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Sudan (MedSIN Sudan)

Gynäkologie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Valentin Michael, Heidelberg

Motivation

Ein Auslandsaufenthalt im Studium bietet für mich die Möglichkeit auf verschiedenen Ebenen zu lernen und zu erleben: Zum einen trifft man in den meisten Fällen auf Medizin, die in einer anderen Sprache und oft unter anderen technischen Voraussetzungen geleistet wird, sowie klimatisch, kulturell oder sozioökonomisch bedingt Krankheitsbilder, die in Deutschland so quasi nicht anzutreffen sind. Zum anderen bekommt man die Möglichkeit in eine Kultur auf ganz besondere Weise einzutreten. Ein gewisser Arbeitsalltag, in dem Begegnungen und Einblicke möglich sind, die aus der Perspektive eines Durchreisenden nicht möglich wären, werden durch Unternehmungen mit Studierenden vor Ort, die ihre eigenen Perspektiven zeigen können, ergänzt.
Für den Sudan habe ich mich aufgrund einiger geopolitischer und kultureller Gründe entschieden. Das Land liegt sehr zentral in Afrika, grenzt direkt an nord- sowie ostafrikanische Kulturkreise und erfährt sprachlich und historisch bedingt große Einflüsse von der arabischen Halbinsel her. Die furchtbarerweise immer noch sehr weit verbreitete weibliche Genitalverstümmelung stellt an die Gynäkologie und Geburtshilfe besondere Herausforderungen.

Vorbereitung

Neben der Bewerbung über die BVMD-Plattform und nach Zusage entsprechend auf der IFMSA-Plattform gab es außer den im folgenden aufgeführten Punkten wenig vorzubereiten. Durch informellen Kontakt zu meinem Gaststudi war schnell geklärt, was an Ausrüstung erwartet wurde.

Visum

Achja… Ich schickte per Post den auf der Website erhältlichen Visumsantrag, meinen Reisepass und die Gebühr in bar etwa drei Wochen vor Reisebeginn ans sudanesische Konsulat in Berlin. Mir war von dort telefonisch geraten worden, das nicht früher zu tun. Als ich wenige Tage vor Abflug weder meinen Pass zurückbekommen, noch das Konsulat telefonisch erreichen konnte, stellte sich doch ein Gefühl von Hektik ein. Als ich letztendlich jemanden zu sprechen bekam, war die erste Auskunft, dass mein Reisepass gar nicht im Konsulat angekommen wäre, nicht gerade entspannend. Auf Insistieren meinerseits wurde dann nochmal richtig gesucht, der Pass letztendlich gefunden, das Visum schnell ausgestellt und ich hatte ihn zwei Tage später in der Post.
All das, um am Vortag des Abflugs zu erfahren, dass unsere Kontaktstudis vor Ort nun doch Visa-on-arrival für uns organisiert hatten… Weiß nicht, ob das weniger chaotisch funktionieren kann.

Gesundheit

Durch vorherige Auslandsaufenthalte waren außer der Cholera-Schluckimpfung keine weiteren Impfungen erforderlich. Als Malariaprophylaxe nahm ich ein Malarone-Generikum ein (Wirkstoffe Atovaquone und Proguanil). ALLE der ausländischen Famulanten hatten zumindest zeitweise mit Durchfall zu tun, sodass entsprechende Bedarfsmedikation sicher sinnvoll ist.

Sicherheit

Die Sicherheitslage war im August im Sudan gut, aktuell hat sie sich durch massive Proteste der Bevölkerung und extreme Gewalt seitens der Regierung verschlechtert. Die weiteren Entwicklungen sind völlig ungewiss. Das größte Risiko zur Zeit meines Aufenthaltes war bestimmt der Straßenverkehr, das lässt sich nicht vermeiden. Opfer von Gewalt in der Notaufnahme sieht man schon häufig und zwischen Personal und Angehörigen wird es hitziger, als man das von hier gewohnt ist. Sonnenschutz ;-)
Ich habe mich nie bedroht gefühlt.

