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Institute for Indian Mother and Child (Indien)

Verschiedene - SCOPH (Public-Health Austausch)
von Marc, Leipzig

Motivation

Ich hatte großes Glück, dass eine Studentin aus einem höheren Semester im Rahmen eines bvmd-Infoabends einen Vortrag über ihren Public-Health Austausch in Kalkutta gehalten hatte. Aus dieser wirklich gelungenen Präsentation zog ich mindestens 90% meiner Motivation, mich auch für einen Aufenthalt im Institute for Indian Mother and Child (IIMC) zu bewerben. Nachdem dann feststand, dass ich tatsächlich einen Monat dort verbringen würde, gab sie mir noch eine Menge konkreter Hinweise und Tipps mit auf den Weg, die mir geholfen haben, realistische Erwartungen an das Projekt zu haben. Es ist unerlässlich, sich vorher klar zu machen, dass man für den kommenden Monat keinen allzu großen Komfort erwarten darf und seine eigenen Ansprüche hintanstellen sollte.

Vorbereitung

Je früher man sich um Impfungen, Visum und Versicherungen kümmert, desto besser. Das sind alles Formalitäten, die nun mal einfach erledigt werden müssen und außer etwas Zeit und Planung nicht viel erfordern. Abgesehen davon war für mich die beste Vorbereitung ein Gespräch mit einer Studentin, die den Aufenthalt schon hinter sich hatte und mir aus erster Hand ihre Eindrücke schildern konnte. Das ist auch meine Empfehlung an zukünftige Outgoings: jemand zu kontaktieren, der aus eigener Erfahrung berichten kann und auf spezielle Fragen zum jeweiligen Projekt gut antworten kann.

Visum

Für einen Aufenthalt in Indien ist ein Visum erforderlich, wobei hier zu beachten ist, dass vom Projekt nahegelegt wird, ein ganz reguläres Touristenvisum zu beantragen um sich eine Menge Aufwand und Geld zu sparen. Ein Besuch bei der Botschaft ist nicht erforderlich, stattdessen empfiehlt es sich, ein elektronisches Touristenvisum (eTV) für $80 zu beantragen, was dann 60 Tage in Indien gültig ist. Dazu braucht man eigentlich nur etwas Zeit, um den umfangreichen online-Fragebogen auszufüllen, den Reisepass als Scan sowie ein quadratisches Visum-Passfoto.

Gesundheit

Eine kleine Reiseapotheke mit Medikamenten gegen Durchfall, Elektrolyten usw. ist für Indien unerlässlich - früher oder später wird eigentlich jeder mal vom Reisedurchfall ("Delhi Belly") heimgesucht, auch wenn ich weitestgehend verschont geblieben bin. Ansonsten sollte man sich vor Reiseantritt in einem Institut für Tropenmedizin zu den erforderlichen Impfungen beraten lassen. Da es sich um eine Reise im Rahmen des Studiums handelt, kommt oftmals auch die Krankenkasse für die Impfkosten auf, hier lohnt es sich, einfach mal nachzufragen. Malaria ist in Kalkutta ein sehr geringes Risiko, aber auch dazu kann ein Tropenmediziner eine qualifizierte Meinung äußern.

Sicherheit

Im Nachhinein betrachtet war die Sicherheitslage wirklich wesentlich unbedenklicher, als ich das im Voraus angenommen hatte und soweit ich weiß, ist es auch bei den anderen Freiwilligen zu keinem einzigen Zwischenfall gekommen. Normalerweise ist man auch immer in einer kleinen Gruppe unterwegs, wo eigentlich nichts passieren kann. Im Gegenteil, den Großteil der Inder habe ich als sehr gastfreundlich, neugierig und hilfsbereit erlebt.

Geld

Jeder wird in Indien sehr schnell feststellen, dass die Lebenshaltungskosten ungemein gering sind. Ein Euro sind zur Zeit umgerechnet etwa 85 Rupees, und dafür lässt sich im kleinen Restaurant gegenüber der Outdoor-Clinic des Projekts schon ein mehr als ordentliches Mittagessen bestellen. Viele Banken bieten mit Visa-Kreditkarten weltweit kostenloses Geldabheben an, was in 99% der Fälle auch problemlos klappt - nur bei mir nicht... Nach anderthalb Wochen in Indien wurde meine Kreditkarte seitens der Bank dauerhaft gesperrt, aus Gründen, die mir nicht mitgeteilt werden konnten. Vermutlich war man skeptisch über die verdächtige Tatsache, dass ein deutscher Student plötzlich Transaktionen in Vororten von Kalkutta tätigt. Hier empfehle ich künftigen Outgoings, die Bank vorher über solche Aufenthalte zu informieren, um derartige Fälle zu vermeiden. Für mich war es dann die ganze restliche Zeit eine ziemlich unangenehme Situation; letztlich hat alles trotzdem geklappt, weil andere Volunteers für mich Geld abgehoben haben und ich es ihnen dann aufs Konto überwiesen habe. Es lässt sich eigentlich immer eine Lösung finden!

