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Colombia (ASCEMCOL)

Chirurgie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Birthe, Dresden

Motivation

In der Vorklinik hatte ich zwei Pflegepraktika in Argentinien und Uruguay gemacht und damals Spanisch und Südamerika für mich entdeckt. Nach einem ERASMUS-Jahr in Spanien, wollte ich erneut nach Lateinamerika, um diesmal dort zu famulieren. Kolumbien war mein Erstwunsch, da ich einige Kolumbianer kennen gelernt hatte, die mich sehr neugierig auf das Land gemacht haben und weil die medizinische Ausbildung einen sehr guten Ruf hat.

Vorbereitung

Zur Vorbereitung habe ich mein Spanisch etwas aufgefrischt und versucht mit der Kontaktperson zu klären, was ich für die Famulatur mitbringen soll. Die gängigsten Krankheitsbilder habe ich vorher auch noch einmal wiederholt.

Visum

Für touristische Zwecke (weniger als 90 Tage) braucht man kein Visum. Laut IFMSA Seite braucht man je nach Gastuniversität ein Studentenvisum um famulieren zu dürfen. Nach Absprache mit den LEOs brauchte ich weder für Tunja noch für Armenia ein Visum.

Gesundheit

Da ich schon alle wichtigen Reiseimpfungen habe, musste bei mir nichts aufgefrischt oder zusätzlich geimpft werden. Ich hatte eine normale Reiseapotheke dabei, plus Doxycyclin als Malaria-Stand-by für den Fall der Fälle (auf Anraten eines Reisemediziners). Ohne Auslandsreisekrankenversicherung kann man in Kolumbien nicht famulieren. Die Bestätigung der Versicherung, wird auch vorher schon an die lokale Vertretung geschickt.

Sicherheit

Ich persönlich bin in meiner Zeit dort, nicht in nicht eine unangenehme Situation gekommen oder habe mich unsicher gefühlt. Wobei ich mich auch an die klassischen Sicherheitsregeln gehalten haben (bestimmte Viertel meiden, im Dunkeln nicht alleine unterwegs sein, in bestimmten Situationen das Handy in der Tasche lassen...). Da aber alle Menschen, mit denen ich Kontakt hatte, immer sehr um meine Sicherheit besorgt waren, war die Umsetzung auch nie ein Problem. Im Zweifel einfach die Leute vor Ort fragen, wie sicher sie etwas einschätzen.

Geld

Die Währung ist der kolumbianische Peso. 1 Euro sind circa 3500 Peso. Ich besitze eine Geldkarte, mit der ich kostenlos weltweit Geld abheben kann und hatte in der ganzen Zeit nicht einmal Probleme damit. Wechselstuben habe ich nur am Flughafen gesehen, da würde ich wegen des schlechten Kurses aber nicht empfehlen zu tauschen.

Sprache

Sehr gute Spanischkenntnisse sind Grundvoraussetzung. Mein Sprachniveau genau einzuschätzen finde ich recht schwierig, würde allerdings wirklich niemandem empfehlen mit weniger als B2-Niveau dort zu famulieren, da man sonst schlichtweg nicht kommunizieren kann und einfach nur "dumm" in der Ecke stehen wird. Da mein ERAMUS-Jahr etwas her war, hatte ich besonders die ganzen Medizinischen Begriffe aufgefrischt, was hilfreich war. In den ersten Tagen war der Dialekt für mich etwas gewöhnungsbedürftig, aber nach ein paar Tagen war das auch kein Problem mehr.

Verkehrsbindungen

Ich hatte Glück und hatte einen sehr günstigen Flug bei Iberia buchen können (Frankfurt via Madrid nach Bogota, Hin- und Rückflug). Weiter nach Armenia bietet Avianca gute Verbindungen. In Kolumbien selbst ist das Fernbusnetz gut ausgebaut und die meisten Reisebusse sind sehr modern. Taxi und Uber sind für deutsche Verhältnisse sehr günstig und je nach Situation sicherlich auch die Beste alternative. Von meiner Gastfamilie aus bin ich problemlos mit dem Überlandbus (15 Minuten) zum Krankenhaus gekommen.

Kommunikation

Am 2. Tag habe ich mir eine Prepaid SIM bei Moviestar gekauft und die alle paar Tage nachgeladen. Die genauen Preise habe ich leider nicht mehr im Kopf, aber es ist auf jeden Fall super günstig und man kann die Karte an fast jeder Ecke aufladen.