Geld

Als Folge von Sanktionen gegen den Sudan ist das Abheben von Geld mit ausländischen Bankkarten nicht möglich. Euro können problemlos getauscht werden. Dollar sollten neuer als 2014 sein, sonst kann es passieren, dass diese verweigert werden. Das sudanesische Pfund befindet sich derzeit im freien Fall. Der offizielle Wechselkurs ist ein Scherz (19 Pfund für den Euro), sodass wir als Studis über für uns sichere Umwege den effektiven Wechselkurs bekamen (45-50 Pfund für den Euro).

Sprache

Im Sudan wird der lokale Dialekt des Arabischen gesprochen, der sich gerade in der Alltagssprache schon von anderen arabischen Dialekten unterscheidet. Medizin wird mehr oder weniger auf Englisch studiert, sodass man damit im Krankenhaus unter dem Personal gut zurecht kommt, je nach Bildungsniveau eben besser oder schlechter. Direkte Kommunikation mit Patienten ist ohne Arabisch kaum möglich. Ich hatte ein wenig Arabisch vorher gelernt, was nicht verkehrt ist um im Alltag zurechtzukommen oder den Patienten zwei, drei Standardfragen zu stellen. Mehr ging nicht.

Verkehrsbindungen

Anflug erfolgt auf den Khartoum International Airport mitten in der Stadt, alles andere innerhalb des offiziellen Programms (inklusive der Ausflüge) wird von den Gaststudis organisiert. Öffentlicher Nahverkehr existiert in Form von Bussen und Minibussen, innerhalb der Stadt bieten sich jedoch individueller die Rikshas (kleines Motorrad mit Kabine hinten) oder Tirhal als Uber-Äquivalent an.

Kommunikation

Ebenfalls von den Gaststudis bekam ich gleich zu Beginn eine lokale SIM-Karte. Guthaben dafür bekommt man an quasi jedem Kiosk. Lokales Internet ist günstiger als hier und das Netz in den Großstädten sehr gut.

Unterkunft

Im August werden die internationalen Famulanten alle zusammen untergebracht. So wurde für unsere Gruppe ein Haus in einem schönen Stadtviertel (al Manshiya) gemietet. Die Küche wurde nach eine recht extremen Nacht-und-Nebel-Kakerlaken-Todesaktion langsam benutzbar, Kühlschränke waren da, Wasserkocher auch, der Herd ging aber nur die letzten paar Tage. So waren wir effektiv auf Essen außerhalb angewiesen, was aber gut verfügbar und günstig ist. Die Bäder waren gut, Wasser wurde nur bei Strom- und damit Pumpenausfall knapp. Bettzeug gab es vor Ort.

Literatur

Im Unterschied zu so manchem vorhergehenden Auslandsaufenthalt, hatte ich mich dieses Mal ganz bewusst nicht im Voraus versucht tief in die Kultur einzulesen um alles ein bisschen unvoreingenommener auf mich wirken zu lassen.

Mitzunehmen

Leichte, lange Hosen. Männer können schon in Shorts rumlaufen, fallen dann aber wirklich auf. Außerdem nett als Sonnenschutz, entsprechend auch lange, leichte Oberbekleidung. Insektenspray? Hmpf, nicht für mich. Taschenlampe und Powerbank bei Stromausfall. Tagesrucksack, in den schon 3 Liter Wasser passen. Einen möglichst leichten weißen Kittel, Stethoskop, Namensschild. OP-Kleidung je nach Klinik und Bedarf. Fand ich für die Notaufnahme auch sehr angenehm.
Vielleicht auch einen Satz schicker Kleidung, man kann schon mal auf ner Hochzeitsfeier landen.

