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Italy (SISM)

Chirurgie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Paul, Göttingen

Motivation

Weshalb nicht mal eine ganz andere Erfahrung machen, die immer gleiche Uni, die immer gleichen Stationen, ja selbst das immer gleiche Studentenzimmer gegen etwas vollkommen Neues und Anderes eintauschen? Und sei es nur für einen Monat. Dieser Gedankengang machte mich auf das Austauschprogramm der IFMSA aufmerksam. Für die Famulatur ins Ausland zu gehen, ist im Grunde genommen ideal. Es ist verzeihlich, wenn man noch nicht allzu viel ärztliche Tätigkeiten und Routinen beherrscht, und lernen kann man immer und in jeder Situation. Gerade außerhalb der gewohnten Komfortzone kann man einmal so richtig mit sich selbst, seiner Aufnahme- und Improvisationsfähigkeit experimentieren.
Das Land spielt da eigentlich gar keine große Rolle – Hauptsache einmal über die Grenze und neue Kulturen, Sichtweisen, Leute – und natürlich Delikatessen kennen lernen. (Okay, ich gebe es zu: auf Letzterem lag vielleicht mein Hauptaugenmerk, dass ich Italien als meinen Favoriten angegeben habe.)

Vorbereitung

An ein bisschen selbstständiger Planung kommt niemand vorbei, der mit angerechneter Studienleistung und Urlaub zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen möchte. Beginnen sollte es damit, dass man auf der Webseite seiner Fachschaft vorbeischaut und sich über die unterschiedlichsten Angebote informiert. Unweigerlich wird man da auf den sehr entgegenkommenden bvmd stoßen. Auch Informationsveranstaltungen (beispielsweise am Aktionstag in Göttingen) wecken zuverlässig die Aufmerksamkeit des Exchange in spe.
Wer auch nur dezent mit dem Gedanken spielt irgendwannmal ins Ausland zu gehen, sollte vorher mal einen Sprachkurs in Englisch machen/gemacht haben. Das nimmt einem ein wenig den Druck, in der Bewerbungsphase noch einem Zertifikat hinterherzujagen. Die Vorlage des DAAD ist zum Glück recht formlos und kann von einem gutbekannten Tutor mal eben zwischen Tür und Angel ausgefüllt werden. In einigen Fällen (wie dem meinem) ist ein Nachweis der Landessprache nicht erforderlich. Dennoch erweist es sich als außerordentlich empfehlenswert trotz der knappen Freizeit eines Medizinstudenten den entsprechenden Sprachkurs (und sei es nur das Einsteigerniveau) zu besuchen. Im Krankenhaus wird zwar möglicherweise verständliches Englisch gesprochen, aber „mitten im Leben“ kommt man selbst mit ein paar grundlegenden Brocken und Floskeln enorm weiter.
Apropos „Kurse“: Der bvmd bietet ein paar Mal im Jahr ein pre-exchange-Wochenende an (Infos auf Facebook oder über den Mailverteiler), auf welchem man sowohl Spaß haben kann, andere pre-Exchanges trifft und eine Menge wichtiger Informationen und soft skills für den Auslandsaufenthalt erfährt.
Die Formalia sind natürlich eine Sache für sich. So erschlagend, langwierig, redundant und überflüssig alles erscheinen mag, so sollte man sich trotzdem nicht unterkriegen lassen. Es funktioniert am Ende, nicht zuletzt wegen der großartigen Hilfsbereitschaft sämt

Visum

Als EU-Bürger werden für Italien keine gesonderten Dokumente erfragt. Dennoch sollte man nicht nur für Flüge sondern auch bei Busreisen den Personalausweis mitführen, da dieser vom Zoll oder bei Grenzübergängen regelmäßig kontrolliert wird. Auch wenn die Polizei eure Dokumente einzieht und euer Gepäck durchwühlt – Ruhe bewahren; ihr habt ja eigentlich nichts zu verbergen. Macht euch auch darauf gefasst, dass in Italien das Militär vor großen öffentlichen Gebäuden oder Sehenswürdigkeiten patrolliert, und die Carabinieri solche Leute, die offenbar wie Ausländer oder heruntergekommene Backpacker aussehen, mal für ein intimes Gespräch beiseite nehmen. Kooperiert einfach und verblüfft die Behörden mit euren profunden Englischkenntnissen.

