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Taiwan (FMS Taiwan)

Anästhesie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Marcus, Tübingen

Motivation

Da ich Japanischkenntnisse habe wollte ich ursprünglich nach Japan. Es gab jedoch zu der Zeit keinen Vertrag mit Japan. Daher habe ich mich für Taiwan, Korea und Thailand beworben, da mich Südostasien generell interessiert und die medizinische Versorgung gerade in Taiwan und Korea der unseren ähnelt.

Vorbereitung

Ich habe an einem Pre-Departure-Training teilgenommen. Größere Probleme gab es keine, allerdings wurde von meiner Klinik ein Röntgenthorax gefordert. Sprachkurse o.ä. habe ich nicht gemacht, was auch in Ordnung war.

Visum

Bis zu 90 Tagen benötigen deutsche Staatsbürger kein spezielles Visum für Taiwan, das gilt trotz Krankenhausfamulatur.

Gesundheit

Ich habe eine Impfberatung beim Tropeninstitut gemacht. Außer den von der Stiko für Deutschland empfohlenen Impfungen, sollten Hepatitis A, B, Tollwut, Meningokokken A,C,W135,Y sowie B, Cholera, Typhus, Japanische Enzephalitis in Erwägung gezogen werden. Einige davon hatte ich schon, für den Rest war keine Zeit mehr. Wegen des Dengue-Fiebers sowie der japanischen Enzephalitis empfiehlt sich ein Mückenspray mit 30% DEET, ich habe es selten benutzt, aber auf dem Land ist es manchmal ganz ratsam.
Schmerztabletten hatte ich dabei, Imodium habe ich mir dann irgendwann besorgen müssen, war aber unproblematisch. Den Röntgen-Thorax habe ich in Frankreich machen lassen, da ich zu der Zeit gerade im Auslandssemester war.

Sicherheit

Obwohl die diplomatischen Streitigkeiten mit Festland-China bestehen schätze ich Taiwan als sicherer ein als Deutschland, abgesehen vielleicht von eventuellen Naturkatastrophen. Man wird euch sicherlich die komplexe Situation Taiwans erklären. Die kurze Geschichte seit dem 17. Jhd. ist sehr interessant.

Geld

Derzeit liegt der Wechselkurs bei etwa 35 NTD/TWD ((New) Taiwan Dollar) pro Euro.
Entgegen meiner Erwartungen zahlen die meisten Leute bar, was wie ich vermute auch den vielen Mini-restaurant an den Straßen geschuldet ist. Ich konnte mit der Apobank-Kreditkarte Bargeld ohne die üblichen 1,75% Wechselkursgebühren abheben, an den meisten Bankautomaten (vor allem an denen, die direkt an/in einer Bank sind) war die Abhebung kostenlos. Bei den Bankautomaten in 7-eleven convenient stores gab es eine Gebühr von 100 TWD, die die Apobank theoretisch auf Anfrage wieder erstattet, ob das funktioniert habe ich aber nicht ausprobiert. Bei direkter Bezahlung mit Kreditkarte fallen die 1,75% Wechselkursgebühr jedoch an. Daher habe ich so gut wie alles in bar bezahlt.
Die Lebenshaltungskosten sind denke ich einigermaßen ähnlich zu den deutschen, abgesehen von Lebensmitteln und vor allem Restaurants. Die sind wesentlich billiger und Trinkgeld wird auch keines erwartet. Auch öffentliche Verkehrsmittel sind günstiger, außer die "ICEs".

Sprache

In Taiwan werden hauptsächlich Taiwanesisch und Hochchinesisch gesprochen. Unter Medizinern werden generell die englischen Fachbegriffe genutzt, was einen lustigen Mix ergibt, aus dem man dann manchmal grob heraushören kann worum es geht. Die meisten Mediziner sind uns in medical English daher vermutlich überlegen, im normalen Gespräch hingegen meist deutsche Medizinstudenten den Taiwanern.
Man kommt mit Englisch meist gut zurecht. Aber selbst in Großstädten sprechen auf der Straße viele kein Englisch. Google Translate und Microsoft Translate bieten jedoch die Möglichkeit Fotos von chinesischen Schriftzeichen zu übersetzen, was im Restaurant meist ganz gut funktioniert.

