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Chile (IFMSA-Chile)

Neurologie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Alessia, Freiburg

Motivation

Mich hat der Kontinent Südamerika schon seit langem fasziniert und ich habe in einem SCOPE-Austausch die perfekte Möglichkeit gesehen, eine Famulatur im Ausland zu machen und gleichzeitig ein fremdes Land zu bereisen. Ich wäre gerne nach Chile oder Peru gegangen, Chile wegen der Vielfalt an Landschaften, dem etwas höheren Bildungsniveau und Sicherheitsstandard, Peru wegen der ausgeprägteren Unterschiede zu Europa. Ich hatte keine besonderen Erwartungen, aber hatte viel Positives über Chile gehört bzw. gelesen.

Vorbereitung

Ich war ein Jahr lang im Rahmen des Erasmus-Programms in Spanien, von daher habe ich mich sprachlich gut vorbereitet gefühlt. Ich würde auf jeden Fall empfehlen, Spanisch gut zu können, um möglichst viel im Krankenhaus mitzubekommen. Ich habe mir zusätzlich einen Reiseführer von Lonely Planet gekauft, der sehr informativ und v.a. beim Reisen hilfreich war. Sonst habe ich viele Erfahrungsberichte gelesen und mich so erkundigt, was ich alles brauche und beachten soll.

Visum

Man bekommt bei der Ankunft am Flughafen ohne vorherige Beantragung ein Touristenvisum, das 90 Tage lang gültig ist.

Gesundheit

Ich habe mich von einer Reiseärztin beraten und gegen Hepatitis A und Thyphus impfen lassen. Hepatitis B sollte man auch haben. Tollwut habe ich persönlich nicht gemacht, da es aber viele Straßenhunde gibt, kann man es sich überlegen. Es besteht sonst kein Risiko für Infektionskrankheiten, von daher sind keine spezielle Impfungen erforderlich.
Meine Versicherung war weltweit gültig, deswegen habe ich keine zusätzliche Versicherung abschließen müssen.

Sicherheit

Chile zählt zu den sichersten Ländern Südamerikas. Vor allem in Santiago sollte man aber trotzdem gut aufpassen, Diebstahl von Handys und andere Wertsachen geschehen häufig. Mit etwas Vorsicht und Vernunft lässt sich allerdings alles vermeiden. Am besten sich bei der Gastfamilie informieren, welche die sichere und weniger sichere Viertel sind und wie man nachts am besten nach Hause kommt (Uber ist sehr beliebt, sicher und billiger als ein normales Taxi). Sonst sind allgemeine Sicherheitsmaßnahmen wie mit keinen offensichtlichen Wertgegenstanden auf der Straße rumzulaufen und in überfüllten Orten auf seine Sachen aufzupassen ratsam.
Beim Reisen hatte ich keinerlei Probleme und habe mich überall sicher gefühlt.

Geld

Die Währung ist der Peso Chileno, es werden an touristischen Orten oft auch Dollars akzeptiert. Ich hatte von Zuhause Euros mitgenommen, die ich dann in der Stadt in einer dieser „casas de cambio“ getauscht habe. Man kann sich im Internet informieren, welche die zuverlässigsten sind. Auf Falschgeld sollte man aufpassen.
Man kann oft auch mit Kreditkarte zahlen, aber meistens gegen einen Aufpreis. Ich persönlich hatte immer Bargeld dabei. Man darf max. 200.000 Pesos pro Tag abheben und die Kommissionen dafür sind von Bank zu Bank unterschiedlich (bei lagen sie bei ungefähr 6,5€ pro Geldentnahme).
Die Lebenshaltungskosten sind ähnlich wie in Deutschland, Produkte in Supermärkten sogar teurer. Lebensmittel sind auf dem Markt günstiger zu finden.

Sprache

Die Chilenen haben ihre eigene Art zu sprechen und ihre eigene Vokabeln, man gewöhnt sich aber schnell daran. Englisch ist nicht sehr gängig, von daher würde ich empfehlen, mit mindestens einem B1 Niveau einzureisen.

Verkehrsbindungen

Ich habe mir schon in Februar ein Flugticket besorgt, aber der Preis hat sich in den folgenden Monaten nicht signifikant erhöht. Ich habe insgesamt 1.100 € bezahlt (Hinflug Paris – Santiago mit Airfrance, Rückflug Lima-Amsterdam mit KLM). Wenn man von Santiago aus zurück fliegt, geht es auch billiger.
Im Land selbst sind Busse und Flüge Transportmittel der Wahl. Fernbusse sind sehr billig, bequem und gut ausgestattet für Nachtfahrten (Snacks, Decken und Kissen werden angeboten). Sie sind außerdem sicher und zuverlässig. Flüge können auch sehr billig sein (v.a. die Fluggesellschaft SKY).
In der Stadt selbst muss man sich eine „tarjeta BIP“ holen, um die Verkehrsmittel (Bus und U-Bahn) zu benutzen.

