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Slowenien (SloMSIC)

Orthopädie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Fiona, Göttingen

Motivation

Vom bvmd erfahren habe ich überhaupt erst ein paar Monate vor meinem Austausch, auf einem Vortrag im Dezember 2018 im Rahmen des Aktionstags Medizin meiner Uni. Ich war sofort begeistert -leider war die Bewerbungsfrist gerade 2 Wochen vorher abgelaufen, ich habe mich aber direkt in die Restplatzliste eingetragen in der Hoffnung spontan noch irgendwie eine Chance zu bekommen und siehe da- es hat geklappt!

Vorbereitung

Mein Austausch hat sich durch das Restplatzsystem erst sehr kurzfristig ergeben (Zusage im Januar für Austausch im März). Die größte Schwierigkeit war letztendlich die, innerhalb der 14 Tage Rückmeldefrist eine Sprachzertifikatsprüfung organisiert zu bekommen, was schlussendlich dann doch geklappt hat. Da Slowenien ein europäisches Land ist und ich bereits einmal dort war wusste ich in etwa was mich kulturell und landschaftlich erwartet und hatte darum beispielsweise bei der Frage was ich mitnehmen sollte kaum Probleme. Auch das Hinkommen war kein Problem – Flixbus für 40€ lässt sich auch kurzfristig buchen!

Visum

Slowenien liegt in Europa und im Gegensatz zu meinen Austauschkollegen aus den asiatischen Ländern musste ich mich nicht mit Visabeantragung abmühen!

Gesundheit

Mir wurde von der LEO des Gastlands leider erst relativ kurzfristig mitgeteilt, dass ich für die Famulatur auf meiner Station (Orthopädie) für den Einsatz im OP eine gültige Hepatitis B – Impfung und eine MRSA-Testung vorweisen muss. Die Impfung gab‘s zum Glück beim Betriebsarzt umsonst, den MRSA – Test macht der Hausarzt, der zum Glück auch Wege hat das über die Kasse abrechnen zu lassen.

Sicherheit

Slowenien ist ein sehr sicheres und friedliches Land. Es bedurfte keinerlei besonderer Vorkehrungen im Hinblick auf die Sicherheit und auch Rückblickend wäre in dieser Hinsicht keine Sorge vonnöten gewesen.

Geld

Die slowenische Währung ist der Euro, die Lebenserhaltungskosten sind etwas geringer als in Deutschland, dies gilt jedoch vor allem für ländliche Regionen. Gerade in touristisch gut besuchten Ecken des Landes bezahlt man auch gerne mal das Doppelte für Kaffee, Bier und Speisen in Restaurants. Eine Kreditkarte empfiehlt sich schon deswegen, weil man problemlos und umsonst überall bezahlen und Geld abheben kann. Debitkarten genügen ansonsten auch, dort fallen jedoch je nach Bank Abhebegebühren an.

Sprache

Slowenisch ist wie die meisten Sprachen eine sehr komplexe Sprache (es gibt beispielsweise 6 Fälle und eine Unterscheidung im Plural zwischen zwei und mehr Personen) , jedoch wird die Sprache nur von etwa 2,5 Millionen Menschen weltweit gesprochen und im Ausland aufgrund der geringen Nachfrage kaum gelehrt. Mit Englisch (oder deutsch, vor allem bei älteren Leuten die das früher noch in der Schule gelernt haben) kommt man aber immer weiter! Im Patientenkontakt habe ich mir oft gewünscht slowenisch sprechen zu können um mich an Gesprächen beteiligen zu können oder z.B. bei der Visite oder der Morgenbesprechung mehr zu verstehen.