Verkehrsbindungen

Ich bin für knapp 700€ mit Cathay Pacific von Frankfurt über Hongkong nach Kaohsiung geflogen.
In Taipei gibt es ein ausgezeichnetes Metronetz. In Kaohsiung nur zwei Metrolinien, die ich aber häufig genutzt habe. Eine Fahrt kostet etwa 50 cent. Auch die Regionalzüge sind recht billig. Die High speed rails (HSR) kosten dagegen mehr, etwa 40€ one-way von Kaohsiung nach Taipei, dafür benötigt man nur 2 Stunden, anstatt 5 Stunden für etwa die Hälfte. Vor allem der Westküste, die praktisch komplett aus Großstädten besteht, gibt es die HSRs. An die Ostküste nach Hualien oder Taitung fahren nur normale Züge. Möchte man tief ins Landesinnere empfiehlt es sich ein Auto zu mieten, da nicht überall Busse hinfahren. Dafür benötigt man einen internationalen Führerschein, der leider nach 3 Jahren abläuft, wie ich feststellen musste, sowie den deutschen. In Kaohsiung, Taipei und vermutlich anderen Großstädten gibt es city bikes. Standorte findet man mit Hilfe einer App, bittet einfach jemanden sie für euch herunterzuladen. Um diese nutzen zu können benötigt man eine easycard oder einen iPass, eine Chipkarte, die man an Bahnhöfen aber auch im 7-eleven aufladen kann und die für fast alle Verkehrsmittel und auch teilweisen in Läden gültig ist. Meine contact person hat mir eine geliehen. Für die Fahrräder muss man die Karte extra noch online oder am Fahrradautomat registrieren.
Man kann übrigens auch im 7-eleven bspw. Zugtickets kaufen.

Kommunikation

Meine LEO hat mir eine Simkarte besorgt. Es war ein Testangebot und daher war sie einen Monat kostenlos, unlimited internet access. Sowas kostet normalerweise etwa 30€, man bekommt aber schon wesentlich günstiger etwa 10GB. Im Dormitory gab es WLAN, im Krankenhaus ebenso.
Falls man Anrufe nach Hause tätigen muss, die nicht über Internet möglich sind, empfehle ich Skype. Das kostet aus den meisten Ländern etwa 3 cent pro Minute aufs Festnetz.

Unterkunft

Ich war in einem Studentenwohnheim auf dem Campus. Es war nicht besonders schön und wird demnächst abgerissen, aber zweckmäßig. Die Zimmer waren jeweils für 5 Personen, mit abschließbaren Schränken. Ich würde immer einige Schlösser auf solche Reisen mitnehmen. In den Hostels, in denen ich war gab es elektronische Schlösser, aber im Schlafsaal und auch im Krankenhaus war es sehr praktisch. Ich hatte allerdings auch das Glück alleine in dem Zimmer untergebracht zu sein, das ist aber sicher nicht immer der Fall. Am besten ihr erkundigt euch vorher mal bei eurer contact person. Das Bett war bezogen, es gab eine Möglichkeit Wäsche zu waschen, habe ich allerdings nicht genutzt, da ich genug Kleidung dabei hatte. Es gab Einzelduschkabinen, asiatische aber auch westliche Toiletten und eine Küche, zu der man aber den Zugang beantragen musste, was ich auch nicht gemacht habe, da man für 2€ gut auf der Straße essen kann. Mittags gab es sowieso kostenlos Essen im Krankenhaus. Es gibt auf den Zimmern außerdem keine Kühlschränke, wenn man nicht einen eigenen aufstellt.

Literatur

Ich habe in einem alten Magazin zufällig einen Reisebericht entdeckt und mich ein wenig durch die Internetseite Taiwanese secrets inspirieren lassen. Ansonsten habe ich sehr viele Empfehlungen von Ärzten, Studenten und meinen contact persons bekommen.

Mitzunehmen

Vergessen habe ich: Zahnpasta (ist bei uns eher etwas günstiger) und den internationalen Führerschein rechtzeitig zu beantragen. Im Nachhinein hätte ich auch einfach zwei Rollen Klopapier mitnehmen sollen. Im Wohnheim gab es keines.
Sinnvoll waren: Mikrofaserhandtuch für Wochenendausflüge, Schlösser, Tempos, Grundaustattung Medikamente, Sonnenbrille, Reisepass, Kittel, Kamera
Steckdosenadapter (Die Steckdosen sind wie die US-Amerikanischen), Tipp: Überprüft auch ob euer deutscher Stecker überhaupt in den Adapter passt, so konnte ich meinen Computer nicht nutzen.
Impfpass habe ich nicht gebraucht, kann aber nicht schaden.
Achtung ihr dürft maximal einen Liter Alkohol nach Taiwan mitbringen, es ist nicht ganz eindeutig, ob das auf mehrere Flaschen aufgeteilt sein darf, habe ich aber so gemacht.

