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Guatemala (ASOCEM)

Gynäkologie - SCOPE (Famulaturaustausch)
Anonym

Motivation

Ich hatte mehrere Gründe mich für einen Famulaturaustausch bei der BvmD zu bewerben. Zum einen wollte ich mein Spanisch gerne auffrischen und verflüssigen, zum anderen mal in den Klinikalltag in Lateinamerika reinschnuppern als Vorstufe für ein PJ-Tertial im Ausland. Meine erste Wahl fiel auf Mexiko, weil ich dort noch nicht war. Meine zweite Wahl und letztendlich mein Zielland war Guatemala, weil ich dort bisher verhältnismäßig wenig Zeit verbracht habe und weil es an der Grenze zu Mexiko liegt.

Vorbereitung

Den Flug nach Guatemala mit einem Gabelflug von Mexiko-city zurück habe ich bereits ca 4 Monate vor dem Aufenthalt gebucht. Die Flüge sind nicht günstig, mit dem Fahrtkostenzuschuss der bvmd jedoch zu stemmen. Ansonsten habe ich mich im letzten halben Jahr mit regelmäßigen Spanischeinheiten sprachtechnisch fit gehalten.

Visum

Das Visum wird on arrival ausgestellt. Außer einem gültigen Reisepass gibt es da nichts zu beachten. Zollkontrollen werden bei Ankunft nach dem Zufallsprinzip durchgeführt. Ich hatte Glück, hab ein grünes Lämpchen gesehen und konnte unkompliziert das Gate verlassen.

Gesundheit

Außer allen allgemein empfohlenen Impfungen habe ich zusätzlich Typhus auffrischen lassen und mich gegen Meningokokken geimpft. Die Durchseuchungsrate ist in Mittelamerika signifikant höher als bei uns und da ich mich ja im Krankenhaus aufgehalten habe wollte ich kein Risiko eingehen.
In tropischen Gebieten, also in allen Küstenbereichen und generell in Petén gibt es Mücken vom Typ anopheles aegypti. Daher habe ich deethaltiges Mückenspray als Schutz gegen Zika, Dengue, Chickenguya usw mitgenommen. Auf eine Malariaprophylaxe habe ich verzichtet, da diese sehr selten nur vorkommt und ich mich lieber generell vor Mücken schütze. Das ist jedoch Geschmackssache.

Sicherheit

Sicherheit ist ein großes Thema hier. Wie gefährlich es wirklich ist kann ich nicht beurteilen. Fakt ist jedoch, dass die Einheimischen niemals müde werden uns 'Gringas' vor allem zu warnen. Sitz im Bus nicht auf der Fahrerseite denn auf den wird zuerst geschossen und bloß nicht hinten da kommen sie zuerst rein. Am besten fahr gar kein Bus. Geh niemals raus wenns dunkel ist. Verlass am Besten generell nie allein das Haus... Und so weiter.
Ich bin trotzdem allein durchs Land gereist und habe dabei keine einzige schlechte Erfahrung gemacht. In Guatemala Stadt war ich zurückhaltender und habe mich allermeistens an die Regeln gehalten.

Geld

Bezahlt wird in Guatemala mit Quetzales. Als ich dort war betrug der Umrechnungskurs ca. 1:8. In einigen Touristischen Regionen kann man auch mit US Dollar bezahlen. Habe ich jedoch nie gemacht.
Geld habe ich mit meiner Kreditkarte abgehoben. Leider sind die Automaten nicht sehr zahlreich in kleineren Städten gibt es auch mal gar keinen. Guatemalteken werden fast alle bar bezahlt und meiden ATMs, weil sie diese für unsicher halten. Die Gebühr betrug für mich 5 Eur pro Abheben.

Sprache

In Guatemala existieren bis zu 30 verschiedene Sprachen. Die Mehrheit spricht jedoch (auch) Spanisch. Den Akzent kannte ich schon und fand ihn nicht besonders schwierig oder gewöhnungsbedürftig (allerdings habe ich Spanisch in Nicaragua gelernt). Viele Menschen sprechen jedoch sehr schnell und nicht immer deutlich. Nachfragen hilft meistens, gerade im Krankenhaus haben viele dann auch etwas langsamer und deutlicher gesprochen.
Mit wenigen Patientinnen konnte ich nicht kommunizieren, weil sie ausschließlich ihre indigene Muttersprache sprachen. Das ging dann dem restlichen Klinikpersonal dann aber genau so.
Englisch habe ich nicht gesprochen und außer in internationalen Hostels kommt man damit auch nicht sehr weit. Da habe ich häufiger deutsch gesprochen, weil es hier ein österreichisches Gymnasium gibt und viele den Wunsch hegen mal nach Deutschland auszuwandern.
Trotzdem gilt, ein vernünftiges Level auf Spanisch ist ein muss um hier klarzukommen. Ich bin mit B1 gestartet.