Gesundheit

Auf den Seiten der IFMSA (beziehungsweise SISM für Italien) stehen eine Menge gesundheitlicher Anforderungen. Die meisten Impfungen erfüllt man bereits mit dem regelmäßigen Gang zum Betriebsarzt oder durch die Kinderschutzimpfungen. Dennoch existieren einige spezielle Impfanforderungen, welche sich leider von Universität zu Universität unterscheiden. Dummerweise sollte man sich der Impfungen unterziehen, bevor man eindeutig weiß, welcher Stadt man zugeteilt wird. Es ist nur ratsam, so früh wie möglich damit anzufangen und einfach auf Verdacht alles abzudecken, was in dem gesamten Katalog steht; schaden kann es ja nie. Und da es ohnehin ins Ausland geht, kann man die Kosten für Impfstoff und Prozedur sich von der Krankenversicherung als Reiseschutzimpfung rückerstatten lassen.
Interessanterweise stellte sich das Ganze Brimborium in meinem Fall als möglicherweise total unnötig heraus, da vor Ort niemand meinen Impfpass (oder sonstige Dokumente) kontrollierte. Das gleiche gilt auch für die zahlreichen Versicherungen, die als mandatory gelten, deren Zertifikate ich aber trotzdem nicht als Druck habe vorlegen müssen.
Übrigens kann man sich auf den Seiten des Auswärtigen Amtes oder des Robert-Koch-Institutes wunderbar darüber informieren, was als Reiseschutzimpfung vermutlich Sinn macht. In Italien ist das beispielsweise Hepatitis A.

Sicherheit

Die in den exchange conditions angegebenen Versicherungen sind zwar obligatorisch, aber meiner Meinung nach ziemlich überflüssig. Die Privathaftpflicht hat man vor dem 25. Lebensjahr noch über seine Eltern, Unfall (so man diese noch nicht hat) sollte man so kurz und billig wie möglich abschließen. Wichtig ist zumindest die Krankenversicherung; man weiß ja nie, welche dummen Dinge einem im Ausland selbst ohne eigenes Verschulden widerfahren können.
Ich persönlich erlebe Italien (okay, zugegeben: Nord-Italien) als genauso sicher wie Deutschland. Sorgen braucht man sich keine machen, wenn man sich ein paar grundlegende Verhaltensweisen schon im Voraus angewöhnt hat. Zum Beispiel: Wertsachen dicht am Körper tragen, auch an Zebrastreifen (gibt’s da überall) eine Auge auf den Verkehr richten, ohne Bürgersteig auf Gegenverkehrsseite gehen, und bei Bus- oder Bahnreisen die Wertsachen im Handgepäck führen. Vor allem: als Radfahrer Helm tragen. Eine andere Austauschstudentin aus Deutschland hat’s zu meiner Zeit auf dem Rad per Bus erwischt. Glimpflich dank des Helms.

Geld

Die Lebensunterhaltungskosten sind ähnlich wie in Deutschland. Im Prinzip habe ich mein Geld nur für Nahrung und Reisen ausgegeben. In den Supermärkten (Tipp: Discounter Conad) bekommt man gerade die Grundnahrungsmittel wie Pasta sehr billig, und an den zahlreichen Straßenständen gibt es für Obst und Gemüse einen im Vergleich zu Deutschland guten Preis. Will man abends ausgehen und nicht auf einer hohen Restaurantrechnung sitzen bleiben, empfiehlt es sich, einen „Aperitivo“ zu bestellen. Das ist ein alkoholisches Getränk zu erhöhtem Preis, und berechtigt zum Zugriff zum all-you-can-eat-Buffet.
Karte und Bar (Euro) funktioniert beides gleich gut.

Sprache

Zwar ist ein Nachweis von Italienischkenntnissen nicht obligatorisch für den SCOPE, aber in jedem Fall empfehlenswert. Meine Austauschkollegen sprechen zwar selbst kein Italienisch, kommen anscheinend aber trotzdem irgendwie zurecht. Denjenigen unter euch mit Erfahrungen in Spanisch oder Französisch wird es mit Sicherheit leicht fallen, rasch ein grundlegendes Verständnis der Sprache zu erlenen. Da dies nicht auf mich zutrifft, habe ich mich trotz eines einsemesterlichen Basic Kurses an der Uni ein wenig schwer getan. Anweisungen, Hinweisschilder und Ähnliches zu Lesen und zu Verstehen sollte keinem großen Probleme bereiten, vor allem weil in den größeren, das heißt touristenstrotzenden Städten meist einiges zweisprachig ist (Englisch).
Abgesehen von der Hochschule (und dem Krankenhauspersonal mit Hochschulbildung) findet man leider wenig Leute mit weiteren Sprachkenntnissen. Also ist man als pre-exchange vor die Wahl gestellt, ob man zeitüber kommunikativ isoliert sein möchte, oder wenigstens ein bisschen teilhaben möchte. Die Italiener sprechen leider sehr schnell; der beste Tipp ist deswegen Kopfnicken und entweder „Sì“ oder „No“ sagen. Übrigens sind die Dialekte im Norden (meiner Auffassung nach) näher an der Schriftsprache dran und einfacher zu verstehen, als das, was im Süden gesprochen wird.