Sprache

In Kalkutta und im Bundesstaat West Bengal im Allgemeinen wird Bengali gesprochen, doch mit Englisch kommt man eigentlich überall recht weit. Auch wenn die meisten Inder dort nur sehr gebrochenes Englisch sprechen, werden sie ganz gut verstehen, wonach man sie fragt. Ein paar Brocken Bengali sind ein guter Bonus, um den Gesprächspartner zum Lächeln zu bringen, sind aber keinesfalls notwendig. Es wird auch vom Projekt einen kleinen Bengali-Sprachkurs geben, bei dem man die wichtigsten Worte lernt, um sich mit dem Patienten zu verständigen.

Verkehrsbindungen

Nach der Ankunft im Flugzeug wurde ich zusammen mit zwei anderen Freiwilligen von einem Fahrer des IIMC abgeholt - bei dieser ersten Fahrt durch Kalkutta erhält man einen guten Eindruck vom Chaos des indischen Straßenverkehrs. Man gewöhnt sich allerdings recht schnell daran und nach drei, vier Tagen fällt es schon sehr leicht, den täglichen Weg vom Guest House zur Indoor Clinic (dem "Hauptquartier") außerhalb von Kalkutta zu finden. Dazu nutzt man die Metro und steigt danach in ein Tuk Tuk um. Alle sonstigen Fahrten, zum Beispiel zu abgelegeneren Kliniken oder Schulen, werden mit dem eigenen Jeep oder Bus des Projekts unternommen. Einmal im Monat erhält man als Freiwilliger auch die Möglichkeit, während eines "Weekend-Offs" entweder Varanasi oder Darjeeling für ein Wochenende zu besichtigen. Dabei kam ich zum ersten Mal in den Genuss einer Fahrt mit einem indischen Nachtzug. Die Züge in Indien fahren erstaunlich pünktlich, was ich so nicht erwartet hätte! Wir sind als Gruppe von acht Freiwilligen verreist, da kann auch nichts passieren. Eine Fahrt zu den beiden genannten Orten kostet etwa 500 Rupees und zählt schon zu den etwas abenteuerlicheren Erlebnissen, sollte man aber mal gemacht haben!

Kommunikation

Für einen sehr geringen Preis (soweit ich mich erinnere waren es weniger als 700 Rupees) kann man in einem kleinen Laden neben der Indoor Clinic eine Prepaid-SIM-Karte erhalten, mit der man neben einer indischen Telefonnummer auch ein Datenvolumen von 4GB erhält. So war es zu keiner Zeit schwierig, z.B. über WhatsApp den Kontakt nach Hause aufrechtzuerhalten.

Unterkunft

Das Institute for Indian Mother and Child besitzt ein Guest House mitten in Kalkutta, dort finden sich Betten für knapp 30 Freiwillige. Man sollte sich auf minimalen Komfort einstellen, alles ist sehr einfach gehalten, aber dennoch ist für so gut wie alles gesorgt. Ich hatte mein eigenes Bettlaken und ein kleines Kissen mit, was sich aus meiner Sicht sowohl im Guest House als auch für die Fahrten im Nachtzug als praktisch herausgestellt hat. Im Guest House gibt es in jeder Etage Duschen und Toiletten sowie im Erdgeschoss eine Küche mit Kühlschränken, Mikrowelle und Gasherd - genug, um sich selbst zu verpflegen.

Literatur

Um sich im Voraus über den Alltag als Freiwilliger in Kalkutta zu informieren, fand ich den umfangreichen Acceptance Letter, den man nach einer Zusage vom Projekt erhält, sehr hilfreich. Darin steht auf mehreren Seiten nahezu alles, was man vorher über Land und Leute wissen sollte, was konkret man mitbringen sollte usw. Ansonsten ist natürlich auch jeder Reiseführer hilfreich, um etwas mehr über die Kultur des Landes zu erfahren.

Mitzunehmen

Die einzige konkrete Investition, die ich im Nachhinein als nicht notwendig einstufen würde, ist ein Moskitonetz - überall wo man hinkommt, sind schon Moskitonetze vorhanden. Ansonsten kann man eigentlich recht minimalistisch packen. Da ich zur Monsunzeit dort war, stellten sich eine gute Regenjacke und ein Regenschirm als unersetzlich heraus. Flip-Flops sowie ein Paar Schuhe, von denen man sich nach der Reise wieder trennen kann, ein Bettlaken sowie eine leichte Decke waren ebenfalls unerlässlich. Alles was man vergessen haben sollte oder für das kein Platz im Koffer mehr war, kann man nach der Ankunft sehr günstig in Indien kaufen.

