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Iceland (IMSA)

Gynäkologie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Anuschka, Freiburg

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Motivation

Ich wollte die Auslands-Famulatur machen, um meinen Horizont zu erweitern und um zu sehen, wie es an anderen Orten der Welt so läuft.
Speziell nach Island wollte ich, weil ich 2 Jahre zuvor ein Stop-Over in Reykjavik auf dem Rückweg von Kanada hatte; es waren nur ein paar Stunden, aber Island hat mich sofort begeistert.
Meine Erwartung war, dass ich mich sowohl mit den Isländern als auch mit den anderen incomings über unsere Kulturen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede austauschen würde und wir alle dadurch einen neuen Blick auf unsere jeweiligen Kulturen bekommen.

Vorbereitung

Es ist eine gute Idee, das Fach, in dem man famuliert, vorher nochmal zu wiederholen. Ich habe die isländischen Ärzte als sehr motiviert erlebt, was die Lehre angeht, und man wird in der Klinik durchaus auch mal abgefragt. Es war nie auf eine unangenehme Art, sondern eher kollegial, aber trotzdem fühlt man sich natürlich besser, wenn man das Fach einigermaßen beherrscht und seine Heimat-Uni bzw Heimat-Land gut repräsentieren kann.

Visum

Ein Visum braucht man nicht, wenn man aus der EU nach Island einreist.

Gesundheit

Für Island braucht man relativ viele Gesundheits-Zertifikate, z.B. ein negatives MRSA-Screening und einen negativen Tuberkulose-Test. Darum sollte man sich rechtzeitig kümmern, denn evtl braucht man ja eine Therapie, um dann ein aktuelles, negatives Testergebnis ins Gastland mitnehmen zu können.
Eine Auslandskrankenversicherung ist auf jeden Fall eine gute Idee. Island ist zwar nicht besonders gefährdet für bestimmte Krankheiten, aber da Outdoor-Aktivitäten dort ziemlich naheliegend sind, kann es z.B. Mal zu einem Unfall kommen.

Sicherheit

Bezüglich der Sicherheit habe ich mir vorher keine Sorgen gemacht, und sehe auch im Nachhinein keinen Grund dazu. Das einzige, was passieren kann ist, dass ein Vulkan ausbricht und die Heimreise sich verzögert. Was ja nicht unbedingt schlecht wäre ;-)
Ich habe mich sehr sicher gefühlt. In Island Leben nur 300 000 Menschen, d.h. jeder kennt mehr oder weniger jeden und es kam mir sehr friedlich vor.

Geld

Die Währung sind Isländische Kronen; man kann fast alles mit EC- oder Kreditkarte bezahlen, selbst wenn man beim Bäcker nur ein süßes Stückchen holt. Wenn man Bargeld braucht, ist es am besten, einfach vor Ort an einem Automaten abzuheben.
Island ist unglaublich teuer. Miete, Essen im Supermarkt, Ausgehen, Bustickets – alles was man so braucht kostet ein Vielfaches wie in Deutschland. Man sollte sich für diesen Monat ein Depot ansparen, damit man dort ohne viel rumrechnen zu müssen in den Supermarkt gehen kann, und an den Wochenenden natürlich auch im Land herumreisen kann. Eine günstige Variante hierfür ist, sich ein Zelt mitzubringen und darin zu übernachten. Es gibt sehr viele Zeltplätze, die vergleichsweise günstig sind, und manchmal darf man sogar sein Zelt auf dem Grundstück von einem Bauern oder Pferdezüchter abstellen. Außerdem macht es Sinn, einige Lebensmittel von vorneherein mitzubringen (natürlich nur, was erlaubt ist), mehrere incomings hatten das so gemacht (z.B. Haferflocken für’s Frühstück, Fertig-Saucen für Nudeln o.Ä.). Das Mittagessen im Krankenhaus bekommt man bezahlt (es gibt ein Salatbuffet, Suppe oder zwei warme Hauptgänge zur Auswahl).

