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India (MSAI-India)

Verschiedene - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Jasmin, Marburg

Motivation

Ich mache neben dem Medizinstudium eine Vertiefung im Fach Global Health. Wir haben dort sehr viel über Tropenkrankheiten gesprochen und den Aufbau von Gesundheitsinfrastruktur in entwickelten Ländern sowie in Entwicklungsländern. Vor drei Jahren war eine Inderin bei uns in Marburg für einen Austausch, seitdem wollte ich unbedingt nach Indien für ein Praktikum. Die Tatsache, dass Indien das einzige Land ist, welches als Option Public Health für eine Famulatur hat, kam genau gelegen. Ich hatte absolut keine Vorstellung, wie genau ein Department of Public Health arbeitet, da es so eine Abteilung in deutschen Krankenhäusern ja gar nicht gibt. Aus diesem Grund hatte ich keine speziellen Erwartungen an das Department, darüber hinaus habe ich aber gehofft, mir ein eigenes Bild vom indischen Gesundheitssystem machen zu können und Dinge, die ich in Global Health gelernt habe, in die Praxis umsetzen zu können.

Vorbereitung

Ich habe ein sehr gutes Video gesehen: https://vimeo.com/22008886
Ansonsten macht es Sinn, sich mit den Kontaktpersonen von MSAI Indien zu verbinden. Sie sind wirklich hilfsbereit und antworten schnell. Es wurde eine Facebookgruppe mit allen Austauschlern und Kontaktpersonen gegründet, die sehr geholfen hat, weil anderen Austauschlern noch mehr Fragen eingefallen sind als einem selbst. Ich habe das Pre-Exchange-Booklet von IFMSA erst im Nachhinein entdeckt, das hilft auch.

Visum

Es gibt ein Touristen-eVisum, das man einfach im Internet beantragen kann. Vorsicht, dass man es auf einer seriösen Seite beantragt. Auf der MSAI-Seite ist ein Link. Das Visum kam innerhalb von 2 Tagen per Mail.

Gesundheit

Ich habe alle obligatorischen und fakultativen Impfungen gemacht. Vor allem die Cholera-Schluckimpfung ist zu empfehlen, da sie angeblich auch das Verdauungssystem etwas gegenüber den indischen Keimen abhärtet - Durchfall kam also nicht vor. Eine Auslandskrankenversicherung wird von MSAI sowieso verlangt. Eine Reiseapotheke macht natürlich Sinn, wobei es in Indien auch an jeder Ecke Apotheken gibt, die alles tausendmal günstiger verkaufen als in Deutschland.

Sicherheit

Meine Eltern haben mir wirklich Angst gemacht, was meine Sicherheit in Indien betrifft. Nicht komplett unangemessen, denn vorsichtig sollte man sein, aber trotzdem übertrieben. Unsere Kontaktpersonen haben uns gesagt, wir sollen das Collegegelände am besten nur zu dritt verlassen, woran wir uns am Anfang auch gehalten haben. Später war jeder auch alleine unterwegs und ich habe mich immer sicher gefühlt. Für jeden Inder, der dich eventuell belästigt, weil er ein Selfie mit dir machen will (und das kommt sehr oft vor) gibt es 10 Inder, die sofort dafür sorgen, dass du in Ruhe gelassen wirst.

Geld

Indische Rupien sind zu empfehlen. Kreditkarte oder Euros zum Wechseln sind beides kein Problem. Ich hatte eine Kreditkarte. Falls du Bargeld zum Wechseln mitnimmst, wechsle es nicht am Flughafen, sondern lass dir von den Kontaktpersonen eine gute Wechselstube zeigen, dann bekommst du einen wesentlich besseren Kurs. Im Vergleich zu Deutschland sind die Preise wirklich gering. 3-Gänge Menü mit Cocktails 10€.

Sprache

Alle Ärzte und Studenten sprechen Englisch. Manche nuscheln sehr stark, aber die aller meisten versteht man gut. Die Unterhaltung mit den Patienten war in meinem Fall (Staat: Punjab) immer in Punjabi. Man muss immer wieder um eine Übersetzung bitten, die Ärzte sind oft im Stress, aber die Studenten sind da wirklich hilfsbereit.

