zurück

Turkey (TurkMSIC)

Anästhesie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Jannis, Freiburg

Motivation

Da ich den Platz bei der Restplatzvergabe bekam, blieb mir nicht viel Wahlmöglichkeit. Trotzdem war die Türkei hoch oben auf meiner Liste: In Deutschland habe ich einige türkische Freunde, aus Interesse hatte ich unabhängig von dem Austausch bereits Grundzüge des Türkischen gelernt und mehrmals Istanbul sowie andere Ziele (vor Allem zum Klettern) besucht.

Vorbereitung

Meine Vorbereitung war gering bis nicht existent, bis auf intensiveres Türkischlernen. Relativ früh wurde ich von türkischen IFMSA-Studenten in Afyon kontaktiert, die mich darauf hinwiesen, was noch fehlt. Da ich in der Vergangenheit viel gereist bin und auch längere Zeit bei Gastfamilien o.ä. gelebt habe, hatte ich kein Bedürfnis, ein Vorbereitungsseminar zu besuchen.

Visum

Ein Visum war nicht nötig. Ich bin einfach mit Reisepass (nicht mal der wäre nötig gewesen, glaube ich) dort aufgeschlagen.

Gesundheit

Da ich wusste, dass mein Impfpass komplett ist und dort keine exotischen Krankheiten vorkommen, habe ich mir keine Sorgen gemacht. Klar, ein paar Breitbandantibiotika waren im Gepäck, aber mehr aus Gewohnheit.

Sicherheit

Zur Zeit meines Aufenthaltes waren die politischen Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei angespannt. Aus diesem Grund wurde ich von Freunden und Familie bei der Abreise mit sorgenvollen Blicken bedacht. Tatsächlich spielt so etwas für den einzelnen Reisenden fast nie eine Rolle und ich habe mich immer sicher gefühlt. Faustregel: Immer naiv, interessiert und freundlich sein, nie eigene kontroverse Ansichten vertreten.

Geld

Ich habe gleich zu Anfang viel Geld in Lira gewechselt, weil ich mir nicht sicher war, wie gut die EC-Karten-Abdeckung in Afyon ist (gut, wie ich jetzt weiß). Die Lira stand extrem schwach und ich konnte leben wie Gott in Frankreich. Ein Essen mit Suppe, Tee, Hauptspeise und Nachtisch in einem durchschnittliches Lokal lag bei max. 5 Euro.

Sprache

Das stellte das größte Problem meines Austausches dar. Obwohl Afyonkarahisar eine größere Stadt ist, sprach – die Austauschkoordinatoren ausgenommen – kaum jemand Englisch. Mein selbstbeigebrachtes Türkisch hat leider nur für absolut basale Kommunikation gereicht und dadurch wurde Google Translate ein guter Freund.

Verkehrsbindungen

Billige Flüge gibt es von vielen deutschen Flughäfen nach Istanbul. Von dort aus kann man entweder mit Langstreckenbussen, die das ganze Land versorgen weiter reisen oder die extrem günstigen Inlandsflüge nutzen. Letzteres sollte man immer in Betracht ziehen, gerade um Busfahrzeiten im zweistelligen Bereich zu vermeiden und teilweise Geld zu sparen.

Kommunikation

Mein Tipp: Früh eine türkische SIM-Karte mit ordentlich Datenvolumen kaufen. Das Netz ist sehr gut und gerade, wenn man Türkisch nicht wirklich gut spricht, kann eine schnelle Online-Übersetzung wichtig sein.

Unterkunft

Die Unterkunft in Afyonkarahisar ist der "üniyurt" ein geschlechtergetrenntes Wohnheim, in dem hauptsächlich Studienanfänger zwischen 18 und 22 wohnen. Bei meiner Ankunft wusste niemand von mir, was durch die IFMSA-Mitarbeiter aber geregelt wurde. Mein Zimmer, dass ich mit drei stark rauchenden Jungs teilen sollte, konnte ich unter der Hand zugunsten eines anderes mit angenehmeren Mitbewohnern tauschen.

Literatur

Fachlich kann ich hier keine Tipps geben. Ich möchte aber auf den großartigen und in viele Sprachen übersetzten Autor Orhan Pamuk aufmerksam machen, insbesondere das Buch "Rot ist mein Name". Interessehalber habe ich vor meiner Abreise verschiedene Einträge zu Afyon auf Reiseseiten im Internet gelesen. Damit ist man aber nach ca. 10min fertig - einfach weil es nicht viel fort gibt.

