemacht, schließlich war mir gerade auch medizinisches Vokabular weniger geläufig. Aber auch letzteres hat irgendwo ausgereicht, auch wenn es natürlich immer schöner ist, mit allen vernünftig kommunizieren zu können.
Die Atmosphäre des gesamten Krankenhauses hat mir sehr gut gefallen. Ich habe mich gut mit den Schwestern verstanden, den Ärzten, den Mitpraktikanten und weiteren Mitarbeitern. Eigentlich hat es sich sogar wie eine kleine Familie angefühlt und ich hatte das Gefühl, dass allen an Gelingen und einer guten Behandlung der Patienten gelegen war. Dafür sprechen finde ich auch die jährlichen Seminartage, die das gesamte Personal an einem anderen Ort zusammen durchführt, um über ihre Gefühle, Träume und Zufriedenheit mit ihrer Arbeit zu sprechen und diese zu reflektieren.
Dieses Krankenhaus beziehungsweise die gesamte Tribal Health Initiative, die aus noch ein paar mehr Institutionen besteht, hat mich sehr überzeugt und ich war mit meinen Tätigkeiten in der Ambulanz und dem Operationssaal sehr zufrieden. Auch wenn es manchmal recht lang war bei all den Anamnesegesprächen zuzuhören und dann auf den passenden Moment zu warten, um um eine kurze Übersetzung des Ganzen zu bitten, habe ich extrem viel gesehen (auch im gynäkologischen und geburtshilflichen Bereich, was ich jetzt gar nicht erwähnt habe) und konnte immer wieder zwischendurch selber bei Untersuchungen tätig werden.

Land und Leute

Obwohl das Krankenhaus in einem recht abgeschiedenen Tal liegt, von dem man nicht eben mal so in eine große Stadt fahren kannt, um vielleicht manch schöne Sehenswürdigkeit zu besuchen, wurde einem in der Freizeit definitiv nicht langweilig! Die Gegend für sich allein lädt zu Spaziergängen, Fahrradtouren oder größeren Wanderungen ein und man findet auch meist jemanden, der mit einem loszieht.
Zudem gab es ja noch die weiteren Projekte der Tribal Health Organisation. Dazu gehören die Schule Thulir, eine Organic farming Organisation (SOFA), ein Näherei (Porgai) und eine Millet Processing Unit, wo die im Tal gewachsenen Lebensmittel marktfertig verpackt wurden oder direkt zu Keksen, Broten, etc. veredelt wurden. Diese Projekte alle kennenzulernen und gerade auch in der Schule eins, zwei Stunden zu gestalten, hat ebenfalls viel Spaß gemacht. Die Ärzte waren auch nicht so streng, dass man sich nicht dafür hätte frei nehmen können und Ravi organisierte mir sogar, dass sich ein SOFA Mitarbeiter für mich Zeit nahm und mir einmal komplett die ganzen Aktivitäten und Projekte der biologischen Vereinigung zeigte.