Verkehrsbindungen

Da ich erst sehr kurz vor Beginn der Famulatur Bescheid bekommen habe, in welche Stadt ich komme, habe ich schon früh einfach einen Flug nach Delhi gebucht, um dann bei Bekanntgabe der Stadt einfach einen günstigen (30€) Inlandsflug zu buchen. Es gibt auch die Möglichkeit mit dem Bus von Delhi in Städte zu fahren, da Inlandsflüge ein Gepäckmaximum von 15kg haben. Ein sehr gutes Busunternehmen ist Indo-Canadian Transport. Flüge fallen angeblich aufgrund des Monsun manchmal aus, war bei mir nicht der Fall (Anfang August). Busse sind immer pünktlich gewesen. Mit Zügen habe ich auch gute Erfahrungen gemacht (immer mit Air Conditioning buchen!), nur mein Nachtzug kam viel zu spät.

Kommunikation

Unsere Kontaktpersonen haben uns SIM-Karten besorgt mit 1,5GB Datenvolumen PRO TAG. Wir mussten die Karten nicht bezahlen, die sind wohl im Austausch mitenthalten. Man muss nur etwas Geduld haben, bzw. etwas drängen (so ist Indien eben). Wir haben unsere SIMs am Abend der Ankuft bekommen.. andere erst 4 Tage später. Dein Handy darf keinen SIM-Lock haben. Empfang hat man überall sehr gut. Das Hostel und College in Ludhiana hatte auch WLAN. Man muss sich im WLAN aber mit einer indischen Nummer registrieren.

Unterkunft

Ich als Mädchen habe im Girl's Hostel direkt neben dem College-Gebäude geschlafen. Die Jungs hatten ein Guest-House neben dem Girl's Hostel. Die Mädels haben Einzelzimmer, die Jungs Doppelzimmer. Zu mindest in Ludhiana. Essen gibt es in der Mess des Girl's Hostels 3 mal am Tag, die Jungs bekommen ihr Frühstück ins Guest-House gebracht haben sich aber angewöhnt immer bei uns zu essen. Das Guest-House hat einen Kühlschrank, man kann aber auch das Küchenpersonal fragen, ob sie etws für einen kalt legen. Die Badezimmer waren recht sauber, es gab warmes Wasser, aber kein Klopapier. Man kann Klopapier im Supermarkt ums Eck kaufen, aber für den ersten Tag würde ich empfehlen etwas mitzubringen! Das gilt für ganz Indien.

Literatur

Ich habe den Kauderwelsch Hindi gelesen, in der Hoffnung ein bisschen Hindi zu lernen, hat aber nicht geklappt, dafür habe ich sehr viel über Verhaltensweisen und die Kultur gelernt, das war eine gute Vorbereitung.

Mitzunehmen

Ich habe einen überflüssigen Steckdosenadapter mitgenommen, man kann fast überall seine deutschen Stecker reinstecken. Ich habe das Student's Handbook von IFMSA ausgedruckt mitgenommen, das wollte dort aber keiner sehen. Ansonsten Klamotten für warmes Wetter, lange leichte Hosen für im Krankenhaus. Ein Kittel. Stethoskop. Augenlampe. Reflexhammer überflüssig. Wenn du so ein Otoskop hast, könntest du damit Eindruck schinden. In meinem Krankenhaus wurden dafür fette Taschenlampen benutzt. Am meisten vermisst habe ich Vollkornbrot und Pünktlichkeit. Unbedingt denken sollte man an Klopapier, etwas zum Schreiben, Geschenke, die man evtl. am Ende seinen Mentoren übergeben kann.