Unterkunft

Gewohnt habe ich bei der besten Gastfamilie, die man sich nur Wünschen und Vorstellen kann. Eine super herzliche Familie, für die ich vom ersten Tag an nicht einfach nur ein Gast, sondern neues Familienmitglied war. Die Familie hat mit den Großeltern zusammengelebt, allerdings nicht in Armenia selbst sondern in einem Dorf/Kleinstadt vor Armenia. Das machte den Transport abends etwas schwieriger, weil der letzte Bus von Armenia aus um 22 Uhr startete, was einen in der Abendgestaltung vielleicht etwas einschränkte. Für mich war dies allerdings auf Grund der Herzlichkeit der Familie kein Problem.

Literatur

Besondere Literatur kann ich nicht empfehlen. Ich besitze ein kleines Buch, dass spanische medizinische Abkürzungen ausschreibt. Dieses Buch hatte ich immer in der Kitteltasche und in manchen Situationen war das auch ganz hilfreich.

Mitzunehmen

Für das Krankenhaus ist es ganz wichtig einen weißen Kittel mit langen Armen mitzunehmen. Trotz mehrmaligen Nachfragens hatte ich erst, als ich schon am Flughafen war durch die Kontaktperson erfahren, was ich alles mitnehmen soll. Dazu gehörte dann aber neben dem Kittel nur noch ein Stethoskop und das, was man in seiner Heimatuniklinik unter dem Kittel tragen soll (Kasak, weiße Hose...).

Reise und Ankunft

Meine Zusage für Kolumbien hatte ich zuerst für Tunja erhalten. In Tunja gab es aber Kapazitätsprobleme, weswegen ich 2 Wochen vor Beginn die Nachricht bekam, dass es doch nach Armenia geht. Die Kommunikation mit meinen zwei Kontaktpersonen in Tunja war sehr gut. Mit der Kontaktperson aus Armenia lief das etwas anders. Zuerst bekam ich gar keine Reaktion und später nur ganz knappe Anweisungen und keine Antwort auf Fragen. Bis zu dem Tag, an dem ich in Armenia angekommen bin, wusste ich nicht, ob ich überhaupt eine Unterbringung habe und ich hatte den Eindruck, dass nichts organisiert sei. Die Verantwortliche hat mich dann aber sogar am Flughafen abgeholt, zur Universität gebracht, mich dort offiziell im Sekretariat angemeldet und mich meiner Gastschwester vorgestellt, mit der ich dann nach Hause bin. Auch am ersten Tag im Krankenhaus hat die Kontaktperson mich begleitet und offiziell vorgestellt. Das war aber, wie ich später erfuhr, eine Bedingung von Seiten der Ärztin, die mich betreut hatte.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Am ersten Tag habe ich mich bei der Studentischen Betreuerin für die Allgemeinchirurgie vorgestellt, und habe direkt mit ihr zusammen einen Rotationsplan erstellt, damit ich die Station, den OP und die Notaufnahme kennen lerne. Die kolumbianischen Internos (mit PJlern vergleichbar) sind fachlich sehr kompetent, machen quasi alles und haben harte Arbeitszeiten (offiziell von 7 – 19 Uhr, die Meisten kommen aber viel früher und gehen viel später). Auf Station beginnt man morgens mit der Visite, dokumentiert dann alles und erledigt dann die Arbeiten, die so anfallen. Blutabnehmen und Zugänge legen übernehmen die Krankenschwestern. Als ich vertraut mit den Abläufen auf Station war und mich sicher genug gefühlt habe, habe ich auch meine eigenen Patienten bekommen, was wirklich sehr lehrreich war in Bezug auf Patientenvorstellung, gezielte klinische Untersuchung und Röntgenbilder und Laborbefunde auswerten. Die häufigsten Krankheitsbilder waren Appendizitis, Cholezystektomie und Magenkarzinom. In der Notaufnahme sieht man zusätzlich noch einige Schuss- und Stichwunden und Verkehrsunfälle. In der Notaufnahme fängt man morgens mit einer Übergabe an. Es sind aus der Chirurgie immer zwei Internos in der Notaufnahme eingeteilt, einer der mit in den OP geht und einer der in der Notaufnahme alles regelt. In den Not-OPs sieht man dann auch vieles spannendes und darf eigentlich immer mit an den Tisch. Da es nur einen LAP-Turm gibt, wird auch viel mehr „offen“ operiert, was ich sehr spannend fand. Viele Krankheitsbilder sind schon fortgeschrittener als man sie vielleicht in Deutschland sehen würde, da viele Patienten aus verschieden Gründen erst zum Arzt gehen, wenn es nicht mehr anders geht. Ich konnte sehr viele Patienten untersuchen und viel praktisch machen (Nähen, im OP assistieren, intubieren, Drainagen ziehen…). Es gibt aber auch viel Papierkram, den man erledigen muss, und der Aufhält. Ein Nachdienst war Pflicht, ich habe aber mehr gemacht, weil es eine gute Gelegenheit war und man mit etwas Glück viel erlebt hat. Sowohl die Internos als auch die Ärzte waren bei Fragen immer geduldig und haben viel erklärt und man merkte, dass Lehre in dem Krankenhaus einen hohen Stellenwert hat. Generell war alles ohne starke Hierarchien. Eine Umstellung war z.B. die Auswertung von Röntgen- und CT-Bildern, die in Armenia analog im Fensterlicht am Patientenbett stattfand. Es läuft sicherlich einiges anders als in Deutschland, aber wen man sich drauf einlässt und offen für alles ist kann man vielen Dingen auch viel Positives abgewinnen. Dafür bekommt man die Möglichkeit viel zu sehe, zu lernen und vor allem viel selbst zu machen.

