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Brazil (IFMSA-Brazil)

Gynäkologie - SCOPE (Famulaturaustausch)
Anonym

Motivation

Wie viele andere Studenten reizte auch mich die Chance einen Austausch in ein anderes Land zu machen und einen anderen Teil der Welt zu sehen. Besonders interessierte mich dabei schon immer Südamerika und da ich aber weder Spanisch noch Portugiesisch vor meinem Austausch sprach, fiel meine Wahl auf Brasilien. Mein Ziel war es einen Einblick in das Gesundheitssystem des Landes zu bekommen und eine andere Kultur kennenzulernen.

Vorbereitung

Auf den Austausch wurde ich durch eine Veranstaltung der BVMD an meiner Universität aufmerksam. Etwa ein Jahr vorher habe ich begonnen alle Dokumente zu besorgen; knapp 3 Monate vor Beginn des Austausches wusste ich Bescheid in welche Stadt es endgültig geht. Ein spezielles Vorbereitungsseminar habe ich nicht besucht. Ich hatte frühzeitig Kontakt zu den dortigen Organisatoren und meinem Host, so dass alle Probleme schnell geklärt werden konnten.

Visum

Für meinen Austausch habe ich kein Visum benötigt. Für deutsche Staatsangehörige ist es möglich als Tourist bis zu 90 Tage am Stück ohne selbiges einzureisen. Auch das in anderen Berichten oft zu lesende Formular, das man bei der Einreise erhält und bis zur Abreise behalten muss, wurde dieses Jahr abgeschafft. Man erhält lediglich einen Stempel in den Reisepass bei Ein- und Ausreise.

Gesundheit

Zur Vorbereitung auf meinen Aufenthalt habe ich die Tropenmedizinische Sprechstunde meiner Universität besucht. Dabei wurde mir eine Gelbfieberimpfung verabreicht und die Tetanus-Impfung aufgefrischt. Eine Malariaprophylaxe habe ich nicht mitgenommen, da die Gegenden, die ich besucht habe, kein Risikogebiet dafür sind. Außerdem habe ich Sonnenschutzcreme und Insektenschutzmittel mitgenommen nach Brasilien.

Sicherheit

Für meinen Aufenthalt habe ich lediglich eine ADAC-Auslandskrankenversicherung abgeschlossen. Allgemein ist die Sicherheitslage In Brasilien deutlich schlechter, als man es aus Europa gewohnt ist, dennoch ist mir während meiner Zeit in Brasilien nichts passiert und ich hatte auch keine gefährlichen Situationen. Allerdings sind andere Austauschstudenten, mit denen ich unterwegs war, Opfer von Raubüberfällen geworden. Dies war allerdings in Rio de Janeiro und nicht in meinem Ort. Je kleiner ein Ort ist, desto sicherer ist er meist. Durch den Kontakt mit den brasilianischen Studenten kann man gefährliche Situationen gut vermeiden, wenn man sich an deren Empfehlungen orientiert. Man sollte immer aufmerksam sein und den Verstand benutzen, dann kommt man auch ungefährlich durch den Aufenthalt und kann sich stattdessen auf die vielen schönen Dinge des Landes konzentrieren.

Geld

Die Währung in Brasilien ist der Real. Ein Euro entsprach während meines Aufenthaltes etwa 4,7 Real. Ich habe mir für meinen Aufenthalt eine kostenlose Kreditkarte der DKB besorgt, die ich für die meisten Bezahlungen genutzt habe, da Kreditkarten fast überall akzeptiert werden. Falls Bargeld nötig war, kann man mit dieser Kreditkarte bei der Banco do Brasil kostenlos Geld abheben.