Verkehrsbindungen

Die umweltfreundlichste und günstigste Methode ist der Flixbus (ab 30€ aus den meisten deutschen Großstädten). Man kann auch fliegen, nach Ljubljana ist das aber recht teuer, besser sei es wohl nach Triest oder Klagenfurt zu fliegen und dann die restlichen 1,5 bzw 2 Stunden Zug zu fahren.
Im Land ist das Verkehrsnetz sehr gut ausgebaut, es gibt Zuglinien in fast alle Richtungen. Das beliebteste Verkehrsmittel (weil meist günstiger und schneller) ist der Bus, damit kommt man wirklich überall hin. In der Stadt selbst ist das Busnetz auch sehr gut ausgebaut, die meisten Menschen fahren jedoch Rad. Leihfahrräder gibt es für 1€/Woche oder 3€/Jahr und die Stationen dazu sind in der ganzen Stadt verteilt.

Kommunikation

Ich hatte Wlan sowohl im Studenten-Dorm, in dem ich gewohnt hatte, als auch in der Klinik in der ich gearbeitet hatte. Zudem bekam ich direkt bei der Ankunft eine slowenische Simkarte mit 20GB Internet, die ich brauchte um über das Studentenbonus-System vergünstigt in Restaurants essen zu können. Kommunikation verlief also weitestgehend online (Whatsapp) .

Unterkunft

Die Unterkunft hätte besser nicht sein können. Ich wohnte im Studentenwohnheim für Medizinstudenten mitten im autofreien Zentrum Ljubljanas in einem Einzimmerapartment mit eigenem Bad. Die anderen Austauschstudenten (wir waren zu 5.) wohnten im selben Flur. Uns wurde jedoch erzählt dass im Sommer, wenn bis zu 50 IFMSA-Studenten pro Monat in Ljubljana sind, die Unterkunft in Gastfamilien organisiert wird.

Literatur

Ich hatte einen slowenischen Reiseführer geschenkt bekommen, der hatte sich tatsächlich gelohnt! Er war von Reise Know-how (aber vermutlich ist jeder andere genauso gut) – ist empfehlenswert um sich gemütlich im Café oder auf der Hinfahrt mal mit dem Land auseinanderzusetzen, ohne auf Internet angewiesen zu sein.

Mitzunehmen

Ich hatte mein Gepäck auf meinen großen Trekking-Rucksack beschränkt, was auch vollkommen ausreichend war. Ich war froh, mich für meine Wanderschuhe entschieden zu haben, denn man kann wirklich tolle Wanderungen unternehmen! In weiser Voraussicht habe ich nicht nur einen Kittel (wie mir gesagt wurde), sondern zwei und zwei Paar Klinikhosen mitgenommen – das war gut, denn ich bekam dort keine Kleidung gestellt aber hatte viel Patientenkontakt auf Station und war froh um die Wechselwäsche. Mangels Alternativen habe ich die Sachen dann am Wochenende in der Wohnheim-Waschmaschine heiß gewaschen- hygienisch definitiv nicht korrekt, aber die beste Option die ich hatte.

Reise und Ankunft

Die Anreise war nur lang (18h dank schlechter Verbindung und viel Wartezeit beim Umsteigen), ansonsten lief alles gut. Ich wurde am Busbahnhof von meiner Kontaktperson abgeholt und zum Wohnheim gebracht, sie überreichte mir den Schlüssel und ein kleines Willkommenspaket mit T-Shirt, Block und Stift, Schokolade und einer slowenischen Simkarte. Abends habe ich mich direkt mit den anderen Austauschstudenten zum Essen getroffen und wir haben uns direkt gut verstanden!