Verkehrsbindungen

Wenn man nicht gerade eine große Stadt mit Flughafen besucht, bieten sich entweder Fernbusse oder das Schienennetz an. Je weiter die Reise, desto mehr spricht für Erstere, da diese weniger Umsteigen erfordern, Internet an Bord haben, man relativ gut schlafen kann, und vor allem die Preise niedriger sind als bei der Eisenbahn. Leider nicht gerade komfortabel. Der Zeitaufwand ist meist der gleiche, oder besser, da die Nacht durchgefahren wird. Für kürzere Reisen und Trips innerhalb Italiens (etwa im 1h-Radius) empfehle ich die Bahn, welche die meisten Strecken sehr häufig abfährt. Achtung potenzielle Schwarzfahrer: die Schaffner kontrollieren sehr gewissenhaft und vor allem zuverlässig. Selbst auf Fahrten kürzer als 15min bin ich regelmäßig kontrolliert worden.

Kommunikation

Im Prinzip fortschrittlicher als Deutschland bietet Italien an vielen öffentlichen Plätzen freies Wifi an, sogar an den Autobahnraststätten („autogrill“). Zudem ist es clever, wenn man in einer fremden Stadt unterwegs ist, mal bei den verstreuten Institutionen der dortigen Universität vorbei zu schauen, weil die in aller Regel eduroam haben. Im Krankenhaus habe ich kein Internet gehabt, aber da soll man ja eigentlich anderes zu tun haben, als zu surfen. Im Wohnheim besaß ich zum Glück Zugang zum hauseigenen Netzwerk, das zwar überlastet war und jeden Tag mehrere erneute Anmeldungen erforderte, aber immerhin etwas war. Man braucht sich also keine Sorgen zu machen, in Italien in einem schwarzen Loch zu landen, oder für seinen Anschluss an die Welt Unsummen zu blechen.

Unterkunft

Die Unterkunft in einem Studentenwohnheim wurde mir komplett von der IFMSA/SISM organisiert und bezahlt. Zwar waren die Aufnahmeformalitäte typisch italienisch furchtbar bürokratisch (dutzende Unterschriften, 2 frische Passfotos, Verhandlungen mit dem Verwalter, spätere Zimmerkontrollen); später jedoch stellte mich die Bleibe recht zufrieden. Ich kam in einer 2er-WG unter. Das gemeinsame Bad beinhaltete WC, Dusche und Waschbecken; seine Kleidung konnte man im hauseigenen Waschkeller waschen. Die Küche war mit zwei Kochfeldern und einem Herd sehr spartanisch eingerichtet. Das Wohnheim stellte keine Küchenutensilien zur Verfügung, sodass ich zum Glück das Material meines Mitbewohners benutzen durfte.
Mein eigenes Zimmer maß 2,5x5m mit Bett, Schreibtisch, Regalen, zwei Stühlen, voluminösem Schrank und eigenem Kühlschrank. Vom Wohnheim bekam ich zwar Handtücher, aber keine Bettwäsche.

Literatur

Über den SCOPE (Abläufe, Obligatoria etc.) habe ich mich anhand der Internetseiten von IFMSA, bvmd und SISM infortmiert, welche vollkommen genügen in dieser Hinsicht. Alles andere erschien mir zweitrangig, sodass ich den Rest vor Ort recherchierte. Italienische Webseiten sind so gut wie nie zweisprachig, sodass man entweder mühsam übersetzt, sich mich grobem gist zufrieden gibt, oder einfach improvisiert. Ein Reiseführer kann sicherlich nicht schaden, mir genügten jedoch heruntergeladene Karten der jeweiligen Stadt, die ich besuchte. Das meist zu empfehlende Buch ist natürlich ein beliebiges Taschenwörterbuch.

