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Morocco (IFMSA-Morocco)

Chirurgie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Hans, Hannover

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Motivation

Seit dem Beginn meiner klinischen Ausbildung reise ich viel und habe großes Interesse andere Kulturen und Landschaften kennenzulernen. Im Rahmen der Famulatur wollte ich unbedingt in ein muslimisches Land. Gerade angesichts der wachsenden Klientel mit muslimischem Hintergrund ist es auch medizinisch interessant ihren kulturellen Hintergrund zu kennen und beginnen ihn zu verstehen.

Vorbereitung

Im Vorfeld des Austauschs war ich sehr eingebunden in ehrenamtlich Projekte und hatte deshalb wenig Zeit mich aktiv vorzubereiten. Ich empfehle allen das Pre-Departure Training und speziell für Marokko lohnt es sich Französischkenntnisse zu haben. Einige Worte Arabisch öffnen hier außerdem schnell viele Türen. Es ist weiterhin ratsam ein rudimentäres Grundwissen über den Islam, marokkanische Politik und Geschichte in der Hinterhand zu haben.

Visum

Ich musste kein Visum beantragen. Der Besuch Marokkos ist erst ab 3 Monaten visumspflichtig. Die Tätigkeit als Famulus habe ich bei allen Grenzkontrollen allerdings verschwiegen.

Gesundheit

Ich habe keine besondere Vorsorge getroffen. Die Standardreiseimpfungen waren noch aktuell. Tollwut ist zu empfehlen, Malaria eigentlich zu vernachlässigen. Typhus kann man nach eigenem Gutdünken entscheiden. Wichtiger ist gute Wasserhygiene.
In Algerien gab es einen kleinen Choleraausbruch, der glücklicherweise nicht nach Marokko gekommen ist.
Insgesamt gibt es hier eine hohe Inzidenz für Tuberkulose und Salmonellose.

Sicherheit

Mein Eindruck war das die Marokkaner sich selbst mehr misstrauen als ich Ihnen. Natürlich wird man von Händlern und Taxifahrern übers Ohr gehauen, wenn man nicht zu handeln versteht, meine persönliche Sicherheit empfand ich jedoch nie als gefährdet. Dabei ist zu berücksichtigen, dass ich ein zwei Meter großer weißer Mann bin. Für Frauen ist es gerade nachts und gerade in Casablanca in einigen Straßenzügen empfehlenswert nicht allein unterwegs zu sein. Achtsamkeit was Wertsachen angeht ist selbstverständlich. Ich habe in den 4 Wochen 4 Prügeleien in der Öffentlichkeit mitbekommen und mich bewusst gegen ein Einmischen entschieden. Das würde ich so auch weiterempfehlen.

Geld

Die Währung in Marokko ist Dirham, der Kurs ist etwa 1€:10Dh. Viele Menschen bieten privat an Euros zu tauschen und gerade Reiseagenturen und große Geschafte akzeptieren teils auch Euro. Ich konnte problemlos Geld abheben, deshalb empfehle ich nicht zu große Mengen Bargeld mit sich herumzuschleppen.
Die Lebenshaltungskosten sind günstiger, solange man nicht das Bedürfniss hat ein europäisches Nachtleben zu haben. Alkohol und Clubs sind unfassbar teuer (Bier in einer Bar mitunter 10€ für 0,33l). Dafür sind Säfte und Essen an der Straße sehr günstig. Wenn man etwas handeln kann, bekommt man gute Preise bei Straßenhändlern, wenn man das nicht kann oder zu großen Ketten oder in Malls geht, landet man bei fast den gleichen Preisen für Kleidung, Elektronik etc. wie in Deutschland.

Sprache

Marokko ist ein sehr vielsprachiges Land! Französisch ist Pflicht, gerade für den Austausch, da es die Lehrsprache in der Medizin ist. Im Norden wird auch viel Spanisch gesprochen. Darija als marokkanische Form des Arabischen ist die Sprache des Volkes, kommt man jedoch weiter in den Süden und Südosten findet man dort auch Nachkommen der Berber, die auschließlich Berber sprechen.
Meine Empfehlung ist Französisch mindestens B1 (was ich selbst nicht habe). Englisch und Spanisch helfen hier und da weiter. Wer Arabisch sprechen kann hat große Vorteil, notwendig ist es aber nicht.