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Montagmorgen wurde ich von meiner Kontaktperson am Wohnheim abgeholt und wir sind zusammen zur Klinik gelaufen. Dort hat sie sich für uns bis zum Büro meines Mentors (Leiter eines der vier Orthopädie-Departments) durchgefragt, es stellte sich heraus dass er montags nicht arbeitet. Einer seiner Kollegen hat sich mir angenommen und mich erstmal mit in die Morgenbesprechung genommen und mich den restlichen ca. 30 Orthopädie-Ärzten vorgestellt. Nach der 15-minütigen Besprechung, die jeden Morgen nach der Visite um 7:45h stattfindet und in der die OPs des Tages und Fälle der vergangenen Nacht im Plenum besprochen werden, nahm mich wieder ein anderer Arzt mit in die Poliklinik, in der er an diesem Tag Sprechstunde hatte. Meinen ersten Tag verbrachte ich also dort. Es war interessant direkt etwas über das slowenische Gesundheitssystem zu lernen: es gibt keine niedergelassenen Fachärzte, man geht für jedes orthopädische Problem direkt in die Sprechstunde in die Poliklinik. Leider laufen dort die Arzt-Patienten-Gespräche natürlich auf Slowenisch ab, gerade in meiner ersten Woche verstand ich noch recht wenig. Der Arzt war jedoch sehr bemüht mir trotz enorm hohem Patientenaufkommen wenigstens kurz nach jedem Fall auf Englisch zu erklären worum es ging. Am nächsten Tag war dann auch mein Mentor im Haus, dann wurde ich erstmal herumgeführt und bekam einen Eindruck vom Haus. Das orthopädische Department ist ein eigenes Gebäude am Klinikkomplex mit vier eigenen OP-Sälen im Erdgeschoss. Über einen Kellergang ist es mit dem Haupthaus verbunden. Es gibt vier Abteilungen, die auf vier verschiedene Dinge spezialisiert sind (Tumoren, Kinder, Sport und allg. Orthopädie/Wirbelsäulen). Die Assistenzärzte rotieren innerhalb der vier Abteilungen im Verlauf ihrer Ausbildung. Jedes Department hat gewisse OP-Tage, an denen ein Großteil der geplanten Operationen durchgeführt wird. Montags hatte mein Department B (das Tumordepartment) z.B. grundsätzlich keine OPs, sondern ist dann z.B. für die Poliklinik zuständig. Im Verlauf der ersten Tage gewann ich einen Eindruck darüber, wie das System dort so abläuft und war gleichzeitig damit beschäftigt, meine Rolle in diesem Team zu finden. In Slowenien gibt es keine Famulaturen, darum war ich eine Rarität, aber im Unterschied zu deutschen Krankenhäusern gibt es darum auch keinen Aufgabenbereich für den ich zuständig bin. Ich habe schnell gemerkt, dass der Verlauf meines Monats stark von meiner Eigeninitiative abhängig werden wird. Als Austauschstudent hat man im Grunde Narrenfreiheit und kann tun und lassen was man möchte (sich so viele OPs und Untersuchungen anschauen wie man will, theoretisch aber auch mittags Feierabend machen). Da ich motiviert war viel zu sehen und machen zu dürfen, begann ich das auch so zu kommunizieren und es wurde positiv aufgenommen. Ich wurde gerade anfangs häufig von Ärzten gefragt ob ich sie an diesem Tag begleiten möchte und wurde so recht abwechselnd in den OP und die Poliklinik mitgenommen. Mein Ziel war ursprünglich so viel zu assistieren wie es geht, das hat dann mit tageweisen Ausnahmen dann am Ende auch geklappt. Natürlich durfte ich nicht nur assistieren, ich stand mir auch oft im OP die Beine in den Bauch aber meistens hat sich die Geduld ausgezahlt weil sich dann einer der Ärzte Zeit genommen hat mir auf Englisch nochmal zu erklären was gerade passiert war oder dann doch die Frage kam, ob ich denn nicht bei der nächsten Operation gerne mit am Tisch stehen würde?
Im Grunde war es eine gelungene Famulatur. Mein Ziel war, einen Einblick in Orthopädie zu gewinnen und viel Zeit im OP zu verbringen und beides hat meistens recht gut geklappt. Nebenbei habe ich viel über das slowenische Gesundheitssystem gelernt aber auch, dass Hierarchien und Rollen noch anders ausgelebt werden wie ich es aus Deutschland kenne. Die Krankenschwestern tragen z.B. Röcke und Strumpfhosen und servieren dem Ärztepersonal (auch mir!) morgens einzeln den Kaffee bereits in der Tasse – das war anfangs befremdlich. Auch das Entscheidungsfindunssystem über Behandlungsmöglichkeiten ist sehr paternalistisch – Patienten werden wenig bis gar nicht einbezogen sondern es wird am Patientenbett zwischen den Ärzten über den weiteren Verlauf diskutiert – manchmal wird sogar vergessen dem Patienten das Ergebnis der Diskussion mitzuteilen und die Ärzte verlassen einfach so wieder den Raum. Jedoch merkt man hier auch ein Umdenken- die jüngeren Ärzte bemühen sich deutlich mehr, Patienten mit einzubeziehen und Entscheidungen nicht über deren Köpfe hinweg zu treffen.