Reise und Ankunft

Ich wurde nach unkompliziertem Hinflug über Saudi Arabien von zwei der Gaststudis am Flughafen abgeholt und verbrachte mit diesen den Tag, bevor ich am Abend die anderen Famulanten traf und in unser Haus einzog. Zwei Tage danach begann meine Famulatur mit einem Rundgang durchs Krankenhaus und Vorstellung durch einen Gaststudi auf der entsprechenden Station.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Tagesablauf
Alle Famulanten wurden morgens (mal um acht, mal um halb zehn, je nach Wetter und Laune) von unserem Haus abgeholt und mit Auto oder Minibus zum entsprechenden Krankenhaus gefahren. Fahrdauer je 20-40 Minuten. Üblicherweise gegen 13Uhr wurden wir wieder abgeholt und zurückgefahren, wobei dieser Rahmen später im Monat von einigen immer flexibler gehandhabt wurde.

Soba Teaching Hospital
Ich hatte mich für eine Famulatur in der Geburtshilfe beworben und einen Platz im Tertiärkrankenhaus der Uniklinik bekommen (Soba Teaching Hospital). Dieses hatte keine eigene Notaufnahme, sodass alle Schwangeren dorthin verlegt beziehungsweise vorher angemeldet wurden. Dementsprechend waren Spontangeburten eher selten, Kaiserschnitte häufig. Einige der Patientinnen wurden im Rahmen von Risikoschwangerschaften/-geburten stationär betreut.
Aus besagtem Mangel an Spontangeburten verbrachte ich so etwa zwei Wochen im OP und beobachtete Kaiserschnitte. Da in dieser Klinik sowohl Geburtshilfe als auch Anästhesie personell sehr gut aufgestellt sind, gab es für mich wenig zu tun, was über Untersuchen von Schwangeren sowie Neugeborenen und Beobachten hinausging. Für zwei Wochen war das, gerade wegen der teils sehr interessanten Fälle und als erster Berührungspunkt mit weiblicher Genitalverstümmelung (female genital mutilation, FGM) in der Praxis gut. Das Personal war durch die Bank unglaublich freundlich, erklärbegeistert und an einem oft heiteren Austausch über kulturelles, weltanschauliches, Alltägliches etc. genau so interessiert wie ich. Gerade die Leerlaufzeiten zwischen Eingriffen wurden so besonders spannend, witzig, verwunderlich. Gemeinsames Frühstück war eine Art Bohneineintopf mit Brot, der gemeinsam mit Händen aus einer großen Schüssel gegessen wurde. Guter Standard bei Hygiene und Material.

Wechsel
Danach entschloss ich mich dazu, die Klinik zu wechseln. Da dies um einen hohen Feiertag im muslimischen Jahr herum (siehe unten) geschehen sollte, waren sowohl Univerwaltung als auch Gesundheitsministerium noch langsamer und unzuverlässiger als sonst, sodass hier außerordentlich viel Geduld und ein wenig Dreistigkeit erforderlich waren. Man kann wochenlang auf einen Schrieb vom Gesundheitsamt warten, oder mit weißem Kittel und irgendeinem Formular der IFMSA direkt drauf los, sofern man irgendeine Kontaktperson in einer anderen Klinik kennt – sofern es sich um staatliche Krankenhäuser handelt. Solche Verbindungen ergaben sich zum Glück recht schnell, sodass ich einige Tage im geburtenstärksten Krankenhaus des Sudan in Omdurman (Maternity Hospital), einem etwa zwei Stunden außerhalb liegenden kleinen Krankenhaus in Jebel Aulia, sowie einem anderen Standpunkt meiner eigentlichen Uniklinik verbrachte und dort hauptsächlich Spontangeburten beiwohnte. Ich ergänzte die Zeit in der Geburtshilfe um einige Nachmittage/Abende/Nächte in den Notaufnahmen zweier Krankenhäuser (Ibrahim Malik, Omdurman Teaching Hospital) und zwei Vormittagen im Tropical Disease Teaching Hospital. Alle von mir besuchten Krankenhäuser sind öffentliche Einrichtungen. Ein Versuch, recht spontan und unangemeldet einen Nachtdienst im Military Hospital zu begleiten, führte bei meiner Kontaktperson und mir zu einer halben Stunde latenter Panik und viel Frust. Alles nur, weil der Papa, der hohes Tier im Militär war, ausgerechnet in dem Moment nicht ans Handy gehen wollte.