Reise und Ankunft

Ich wurde vom Flughafen abgeholt von meiner LEO und meinen zwei contact persons. Ich bin etwas früher angereist, daher war alles sehr entspannt. Es lief alles sehr unproblematisch ab. Mir wurde gezeigt, wo ich mich bei Praktikumsbeginn einfinden sollte und von dort brachte man mich in den OP, wo sich dann während de gesamten Praktikums drei Ärzte um mich gekümmert haben.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich war auf der Anästhesie im OP-Bereich. Die Intensivstation wurde in meinem Krankenhaus von den Chirurgen betreut, ist aber nicht überall so. Die medizinische Versorgung ist sicherlich ähnlich gut wie bei uns. Es gibt denke ich mehr Selbstzahlerleistungen, die die Leute aber auch annehmen, wie bspw. PONV-Prophylaxe, bestimmte Überwachungsmonitore, die Verwendung von Sugammadex, wenn nötig. Die Taiwanesische Medizin ist auch noch sehr von der Japanischen Medizin beeinflusst. Viele jetzige Chefärzte haben in Japan studiert. Daher werden auch teilweise andere Medikamente verwendet, wie zum Beispiel manchmal Thiamylal (ein Barbiturat) zur Einleitung, weil der Chefarzt das mochte. TIVAs werden möglichst selten durchgeführt, da sie wesentlich teurer sind. Genauso wird hauptsächlich Fentanyl verwendet, anstatt Remifentanil, das ebenfalls wesentlich teurer ist. Spritzen mit Medikamenten bekommen keinen Deckel, sondern die Aufziehnadel mit recapping. Ich denke mit geringen Zugeständnissen wird dort einiges an Geld gespart, denn obwohl Fachärzte, zugegeben bei teilweise höherer Arbeitsbelastung, mehr verdienen als hier, ist das Gesundheitssystem sicherlich günstiger.
Es waren alle extrem freundlich und aufgeschlossen. Je nach Arzt durfte ich unterschiedlich viel machen. Wenn möglich habe ich mich daher an eine bestimmte Ärztin gehängt, bei der ich eigentlich alles machen durfte, also vor allem Intubieren, auch manchmal mit einer starren Optik (Trachway) bei schwierigem Atemweg, geniale Methode wie ich finde. In Taiwan ist ein Anästhesist immer für mehrere OP-Säle zuständig und je eine Anästhesiepflegekraft ist ständig im Saal, daher gab es viel zu intubieren. Es gab auch immer wieder kleine Unterrichtseinheiten für die "PJler", die dann für mich auf Englisch abgehalten wurden.
Ich habe auf jeden Fall viel praktische und auch einige theoretische Erfahrung gesammelt. Lokalanästhesien oder Epidural-/Spinalanästhesien habe ich ich gesehen, aber nicht selbst durchgeführt. Das kann aber auch anders aussehen, je nachdem an welchen Arzt man gerät. Das Medizinstudium dauert 7 Jahre, ab nächstem Jahr nur noch 6. Ab dem 5. Jahr sind die Studenten Clerks und rotieren durch die Fachgebiete, sollen aber vor allem zusehen. Das 7. Jahr, das nun abgeschafft wird, entspricht etwa unserem PJ.
Lustig ist, dass die Chirurgen in vielen OPs Musik laufen lassen, und dann je nach Geschmack d. Chirurgen schon mal ABBA zu einer Hirn-OP läuft. Taiwan ist außerdem berühmt für Lebertransplantationen, insbesondere eine Klinik, Hepatitiden sind immer noch sehr häufig.