Sprache

Wenn man gut Englisch kann, kann man sich in Island gut verständigen. Nicht nur die Ärzte und Studenten sprechen gut Englisch, sondern prinzipiell fast jeder. Einige isländische Worte sollte man sich allein der Freundlichkeit halber aneignen, sodass man zumindest die Leute auf Isländisch begrüßen und verabschieden kann.

Verkehrsbindungen

Die Anreise erfolgt über den Flughafen Keflavik in der Nähe von Reykjavik. Von dort verkehren sehr häufig Shuttles in die Stadt (mind. 2x pro Stunde). Innerhalb Reykjaviks bewegt man sich am besten mit dem Bus fort und lädt sich idealerweise vorher die zugehörige App „Straetó“ runter. Will man am Wochenende das Land erkunden, kann man entweder Tagestouren buchen (die stressigere Variante) oder am besten ein Auto mieten. Auch die Mietwägen sind natürlich teurer als bei uns, aber in Kombination mit einem Zelt die beste und günstigste Variante, um möglichst viel vom Land zu sehen.

Kommunikation

Sowohl im Studentenwohnheim als auch im Krankenhaus hatte ich eduroam; außerdem hat in Reykjavik so ziemlich jedes Cafe sein eigenes WLAN. Auf dem Land war es schwieriger, WLAN zu finden; aber Island ist im EU-Roaming inbegriffen, daher kann man auch die ganz normale Datenverbindung nutzen.

Unterkunft

Alle 12 incomings waren zusammen in einem Haus untergebracht, das dem Krankenhaus gehört. Es gab Einzel-, Zweier- und Vierer-Zimmer. Dabei galt das Motto: First come, first serve. Wer zuerst ankam, konnte sich das beste Zimmer aussuchen. Da ich wegen einem Problem mit meinem Flug eine der letzten war, die angekommen sind, bin ich im Vierer-Zimmer gelandet. Privatsphäre hat man da null, außerdem ging die Tür direkt ins Wohnzimmer bzw Party-Zimmer. Für 12 Leute gab es 2 Bäder, sodass das größere Bad letztendlich als Gemeinschafts-Dusche genutzt wurde. Auch die Küche war viel zu klein für so viele Leute; zu zweit konnte man darin angenehm kochen und stand sich nicht zu sehr im Weg. In der Küche haben viele Basics gefehlt, z.B. gab es kein Sieb und nicht genug Teller. Extrem nervtötend war ein kaputter Feuermelder, der den ganzen Monat lang mehrmals am Tag den Alarm ausgelöst hat. Das war erstens extrem laut (es kam auch früh morgens und spät abends vor), zweitens standen jedes Mal Security-Leute und Ärzte von der benachbarten Klinik bei uns in der Wohnung und waren teilweise sehr unfreundlich bis aggressiv-beleidigend uns incomings gegenüber.
Die nötigsten Dinge wie ein (kleiner) Kühlschrank und ein (ebenfalls kleiner) Herd waren vorhanden. Bettwäsche und Handtücher würden gestellt.
Für eine begrenzte Zeit ist diese Unterkunft in Ordnung, aber dafür noch 400€ zu zahlen war schon hart.

Literatur

Es ist eine gute Idee, sich ein wenig in die isländische Geschichte einzulesen und zu recherchieren, welche Orte man besuchen will. Außerdem lohnt es sich, sich über die lokalen Mythen und Sagen ein wenig zu belesen, da sie oft von Orten handeln, die man auch als Tourist besucht.

Mitzunehmen

T-Shirts habe ich auch im August kaum gebraucht. Warme Kleidung und vor allem ein komplett wasserdichter Regenmantel und wasserdichte Wanderschuhe sind zu empfehlen. Allgemein macht alles, was man an Outdoor-Ausrüstung hat, Sinn. Wer eine GoPro hat, unbedingt mitbringen.