Reise und Ankunft

Die Anreise mit Inlandsflug von Delhi verlief bis zum Flughafen Ludhiana unproblematisch, dort sollten wir eigentlich abgeholt werden. Ich habe am Flughafen in Delhi über den ungeschützten WiFi-Hotspot eines Unbekannten erfahren, dass wir uns am Flughafen in Ludhiana das Handy von jemandem leihen sollen, um unsere Kontaktperson anzurufen. Das habe ich dann auch gemacht, um zu erfahren, dass wir uns ein Taxi nehmen sollen (ich kam zusammen mit einer spanieschen Austauschlerin an). Beim Taxi wurden wir natürlich erstmal abgezockt. Nicht so schön. Bei anderen hat die Abholung aber auch geklappt. Man sollte sich einfach die Adresse seiner Unterkunft notieren.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich habe im Department of Public Health gearbeitet und ich kann es nur weiterempfehlen!! Mein Department war nicht im Krankenhaus, sondern im College-Gebäude. Am ersten Tag wurde ich allen vorgestellt, habe eine Führung durch das Department bekommen und meine weiteren Tätigkeiten besprochen. Ich wurde als Ausländerin sehr respektvoll behandelt. Respektvoller als die indischen Studenten. In meiner ersten Woche hatte ich das Glück, dass gerade eine Polio-Impfaktion stattgefunden hat, d.h. ich durfte mit in die Slums Polio-Drops verteilen. Ansonsten war ich im Slum-Krankenhaus und Dorf-Krankenhaus, die beide zum privaten Hauptkrankenhaus der Stadt gehört haben. Ich durfte viele Hausbesuche machen und gerade auf dem Dorf auch sehr viel eigenständig am Patienten. Die andern Studenten in den Departments im Hauptkrankenhaus hatten eher Observer-Status, weshalb ich sehr glücklich mit meiner Department-Wahl war.
Mit allen Mitarbeitern und Studenten, die mir begegnet sind habe ich mich sehr gut verstanden. Bloß eine Ärztin hatte einen mittel- bis hochgradigen Dachschaden, war aber guter Läster-Stoff mit den indischen Studenten.
Sprachliche Verständnisschwierigkeiten kamen durchaus vor, aber nichts was nicht mit 3-4 Mal "pardon me?" hätte behoben werden können. Verständnisschwierigkeiten, die das indische Verhalten in manchen Situationen betreffen, waren allerdings auch nicht selten und haben für viele Fragen meinerseits gesorgt, die mir aber beantwortet werden konnten. Natürlich wird man auch über Deutschland ausgequetscht.
Ich habe sehr viel über das indische Gesundheitssystem gelernt. Beispielsweise, dass nur 1% des BIP in Gesundheit gesteckt wird und dass 1 Arzt auf 10.000 Inder kommt. Dass staatliche Krankenhäuser top ausgestattet sind, aber praktisch keine Ärzte dort arbeiten, weil sie in Privathäusern viel besser verdienen. Aber auch sehr viel Gutes. Das Slum- und Dorfkrankenhaus, in dem ich gearbeitet habe, hat für Untersuchungen nur 1/3 des Preises des Hauptkrankenhauses verlangt. Es gab 80 Medikamente in der Krankenhausapotheke, die die Public Health Ärzte kostenlos verschreiben konnten. Auch die Polio-Impfaktion ist ein gutes Beispiel. Diese findet 4mal im Jahr statt ("pulse vaccination"), wo Ärzte und Schwestern von Haus zu Haus gehen. Das ganze hat dafür gesorgt, dass es in den letzten Jahren keinen Polio-Fall mehr in Indien gab.
Die medizinische Ausbildung wirkte sehr streng, die Inder waren die ganze Zeit am büffeln nach der Uni, die immer von Montag bis Samstag war. Die meisten haben auch für USMLE gelernt, weil alle davon träumen in die USA, nach Kanada, Australien oder auch Deutschland zu gehen.