Mitzunehmen

Ich möchte keine Packliste angeben, nur einige Dinge, die ich beim Reisen für wichtig halte:
- Nur dunkle Kleider, weil man sie gemeinsam waschen kann sie sich weniger verfärben, wenn jemand seine neue rote Socke in die selbe Waschmaschine wirft
- IMMER Oropax mitnehmen. Weil: Busse, Flugzeuge, Mehrbettzimmer.
- Einzwei Fotos und eine batteriebetriebene Lichterkette. Wenig Balast - Heimat auf Knopfdruck.

Reise und Ankunft

Nach dreistündigem Flug kam ich in Istanbul an, habe dort drei Tage gefeiert und einzwei Dinge besorgt und dann den 9-stündigen Bus nach Afyon genommen. Dort kam ich zwei Tage vor Praktikumsbeginn an und wurde von den sehr fürsorglichen und jungen IFMSA-Mitarbeiterinnen empfangen. Keine weiteren Vorkehrungen. Im Krankenhaus habe ich mich erst am zweiten Praktikumstag vorstellen können, da am ersten niemand gefunden wurde, der sich für mich zuständig fühlte.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Das Afyonkarahisar Saglik Bilimleri Hospital ist ein sehr großes und modernes Krankenhaus, inkl. Nuklearmedizin. Mein Fachbereich war in der Anästhesie, sodass ich ausschließlich im OP war. Meine eigentliche Betreuerin sprach kaum Englisch und war auch seltenst anwesend (im OP nie), sodass ich mir selbstständig andere Betreuer gesucht habe. Die Wahl war leicht, da nur ein weiterer Arzt Englisch sprach. Gleich zu Anfang habe ich einige Dinge genannt, die ich gerne während meines Aufenthaltes lernen möchte. Das erleichtert auch Lehrenden den Fokus auf bestimmte Fertigkeiten. Dadurch wurde ich ziemlich schnell mit Intubationen betraut, die aber durch mein schlechtes Türkisch und das schlechte Englisch des Arztes eher intuitiv abliefen. Glücklicherweise immer erfolgreich.
Durch die abwesende Betreuerin musste ich mich auch nirgends an- oder abmelden und bin meistens von OP zu OP gewechselt, je nachdem, was mich interessiert hat. Obwohl ähnliche Hygienerichtlinien wie in Deutschland herrschen, werden diese wesentlich seltener befolgt. Ein Beispiel: Kaum jemand wechselt seine Schuhe, wenn er den OP betritt. Oder: Die OP-Bekleidung wird schon zuhause angezogen, im Bus zum Krankenhaus und während der Arbeit getragen und erst wieder nach Feierabend zuhause abgelegt. Das Waschen der Arbeitskleidung liegt im Ermessen der Mitarbeiter. Erfahrenere Ärzt scheinen nicht einmal Arbeitskleidung anlegen zu müssen. Der Tagesablauf ist insgesamt weniger eng getaktet, als in Deutschland. Es gibt genug Zeit für Raucherpausen (weit mehr Menschen scheinen in der Türkei zu rauchen), Kaffeepausen oder Pausen, in denen Handyfotos von spektakulären Verletzungen oder Tumorpräparaten ausgetauscht werden. Über das Gesundheitssystem habe ich wenig erfahren, dafür aber über das Studium. In regelmäßigen Abständen finden umfassende Prüfungen über alle Fächer statt und einen Meilenstein markiert ein Gruppen-Forschungsprojekt, dass in einer Art Wettkampf vor der Ärzteschaft präsentiert wird.
Ein Fall, der mir besonders im Gedächtnis geblieben ist und auch den laxen Umgang mit Waffengesetzen zeigt, ist der der 15-jährigen Özde. Sie wurde eingeliefert, nachdem sich von ihren Eltern beim Rauchen ertappt wurde. In dem Streit, der daraufhin entbrannte, muss sie scheinbar die Schrotflinte des Vaters genommen haben (so ist zumindest die Version der Eltern) und sich in ihrem Zorn selbst in die Schulter geschossen haben. Das Herauslesen der Schrotkugeln aus der völlig zerstörten Schulter (der Humerus bestand nur noch aus feinen Splittern) nach dem Stillen der Blutung aus der komplett gekappten Axillararterie war beeindruckend und traurig. Sie hat es überlebt, der Arm ist drangeblieben, wenn auch stark in seiner Funktion geschädigt.