Verkehrsbindungen

Marokko ist am einfachsten per Flugzeug zu erreichen. Flüge hin und zurück kosten aus Deutschland bei zeitiger Buchung unter 200€, kurz vor knapp immer noch unter 300€. RyanAir machts billiger, ist aber ein Drecksverein.
Wer Zeit hat kann auch mit Zug, Bus und Fähre anreisen und sieht dann Unterwegs Spanien und Frankreich.
Im Land selbst gibt es Züge, die die großen Städte verbinden, die meisten Ziele sind jedoch besser per Bus zu erreichen. Pro Fahrt zahlt man dabei zwischen 50 und 200 Dh (5-20€).
In den Städten gibt es ÖPNV, der auch recht verlässlich ist, am wichtigsten sind allerdings die Petit Taxi. Eine reguläre Fahrt kostet da immer unter (3€), manche Fahrer sehen das anders, das ist dann etwas anstrengend auszudiskutieren, klappt aber meistens.

Kommunikation

SIM-karten sind hier saubillig. Nach der Ankunft also direkt eine SIM-kaufen und Surfen bis man schwarz wird. für 10Gb habe ich 10€ bezahlt. darüber hinaus gibt es in den meisten Restaurants und Cafés WiFi, in der Uni leider nicht.

Unterkunft

Ich war bei einem Medizinstudenten untergebracht und konnte/musste mich selbst verpflegen. Dafür wurden mir 700Dh zur Verfügung gestellt. Mein Host hatte leider kein zweites Bett, ich habe deshalb meist auf der Couch geschlafen, was sehr unbefriedigend war. Bettwäsche habe ich von ihm bekommen. Die Unterkunft ist mir vom Local Commitee organisiert worden. Rückblickend hätte ich mir lieber etwas anderes gesucht.

Literatur

Bücher habe ich mir nicht angeschafft. Bei vielen Fragen nach intensiven Gesprächen mit Locals habe ich Wikipedia angeschmissen. Dort habe ich schnell genau die Informationen gefunden die ich mir gewünscht habe.

Mitzunehmen

Ich habe einges eingepackt, AirFrance hat allerdings mein Gepäck verloren. Je nachdem was man in der Freizeit tun möchte muss man selbst ein bisschen überlegen. Plicht sind Badesachen, Sonnencreme und Sonnenbrille. Pullis können zu Hause bleiben. Ein bisschen Loperamid in der Hinterhand schadet nicht.
Kittel, OP-Kleidung, Kasack, Schuhe wird alles NICHT gestellt, kann aber vor Ort gekauft werden.
ACHTUNG: Schuhgrößen über 46 sind hier fast nicht zu bekommen!

Reise und Ankunft

Meine Anreise war leider sehr durchwachsen. Ich hatte meinen Flug nach Rabat gebucht, wo ich eigentlich famulieren sollte. Einen Tag vor dem Flug kam die Info, dass ich in Casablanca sein werde. Dementsprechend hat mich niemand empfangen und mein Host war auch nicht klar. In Casablanca wurde ich dann sehr herzlich von einer Studentin empfangen die eigentlich gar nichts mit mir zu tun gehabt hätte. Im Krankenhaus wurde ich kurz vorgestellt, allerdings kaum wahrgenommen.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Da im September der allgemeine Lehralltag anfängt wurden wir in einen klinischen Kurs für Neurochirurgie integriert. Der erste Tag unterschied sich kaum von den anderen. Um 8:30 sollte man vor Ort sein, vor 9:30h ist aber nichts passiert. Es gab die stehende Einladung den OP zu besichtigen, dort wurde aber erst ab 11h operiert und es war nicht klar ersichtlich was und durch wen. Ab 9:30 wurden Vorträge von Studierenden gehalten. Im Anschluss gab es manchmal Bedside-Teaching, dass war jedoch die Ausnahme. Es gab das Angebot Nachtschichten zu machen. Aufrgrund der Sprachbarriere zu den Ärzten habe ich mich das leider nicht getraut. Tendenziell wäre dort vermutlich der größte Lerneffekt zu erzielen gewesen.
Ich wiederhole noch einmal ohne Französisch kommt man hier nicht weit. Und selbst mit französisch kann man nur mit einem Bruchteil der Patienten kommunizieren.
Am spannendsten war deshalb das Gesundheitssystem im Allgemeinen. Es gibt eine Trennung zwischen privaten und öffentlichen Krankenhäusern. Die Privaten sind häufig von saudischen Scheichs finanziert und haben europäischen Standard. Auf meiner Station im öffentlichen Krankenhaus gab es nicht einmal Desinfektionsmittel. Das muss selbst gekauft werden. Die Station wirkte auch sonst recht spärlich ausgestattet. Trotz dieser Voraussetzungen war ich überrascht, dass doch einige komplexe Fälle, wie zum Beispiel ausgeprägte Skoliosen, erfolgreich operiert wurden. Spannend war, dass Marokko eine hohe Inzidenz an Nackentraumata hat. Das hat zwei Ursachen, einerseits den chaotischen Verkehr, andererseits den Ozean. Es kommt regelmäßig vor, dass Menschen zu flach ins Wasser springen und dann mit Halswirbelfrakturen eingeliefert werden.
Die Ausbildung in Marokko ist ebenfalls aufgeteilt in privat und öffentlich. Die Privaten zahlen dabei etwa 13000€ pro Semester, demenstprechend studiert dort nur eine ausgewählte Bevölkerungsgruppe (sagte man mir so). An der staatlichen Uni gibt es viel frontalen Unterricht und die Studierenden verbringen gerade in der Klinik sehr viel Zeit damit auf Dozenten zu warten.
insgemsamt fällt es mir leider sehr schwer ein umfassendes Bild abzugeben, da ich wenig machen konnte und durfte, wenig gesehen habe und zusätlich eine Sprachbarriere zu den Dozenten hatte. Das System Marokkos kennenzulernen ist nichtsdestotrotz spannend. Falls man hier famulieren möchte empfehle ich stärkstens, dass im Juli oder August zu tun. Mein Eindruck ist, dass in der Zeit die akademische Betreuung und das Social Program deutlich besser organisiert sind.

