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Italy (SISM)

Anästhesie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Berivan, Eupen

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Motivation

Im Laufe des Studiums hatte ich viele Möglichkeiten Praktika in verschiedenen Regionen Deutschlands zu absolvieren. Die Erfahrungen, die ich durch diese Praktika gesammelt habe waren einzigartig. Sie haben mir sehr früh im Studium gezeigt, wie wertvoll so ein Austausch sein kann, um den Horizont sowohl medizinisch als auch kulturell zu erweitern. Die Möglichkeit, ein komplett anderes Gesundheitssystem in einem anderen Land kennenzulernen wollte ich unbedingt nutzen. Ich war bereits in Italien und mochte das Land und die Kultur auf Anhieb. Daher fiel es mir leicht mich für dieses Land zu entscheiden.

Vorbereitung

Ich habe mich im Oktober über das Programm der bvmd informiert und einen Informationsabend besucht. Danach habe ich mich auf der Seite schlau gemacht, Erfahrungsberichte gelesen und die nötigen Dokumente zusammengesucht. Für Italien braucht man lediglich ein Sprachzeugnis in Englisch (B2-Level), welches man nach einem Einstufungstest an der Uni ohne Probleme bekommt. Desweiteren wurde nach einem Motivationsschreiben in englisch für die gewünschte Fachrichtung verlangt.
Es nimmt etwas Zeit in Anspruch, alles zusammen zu haben. Jedoch lohnt sich der Aufwand!

Visum

Da Italien zur europäischen Union gehört, braucht man als Europäer auch kein Visum.

Gesundheit

Nachdem ich die Zusage der bmvd hatte, musste ich die Card of documents für Italien ausfüllen. Hier wurde nach einer Kopie des Impfpasses gefragt. Es wurden keine spezifischen Tests von mir verlangt, jedoch kann man, wenn man diese hat, Hepatitis B Antikörper-Titer hochladen. Das habe ich dann auch gemacht, da ich zu der Zeit zur Kontrolle musste und die Ergebnisse hatte.

Sicherheit

Ich hatte bereits zuvor eine Auslandskrankenversicherung und Haftpflichtversicherung und konnte diese dann auch vorweisen. Es wird von Italien aber nicht verlangt. Man kriegt über die IFMSA eine Versicherung, die man dann vor Ort unterschrieben abgeben muss. Ansonsten ist Norditalien sehr sicher. Ich konnte ohne Probleme nachts alleine durch die Gegend laufen und hab mich nie unsicher gefühlt. Von der Mafia bekommt wohl eher im Süden was mit. Jedenfalls haben mir die Studierenden in Varese das so erzählt.

Geld

In Italien bezahlt man mit Euro. Norditalien hat ähnliche Preise wie Deutschland, teilweise ist es auch teurer. Man kann nahezu überall mit Bankkarte zahlen. Transportmittel sind sehr günstig im Vergleich zu Deutschland. Ihr solltet bei Ankunft sofort eine Busfahrkarte für einen Monat kaufen. Das ist für Studierende sehr günstig.

Sprache

Das ist wohl der schwierigste Punkt: Leider spricht die Mehrheit der Bevölkerung Italiens, selbst im modernen Norden, kein Englisch. Selbst im Universitätskrankenhaus ist es keinesfalls Standard, Englischkenntnisse zu besitzen. Umso wertvoller ist es jemanden zu finden, der die Sprache beherrscht und motiviert ist mit einem zu reden. Wer italienisch kann ist aufjedenfall im Vorteil. In der Anästhesiologie hindert es einen beim Arbeiten nicht, wenn man kein italienisch kann, jedoch würde ich einem abraten für internistische Fachrichtungen nach Italien zu reisen, ohne die Sprache zu beherrschen. Ich habe vor meiner Anreise mit einer Sprachenapp italienisch gelernt, da ich leider nicht die Zeit hatte den Sprachkurs der Uni zu besuchen. Dadurch habe ich die Basics gekonnt.

Verkehrsbindungen

Ich habe Mitte Juli meinen Flug nach Mailand gebucht und bin von dort mit dem Zug nach Varese gefahren. Es gibt eine Direktanbindung von Malpensa nach Varese, die c.a. 45 min dauert. Transport ist wie bereits erwähnt sehr günstig in Italien. Es empfiehlt sich die Zugtickets online zu kaufen, da es oft günstiger ist als am Schalter. Zudem sind die online Zugtickets für mehrere Stunden gültig. Es macht also nichts, wenn man seinen Zug verpasst und den nächsten nehmen muss. Vom Bahnhof hat mich meine Kontaktperson abgeholt und mich zu meiner Unterkunft gefahren.