In der Geburtshilfe kam ich viel zum Untersuchen, war auch bei Geburten aktiv mit dabei, konnte viel über den Umgang mit FGM lernen und einmal auch selbst Hand anlegen. In der Notaufnahme konnte viel untersucht und befundet werden, es gab Zugänge zu legen, Blut zu nehmen, Katheter zu legen, zu reanimieren, zu nähen, Brandwunden zu versorgen, zu staunen.
Und natürlich viel mit ganz unterschiedlichen Mesnschen viel erzählen. Ich empfinde es als unglaubliches Privileg im Krankenhaus Menschen mit so verschiedenen Hintergründen zu begegnen und sich zwischen OPs oder in ruhigen Nachtstunden auszutauschen. Diese Momente sind mir mitunter am besten in Erinnerung geblieben. Da wird man auch mal zu einer Hochzeit eingeladen oder kann über wirklich persönliches sprechen.


Eindrückliches
Das folgende sind meine sehr subjektiven Eindrücke, die auf einzelnen Erfahrungen in einem kurzen Zeitraum beruhen! Außerdem besuchte ich ausschließliche öffentliche Krankenhäuser. Die zahlreichen, teils sicher viel besser ausgestatteten privaten Kliniken zur Versorgung besser Gestellter, interessierten mich nicht.
Ich habe in allen Berufsgruppen im und ums Krankenhaus – von Medizinstudis zu ÄrztInnen, Pflege- und OP-Personal, Hebammen, Security – Menschen getroffen, die mich tief beeindruckt und andere, die mich frustriert haben, getroffen. Da sind Studis, die im fünften Jahr die auf beeindruckende Art und Weise strukturiert vorgehen und mit einem Verantwortungsgefühl, das sich hie runter den Studis lange suchen lässt, Diagnosen stellen, da gibt es super ausgebildete Hebammen, die fachlich und interpersonell dem Standard hier in keinster Weise nachstehen, Ärzte und Ärztinnen, die sehr empathisch und mit viel Einsatz auch unter teils krassem Ressourcenmangel ihren Patienten die optimale Therapie zukommen lassen. Aber da gibt es auch die Gegenseite und fachlich falsches Verhalten oder schlechter Umgang mit PatientInnen – gerade werdenden Müttern – und Angehörigen hatten, soweit ich das mitbekommen habe, selten Konsequenzen oder auch nur eine Kritik zur Folge. Ich möchte mich jetzt nicht an einzelnen Negativbeispielen, die dem Gesamteindruck nicht gerecht werden würden, vergnügen. Gerne erzähle ich auf Nachfrage mehr.

Zum Gesundheitssystem nur einige Worte. Desinfektionsmittel – ob für Hände oder vor Punktionen/Injektionen – war außerhalb des OP-Trakts eine ausgesprochene Rarität. Es war erschreckend und ernüchternd am eigenen Beispiel zu beobachten, wie schnell man sich dadurch im eigenen Verhalten korrumpieren lässt. Angehörige der Patienten müssen – selbst wenn gegebenenfalls die Behandlung selbst kostenlos sein kann – alles Verbrauchsmaterial vorab in der Apotheke besorgen. Das konnte in knappen Situationen so weit gehen, dass Infusionen erst angehängt werden konnten, wenn ein Angehöriger diese gekauft hatte. Das Arztpersonal in einer der Unikliniken war aus Gründen solcher Knappheit, die teilweise elementare Versorgung gefährden konnte, zeitweise im Streik. Außerhalb der großen Städte ist die Gesundheitsversorgung oft nicht gewährleistet, sodass Gruppen der studentischen Fachschaften sogenannte Medical Missions organisieren, die durch Spenden finanziert werden. So werden Material und einige ÄrztInnen für einige Tage in entlegene Gegenden des Landes gefahren, wo unter großem Einsatz der Studis dort eine Klinik improvisiert wird.