Land und Leute

Natürlich ist Essen Geschmacksache, ich habe so viel ausprobiert wie nur möglich und die kulinarische Vielfalt ist erheblich, auch mit vielen regionalen Spezialitäten. Hierfür zu empfehlen sind die Night markets, von denen es sicherlich in jeder Unistadt welche gibt, die viele Spezialitäten aber auch Glücksspiele wie Schießbuden etc. anbieten. Der Ruifeng night market ist der größte in Kaohsiung, der Jilin night market ist klein, aber direkt neben dem Krankenhaus. In der Rehe street 5 Minuten vom Krankenhaus reihen sich die Restaurants aneinander, auch preislich sehr günstig. Selbst für diejenigen, denen das Taiwanesische Essen suspekt erscheint, lohnt es sich bei Din Tai Fung zu essen, das mag vermutlich jeder. Es ist eine berühmte, teure Restaurantkette mit unglaublich leckeren dumplings.
IN TAINAN (der ehemaligen Hauptstadt) ist der Hua Yuan night market im Norden der Stadt zu empfehlen, aber auch die kleinen Gassen mit vielen Ständen des Stadtteils Anping (Anping old street) nahe der Küste. In der Nähe befindet sich Fort Zeelandia, eine alte Feste der Niederlande. Inmitten der Stadt ist der Konfuziustempel, viele interessante Museen (leider oft nur auf Chinesisch oder mit wenig Englisch), der schöne aber völlig überteuerte Hayashi department store, der erste seiner Art in Tainan.
An meinem ersten Wochenende bin ich in den Taroko national park gefahren. Ich habe dort bei einer sehr netten Familie übernachtet, die das Dai Yi Shia B&B in ihrem Haus betreiben. Abgesehen vom großzügigen Frühstück habe ich dort das beste Abendessen überhaupt in Taiwan bekommen, ich habe es nicht komplett verstanden, aber ich glaube es gab einen speziellen Anlass dafür. In der Tarokoschlucht kann man wunderbar wandern, sehr zu empfehlen. Es wird alles immer eher als schwieriger und länger angegeben als es tatsächlich ist, passend auch für Senioren. Es geht auch mit den Bussen, ein Auto ist hier aber flexibler. Auch Hualien die kleinste Stadt mit einer medizinischen Fakultät, wo die Langstreckenzüge halten ist sehenswert.
Ich hatte zudem das Glück noch das Taiwan Lantern Festival sehen zu können. Es findet immer in einer anderen Stadt statt und ist enorm beeindruckend und brechend voll. Wenn ihr die Chance habt fahrt hin.
IN TAIPEI gibt es sehr viel zu sehen. Die Aussichtsplattform des 101 ist etwas teuer, aber lohnt sich bestimmt, wenn die Sicht gut ist, war sie bei mir leider nicht. In Taipei war ich mit einer Taiwanesischen Familie unterwegs, die ich in Taroko kennengelernt habe und die mich dann nach Taipei einluden. Wir haben uns tatsächlich vor allem auf das Umland konzentriert. Zu empfehlen sind das National Palace museum, in dem die chinesische Schätze untergebracht sind, die ursprünglich vom Festland nach Taiwan gebracht wurden, Fort Santo Domingo, die Chiang-Kai-shek-Gedächtnishalle, die Sun-Yat-sen-Gedächtnishalle, Keelung, der Yehliu Geopark (keine Ahnung wie die Busanbindung ist), und vermutlich noch vieles mehr, das ich selbst nicht an einem Wochenende geschafft habe.
IN KAOHSIUNG selbst kann ich euch einen Ausflug zum Lotus Park mit Tiger und Drachen Pagode empfehlen, das ehemalige Britische Konsulat, den Martyrs Shrine (auch Abends mit super Aussicht), dahinter dann die kleinen Berge (Gushan district), wo Affen herumlaufen und man sehr schön wandern kann zwischen Meer und Großstadt. Der Ausblick vom Tuntex Sky Tower (für ca. 5€), dem zweithöchsten Gebäude Taiwans lohnt sich ebenfalls. Dann würde ich mir noch den Pier 2 anschauen und die kleine Insel Qi Jin. Sehr schön ist auch die Bar auf der Dachterrasse des Hotel Indigo, etwas teuer aber man hat einen super Ausblick. Zum Frühstücken solltet ihr auf jeden Fall mal diesen unter den Studenten sehr beliebten Kiosk probieren, 3 Minuten vom Campus entfernt: 大港飯糰

Fazit

Meine Erwartungen wurden eher übertroffen, ich würde auf jeden Fall einen weiteren Austausch machen, wenn ich nicht schon alle Famulaturen hätte. Und ich werde auch ganz sicher mal wieder nach Taiwan gehen. Ich möchte aber nicht auf Dauer dort leben oder arbeiten. Nehmt soviel wie möglich von eurem Aufenthalt mit und packt viele Gastgeschenke ein. Ihr werdet viele sehr hilfsbereite und nette Menschen kennenlernen.

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