Kommunikation

Meine Kontaktperson hat mich bereits vor meiner Anreise angeschrieben und mir bei Planung der Anreise und diversen Fragen geholfen. Vor Ort hatte ich leider das Pech in einer Unterkunft zu wohnen, wo es kein WIFI gab. Man hat die Option eine italienische Sim-Kart zu kaufen (10€) und dann ein Internet-Abo (10GB für 10€). Aber wenn man mobiles Internet von zuhause aus hat kann man es weiterhin nutzen, da es kein Roaming mehr gibt in Europa. Es fallen also keine Zusatzkosten an. Vorsicht jedoch wen man in die Nähe von der Schweiz kommt! 2 Minuten in der Schweiz und man hat weder Guthaben noch Internet übrig.

Unterkunft

Ich bin mit 4 anderen Studentinnen in ein Apartment untergekommen, welches alles hatte, was man brauchen kann. Es war jedoch sehr klein, daher haben wir auf sehr engen Raum miteinander gelebt. Das kann auf Dauer anstrengend sein. Das Apartment gehörte einem Hotel, welches einmal wöchentlich eine Putzfrau geschickt hat, welche Bettbezüge, Handtücher und Badetücher gewechselt hat.

Literatur

Zuvor habe ich mich im Internet über die Lage von Varese informiert und über naheliegende Gebiete gelesen. Es gibt für Varese diverse Tourist-Info-Seiten, die alle sehr gut und ausführlich sind. Es lohnt sich die Einheimischen nach möglichen Reisegebieten zu fragen, die man an Wochenenden besuchen kann. Ansonsten habe ich diverse medizinische Bücher zum Nachlesen als PDF Format auf meinem Laptop mitgenommen.

Mitzunehmen

Unbedingt beachten, dass selbst im September sommerliche Temperaturen herrschen in Norditalien! Es ist daher nicht nötig, allzu warme Kleidung einzupacken. Ich sollte meinen eigenen Kittel und meine eigene OP-Kleidung mitnehmen. Letzteres habe ich dann nie genutzt, da sie mir vom Krankenhaus gestellt wurde. Ihr solltet sehr bequeme Schuhe fürs Krankenhaus mitnehmen. Dicke Bücher lohnen sich definitiv nicht. Vergisst nicht etwas Essbares von eurer Heimat mitzunehmen, dass ihr an internationalen Abenden dann rumreichen könnt =D.

Reise und Ankunft

Anreise war sehr einfach. Ich bin am Samstagmorgen nach Mailand geflogen und habe Montagmorgen das Praktikum im Krankenhaus begonnen. Die frühe Anreise hat sich gelohnt, da man genug Zeit hat sich einzuleben und die Leute mit denen man lebt kennenzulernen. So haben wir den Sonntag direkt ausgenutzt um gemeinsam die naheliegende Stadt Como zu besuchen.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

An meinem ersten Tag hat mich meine Kontaktperson zum Krankenhaus gefahren und mit mir gemeinsam meinen Tutor gesucht. Das hat etwas gedauert und letztendlich haben wir ihn auch nicht gefunden. In der Anästhesiologie hat man die Möglichkeit entweder im OP oder auf der Intensivstation unterzukommen. Ich bin dann dem letzteren zugeteilt worden und durfte direkt an der Morgenbesprechung teilnehmen, die leider komplett in Italienisch gehalten wird. Danach hat mir eine Assistenzärztin die nötige Kleidung gegeben und mir die Umkleide etc. gezeigt. Da mein Tutor der Chefprofessor der Uni war, habe ich ihn kaum je zu gesicht bekommen und bin mit anderen Ärzten rumgelaufen. Was mir als erstes aufgefallen ist auf der ICU ist die unglaublich gelassene Atmosphäre zwischen Oberärzten und Assistenzärzten! Sie gehen miteinander sehr freundschaftlich um und sprechen auf Augenhöhe miteinander. Es ist auch mit Abstand das, was mir am meisten gefallen hat in diesem Krankenhaus.
Leider hat man in Italien als Student nur die Funktion zu beobachten und zu begleiten. Ich habe somit nichts eigenständig machen können. Ich habe jedoch viele Eingriffe sehen können (Tracheostomie, Bronchoskopie mit Biopsie, …).
Alle waren sehr nett, jedoch wegen der Sprachbarriere etwas zurückhaltend. Ich habe vieles verstehen können, da Italienisch dem Französichen ähnelt und ich letzteres beherrsche. Italiener erklären gerne, wenn man Fragen hat. Von sich selbst aus erklären jedoch die Wenigsten.
Die Italiener arbeiten in einem ganz anderen Rhythmus als Deutsche! Mit allem nehmen sie sich unglaublich viel Zeit. Es ist schwer sich an diese Gelassenheit zu gewöhnen wenn man das schnelle und effiziente Arbeiten in Deutschland gewohnt ist.
In Italien macht man nach den 6 Jahren Medizinstudium einen Test, an dem die ganze NAtion gleichzeitig teilnimmt und dessen Ergebnis entscheidend ist dafür, welche Fachrichtung in welcher Stadt man als Assistenzarzt belegen kann. Je besser die Note, desto höher die Chancen, dass man das bekommt was man will. Die zukünftigen Assitenzärzte müssen oft umziehen, wenn sie eine begehrte Fachrichtung absolvieren wollen. Ansonsten ist das Medizinstudium wenig praktisch gestaltet, da man, wie bereits erwähnt eher Beobachtungsfunktion hat im Krankenhaus. Dies sollte einem im Voraus klar sein, sonst wird man sehr enttäuscht werden. Zudem bekommt man auch im Studium die italienische Gelassenheit zu spüren: Die Studenten wissen bis kurz Ende der Semesterferien nicht, wann die Uni wieder weiter geht und bekommen den Stundenplan auch sehr spät. Planung ist hier also eher schwierig.
Da man täglich nur 5h arbeiten muss, hat man die Möglichkeit auch nachmittags Ausflüge in naheliegende Regionen zu machen.