Land und Leute

Kolumbien ist ein wunderschönes Land, mit unfassbar freundlichen und großartigen Menschen. Das fing in der Gastfamilie an und hörte im Krankenhaus auf. Besonders auffällig und vielleicht auch anders als man es gewohnt ist, ist die generelle Fröhlichkeit und Offenheit, mit der fast allem und jedem begegnet wird. Am meisten Zeit verbrachte ich mit den Internos, die einen auch gleich quasi adoptieren und ins Team integrieren. Mir gegenüber zeigten sich alle immer sehr interessiert und neugierig, und mir wurden immer viele Fragen gestellt, wie die Dinge so in Deutschland laufen, warum ich überhaupt nach Kolumbien wollte und noch viel mehr. Es waren auch alle sehr hilfsbereit und hatten trotz der eigenen Arbeit genug Geduld mir Abläufe zu erklären oder Fragen zu beantworten. Abends und am Wochenende (wenn man frei hatte) haben die Internos einen dann zu allem möglichen mitgenommen. Viele der Internos kommen nicht aus Armenia und laden einen sofort zu sich nach Hause ein, weswegen ich rate so viel Zeit wie möglich mit nach Kolumbien zu nehmen, um auch wirklich alles nutzen zu können. Ähnlich war es mit meiner Gastfamilie. In fast jeder freien Minute hat die Gastfamilie mich mit auf Ausflüge genommen, sodass ich die Möglichkeit hatte ganz Quindío kennen zu lernen. Quindío liegt im Kaffedreieck und bieten wunderschöne Natur und neben Salento (einem touristisch total überlaufenen Dorf) viele kleine authentische Dörfer, in denen man das Leben außerhalb der Städte etwas kennen lernen kann. Viele Kolumbianer erscheinen sehr stolz auf ihr Land und ihre Kultur und wollen, dass man so viel mitnimmt wie irgendwie möglich. Mir wurde z.B. an fast jeder Ecke irgendein Essen oder Früchte zum Probieren in die Hand gedrückt. Es gibt sicherlich auch einige heikle Themen im Land (Gewalt, die Situation mit Venezuela, Armut, Drogen…)., die man verständlicherweise besser nicht an seinem ersten Tag ansprechen sollte. Aber nach einiger Zeit wird man zumindest meiner Erfahrung nach auch selbst drauf angesprochen, weil viele Kolumbianer die Chance nutzen wollen ein falsches Bild im Ausland zu korrigieren oder sich einfach austauschen wollen. Ich hatte leider nicht so viel Zeit zum Reisen, was wirklich sehr schade war. An einem Wochenende war ich Freunde in Medellín besuchen, was man sich, wenn man schon mal da ist, auch nicht entgehen lassen sollte. Da ich über Bogota geflogen bin und dort auch Freunde habe, konnte ich in ein paar Tage lang die Hauptstadt etwas kennen lernen, was sicherlich das Gesamtbild über das Land noch etwas kompletter gemacht hat.

Fazit

Ich kann den Austausch auf allen Ebenen nur empfehlen. Nicht nur habe ich tolle Menschen und ein faszinierendes Land kennen gelernt, sondern auch fachlich viel dazu lernen können. Es ist eine einmalige Gelegenheit.

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