Land und Leute

Von den Gaststudis wird ein üppiges kulturelles Programm um die Krankenhausdienste organisiert. Da gerade im August viele Famulanten zu Besuch kommen, wird besonders viel auf die Beine gestellt. Auch wenn manche der Pläne aufgrund von Wetter, Unzuverlässigkeit, sonstigem geändert oder abgesagt werden mussten, wurden wir jedes Wochenende und auch ein einigen Abenden unter der Woche äußerst abwechslungsreich unterhalten! Von zwei tollen Ausflügen zu Pyramiden in die Wüste – einmal mit Übernachtung – über gemeinsames Essen im Restaurant mit anschließender Shisha-Runde, Anschauen eines klassischen Wrestling-Wettkampfes im eigenen Stadion, Besuch des größten Marktes des Landes (mit Sandsturm), einer inszenierten traditionellen Hochzeit wurden uns fantastische Einblicke in Kultur und das Leben der Menschen geboten.

Besonders glücklich war, dass das muslimische Opferfest im August stattfand und wir die Tage in Gastfamilien verbringen konnten. Nicht nur das Schlachten der Schafe und Rinder am eigenen Haus war sehr beeindruckend sondern die ganze Atmosphäre innerhalb der Familien und in der Stadt. Ob beim Zerlegen des Tieres oder bei den anschließenden Anatomiediskussionen.. Haufenweise Möglichkeiten sich vor versammelter Familie zum Affen zu machen.

Die Währung befand sich schon im August im freien Fall. Der offizielle Wechselkurs lag bei 19 Pfund für den Euro, effektiv bekam man über Umwege 45-50. Bargeld wurde an Automaten regelmäßig knapp, genau wie Benzin an den Tankstellen. Diese Verhältnisse haben sich seit meinem Aufenthalt massiv verschlechtert. Das Land wird seit etwa dreißig Jahren von einem Mann regiert, der durch einen Militärputsch an die Macht kam und dem gerade im Konflikt um Darfur zahlreiche Kriegsverbrechen vorgeworfen werden. Sudan gilt als eines der korruptesten Länder der Welt. Wenn unter diesen Umständen einige der Menschen, denen ich begegnete, die ja oft bewusst den Kontakt zu Ausländern suchen, die oft keine Perspektive im eigenen Land sehen, die sich zuweilen ausgesprochen wenig mit dem Geburtsland identifizieren keine große Lust hatten über Politik zu diskutieren, habe ich nicht nachgehakt. Mit gutem Bildungsabschluss blicken viele Menschen in die Vereinigten Arabischen Emirate oder nach Saudi Arabien, wo die gleiche Sprache gesprochen wird, oder ins englischsprachige Ausland.

Über die immer noch grassierende Praktik der weiblichen Genitalverstümmelung waren die meisten meiner Gesprächspartner einer Meinung. Die Praktik ist mittlerweile verboten, wird aber natürlich noch massiv durchgeführt. Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang auch die Erkenntnis, dass nicht überall und ständig so belastbare Zahlen und Statistiken zu quasi allem verfügbar sind, wie man das aus Deutschland gewohnt ist. So kann man, was das Ausmaß dieser Katastrophe angeht, selbst in Gesprächen mit GynäkologInnen völlig verschiedenen Ansichten und Einschätzungen begegnen. Es gibt Initiativen zur Aufklärung und Edukation der Bevölkerung, auch einiges studentische.