Reise und Ankunft

Ich bin mit Icelandair von Frankfurt nach Reykjavik geflogen. Dort habe ich das Busshuttle vom Flughafen in die Stadt genommen. Bei meiner Ankunft hat meine contact person mich am Busbahnhof in Reykjavik abgeholt und zur Unterkunft gefahren. Am ersten Tag hat uns ein Mitglied des local committees am Haupteingang der Klinik getroffen und uns den Wäscheraum, die Cafeteria etc. gezeigt.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Mir wurde von der gynäkologischen Abteilung mehrere Wochen vor Praktikumsbeginn ein Rotationsplan zugeschickt. Ich war im OP, im Kreißsaal, im Ultraschall, den verschiedenen Stationen und der Ambulanz eingeteilt. Das war sehr gut, denn ich wusste immer, welches Tätigkeitsfeld mich am nächsten Tag erwartet, es war abwechslungsreich und ich konnte viele Aspekte der Gynäkologie innerhalb eines Monats kennenlernen. Am ersten Tag hat uns die Professorin, die die Gynäkologie leitet, persönlich begrüßt und uns eine Einführung gegeben. Die Feedback-Gespräche mit ihr fanden regelmäßig statt. Der Tagesablauf sah folgendermaßen aus:
Morgens um 8 bin ich zur Besprechung gekommen und bis nachmittags geblieben. Die Mittagspause konnte man flexibel machen, wie es gerade in den Ablauf hineingepasst hat.
Im OP habe ich mich meistens eingewaschen und assistiert, besonders bei den Kaiserschnitten durfte ich oft mithelfen. Im Kreißsaal war ich an manchen Tagen einer Hebamme, an anderen einer Ärztin zugeteilt. Es war interessant, beides zu sehen, aber mit den Hebammen war es spannender und sie waren allgemein motivierter, Zeit mit Studenten zu verbringen und uns etwas beizubringen. Hebammen dürfen in Island wesentlich eigenständiger arbeiten und mehr Tätigkeiten ausüben als in Deutschland. Es war eine tolle Erfahrung, sie begleiten zu dürfen.
Ich hatte den Eindruck, dass es sehr viele Kaiserschnitte gab und eher selten Spontangeburten. An meiner Heimat-Uni ist das Verhältnis nicht ganz so verschoben, so zumindest mein Eindruck.
Außer im OP durfte ich leider nicht viel Praktisches machen. Die Ärzte haben sich zwar mit mir unterhalten, aber haben eher versucht, mir am Beispiel der Patienten theoretisches Wissen zu vermitteln. Dadurch habe ich aus der Famulatur zwar schon einen Überblick über die Abläufe und Möglichkeiten in der Gynäkologie bekommen, aber neue praktische Fertigkeiten habe ich dort nicht gelernt.
Fast alle Facharzt-Ausbildungen müssen von den Isländern im Ausland beendet werden, da es in ihrem eigenen Land nicht möglich ist. Die meisten gehen dafür nach Dänemark, Norwegen oder Schweden. Auch werden kompliziertere Fälle oder Patienten, die bestimmte Untersuchungen brauchen, nach Stockholm geschickt, z.B. für PET-CTs oder manche Schwangerschaftskomplikationen.
Die Klinik ist sehr modern und die Professorin, die die Gynäkologie leitet, war sehr engagiert und motiviert, uns (Austausch-) Studenten etwas beizubringen.
Pro Semester gibt es nur ca. 40 Medizinstudenten, dadurch kennen die Ärzte und Professoren die meisten Studenten persönlich und haben dadurch auch einen besseren Bezug zu ihnen