Land und Leute

Nachdem es anfänglich so aussah, als ob ich kaum neben dem Praktikum verreisen könne, waren doch einige sehr angenehme Ausnahmen in Absprache mit den Ärzten möglich, die ich im Detail nicht erläutern will.
Das Essen in der Türkei war auch einer der Gründe, weshalb ich mit Vorfreude dorthin gegangen bin. Möglicherweise klingt der Vorschlag ignorant, aber ich empfehle, vegetarische Prinzipien ein bisschen zu lockern, da die große Mehrheit der türkischen Spezialitäten Fleisch enthalten. Sehr empfehlen kann ich Sac kavurma, alles was geräucherte Aubergine enthält (patlican), Iskender Kebap, Mercimek Corbasi und Sahlep.
Durch die gelockerten Anwesenheitszeiten konnte ich zunächst eine alte Freundin und Mitbewohnerin in Izmir besuchen, im Rahmen einer IFMSA-Konferenz nach Adana mitreisen und viele weitere Ziele besuchen.
ISTANBUL
Ich würde mir allein dafür 4 bis 7 Tage nehmen. Die Stadt ist unfassbar geschäftig und selbst wochentags sind die Straßen nachts bis in den Morgen gefüllt. Egal ob Party, Sightseeing, gute Restaurants (ich empfehle eher die kleineren lokalen Imbisse) oder Marktbesuche. Istanbul ist ein eigener Planet, wie manche Türken sagen und ich empfinde ähnlich.
IZMIR
Das von Türken häufig als die insgesamt lebenswerteste Stadt der Türkei angegebene Izmir ist sehr jung, progressiv, weniger konservativ orientiert und bietet gute Möglichkeiten auszugehen. Tatsächlich habe ich aufgrund des Schwärmens meiner türkischen Freunde fast mehr erwartet.
ADANA
Ich konnte in Adana bei einem reichen Geschäftsmann couchsurfen, sodass mein Eindruck von Adana wenig repräsentativ ist. Wenn man allerdings sehr reich ist, kann man dort offensichtlich viel Spaß haben.
KAPPADOKIEN
Man muss sich bewusst sein, dass Kappadokien zu den wichtigsten touristischen Zielen gehört und sich aus diesem Grund auf Touristenströme und höhere Preise einstellen. Eine gute Idee ist es, glaube ich, sich in Göreme ein günstiges Hostel zu suchen (ich war in Ali’s Guesthouse. War in Ordnung) und einige Tage dort zu wandern. Man benötigt keine Führung oder Tour, da gerade das selbstständige Entdecken der Felsen und Höhlen interessant ist.
OLIMPOS
Wer klettert darf diesen Ort nicht verpassen. Glücklicherweise war ich in der Nebensaison dort (März) und man konnte nur anhand der leeren Hotels und Bars erahnen, wie überlaufen es dort sein kann. Kadir’s Tree House ist ein Hostel der ersten Stunde, das vor Erinnerungen strotzt und Übernachtung mit Frühstück + Abendessen inklusive (vegetarisch) vor knapp 8 Euro. Auch Wanderungen sind von Olimpos aus gut möglich.
GEYIKBAYIRI
Ein weiterer, landschaftlich nicht so schöner, aber dafür größerer Kletterspot. Man trifft viele andere Kletterbegeisterte und würde es selbst in zwei Wochen nicht schaffen, alle Wände abzuklappern.
ESKISEHIR
Von dieser wunderschönen, westlich geprägten und studentischen Stadt hatte ich vor meinem Aufenthalt noch nie gehört. Ich konnte dort ein Wochenende bei der Familie einer Bekanntschaft aus Afyon übernachten und empfehle jedem, der auf dem Weg nach oder von Istanbul ist, einen Stop-Over dort.

Fazit

In jedem Fall würde ich einen weiteren Austausch wagen. Nur wahrscheinlich nicht in Afyonkarahisar. Das sage ich vor Allem, weil ich nicht flüssig Türkisch spreche. Die Türkei als Austauschziel an sich ist absolut lohnenswert und man fühlt sich der großen türkischen Minderheit in Deutschland dadurch danach verbundener.

zurück