Land und Leute

Von Ludhiana aus sind Ausflüge Richtung Himalaya super. Wir waren in Chandigarh, Amritsar, Dharamshala (wo der Dalai Lama wohnt) und sind 2 Tage in Triund gewandert. Ich habe außerdem eine Freundin in Süd-Indien besucht. Inlandsflüge sind nicht sehr teuer. Während ich im Süden war, waren die anderen mit dem Bus beim Taj Mahal und in Jaipur. Man kommt herum. Man sollte in seinem Department direkt am Anfang klarstellen, dass Austauschstudenten nicht samstags arbeiten müssen. Die Kontaktpersonen helfen sehr gerne bei der Organisation von Ausflügen und der Buchung von Verkehrsmitteln, man muss sie nur sehr oft daran erinnern.
Wirtschaftlich geht es dem Großteil des Landes grottenschlecht. Gerade bei meinen Hausbesuchen vom Slumkrankenhaus aus ist mir das deutlich geworden. Es mangelt an Bildung, von Gesundheitsbildung ganz zu schweigen. Jeder dritte hat Typ 2 Diabetes, Compliance ist mangelhaft, und gerade für die, die am meisten Erklärung zu ihrer Krankheit bräuchten, ist am wenigsten Zeit da.
Kulturell ist das Land unglaublich vielfältig. Wir haben Sikh-Tempel besucht, Blumenketten in Hindu-Tempeln bekommen und buddhistische Mönche in orange beobachtet. Die Bars im Land sind etwas gewöhnungsbedürftig. Die Musiklautstärke war im Dezibelbereich irgendwo zwischen man kann das Englisch der Mitaustauschler nur noch schemenartig erraten und Schmerzgrenze. Genre: US-Charts gemischt mit einer Punjabi-Variante der US-Charts. Mittwochs ist in den besten 3 Kneipen der Stadt Ladies' Night und wir Mädels trinken umsonst. Bier schmeckt.
Mit den Gastgebern sind alle super klargekommen. Wir hatten 2 Geburtstage, die jeweils mit Tortenüberraschung und Spontanparty organisiert wurden, uns wurden Ausflugtipps gegeben, wir wurden in der Stadt herumgefahren zu den leckersten Restaurants und hatten Seminare in der Uni zu verschiedenen, interessanten Themen. Wie das aber so ist in Indien, braucht man für vieles viel Geduld.
Die übrige Bevölkerung ist sehr respektvoll und unglabulich gastfreundlich gewesen. V.a. von jungen Männern wird man sehr oft nach Selfies gefragt, wenn sie nicht heimlich ein Foto von einem schießen. Das nervt, aber man macht ja auch Fotos von Indern ohne, dass die sich beschweren. Wenn man nicht will, reicht es 2 bis 10 mal nein zu sagen, dann wird man in Ruhe gelassen. Bei Tuk-Tuk Fahrern ist Preisverhandeln manchmal problematisch. Als Ausländer ist Uber oder Ola (=indisches Uber) meistens günstiger. Es empfiehlt sich, die Apps zu downloaden.
Das Essen war wirklich nicht zu scharf. Mir wurde gesagt, dass der Süden schärfer isst als der Norden, aber auch das kann ich nicht wirklich bestätigen. Das Hostel-Essen war immer leicht scharf, aber man kann jeder Zeit nach Joghurt fragen, den man sich unter sein Curry oder Dal mischen kann. Das Hostel-Essen war sehr lecker und wir sind alle durchfallfrei geblieben. Der einzige Nachteil ist, dass sich die Menüs nach ca. 3 Tagen ständig wiederholen. Auswärts zu essen ist zum Glück nicht teuer.
Meine unangenehmste Erfahrung war die verrückte Ärztin im Slum-Krankenhaus, die während meiner Famulatur Überwachungskameras angebracht hat, um indische PJ-ler zur Sau zu machen, wenn sie nicht an ihrem Platz waren. Auch nach manchen Einkäufen hatte man manchmal das Gefühl abgezockt worden zu sein. Man sollte immer Preise vergleichen. Gerade Straßenläden bieten häufig dieselben Sachen an, sodass man einfach weitergehen kann, wenn einem der erste Preis zu hoch vorkommt.
Meine angenehmsten Erfahrungen habe ich bei den Hausbesuchen gemacht. Die Menschen sind so einladend und herzlich und interessiert an einem. Ich hätte wirklich gerne Punjabi verstanden.

Fazit

Ich hatte keine großen Erwartungen, aber ich kann sagen, dass ich eine Famulatur in meinem Department nur weiterempfehlen kann. Ich habe bei keinem Praktikum so viel gelernt wie dort. Nicht unbedingt aus medizinischer Sicht, aber aus kultureller, sozialer und zwischenmenschlicher Sicht.
So schnell würde ich nicht wieder nach Indien reisen. Es ist sehr voll und sehr anstrengend. Aber ich habe dort so viele Freundschaften geknüpft, dass ich irgendwann gerne wieder zurückkäme.
Ich kann mir absolut nicht vorstellen, dort mein Leben lang zu arbeiten. Für ein paar Jahre okay, aber selbst die Inder wollen dort nicht arbeiten. 6 Tage die Woche. Auch der Austausch mit den europäischen und nordafrikanischen Studenten hat mir klargemacht, dass Deutschland im Vergleich ein sehr angenehmes Land ist für Ärzte.
Die größte Konsequenz, die ich aus meinen Erfahrungen ziehe, ist die, dass ich unbedingt nochmal im Ausland mit anderen Studenten oder Ärzten und Schwestern zusammenarbeiten will. Es ist eine größere Herausforderung als eine Famulatur in Deutschland, aber der Aufwand wird belohnt.

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