Land und Leute

Slowenien ist ein wunderschönes kleines Reiseland, dementsprechend viel kann man in kurzer Zeit auch sehen und machen. Zur Stadt: Ljubljana ist mit 280.000 Einwohnern für eine Hauptstadt wirklich nicht groß, das macht es einfach sich zurechtzufinden und macht es außerdem möglich die Stadt auch nach Feierabend noch kennenzulernen und die Wochenenden Zeit für Ausflüge zu haben. Es gibt super viele Bars und Cafés und guten Cappuccino gibt’s dort ab 1,20€ - ich habe viel Zeit mit Kaffee trinken in der Sonne in einem der süßen Cafés am Fluss verbracht! 2016 war Ljubljana grünste Stadt Europas, auch das sieht man. Es gibt viele Grünanlagen und Spazier- und Joggingmöglichkeiten, mitten in der Stadt thront die Burg auf dem Berg. Dort hoch sind es nur 15 Minuten zu Fuß und man hat einen gigantischen Ausblick auf die Alpen, hinter denen auch abends die Sonne untergeht – ein schöner Spot für ein Feierabendbier! Kulturell gibt es ab und zu Livemusik in Bars, ich war auf einem Science Slam und auf dem Dokumentarfilmfestival – beides habe ich auf Plakaten in der Stadt entdeckt und spontan mit Freunden entschieden dorthin zu gehen. Für gute Partys ist man auf Tips angewiesen, aber Metelkova lohnt sich am Wochenende immer – das ist ähnlich zum Odonion in Köln wem das was sagt ;)
Zu Slowenien: Man hat definitiv die Möglichkeit an vier Wochenenden eine Menge vom Land zu sehen. Wir waren am ersten Wochenende gemeinsam mit allen Austauschstudenten in Piran an der Küste und ein anderes Mal in Bled und am Lake Bohinje im Triglav Nationalpark beim Wandern an einer Grotte – superschön! Außerdem haben wir gemeinsam die Tropfsteinhöhlen von Postojna besucht, was auch sehr beeindruckend war. Ein anderes Wochenende waren wir zu zweit in Maribor bei einer Couchsurferin, haben uns die Stadt und die Umgebung angeguckt und eine Weintour gemacht. Mein Eindruck, dass Slowenen sehr gastfreundliche Menschen sind, hat sich durchgehend bestätigt. Gerade außerhalb der touristischen (Stadt-)Zentren, vor allem auf dem Land, wird man extrem herzlich empfangen und behandelt.
Politisch ist Slowenien seit dem Austritt aus dem kommunistischen Jugoslawien 1991 eine Demokratie. Auch wenn das noch junge Land seitdem einige Krisen zu bewältigen hatte und auch von der Wirtschaftskrise nicht verschont blieb, ist die Grundstimmung in der Bevölkerung positiv und zuversichtlich und die Arbeitslosenquote ist so gering wie noch nie seit Staatsgründung. Bildung ist kostenlos und der Staat unterstützt gerade Studenten finanziell enorm.

Fazit

Die Famulatur war sehr gelungen und hat all meine Erwartungen übertroffen! Gerade weil es so spontan organisiert war und ich selbst nicht lange Zeit hatte mich vorzubereiten, war ich vom reibungslosen Ablauf sehr überrascht. Land und Leute sind mir sehr ans Herz gewachsen, ich habe den Monat in Ljubljana in vollen Zügen genossen und war bestimmt nicht das letzte Mal in meinem Leben in Slowenien!

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