Auf diese Art und Weise habe ich die Menschen auf dem Land besser kennengelernt und hatte ein wenig Einblick in ihren Alltag. Allerdings ist mir bewusst, dass das das Leben auf dem Land betrifft. Im Vergleich zu meinen vorherigen Erfahrungen von früheren Aufenthalten (ebenfalls überwiegend vom Landleben), war das Erlebte ähnlich und doch nochmals anders zugleich.
Gleich war die Gastfreundschaft, die einem als offensichtlicher Ausländer auf dem Land entgegengebracht wird. So wurde ich zum Beispiel als ich durch strömenden Regen durchs Dorf lief, zum Verweilen im Trockenen eingeladen und später zum Tee. Ich konnte ein wenig Kauderwelschen und hinterher, ohne dass von mir jetzt irgendetwas erwartet wurde, wieder meiner Wege ziehen. Ich glaube kaum, dass mir das als Mensch mit indischem Aussehen widerfahren wäre, denn dann wäre mein „fremd sein“ nicht offensichtlich gewesen.
Noch bevor ich ins Krankenhaus gereist bin und alleine in die Berge unterwegs war, durfte ich wieder erleben, wie viel Interesse man in Regionen hervorruft, die gut erkenntliche Ausländer nicht gewohnt sind. So fuhr ich zwei Stunden mit einem Bus und als ich ausstieg kamen zwei Minuten später dann die Busfahrer zu mir und haben mich doch bei ihrer letzten Gelegenheit gefragt, was ich denn machen würde, wohin ich unterwegs sei und woher ich käme. Diese ehrliche freundliche Neugierde habe ich auch bei diesem Besuch häufig erleben dürfen.
Ganz anders dagegen die Erfahrungen in Bangalore. Zum ersten Mal war ich wirklich für ein paar Tage in der Großstadt unterwegs und habe mir von indischen Freunden so einiges zeigen lassen. Zum einen ist eine Großstadt zum Landleben schon recht kontrastreich, viel viel mehr, als ich es in Deutschland erlebe (zum Beispiel das Wohnen an sich, Essensangebot in den Supermärkten beziehungsweise deren bloßen Existenz,etc) aber zum anderen ist die Stadt in sich nochmals ein einziges Kontrastprogramm je nachdem, an welchem Ort man sich gerade befindet.
Zum Beispiel sieht man noch viele „typisch“ indisch gekleidete Leute (auf dem Land tragen eigentlich fast alle „typisch“ indische Kleidung), aber auch sehr sehr viele „westlich“ gekleidete Menschen. So wurde ich auch völlig von den Socken gerissen, als ich in Bangalore in die seit wenigen Jahren existierende Metro stieg. Sobald man in dem Metro-Bereich ist, ist man in einer anderen Welt. Alles glänzte und war blitzeblank geputzt, es war sehr angenehm ruhig und vor allem klimatisiert. Aber so richtig traf es mich dann in der Bahn selber. Ich, gekleidet in „typisch“ indischer Kleidung (Chudidar/ Salvar kamez), fand mich plötzlich im Frauenabteil wieder, wo eigentlich jede der Anwesenden ein Smartphone parat hatte, Hose und T-Shirt trug und nichts mehr an das Indien erinnerte, wie ich es bisher kennengelernt hatte und vor allem, in dem ich bis vor ein paar Tagen noch gelebt hatte. Als Weiße fiel ich plötzlich nicht mehr so auf, sondern gehörte jetzt zur normalen kleinen Minderheit und auch meine Kommunikation auf Englisch war nichts besonderes mehr, da in den großen Städten Inder aus dem ganzen Land zusammentreffen und sich wesentlich mehr als sonst auf englisch miteinander unterhalten wird.
Wo ich auch war, Land, Stadt, Bus, Bahn, Straße, bei Freunden….es gab immer wieder neue „Normalitäten“ die ich entdecken konnte und die unterschiedlich auf mich einwirkten. Und genau diese Abwechslung und Kontrastierung ist vielleicht eins der bezeichnendsten Dinge, die mir von Land und Leute nach wie vor in Erinnerung bleiben werden.

Fazit

Meine diesjährige Reise zu Freunden und das Praktikum haben mir wieder gezeigt, wie schön es ist, neue oder alte „bekannte“ Länder zu entdecken. Der Public Health Austausch in der Tribal Health Initiative (THI) hat mich nachhaltig geprägt. Ich konnte erleben und lernen, wie gute medizinische Behandlung auch mit wenigen Mitteln möglich ist, dass ein Gesundheitssystem nicht nur die Betreuung der offensichtlich Kranken bedeutet, sondern auch Arbeitsmöglichkeiten für die Menschen vor Ort umfasst, Verkaufs- und Vermarktungsstrukturen des auf dem eigenen Land, im eigenen Haus produzierten mit einschließt und dass natürlich auch eine gute Schule für die Kinder sowie Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten zur gemeinschaftlichen Gesundheit sehr wichtig sind. Projekte mit guten Ideen gibt es viele, ich habe tatsächlich aber noch nie ein Projekt gesehen, dass mich in seiner gesamten Struktur und vor allem der Umsetzung der Ziele so überzeugt hat, wie die THI!
Ich werde wahrscheinlich wieder in ein paar Jahren nach Indien reisen und es wird wahrscheinlich wieder Tamil Nadu werden. Wenn ich es schaffen sollte, Tamil halbwegs vernünftig zu lernen, sodass ich mit den Patienten und Schwestern gut sprechen kann, würde ich gerne für ein paar Monate im Tribal Health Hospital in Sittilingi arbeiten. Allein der Atmosphäre an diesem schönen Fleckchen wegen, aber auch, weil ich wahrscheinlich weiterhin medizinisch sehr viel lernen würde und machen dürfte.
Ich mag die Einfachheit und gleichzeitig die Herausforderungen des Landlebens und kann nur jeden ermutigen, auch solche Erfahrungen in Indien oder anderswo auf der Welt, wo es nicht unbedingt so ähnlich zugeht, wie in Deutschland, zu sammeln. Sie bereichern ungemein und helfen, Medizin und unsere Standards und Erwartungen im Allgemeinen aus anderen Blickwinkeln zu sehen.

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