Mitzunehmen

Wie bei jeder Reise sind die wichtigsten Dinge natürlich Geld und Telefon, um sich die Möglichkeiten zu Einkauf und Kommunikation offen zu halten. Wer mit dem Bus anreist, benötigt an der Grenze seinen Personalausweis. Der ist auch ganz nützlich, wenn einen die omnipräsenten, hyperaktiven Carabinieri kontrollieren, was mir aufgrund meines anscheinend „fremdländischen“ Aussehens im Prinzip wöchentlich passiert ist.
Direkt mit dem Telefon ist es ratsam, eine Powerbank zu haben, sollte man für einen Tagesausflug unterwegs sein, oder ein Wochenende ohne Unterkunft außer Haus. Mein gutes Stück lässt sich sogar über Solarzellen aufladen, und hat mir bestimmt mehr als einmal den Kragen gerettet, wenn meine Stecker nicht mit dem italienischen System kompatibel waren. (Eigentlich sollten deutsche Stecker keine Schwierigkeiten haben. Zumindest meine „Schmalen“ jedoch wackelten furchtbar und übertrugen nur die Hälfte der Zeit. Einen Adapter habe ich mir deswegen allerdings nicht angeschafft.)
Aus Erfahrung habe ich außerdem immer eine Rolle WC-Papier in meinem Gepäck. Oft genug ist davon in öffentlichen Toiletten nichts mehr anzutreffen, oder man muss etwas reinigen oder aufwischen. Weiterhin eignet sich das Ding super als improvisiertes Kissen oder als Nackenstütze im Bus oder Schlafsack.