Sprache

Die Sprache in Brasilien ist Portugiesisch, diese wird für den Austausch aber nicht vorausgesetzt; lediglich Englisch ist zwingend notwendig. Da ich bisher kein Portugiesisch konnte, habe ich mir die App Duolingo gedownloadet, um ein paar Grundlagen der Sprache vor meinem Austausch zu lernen. Das ist auch empfehlenswert, da nur wenige Brasilianer Englisch sprechen. Mein Host konnte Englisch sprechen und war auch Ansprechpartner bei Problemen. Im Laufe des Aufenthaltes habe ich mir aber immer mehr Wörter angeeignet und konnte so mich auch zunehmend alleine verständigen. Die Menschen freuen sich über jedes Wort, das man in Portugiesisch beherrscht, es lohnt sich also zumindest die Basics vorher zu lernen! Auch in der Klinik konnten nur wenige Studenten Englisch sprechen, aber unser Teacher konnte es glücklicherweise und so klappte die Kommunikation mit einer Mischung aus Englisch und Portugiesisch dann auch dort.

Verkehrsbindungen

Meinen Flug nach Sao Paulo, der etwa 1380 Euro gekostet hat, habe ich mit KLM gebucht. Da ich erst sehr spät erfahren habe, wo genau es hingeht, habe ich erst wenige Monate vorher die Tickets gekauft und es war somit teurer, aber um die 1000 Euro kostet es aber fast immer. In Brasilien gibt es keinen öffentlichen Nahverkehr, wie man ihn aus Deutschland kennt. Züge und Straßenbahnen gibt es (fast) nicht, Mittel der Wahl ist der Bus, bei längeren Strecken auch das Flugzeug. Einen Hin- und Rückflug von Sao Paulo nach Rio de Janeiro gibt es für ca. 100 Euro. Die Busse sind komfortabel und auch günstiger, allerdings sind die Entfernungen in Brasilien nicht zu unterschätzen, und man sitzt aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens oft viele Stunden im Bus. Für kleinere Strecken ist Uber eine gute Alternative, da die Fahrten sehr günstig sind und normale Taxis auch von den Einheimischen aus Sicherheitsgründen nicht empfohlen werden. In Sao Paulo und Rio de Janeiro gibt es außerdem noch eine U-Bahn.

Kommunikation

Für die Kommunikation in Brasilien hat mir meine Kontaktperson eine Sim-Karte von Vivo für umgerechnet 5 Euro gekauft. Auf der Karte war auch bereits Guthaben und ich konnte während meines ganzen Aufenthaltes mit dieser Karte telefonieren und das mobile Internet nutzen. Allerdings ist die Aktivierung nur durch einen Brasilianer möglich, da man eine spezielle Identifikationsnummer dafür braucht. Falls man die Karte wieder aufladen möchte, ist dies bequem in vielen Supermärkten möglich. Bei meinem Host hatte ich außerdem noch WLAN und konnte so über WhatsApp den Kontakt in die Heimat aufrecht erhalten.

Unterkunft

Als Unterkunft hat mir die lokale IFMSA Gruppe ein Zimmer in der WG dreier Medizinstudenten organisiert. Dort hatte ich meine eigenes Zimmer inklusive Bad. Auch Bettwäsche usw. musste ich nicht mitbringen, da es gestellt wurde. Super war auch, dass ich immer einen Ansprechpartner vor Ort hatte bei Problemen. Die Unterkunft war nicht weit entfernt von der Klinik und in der Umgebung wohnten noch viele andere Studenten.

Literatur

Spezielle Literatur habe ich nicht mitgenommen, falls ich etwas nachschlagen musste, habe ich dafür die Amboss-App genutzt. Zur Vorbereitung auf den Austausch habe ich mir die Berichte anderer Studenten auf der BVMD Seite durchgelesen.

Mitzunehmen

Mitgenommen habe ich einen Kittel und mein Stethoskop. Bei den Steckdosen sollte man aufpassen, welches Ladekabel man mitnimmt, da nur die schmalen in die brasilianischen Steckdosen passen. Ansonsten gibt es eigentlich alles zu kaufen vor Ort, wobei Markenprodukte aber auch deutlich teurer sein können als in Deutschland. Außerdem habe ich mir noch Desinfektionsmittel mitgenommen.