Verkehrsbindungen

Die Verkehrsanbindung war in meinem Fall das allergrößte Problem. Meine Gastfamilie hat nämlich nicht in der Stadt direkt gewohnt, sodass ich jeden Tag min. 3 Stunden im Stau verbracht habe. Das hat genervt, Guate ist halt eine Milionenstadt mit dementsprechendem Verkehr zu den Berufszeiten, allerdings hat die Familie sich gut gekümmert und mich immer entweder persönlich gebracht oder abholen lassen

Kommunikation

Die Kommunikation nach Deutschland und innerhalb von Guatemala ist zu Zeiten des Mobilendatenvolumens und Smartphones kein Problem. Ich habe mir eine lokale Simkarte vom gleichen Anbieter wie meine Gastfamilie gekauft und für ca. 6 Eur mobiles Internet für einen Monat bekommen.
Anrufe über whatsapp trägt die Verbindung in der Stadt problemlos, in weniger urbanen Gebieten kann die Verbindung schonmal langsam sein.

Unterkunft

Gewohnt habe ich in einer 6-köpfigen Gastfamilie außerhalb von Guate in einer Gated Community. Der Standart war sehr hoch, mein Zimmer großzügig ausgestattet mit eigenem Badezimmer. Mit Gym und Billardtisch konnte ich mich an den Abenden unterhalten, das Haus verlassen jedoch nicht und nochmal in die Stadt zu fahren wäre auch zu weit gewesen. Es empfiehlt sich ausreichend Bücher mitzubringen, wenn man so wie ich nicht besonders auf dramatische Seifenopern steht und nach dem ganzen Tag auf Spanisch auch mal abschalten will.

Literatur

Ich hatte von Lehmann den Klinikführer für den Aufenthalt im Spanischen Ausland dabei. In mein normales Wörterbuch und im Internet habe ich jedoch deutlich häufiger nachgeschlagen. Ist also eher kein muss.
Zum Reisen am Wochenende und vor/nach dem Aufenthalt hatte ich den Lonely Planet für Zentralamerika dabei. Besonders die Informationen zu den Bussen findet man sonst eher schleppend. Meistens ist es am einfachsten in den Busstationen anzurufen und nachzufragen.

Mitzunehmen

In den Rucksack gehört aufjedenfall Kleidung für die Klinik. Also Kasak und Hose, minimum jeweils 2. Im San Juan Dios habe ich blau getragen, weil ich vorher die Auskunft hatte alles außer weiß. Im nachhinein stellte sich herraus, dass die Studierenden eigentlich weiß tragen und blau die Farbe der Assistenzärzt*innen ist. Hat sich jedoch niemand dran gestört. Für den OP wird Kleidung bereitgestellt wie bei uns in Deutschland. Dann hatte ich noch Crocs dabei, weil sie abwaschbar sind. Häufig geht das bei den Geburten dann doch so schnell, dass man keine zeit hat sich einen Schutzkittel überzuwerfen. Da hilft nur häufig waschen.
Mein Stethoskop habe ich fast gar nicht benutzt. Wenn dann sollte man auch eine Blutdruckmanschette und ein Pulsoxy dabei haben. Das wird nämlich alles privat mitgebracht. Ich hab mir die Sachen von einem anderen Studierenden einfach geliehen wenn ich sie brauchte. War kein Problem.

Reise und Ankunft

Mein Flug von Frankfurt nach Guatemala Stadt über Madrid hat 15 stunden gedauert. Die Fluggesellschaft Iberia fand ich okay, das Essen nicht, aber dafür hatte ich Snacks vorbereitet.
In Guatemala angekommen bin ich mit einem Taxi in mein vorgebuchtes Hostel in der Innenstadt gefahren und habe erstmal geschlafen. Die Familie hätte mich auch abgeholt, ich habe es jedoch vorgezogen 12 Tage vor Praktikumsbeginn ganz entspannt in Guatemala zu starten und bin zuerst etwas durchs Land gereist und habe mich an die 8 Std Zeitumstellung, die Sprache und das Essen gewöhnt. Und vorallem noch einbisschen Urlaub gemacht. Kann ich nur empfehlen, war ein guter Start.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Der Tag im Krankenhaus hat für mich um 8 Uhr gestartet. Durch die Verkehrslage am morgen sind wir jedoch schon um 5:50h losgefahren. Offiziell ging der Tag bis 14 Uhr. Meine Familie konnte mich selten vor 15:30 abholen. So ist das wenn man vom Auto abhängig ist.
Das Team war sehr sehr nett. Auf der Geburtsstation, wo ich haupsächlich eingesetzt war, waren immer min. 3 Assistentz*ärztinnen und 5 Studierende anwesend. Fachärztinnen kamen nur zur Visite zwischendurch vorbei. Eine richtige Betreuung hatte ich dadurch leider nicht.
Aber auch eigenverantwortlich konnte ich viel lernen. Wenn ich es vorher abgesprochen und eingefordet habe konnte ich verschiedene Tätigkeiten unter Aufsicht beim ersten mal Durchführen. Das war zum Beispiel meine erste Nahtversorgung eines Dammrisses. In der letzten Wochen meines Praktikums konnte ich selbstständig Geburt und Nachgeburt betreuen, Erstversorgung des Neugeborenen übernehmen, beim Kaiserschnitt assistieren, in der Notaufnahme Anamnesen erheben, unter Aufsicht Spekulum- und Ultraschalluntersuchungen durchführen.
Um das Vertrauen der Residents zu gewinnen hilft es, die Sprache gut zu beherrschen und nach Anleitung und Eigenverantwortung zu fragen. In der 2. Woche habe ich eine 24 Stundenschicht freiwillig mitgemacht. (Das Personal dort macht alle 4 Tage eine 36 Stundenschicht!) Das klingt hart und ist es auch, aber sehr empfehlenswert. In der Nacht gab es mehr Zeit für Erklärungen, weniger Personal und damit mehr Aufgaben für mich als Famula und auch Zeit das Personal besser kennenzulernen.
Auf eigenen Wunsch und eigene Initiative bin ich 2 Tage auf die Spezialstation Spina Bifida, auf die allgemeine Gynäkologische Station, in die Postpartale Versorgung, Prenatale Komplikationen und in die gynäkologische Notaufnahme rotiert. Ich konnte so viele verschiedene hochinteressante Operationen sehen.
Die Stationen hegen für die Patientinnen wenig Privatsphäre (40 Betten in einem Raum durch halbhohe Abtrennungen in 4 Abteile geteilt mit einem gemeinsamen Badezimmer für alle).
Im OP ging es weitestgehend hygienisch wie in Deutschland zu mit kleinen Unterschieden. Gespart wird an Medikamenten, zum Teil auch an Desinfektionsmittel und allen Einmalprodukten.