Reise und Ankunft

Nach einer 18-stündigen Busfahrt und einer Nacht ohne Schlaf war ich müde, aber meine Kontaktperson ließ es sich nicht nehmen, mich schon halb Sieben morgens vom Busbahnhof abzuholen. Der Weg zur Unterkunft zwecks Sachenauspacken fand per öffentliche Verkehrsmittel statt, welche mir gleich noch erklärt wurden, aber derart kompliziert klangen, dass ich die Funktionsweise gleich wieder vergaß und lieber ausschließlich zu Fuß unterwegs blieb. Meine Kontaktperson half mir auch, die langwierigen Formalitäten mit dem Wohnheim zu klären.
Anschließend hatte ich ein ganzes Wochenende, um mich auf eigene Faust in der Stadt einzuleben, einzukaufen und zu organisieren. Diese freien Tage nutzte ich auch dazu, meine Austauschkollegen zu treffen und kenne zu lernen, sowie die wichtigsten Wege zu Krankenhaus, Mensa und Stadtzentrum alle ein paar Mal abzugehen.
Mein erster Arbeitstag am Montag gestaltete sich leider als sehr konfus, da sich meine Kontaktperson verspätete und ich deswegen ebenfalls zu spät in meiner Abteilung aufschlug. Die verkomplizierte die Planung auf der einen Seite, dass ich nun keinen akademischen Ansprechpartner bekam, zeigte sich im Nachhinein aber auch als vorteilhaft, da ich mich einfach an die erstbesten Ärzte meiner Station dranhängte, und ihnen im Laufe des SCOPE folgte.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Aufgrund der erwähnten fremdverschuldeten Verspätung gleich an meinem ersten Tag hatte ich als Einstiegsmalus gleich einen schlechten Stand bei meinem zuständigen Professor (zum „Ausgleich“ ließ er mich gleich kommentarlos eine ganze Zeitstunde vor seinem Büro warten). Dort traf ich dann auch die zwei Assistenzärzte und die Ärztin, welche mir gleich spontan anboten, sie zu begleiten, wozu sie der Professor schließlich nach einem kurzen Gespräch (ohne mich einzubeziehen) auch authorisierte. Im Folgenden war kein Kontakt mehr zu meiner „eigentlichen“ Kontaktperson notwendig, da ich sämtliche Angelegenheiten mit den Assistenzärzten entweder mündlich oder über WhattsApp regelte.
Die Arbeit in der Plastischen Chirurgie / Hautchirurgie umfasst im Prinzip zwei große Tätigkeitsbereiche. Zum einen wird sich um ambulante Patienten gekümmert, zum anderen um Stationäre. Erstere erscheinen mit einem Termin oder einer Überweisung ihres Haus-/Haut-Arztes, berichten von ihrem Anliegen und werden anschließend untersucht. Interessanterweise sind bei diesen Anlässen alle drei Ärzte (also die Ärztin und zwei Assistenzärzte) anwesend, von welchen in Rotation einer die Anamnese durchführt, einer die körperliche Untersuchung und einer die in Italien exzessiv ausführliche Aktenarbeit. Für mich als Famulant geht es meistens darum, sehr konzentriert zuzuhören, um überhaupt erstmal den Inhalt des Gespräches zu verstehen (welches zu einhundert Prozent auf Italienisch stattfindet, da höchstens Migranten aus Indien oder Afrika Englisch beherrschen), oder zeitgleich dem Untersucher über die Schulter zu schauen, um in seltenen Situationen selbst einmal Hand bei der Hautdiagnostik anzulegen. Des Weiteren werden bekannte Patienten Verbandswechseln oder Wundinspektionen unterzogen, wobei ich die einfachsten praktischen Tätigkeiten wie Anreichen des Materials, Zuschneiden oder Pflasterkleben übernehmen darf. Zwar kann jeder Patient den Luxus von 15 Minuten Zuwendung beanspruchen; jedoch sind die Termine so eng getaktet, dass zwischendurch kaum Zeit existiert, wo ich meine Tutoren um Erklärungen bitten kann, oder Fragen stelle.
Im OP werden sowohl ambulante als auch stationäre Patienten behandelt. Der wesentliche Unterschied ist (um es humorvoll auszudrücken) die Anwendung lokaler oder totaler Anästhesie. Kleinere Eingriffe umfassen die Entfernung von Lipomen, Zysten, Narben oder anderen unerwünschten Hautbildern (welche in Unterscheidung zur ästhetischen, privat bezahlten Chirurgie einer medizinischen Indikation bedürfen). Größere Operationen beinhalten Hauttransplantationen, oder Plastiken des Abdomens („Fettentfernung“) oder der Mammae („Brustverkleinerung“). Am OP-Tisch ist es meistens entweder überfüllt um ein sehr kleines Operationsgebiet, oder ausgedehntere Operationen sind mit einer gewissen Latenz der postoperativen Klagefreudigkeit (in juristischer Hinsicht) vergesellschaftet, sodass ich als Famulant schon genug damit zu tun habe, überhaupt einen unverstellten Blick auf den point of interest zu erhaschen, und höchstens in der Endphase der Operation beim Säubern, Nähen oder Nachsorgen helfen kann.
Von einem handfesten Fach wie der Plastischen Chirurgie hatte ich mir tatsächlich mehr Praxis erhofft. Dass ich diese aber nur auf recht penetrantes Nachfragen erhielt, war allerdings nicht dem Unwillen der Ärzte zuzuschreiben, sondern der Tatsache, dass das italienische Studium himmelschreiend theoretisch konzipiert ist. Italienische Studenten, welche ich in der Zeit zahlreich traf, wussten mit meiner Umschreibung einer „Famulatur“ bzw „PE“ nicht viel anzufangen, da in Italien ein Praktikum auf Station zu 99 Prozent Herumstehen beinhaltet.
Da die für mich zuständigen Ärzte waren glücklicherweise ziemlich jung und deswegen versatil auf Englisch, auch wenn ich einige Zeit benötigte, die lustigen Missverständnisse ihres Akzents zu durchschauen. (Bei „bring the [′bædʒ.ə]“ suche ich leider zuerst nach wesauchimmer Dienstausweis und erst nach hinreichender Kontemplation nach dem Pflaster.) Ohne von ihrem Chef mit irgendwelchen Instruktionen für mich ausgestattet zu sein, gestanden mir meine Tutoren sehr … flexible Arbeitszeiten zu. Dies war es im Endeffekt wert, dass ich geringe praktische Erfahrung gegen viel Freizeit eintauschte.