Reise und Ankunft

Ich bin ungefähr eine Woche vor Praktikumsbeginn in Sao Paulo angekommen und wurde von meinem Host vom Flughafen abgeholt. Die Familie meines Hosts wohnte glücklicherweise in Sao Paulo, so dass wir uns die Stadt und einige Ziele in der Region ansehen konnten, bevor wir nach Braganca Paulista gefahren sind. Am ersten Tag meines Praktikums hat mich meine Kontaktperson auf meine Station gebracht und mich meinem Professor vorgestellt. Auch wurde Organisatorisches geklärt, wie eine Studentenkarte von der hiesigen Universität und es gab eine Führung über den Campus.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich habe meine Famulatur am Universitätsklinikum in Braganca Paulista verbracht. Diese Universität ist eine private Hochschule und die Studenten zahlen monatlich sehr viel Geld für den Studienplatz, wodurch ein großer Zusammenhalt und Stolz unter den Medizinern herrscht. In Brasilien dauert das Medizinstudium auch 6 Jahre. Die letzten beiden davon sind praktische Jahre, in denen die Studenten einmal durch alle Abteilungen rotieren und das selbständige Arbeiten lernen. An meinem ersten Tag wurde ich von meiner Ansprechpartnerin vor Ort auf meine Station in der Gynäkologie/Geburtshilfe gebracht und meinem Tutor für die Zeit meines Aufenthaltes vorgestellt. Auch habe ich einen Plan für die nächsten Tage bekommen und mir wurden die Räumlichkeiten der Klinik vorgestellt. Die Arbeitszeiten waren immer ganztags von Montag bis Freitags ab 8 Uhr bis etwa 16 Uhr. Mittags gab es immer eine kleine Pause, da brasilianische Studenten meist zuhause essen und nicht in einer Mensa. Während meines Aufenthaltes habe ich die Zeit mit einer Klasse aus etwa 20 Studenten und deren Professor verbracht, die sich in ihrem letzten Studienjahr befanden, das vergleichbar dem Praktischen Jahr in Deutschland ist. Dabei betreut immer eine Gruppe von ca. 4 Studenten einen Patienten ausgehend von der Aufnahme über die Diagnostik bis hin zur Therapie. Die Fälle und die jeweiligen Probleme werden mit einem Facharzt besprochen. Mein Krankenhaus war eines für ärmere Menschen, d.h. die Behandlung war kostenlos, im Gegenzug willigen die Patienten ein, von Studenten behandelt zu werden. Somit war das Geld auch sehr knapp, was sich insbesondere am Zustand der Gebäude und der spärlichen Ausstattung gezeigt hat. Mein Betreuer hat passabel Englisch gesprochen und auch einige Studenten waren immer gerne bereit die Patientengeschichte zu übersetzen. Der Tag auf der Station begann morgens mit der Visite durch die Ärzte, davor haben wir uns noch einmal die Patienten angesehen, um den Fall besser präsentieren zu können. Während meiner Zeit in der Klinik habe ich verschiedene Schwerpunkte kennengelernt, so habe ich Einblicke in die Behandlung von Risikoschwangerschaften gewinnen können, Brustkrebsbehandlungen miterlebt, Tumore des unteren Genitaltraktes kennengelernt, auf der Neugeborenstation gearbeitet und im OP und verschiedenen Notfällen assistiert wie Blutungen. Allgemein sind Kaiserschnitte in Brasilien deutlich häufiger; in meinem Krankenhaus gab es deutlich mehr als natürliche Geburten, so dass ich eine große Zahl davon selbst erleben durfte. Die Medizin ist dort sehr einfach gehalten, der Einsatz von Ultraschall oder Röntgen wurde aus Kostengründen auf nur sehr wenige dringende Fälle beschränkt. Grundlage der Diagnostik ist stattdessen immer eine Anamnese und gute körperliche Diagnostik gewesen. Die Medikamente für die Therapie stellen Pharmafirmen, die mehrmals in der Woche vorbeikommen und Medikamente zur Verfügung stellen. Ich als Famulant durfte sehr viel selbst machen, einzige Hürde war dabei nur die Sprache, aber prinzipiell ist von der selbständigen Patientenbetreuung bis zur 1. Assistenz im OP alles möglich. Insgesamt war es sehr interessant einen Einblick in ein anderes Gesundheitssystem zu bekommen und ich habe einiges gelernt. Insbesondere das selbständige Arbeiten von der Aufnahme bis zum Entlassungsbrief ist etwas, das ich bisher nicht kannte und sicherlich vermissen werde. Zu verbessern war sicherlich die hygienische Situation, so gab es nur ein Desinfektionsmittel auf der Station, und auch dieses wurde nur selten genutzt. Auch der Standard in den Operationsräumen ist sicherlich nicht mit europäischen zu vergleichen. Aber das sollte nicht abschrecken, denn das brasilianische Gesundheitssystem hat sich laut den Einheimischen in den letzten Jahren schon deutlich verbessert und es gibt natürlich auch Kliniken für Patienten, die eine Versicherung haben und deren Behandlung nicht kostenlos ist.