Sehr intensiv empfand ich auch Gespräche mit verschiedenen Gliedern von Familien, in denen der Vater mehrere Frauen gleichzeitig hatte. Der unglaubliche Einfluss der Familie, besonders der eigenen Eltern, auf nahezu alle Bereiche des alltäglichen Lebens beeindruckte mich tief. Gerade für vorsichtig freiheitssuchende Menschen kann sie zu einem Gefängnis werden, finanzielle Teilunabhängigkeit ist bis weit ins Berufsleben hinein oft völlig unmöglich, gleichzeitig ist eine gute und stabile sozioökonomische Stellung Grundvoraussetzung für eine gewisse Freiheit bei der beruflichen Lebensgestaltung. Manch einer der Gaststudis fand die Idee, arrangierterweise später seine Cousine zu heiraten, gar nicht so schlecht. Manch andere sah sich selbst als eingesperrtes Vögelchen und alle Hoffnung lag auf einem möglichst baldigen völligen Ausbruch, einer anderen gelang dieser Ausbruch regelmäßig, auf Zeit.

Die Gesellschaft ist ethnisch und kulturell durch historische und aktuelle Wanderungsbewegungen (Syrien, Yemen, Südsudan) und Einflussnahmen viel heterogener, als ich das erwartet hatte. So begegnet man beispielsweise viel Essen aus Syrien und Musik aus Ägypten und dem Libanon.
Einige derer, die berufswegen in Saudi Arabien leben, schicken ihre Kinder zum Studium zurück in den Sudan.

Zu sensibleren Themen halte ich mich kurz, da schwarz auf weiß geschriebene Worte absoluter scheinen, als meine Eindrücke es nach wenigen Wochen können sein und dürfen, differenzierte Darstellung in wenigen Sätzen kaum möglich ist und Rückfragen nicht möglich sind. Im individuellen Kontakt gerne mehr!

Mich verwunderte zuweilen die Nähe sehr, sehr vieler gerade auch junger gebildeter Menschen zum Islam.

Gesetzliche Kleidungsvorschriften gibt es nicht, gigantischen sozialen Druck schon. In der Öffentlichkeit tragen die meisten Frauen Kopftuch. Je nach dem, wann und wo man unterwegs ist, kann es ohne Kopftuch und in nicht ganz weiter Kleidung sehr unangenehm werden, an einigen wenigen Orten ist es entspannter. Privat kommts drauf an. Ich schätze einige der Begegnungen mit ausgesprochen starken und mutigen Frauen und die offenen Gespräche über so garnicht alltägliches Alltägliches als sehr großes Privileg. Dem Niqab begegnet man auch unter Medizinstudis und Ärztinnen immer wieder. Das erwähne ich so explizit nicht nur der sozioökonomischen Komponente wegen, sondern weil es auch bisweilen beidseits witzige Gesprächskomplikationen mit sich brachte.

Fazit

Meine insgesamt sechs Wochen im Sudan waren auf vielfältige Weise intensiv. Es gab Momente der quälenden Langeweile und Frustration, wenn mal wieder ein Plan nicht funktionierte und wegen schlechter Kommunikation der Bus nicht eine oder zwei sondern drei oder vier Stunden später kam. Es gab Momente der völligen Sprachlosigkeit im Angesicht von Schicksalen, ob im privaten Gespräch oder beim Kontakt mit einzelnen Patienten, die beispielsweise an behandelbaren Krankheiten wegen Bildungsmangel, Ressourcenknappheit, Vernachlässigung litten und zu Grunde gingen.
Da waren zahllose Momente der Neugier, des Entdeckens, des gemeinsamen Erlebens, des Erkennens und Bewunderns von Gemeinsamkeiten und Unterschieden, der Hitze, der grandiosen Ausblicke, des Muts, des ehrlichen Engagements.
Als Gast, gerade aus Europa, besonders aus Deutschland, genießt man eine zweischneidige Aufmerksamkeit und oft einen unverdienten Vertrauensvorschuss. Das erfordert ausgesprochen viel Energie und Fingerspitzengefühl im zwischenmenschlichen Kontakt um die Augenhöhe zu wahren, ermöglicht gleichzeitig aber unglaublich tiefe und intime Gespräche und Einblicke in eine so faszinierende und vielschichtige Gesellschaft.

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