Kommunikation

Ich habe mir eine Sim-Karte besorgt (bei WOM hat man eine umsonst bekommen), die aber oft Verbindungsprobleme hatte. Dies lag vielleicht daran, dass ich dank eines Angebotes das entsprechende Datenvolumen sehr billig bekommen habe. Wenn man einen anderen Tarif bucht und mehr Geld dafür zahlt, sollte es besser funktionieren. Zuhause und im Krankenhaus hatte ich WLAN.

Unterkunft

Ich habe zusammen mit einer anderen Medizinstudentin gewohnt. Die Familie wohnte in einem anderen Haus im gleichen Viertel und wir waren häufig bei ihnen essen. Sie waren alle sehr herzlich und hilfsbereit und haben mich oft einbezogen. Ich durfte mich zudem an allen Lebensmitteln bedienen . Das Haus war leider nicht sehr sauber und vor allem sehr sehr kalt (die einzige Heizung war ein Kerosinofen, den ich wegen des schlechten Geruchs lieber nicht anmachen wollte).
Das Viertel war relativ sicher, obwohl es nicht das wohlhabendste in Santiago ist. Bis zum Krankenhaus habe ich 40 Minuten mit dem Bus gebraucht.

Literatur

Ich habe den Reiseführer von Lonely Planet immer mal wieder durchgelesen, der sehr ausführlich ist und eine Vielzahl an Informationen beeinhaltet Er ist sehr empfehlenswert, vor allem wenn man Südamerika zum ersten Mal bereist.

Mitzunehmen

Kittel, Stethoskop, Hammer und Leuchte, warme Kleidung, Wanderschuhe. Überflüssig war der Schlafsack (ich hatte ihn für die Reise danach mitgenommen, aber sogar bei Exkursionen in den Bergen war er nicht nötig bzw. man konnte sich einen ausleihen).

Reise und Ankunft

Die Anreise verlief ohne Probleme, meine Gastfamilie hat mich beim Flughafen abgeholt. Ich bin etwas 10 Tage vor dem Praktikumsbeginn angekommen und bin noch eine Woche im Süden gereist. Ich habe eine Weile gebraucht, um in Santiago zurechtzukommen. Am Anfang habe ich die Stadt gar nicht gemocht: sie ist riesig groß, verschmutzt, chaotisch und überfüllt mit Leuten und Autos. Irgendwann gewöhnt man sich, aber ich war immer wieder froh in den nahe gelegenen Bergen wandern zu gehen und noch noch mehr als ich nach dem Praktikumsende in ländlichere Regionen gereist bin.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich war in der Neurologie des „Hospital Clinico de la Pontifica Universidad Catolica“, was ein privates Krankenhaus ist. Die Versorgung war deswegen von hoher Qualität. Der Arbeitstag fing um 7:30 Uhr an und ging bis 17 Uhr, manchmal gab es aber um 15-16 Uhr schon nichts mehr zu tun und ich habe immer mal wieder gefragt früher zu gehen. Am Anfang waren die Ärzte unsicher, ob ich das durfte, ich musste die offizielle Erlaubnis von den Chefärzten bekommen. Anscheinend sind sie sehr strikt bzgl. der Arbeitszeit und die Hierarchie ist noch sehr stark, vor allem in der Neurologie.
Um 8 Uhr war die gemeinsame Besprechung von radiologischen Bildern, von 9 bis 9:30 Uhr hat jeder Assistenzarzt 1-2 Patienten zur Untersuchung bekommen und um 10:30 Uhr war die Visite mit dem Chefarzt. Gegen 12:30-13 Uhr war Mittagspause (es gibt unterschiedliche Mensen mit unterschiedlichen Menüs und Preisen), danach war Konsildienst, Abwarten von Labor- und radiologische Untersuchungen, Besprechen mit den Familien, weitere Abklärung der Diagnose…
Der diagnostische Prozess wird sehr sorgfältig durchgeführt, es wird alles genau untersucht und abgeklärt. Zum Teil hatte ich das Gefühl, dass es sogar ein bisschen übertrieben war. Mir wurde oft gesagt, dass das nicht dem Standard in Chile entspricht.
Ich durfte selbst nichts machen, es war aber keine Überraschung. Ich hatte schon gelesen, dass das Praktikum beobachtend ist. Andere Kommilitonen in anderen Abteilungen hatten allerdings mehr Glück, sie durften mehr machen. In der Neurologie waren alle sehr vorsichtig und wollten die Patienten nicht mit Studenten „unnötigerweise“ belasten. Nur einmal hat mich ein Arzt aufgefordert, bei einem Patienten eine Anamnese zu erheben und eine neurologische Untersuchung durchzuführen.
Ich habe aber trotzdem viel gelernt, die Assistenzärzte waren alle sehr nett, haben mir viel gezeigt und erklärt und meine Fragen gerne beantwortet. Die Station, wo ich war, war für mittelschwere Fälle zuständig, die meiner Meinung nach auch die interessantesten waren. Die Stimmung war angenehm und ich habe mich gut aufgenommen gefühlt. Wir haben uns manchmal sogar außerhalb des Krankenhauses getroffen.
Bzgl. des Gesundheitssystem habe ich erfahren, dass es in öffentlichen Krankenhäuser anders ist. Mehr Patienten, weniger Geld, weniger Therapiemöglichkeiten. Die niedrige Qualität der öffentlichen Dienstleistungen und die immer weiter wachsende Privatisierung ist ein aktuelles Problem in Chile, das alle Bereiche betrifft.
Die Medizinausbildung dauert 7 Jahre und ist von Universität zu Universität unterschiedlich. Einer privaten Uni entspricht einem privatem Krankenhaus bzw. einer besseren Ausbildung. Das können sich aber nur die reicheren Schichten der Bevölkerung leisten.