Reise und Ankunft

Eine Woche vor Abflug sollte man eine kurze E-Mail an das Projekt verfassen, in der man über die genaue Ankunftszeit am Flughafen Kalkutta informiert. Als ich dann dort ankam, wurde ich wie abgesprochen pünktlich und reibungslos von einem Fahrer des IIMC abgeholt und zum Guest House gebracht. Die reguläre Arbeit beginnt immer am 1. des Monats, daher empfiehlt es sich, wie in meinem Fall schon am 27. oder 28. des vorherigen Monats anzukommen, um sich von den alten Freiwilligen herumführen und alles zeigen zu lassen. So lief die Übergabe von den alten zu den neuen Volunteers sehr reibungslos und wir wussten am 1.8. schon genau, was zu tun war.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Den Großteil der Zeit verbringt man als Freiwilliger entweder in der Indoor-Clinic, gewissermaßen dem "Hauptquartier" des Institute for Indian Mother and Child (IIMC), oder aber in der nur wenige Minuten entfernten Outdoor-Clinic in Sonarpur, was etwas außerhalb von Kalkutta liegt. Der Leiter des Projekts, Dr. Sujit Brahmochary, wird allerdings nie müde zu betonen, dass der medizinische Arbeit im Projekt nur ein Teil der vielen Aufgabenfelder des IIMC ist.
Für mich als Student im dritten Semester war die Arbeit medizinisch nicht zu schwer und gut vergleichbar mit den Anforderungen eines Pflegepraktikums in Deutschland. Daher würde ich das Projekt definitiv auch vor allem für Vorkliniker empfehlen. Studierende aus einem höheren Semester sollten nicht zu hohe Erwartungen hinsichtlich eines großen medizinischen Lerneffekts hegen, da man sonst womöglich von den recht simplen Abläufen enttäuscht wird.
Hauptaufgaben an einem "typischen" Vormittag waren etwa das Versorgen von Hautinfektionen mit antimykotischen oder antibakteriellen Salben oder das Messen von Blutdrücken; daneben halfen wir Freiwillige auch den Schwestern bei der Gabe von Injektionen. Sämtliche dieser Tätigkeiten sowie andere kleinere Aufgaben wurden uns von den Volunteers des vorherigen Monats gezeigt und beigebracht, sodass diese Dinge spätestens zum offiziellen Beginn am Monatsersten reibungslos klappten. Auch wenn die Kommunikation zwischen Schwestern und uns Freiwilligen aufgrund der Sprachbarriere nicht immer hundertprozentig glatt verläuft, waren sie immer ungemein freundlich und hilfsbereit.
Die eine Hälfte der Volunteers ist gewöhnlich für die oben beschriebenen Aufgaben tätig, während die andere Hälfte bei den verschiedenen Ärzten (z.B. Augen- oder Zahnärzten) der Outdoor-Clinic über die Schulter schauen darf. Allerdings darf man die Outdoor-Clinic nicht im Sinne eines klassischen Krankenhauses verstehen, stattdessen ist es vielmehr eine Einrichtung, die an drei Tagen der Woche jeweils von 10 bis 15 Uhr für die breite Masse öffnet. IIMC unterhält südlich von Kalkutta mehrere dieser Outdoor-Clinics, weshalb jeden Tag auch eine kleine Gruppe Freiwilliger im Jeep oder Bus zu einem der anderen Standorte gefahren wird, um dann dort zu arbeiten.
Nachmittags sowie an all den Tagen, an denen keine Outdoor-Arbeit anfällt, verbringt man seine Zeit in der Regel in der Indoor-Clinic. Hier arbeiteten wir zum Beispiel an von uns organisierten Projekten - genannt sei hier zum Beispiel das Eye-Project, welches ein von uns durchgeführtes Strabismus-Screening für Grundschulkinder ist, welche dann, falls erforderlich, an den Augenarzt von IIMC überwiesen werden konnten. Außerdem hat man die Möglichkeit, in der Indoor-Clinic die Visite des Arztes bei den 20 stationären Patienten zu begleiten. Dabei lernte ich fachlich am meisten; die Ärzte nahmen sich genug Zeit, um alle Fälle gut zu erklären. Die stationären Patienten sind für gewöhnlich Frauen oder Kinder, die von den Ärzten in der Outdoor-Clinic als schwerwiegendere Fälle eingestuft worden, aber nicht so schwerwiegend, dass die Weiterbehandlung durch ein richtiges Krankenhaus übernommen werden müsste (zum Beispiel schwere Hautinfektionen oder starke Verbrennungen). IIMC sieht sich keineswegs als Krankenhaus, sondern vielmehr als Zugang zu einer grundlegenden medizinischen Versorgung für die Ärmsten der Armen.
Zusammenfassend hält sich der fachliche medizinische Anspruch zwar in Grenzen, dennoch war immer genug zu tun und die Arbeit nicht nur wegen der hohen Temperaturen oftmals auch sehr schweißtreibend.