Land und Leute

Brasilien ist ein wunderbares Land mit vielen sehr netten Menschen und wunderschöner Natur, aber auch einer Vielzahl an Problemen. Da ich vor meiner Famulatur schon früher angereist bin und auch nach dem Ende einige Zeit länger im Land geblieben bin, habe ich einen großen Teil von Brasilien besuchen können. Die Menschen sind immer sehr herzlich und sehr bemüht bei Fragen oder Problemen, aber nur die wenigsten können Englisch sprechen. Aber auch mit wenigen Wörtern Portugiesisch kommt man zum Ziel, da die Brasilianer sehr stolz auf ihr Land und ihre Kultur sind und sich sehr freuen, wenn man sich ein bisschen damit auseinandersetzt. Vor Ort sieht man eine große Ungleichverteilung des Wohlstandes, so leben sehr viele Obdachlose auf den Straßen, insbesondere in den großen Städten, andererseits gibt es sehr viele hermetisch abgeriegelte Viertel, in denen der wohlhabende Teil der Bevölkerung lebt. In Gesprächen mit Einheimischen hört man oft von der Wut der Menschen über korrupte Politiker und die fehlende Entwicklung des Landes in den letzten Jahren. Meine Highlights in Brasilien waren auf jeden Fall meine Besuche in Rio de Janeiro und Sao Paulo als die großen Städte und soziale sowie kulturelle Zentren des Landes. Aus Europa kannte ich solche riesigen Städte bisher noch nicht, in denen der Verkehr mehr steht als fährt und die trotzdem immer weiter wachsen. Die schönsten Strände habe ich auf der Insel Florianopolis, auch bekannt als magische Insel, gesehen. Auf jeden Fall empfehlen kann ich auch noch den Besuch der Iguazu-Wasserfälle, die sicherlich zu den schönsten der Welt gehören und an deren Anblick ich mich noch lange erinnern werde. Auch kann man von dort einen Abstecher nach Paraguay oder Argentinien machen. Ein Vorteil bei unseren Ausflügen war auch, dass im August in Brasilien Winter ist und nicht allzu viele Touristen unterwegs sind; auch wenn die Temperaturen mit 25 Grad im Schnitt für mich sehr angenehm waren. Auch das brasilianische Essen bietet viele Leckereien und Gerichte, die ich in Deutschland vermissen werde. Allerdings ist die Ernährung dort sehr fleisch- und käselastig, so dass man sicherlich das ein oder andere Kilogramm mehr auf den Rippen nach der Rückkehr hat. Sollte man Vegetarier sein, ist es meiner Meinung nach schwieriger als in Deutschland ausreichend Abwechslung zu bekommen. Ein typisches Gericht besteht oft aus aus einer Fleischart in Kombination mit Reis und Bohnen. Auch eine Vielzahl an frischen Früchten und Säften gibt es für günstiges Geld an jeder Ecke zu kaufen.

Fazit

Der Aufenthalt hat alle meine Erwartungen erfüllt und ich kann einen Austausch nach Brasilien in jedem Fall empfehlen! Ich kann mir sehr gut vorstellen wieder dorthin zu reisen, auch wenn ich aufgrund des Lebensstandards dort nicht für immer bleiben möchte. Eine Reise ist dieses wunderbare Land aber immer wert! Durch den Austausch habe ich viele neue Erfahrungen gewinnen können, viele nette Menschen kennengelernt und meine Sprachkenntnisse verbessert. Auch die Organisation durch die Bvmd und IFMSA-Brazil war super!

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