Land und Leute

Chile ist ein wunderschönes Land, mit einer unglaublich großen Vielfalt an Landschaften und Kulturen. Der Kolonialismus hat unterschiedliche europäische Völker in das Land gebracht und gemischt. Wörter wie „Kuchen“ gehören zur Alltagssprache. Im Süden ist die indigene Mapuche-Gemeinschaft und deren Einfluss stärker zu spüren. Sie kämpfen seit Jahrzehnten für die Landrückgabe und setzen sich mit der Regierung ständig auseinander, manchmal auch gewaltätig.
Außerdem ist die politische Geschichte des Landes sehr interessant und berührend und durch schwierige Zeiten geprägt worden. Sehr empfehlenswert ist der „Museo de la Memoria y los Derechos Humanos“ in Santiago, die die Diktatur von Pinochet und die Rückkehr zur Demokratie schildert.
Ich war eine Woche im Süden, in Pucón, wandern . Die Natur ist wunderschön, übersät mit eingeschneiten Vulkanen, wilden Wäldern, gefrorenen Seen… Absolut der Hammer! Nach Patagonien bin ich nicht hingereist wegen der Angst vor kaltem und schlechtem Wetter, aber ich habe Leute kennengelernt, die da waren und es auch im Winter toll fanden. Ich werde es sicher irgendwann nachholen.
Ich bin während der Zeit in Santiago am Wochenenden auch oft gereist, nach Valparaiso, Concón, Embalse del Yeso, Aguas de Ramón… Das Social Programm ist sehr gut und organisiert jede Woche einen Ausflug in der Umgebung. Ich habe aber oft bevorzugt, Orte selbstständig zu besuchen.
Nach dem Praktikum bin ich nach San Pedro de Atacama geflogen und habe da eine Woche verbracht. Ganz anders als im Süden, aber die Natur war genauso faszinierend. Wüsten, Canyons, Salinen, Lagunen… Ich habe auch den „Tour del Salar de Uyuni“ mitgemacht, eine der spektakulärsten Landschaften, die ich in meinem Leben gesehen habe.
Es ist deswegen absolut empfehlenswert, ein bisschen mehr Zeit einzuplanen, um zu reisen. Leider wird das Ganze auch etwas teuer, aber es lohnt sich auf jeden Fall. Danach habe ich auch noch einen Teil Perus besichtigt.
Die Leute sind sehr herzlich und gastfreundlich, ich habe richtig tolle Menschen kennengelernt, zu denen ich noch Kontakt habe. Besonders interessant war der Austausch mit einem Mapuche-Mädchen und die Fragestellung was „Progress“ in unterschiedlichen Ländern und Kulturen bedeutet. Ich möchte auch deswegen gerne zurückkehren, um diese Thematik zu vertiefen und das indigene Volk mit ihrer Kultur und Tradition näher kennenzulernen.
Mit meiner Gastfamilie habe ich nicht besonders viel zusammen untergenommen, da wir unterschiedliche Interessen hatten, aber ich habe mich trotzdem gut aufgenommen gefühlt.

Fazit

Es war eine wunderschöne, bereichernde Erfahrung, die ich jedem nur weiterempfehlen kann. Ich würde auf jeden Fall wieder in dieses Land reisen und mehr Zeit mitbringen. Dort zu arbeiten könnte ich mir langfristig nicht vorstellen, aber vielleicht könnte ich wagen, ein Tertial im PJ da zu absolvieren.

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