Land und Leute

Einige Punkte diese Themenkomplexes habe ich bereits weiter oben aufgefasst. Ganz wichtig ist dabei, dass gerade außerhalb Casablancas viele Marokkaner*innen mit Stolz aber auch kritischer Reflektion ihr Land zeigen wollen. Es lohnt sich deshalb sich auf Gesprächt mit Fremden einzulassen. Sie haben mich viel gelehrt und mir den Eindruck gegeben, dass in Marokko der Wunsch nach Veränderung wächst und wächst. Am einfachsten lernt man die Leute kennen, wenn mn einen Tee mit ihnen trinkt. das geschieht zum Glück sehr häufig und es ist unhöflich einen Tee auszuschlagen, also immerzu.
Was Reisen und Freizeit angeht ist für alle was zu holen. Das Rif-Gebirge und der Atlas (insbesondere Mt. Tupkal) bieten wunderbare Strecken zum Wandern. Im Rif liegt außerdem das Dorf Chefchouen, welches ein Muss ist, wenn man Marokko beusucht. Der alte Ort ist voller blau-weißer Häußer und trotzdem er fast ausschließlich von Tourismus lebt herrscht dort eine wunderbare Stimmung. Wer Orientalismus erleben möchte, der sollte sich die Medinas in Fes, Meknes und Tanger anschauen. Dort hat man den Eindruck in der Zeit zurück verseztzt zu werden. Gebäude und Mauern aus der vorkolonialen Zeit schaffen ein ganz besonderes Stadtgefühl.
Wer Surfen möchte kann das entlang der gesamten Küste tun. Einer DER Spots überhaupt ist allerdings Taghazout bei Agadir, oder das etwas nörlicher gelegene Essaouira. Essaouira lohnt auch ohne Surfwunsch eines Besuchs. Meiner Meinung nach ein weiteres Muss ist der Beusuch der Wüste. Die meisten Touren gehen nach Merzouga und von dort hat man die Chance mit Kamelen in die Dünen zu reiten. Aber auch der Weg dorthin ist mehr als beeindruckend. Unterwegs kommt man vorbei an Ouarzazate. In und um Ouarzazate wurden viele Filme gedreht, darunter Game of Thrones, Die Mumie, Lawrence von Arabien uvm. Für Cineasten ein weiteres Muss.
Ich empfehle bei Reisen in Riads Unterkunft zu finden. Die Preise pro Nacht sind bei etwa 20€, der Komfort ist massiv höher als im Hostel und es gibt wunderbares Frühstück.
Essen kann man meist sehr gut in der Medina. Hinter kleinen unscheinbaren Eingängen verbergen sich teils prunkvolle Restaurants mit Dachterassen, die einen beindruckenden Blick bieten.
Und ein letzter Punkt: Freitag ist CousCous-Tag. Die Uni endet meist früher und die meisten Marokkaner treffen sich mit Freunden und Familie zum gemeinsamen CousCous-Essen. Das ist nicht nur ein Schmaus sondern auch ein wunderbare Gelegenheit Leute besser kennenzulernen und sich über die Erfahrungen die man gemacht hat auszutauschen.

Fazit

Der Aufenthalt war sehr anders als erwartet. Akademisch habe ich gar nicht profitiert, gelernt habe ich dennoch unfassbar viel. Das Land ist wunderschön und die Art des Lebens so anders wie die in Deutschland. ich wurde in vielen Momenten zum innehalten angeregt und meine jetzt ein deutlich besseres Verständnis von den Auswirkungen der Kolonialgeschichte zu haben.
Ich kann mir nicht vorstellen dauerhaft hier zu leben, plane aber jetzt schon meinen nächsten Besuch.

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