Land und Leute

Varese ist eine reiche und nicht allzu touristische Stadt in Norditalien. Sie wird auch "City of Gardens" genannt und das zu Recht. Die Stadt hat unglaublich schöne Gärten zu bieten, die alle sehr schön gepflegt sind. Die Stadt zieht vor allem Radfahrer an, wegen den tollen Radwegen. Ansonsten findet sich wie erwähnt die etwas wohlhabendere Gesellschaft Italiens. Alle Menschen sind sehr nett und höflich, jedoch sprechen nur wenige deutsch. Die Italiener mögen es, wenn man versucht italienisch zu sprechen, ganz gleich ob man nur 2 Worte sprechen kann. Sie sind sehr sympathisch und hilfsbereit. Die italienische Gelassenheit ist sowohl erfrischend als auch ärgerlich. Beispielsweise sind sie nie pünktlich und kommen regelhaft mit mindestens 20min Verspätung zu einer Verabredung. Davon ist die Morgenbesprechung im Krankenhaus keine Ausnahme: Die Besprechung, die theoretisch um 8 beginnen soll, beginnt de facto erst um halb 9. Die Züge sind nahezu immer verspätet, wenn sie denn nicht ausfallen, was sehr oft und ohne Vorwarnung oder Erklärung passiert. Im Krankenhaus ist IMMER Zeit für einen Kaffee/Cappuccino (letzteres von Einheimischen Capucco genannt), der entweder selbst gemacht wird oder in der Cafeteria im Eingangsbereich gekauft wird (faire Preise, unglaublich gut! Probiert die Croissants mit Nutella!). Eine wichtige Bemerkung für Kaffeeliebhaber: wenn man in Italien einen Kaffee bestellt bekommt man einen Espresso. Wenn ihr einen Kaffee wie bei uns haben wollt, müsst ihr das oftmals sehr teure Caffe americano bestellen.
Varese ist super gelegen: Man kann von hier aus leicht nach Mailand(40km), Como(20km), Lago Maggiore(20km). Zudem gibt es Schnellzüge und Flixbusse von Mailand nach so ziemlich jeder Stadt Italiens, z.b. Florenz (3h Fahrt), Venedig (3h Fahrt), Turin (2,5h Fahrt), Verona (2,5h Fahrt). Ihr habt genügend Zeit um alles zu besuchen und mit dem günstigen Transport und Seiten wie goeuro.com ist es auch einfach die Trips zu organisieren. Ihr solltet zudem darauf vorbereitet sein, dass ihr das beste Essen eures Lebens essen werdet. Das Land von Pizza, Pasta und Gelato ist ein Traum, wenn es ums Essen geht. Selbst reguläre Produkte aus dem Supermarkt, wie Fruchtjoghurt oder Saft (100% natürlich) schmecken hier tausendmal besser als in Deutschland.
In der Gegend gibt es viele Berge, die man hochwandern kann oder man kann eine Seilbahn nehmen um raufzufahren. In Varese selbst gelegen ist beispielsweise der Sacro monte, den man unbedingt erklimmen sollte! Die Aussicht ist phenomenal!

Fazit

Meine Erwartungen wurden weitaus übertroffen. Ich habe eine tolle Zeit gehabt und unglaublich nette Menschen kennengelernt, mit denen ich auch weiterhin Kontakt pflegen werde. Das wird nicht meine letzte Reise nach Italien werden und kann mir auch gut vorstellen eine längere Zeit hier beruflich tätig zu sein. Allein die stressfreie, freundliche Atmosphäre im Krankenhaus ist es schon wert hier anzufangen. Ich kann eine Famulatur in Italien absolut jedem empfehlen!

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