Land und Leute

Das Projekt gibt seinen Freiwilligen neben der Arbeit relativ viele Freiräume, um auch etwas vom Land zu erleben. Grundsätzlich hatten wir am Sonntag immer frei; diesen Tag nutzten wir, um die Sehenswürdigkeiten von Kalkutta zu erkunden.
Ein weitaus größeres Highlight für alle Volunteers war jedoch die Zeit in Dhaki. In diesem kleinen Dorf inmitten des Ganges-Deltas unterhält IIMC ebenfalls einen Campus mit Outdoor-Clinic, Mikrokreditabteilung und Schule, und jede Woche durften je acht Freiwillige dort von Mittwoch bis Samstag übernachten. Diese vier Tage sind die beste Gelegenheit, um das indische Leben auf dem Land zu verstehen und Indien so auf eine Art und Weise zu erleben, die den meisten Reisenden sonst wohl verborgen bleibt. Wir wurden dort - genau wie eigentlich überall in Indien - wunderbar aufgenommen. Egal wie wenige Besitztümer jemand haben mag, eine offenherzige Gastfreundschaft steht für die Menschen an oberster Stelle (in dieser Hinsicht können wir uns hier in Europa bestimmt auch eine Scheibe abschneiden). In dieser ländlichen Gegend, die wir sehen durften, stehen sich paradiesische Naturschönheit und oftmals erschreckende Armut diametral gegenüber. Dabei sind es genau diese Regionen, auf die IIMC seinen Schwerpunkt legt: "22% of Indians live in the city; forget them, they have everything. 78% of Indians live in rural areas, there you will find poverty, superstition and lack of education", so drückte es Barnali Brahmochary aus, die im Projekt die Leitung des Bereichs Schulbildung innehat. Sonarpur, wo IIMC seinen Hauptsitz hat, war noch zum Zeitpunkt der Gründung des Projekts 1989 eine ebenso ländliche Gegend, die sich jedoch im Laufe der Jahre auch durch dessen Einfluss immer mehr entwickelt hat.
Schließlich bietet IIMC den Freiwilligen pro Monat auch ein "Weekend-Off", das wir in einer kleinen Gruppe genutzt haben, um von Donnerstag bis Sonntag nach Darjeeling zu verreisen. Im Hotel dort wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie sehr ich mich an das einfache Leben in Kalkutta gewöhnt hatte - wie unglaublich angenehm waren plötzlich ein weiches Bett und eine warme Dusche! Insofern sehe ich meine Zeit in Kalkutta in gewisser Weise auch als nützliche Lehrstunde in Bescheidenheit an. Darjeeling selbst war natürlich auch ein einmaliges Erlebnis, mit seinem Sonnenaufgangspanorama über die Gipfel des Himalayas oder dem endlosen Grün der zahlreichen Teeplantagen. Dass ich überhaupt die Möglichkeit hatte, diesen Ort zu erleben, verdanke ich nicht zuletzt auch IIMC.
Als dann meine Zeit in Kalkutta leider wieder viel zu schnell vorbei war, begann ich mit einigen Freunden eine zweiwöchige Reise quer durch Indien, von Delhi bis hinunter nach Goa. Das war der krönende Abschluss einer wunderbaren Zeit in Indien, von der ich in Zukunft noch viele Jahre zehren kann.

Fazit

Eine Geschichte, die mir der Projektleiter in Dhaki erzählt hat, ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Vor Jahren kam ein italienischer Freiwilliger, der, genau wie die meisten von uns, erst am Anfang seines Medizinstudiums stand, nach Kalkutta, um sich für IIMC zu engagieren. 2014 kehrte er als angehender Tropenmediziner zurück, um ein halbes Jahr in Dhaki zu arbeiten. Ob ich, wenn es dann soweit ist, den selben mutigen Schritt wagen könnte, kann ich noch nicht beurteilen; sicher ist allerdings, das für mich eine starke Verbundenheit zum Land und zum Projekt bleiben wird.

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