Ich durfte während meiner Famulatur viel lernen und hatte eine gute Zeit. Die Tage waren lang und gingen doch relativ schnell vorbei. Vorallem um den Prozess der Spontangeburt zu verinnerlichen ist Guatemala optimal. Ich habe jeden Tag mindestens 3-5 Geburten gesehen. Das ist in Deutschland in dieser Intensität nicht möglich und eine tolle Erfahrung.

Land und Leute

In Guatemala gibt es touristisch viel zu sehen. Mehr als 4 Wochenenden es zulassen. Ich habe ein verlängertes Wochenende genutzt um Semuc Champey besuchen, eine einzigartige Felsformation über einem Fluss mitten im Djungel die von Quellen gespeist zum baden einläd. Sehr empfehlenswert, jedoch dauert die Anreise von Guate 8 Std.
Das gilt generell für fast alle Ziele außer Antigua (von hier ist die Vulkanbesteigung vom Acatenango sehr empfehlenswert!). Die Straßen sind in schlechtem Zustand und die Wege weit.
Ausserdem empfehlenswert ist der Lago de Atitlan als Ort der Entspannung, Quetzaltenango als eine authentische guatemaltekische Stadt mit vulkangespeisten heissen Quellen zum Baden, sowie Huehuetenango zum Wandern im Hochland. Dort gibt es viele Fluesse und Wasserfaelle, beeindruckende Berglandschaften und Cenotes.
Mit meiner Gastfamilie habe ich eine Familienfeier bei Chiquimula besucht (5 Std Fahrt), an einem weiteren Wochenende war ich auf dem großen Handwerksmarkt von Chichicastenango (ca. 5 std Anreise). Während die Abende in der Familie eher ruhig abliefen gab es an den Wochenenden genügend Ziele, sodass mir nicht langweilig wurde.
Die Menschen auf den Straßen habe ich immer als sehr hilfsbereit und freundlich erlebt. Meistens habe ich mich vorort durchgefragt nach Busbahnhöfen, Restaurants oder lokalen Begebenheiten, anstatt vorher alles akriebisch zu recherschieren.
Bei all der tollen Natur darf man jedoch nicht vergessen, Guatemala hat noch viel Potential für eine Verbesserung der Lebensumstände. Sichere, anständig entlohne Arbeit, soziale Sicherheit, physikale Sicherheit, Infrastruktur, Gleichstellung und auch Bildung fehlen noch in weiten Teilen des Landes. Auch das wird einem Begegnen.
Das Leben ist stark von der katholischen sowie evangelischen Kirche gepraegt, Themen wie Homosexualität und legale Abtreibung wird von den allermeisten stark abgelehnt.

Die alltägliche Kueche in Guatemala ist starkt von amerikanischem Fastfood gepraegt und war insgesamt kein Highlight für mich als Vegetarierin. Tropische Früchte, Maiskolben und Avokados im Überfluss haben das einwenig wett gemacht.
Auf dem täglichen Speiseplan stehen Reis mit Bohnen, Tortillas, Eier, fritierte Kochbanen und viel viel Huehnchen, meistens frittiert mit Pommes, aber auch Pizza oder Burger werden viel kosumiert. Alle typischen Gerichte sind stark fleischlastig, sodass ich keines probiert habe.
Jede Stadt hat fast täglich einen Gemüsemarkt, sodass gesunde Ernährung durch selbstversorgung gut möglich ist.

Fazit

Dennoch kann ich eine Famulatur in Guatemala voll und ganz empfehlen. Es war eine einzigartige Erfahrung für mich und hat mein Spanisch sehr schnell auf ein höheres Level angehoben und mir vorallem viele praktische Fähigkeiten im Klinikalltag vermittelt.

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