Land und Leute

Für mich, der nie zuvor in Italien gewesen war, gab es natürlich eine Menge zu entdecken, in den großen wie den kleinen Sachen. Die „großen“ Sachen bedeuteten, dass ich mich an den freien Wochenenden aufmachte, um die Gegend zu bereisen. Meine Austauschkollegen taten Ähnliches, allerdings ging ich auf eine Faust vor, weil ich ein größtmögliches Maß an Reiseunabhängigkeit für mich wahren wollte.
Da Parma in Norditalien recht zentral liegt, waren Zug- und Busreisen zu einigen der bekanntesten Touristendestinationen nicht weit. So schaffte ich es, Mailand, Florenz, Bologna, Venedig und natürlich Rom zu besuchen. Wenn man wie ich den Fernbus nimmt, entweder in diesem Gefährt oder gar nicht schläft, kommt man finanziell recht gut weg dabei. Beinahe genauso viel Geld habe ich beim Ausprobieren der kulinarischen Spezialitäten „verloren“. Vor allem Parma ist ja für Delikatessen wie Parma-Schinken und Parmiggiano Reggiano bekannt. Gutes „Gelato“ kann man in jeder Stadt essen, und genau das habe ich auch gemacht.
Ein nicht ganz so geheimer Geheimtipp (aber nicht ganz so naheliegend in mentaler Hinsicht) sind die „Cinque Terre“ – fünf Dörfer an der ligurischen Felsenküste, die so malerisch sind, dass sie zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt wurden. Erreichbar sind sie locker mit dem Zug (unmöglich mit Auto oder Bus), und wer etwas sportlich ist, kann alle fünf an einem Tag abwandern. Für den, der zusätzlich noch etwas Natur mag, sei die Via Francigena ans Herz gelegt; ein kaum bekannter Pilgerweg, dessen Stationen gut in das Bahnnetz eingebunden sind.
Die „kleinen“ Sachen sind für mich die zahlreichen Verschrobenheiten und Eigenarten, welche die Italiener wie jedes Volk ganz typisch für sich an den Tag legen, und einen als Deutschen manchmal bezaubern, manchmal amüsieren und manchmal die Haare in Frustration raufen lassen. Ich habe sogar eine ausführliche Liste dieser Dinge erstellt, die einem so auffallen, wenn man ein Land fast schon mehr bewohnt als bereist, und gebe hier einige davon wieder: Allenthalben Mofas auf den Straßen; allenthalben Klein-Pkws in den Gassen; ineffiziente Bürokratie; im Supermarkt Parmesan kiloweise abgepackt und Tintenfisch im Kühlregal; Oglio und Aceto aus der Sprühflasche; Mit dem privaten Smartphone werden unkompliziert Bilder von Patienten angefertigt …
Ein Ausländer zu sein, kann in Italien entgegengesetzte Auswirkungen haben. Negativ ist, dass einen die öffentlichen Stellen wie Post, Ämter und vor allem die Ordnungshüter, (sogar die Portiere im eigenen Wohnheim) mit größerem Misstrauen bedenken und nicht ganz so freundlich behandeln wie Einheimische; vielleicht liegt es daran, dass Norditalien nicht ganz so sehr auf Tourismus angewiesen ist wie die Mitte oder der Süden. Leute des alltäglichen Lebens wie Kassierer, Verkäufer, der Ausschank in der Mensa (immer wenn ich mir drei Portionen auf einmal gegönnt habe, die allerdings auf separaten Tabletts angerichtet werden mussten, bekam ich tragekräftige Hilfe von den Angestelltinnen), oder nur die Passanten können sehr nett und hilfsbereit sein, wenn man einigermaßen hilfsbedürftig und potenziell dankbar erscheint, und zumindest den kleinsten Brocken Italienisch einstreuen kann. Dann ist es auch möglich, in Italien zu überleben, ohne stets an den Rockschößen der Kontaktpersonen des SISM zu hängen, und macht vielleicht sogar noch „einzigartigere“ Erfahrungen.
… einfach ein Land zum Liebhaben. Wer in seiner Lebensauffassung offen ist, erlernt schon nach ein paar Tagen die „dolce vita“ wertzuschätzen.

Fazit

Mein Fazit fällt auf jeden Fall positiv aus. Zwar habe ich während der Famulatur bedeutend weniger praktische Erfahrung gesammelt, als das in wohl so ziemlich jedem deutschen Krankenhaus der Fall gewesen wäre. Allerdings darf man nicht vergessen, dass es bei einem SCOPE im Wesentlichen darum geht, dass man die Kultur eines fremden Landes kennenlernt, sowie die Bedeutung und die Bedingungen des Arztberufes dort. Die Ärzte meines Departements haben nämlich das Glück als plastische Chirurgen nur unter der Woche zu arbeiten, Nachtschichten gibt es nicht und Notfälle höchstens, wenn es mal während des Bereitschaftdienstes klingelt. Generell scheint man sich in Italien nicht eine knallharte 40+h-Woche antun zu wollen, was eine Famulatur (und verbundenerweise den Arztberuf) wohl sehr angenehm macht. Entspannt scheinen die Leute trotzdem nicht wirklich, da in Italien alles mit einer gewissen Prise an Hektik und Unorganisiertheit einher kommt. Aus diesem Grund zöge ich es vor, eher in einem der nordischen Länder zu arbeiten, sollte es jemals dazu kommen. Um Urlaub, einen Auslandsaufenthalt oder gar –studium zu machen, ist Italien jedoch hundertzehnprozentig die Reise wert.

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