Land und Leute

Es gibt viele sehenswerte Orte wie heiße Quellen, Wasserfälle, Wanderwege, die in der Nähe von Reykjavik liegen und die man gut als Tagesausflug erkunden kann. In Reykjaviks Innenstadt sollte man unbedingt die Cafés und Bäckereien durchprobieren; ganz besonders empfehlenswert sind Braud&Co und Cafe Babalu.
Eine besonders tolle Erfahrung war unser (selbst organisierter) Wochenend-Trip an der Südküste entlang: Von Reykjavik bis zur Gletscherlagune Jökulsarlon und die meisten Wasserfälle und Strände, die so auf dem Weg liegen. Auch das whale watching sollte man sich nicht entgehen lassen! Besonders im Norden der Insel hat man eine fast 100-prozentige Chance, Wale zu sehen. An manchen Orten wird auch whale snorkeling/diving angeboten! Unbedingt machen, wenn sich die Chance bietet!
Die Natur in Island ist unglaublich, und bietet an jeder Ecke eine spektakuläre Entdeckung wie einen versteckten Wasserfalll, einen heißen Fluss oder atemberaubende Fjorde. Wo immer man hinfährt, man sieht überall Pferde und Schafe, aber kaum Menschen. Die Leute, die man trifft, sind hilfsbereit und auf Touristen eingestellt. Ich hatte den Eindruck, dass den Isländern sehr bewusst ist, in was für einem schönen Land sie leben und dass sie selbst sehr gern in ihrer Freizeit ihr eigenes Land bereisen. Fast jeder Isländer hat ein Zelt und eine Wanderausrüstung; das ist sozusagen der Volkssport. Das isländische Essen ist lecker (abgesehen von dem fermentierten Hai, der ist nicht zu empfehlen ;-), ganz besonders das isländische Fladenbrot, das aussieht wie Pfannkuchen und die meiste Zeit unser Vesper auf Ausflügen war.
Wer sich für Geologie interessiert, kommt hier voll auf seine Kosten. Und wer sich nicht dafür interessiert, fängt hier wahrscheinlich damit an, so beeindruckend zeigt einem die Landschaft, wie die Insel entstanden ist und sich immer weiter verändert. Es lohnt sich, beim/vor dem Herumreisen lokale Mythen und Sagen zu recherchieren. Fast alle haben einen lokalen Bezug zu einem bestimmten Felsen, Wasserfall oder Höhle und es macht Spaß, die Orte mit diesem Hintergrund zu erkunden.
Wenn möglich, bleibt nach der Famulatur noch länger im Land. In 10-14 Tagen könnt ihr locker die Insel einmal umrunden und alles besuchen, was ihr an den Wochenenden nicht geschafft habt. Es ist zwar teuer, aber lohnt sich!
Die Informationspolitik war während der Famulatur nicht so toll. Uns wurde erst kurz vor knapp gesagt, wo die organisierten Wochenend- und Tagestrips hingingen; dadurch konnte man schlecht planen und ich habe z.B. den Golden Circle zweimal gemacht. Wir hätten die knappe Freizeit besser nutzen können, wenn die Planung bzw. Kommunikation besser gewesen wäre. Leider muss ich an dieser Stelle noch folgende Geschichte warnend erwähnen:
Nachdem ich wieder in Deutschland war, haben mich leider über die bvmd völlig absurde Vorwürfe von den Isländern erreicht, die offenbar jemand nach meiner Abreise angebracht hat; eine andere incoming hatte dem local committee (offenbar in böser Absicht und ohne selbst dabei gewesen zu sein) einen Sachverhalt geschildert, der einfach nicht gestimmt hat. Statt mich zu kontaktieren, um die Situation zu klären, hat die IMSA diese auf Hörensagen beruhenden Beschuldigungen in alle Richtungen weiterverbreitet und ich habe erst später indirekt über die bvmd davon erfahren. Sobald ich davon gehört habe, konnte ich die Sache richtig stellen und die Beschuldigungen als völlig gegenstandslos entkräften. Ich warte immer noch auf eine Entschuldigung von Seiten der IMSA für ihr unprofessionelles Verhalten. Ich finde den Mangel an gesundem Menschenverstand, den die IMSA hier an den Tag legt, sehr enttäuschend und kann nur hoffen, dass es in Zukunft anders läuft. Selbst wenn man den Satz "Andere Länder, andere Sitten" im Gedächtnis behält, finde ich es noch schwer, das Verhalten der IMSA nachzuvollziehen.

Fazit

Island ist ein wunderschönes Land und ich werde auf jeden Fall wieder dorthin reisen.
Die Famulatur war vom Krankenhaus gut organisiert, nur praktisch machen durfte man leider nicht viel.
Die IMSA hat an verschiedenen Stellen Verbesserungsbedarf, aber z.B. beim social program geben sie sich Mühe. Wenn man die Möglichkeit hat, eine Famulatur in Island privat zu organisieren, würde ich diese Alternative empfehlen.

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