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Finland (FiMSIC)

Neurologie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Nevena, Tübingen

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Motivation

Wanderlust war immer ein großes Teil meines Lebens. Selbst in Deutschland bin ich Ausländerin, weshalb ich die Bereicherung zu schätzen weiß, die einen längeren Auslandsaufenthalt mit sich bringt. Die nordeuropäischen Länder sind für mich sehr faszinierend. Besonders vom finnischen Gesundheitssystem habe ich viel Gutes gehört, deswegen wollte ich es aus der Nähe erleben und dieses schöne Land besser kennenlernen. Da ich selber in der bvmd tätig bin, habe ich mich mithilfe dieser Organisation beworben.

Vorbereitung

Von seiten der bvmd lief alles reibungslos und fristgerecht. Nachdem ich mich im Oktober für einen Famulaturplatz beworben hatte, erhielt ich die Zusage für Finnland im Dezember. Leider musste ich danach lange warten, bis ich meine Card of Acceptance bekommen habe, was das Buchen von billigen Flugtickets erschwert hat. Ich habe einen Platz in Helsinki in der Neurologie erhalten, was auch meine erste Wahl war. Im Internet gibt es viele Seiten, wo man sich über Sachen wie Sehenswürdigkeiten, Verkehrsmittel, Einkaufsmöglichkeiten usw. informieren kann und alle Seiten haben eine englische Version. Vor der Famulatur habe ich meine fachliche und Englischkenntnisse mit dem Buch „Fundamentals of Neurology: An Illustrated Guide“ von Heinrich Mattle aufgefrischt.

Visum

Finnland ist Mitglied der Europäischen Union, deswegen benötigt man kein Visum, sofern man selber aus einem Land der Europäischen Union kommt. Personalausweis oder Reisepass reichen aus.

Gesundheit

Die finnische Organisation verlangt von allen Incomings einen negativen MRSA-Abstrich, der nicht älter als 4 Wochen sein darf. Dieser hat ca. 30 Euro in Deutschland gekostet. Außerdem muss man einen Impfpass haben und eine Bescheinigung über eine Auslandskrankenversicherung. Alle oben genannten Dokumente wollte aber niemand in Helsinki sehen. Ich musste nur einen Fragebogen über meine Impfungen ausfüllen und im Krankenhaus abgeben. Ein persönlicher Ratschlag: Falls ihr in den wärmeren Jahreszeiten hinreist und vorhabt, viel in der Natur zu sein (was sich sehr empfiehlt), ist es wichtig, auf Zecken aufzupassen! In Finnland gibt es sehr viele und ich habe einige FSME-Patienten gesehen. Da ich im Endemiegebiet Baden-Württemberg wohne, bin ich selber geimpft, aber es schadet nicht, wenn man etwas mehr aufpasst. Die Mückenstiche sind auch fies, deswegen ist ein Repellent nicht verkehrt.

Sicherheit

Finnland und Helsinki im Speziellen ist ein sehr sicherer Ort; meiner Meinung nach sogar mehr als Deutschland! Die Leute laufen auch nachts sorgenlos durch die Parks und Wälder, die sehr gut beleuchtet sind.

Geld

Die Währung in Finnland ist auch das Euro. Ich habe meistens bar bezahlt, aber eine gebührenfreie Kreditkarte zu haben ist auch sehr nützlich. Der Ruf, dass hier die Preise sehr hoch sind, entspricht der Realität. Helsinki als Hauptstadt ist vor allem zum Ausgehen sehr teuer. Einige Tipps zum Geld sparen von mir wären:
- In Lidl einkaufen, wenn möglich. Insgesamt braucht man nicht viele Lebensmittel, da man viel Essen vom Krankenhaus bekommt.
- Ein city bike season pass kaufen (30 Euro), was in den wärmeren Monaten viel günstiger als die Monatskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel ist (130 Euro). Sehr bequem und empfehlenswert.
- Manche Museen bieten an bestimmten Tagen freien Eintritt an.

Sprache

Dafür, dass ein Famulaturaustausch nur 30 Tage dauert, wäre Finnisch zu lernen für mich zu sehr zeitaufwendig gewesen, deswegen habe ich es kaum versucht. Die Patienten und Ärzte im Krankenhaus haben Finnisch oder Schwedisch untereinander gesprochen. Die finnische Sprache ist semantisch überhaupt nicht mit den germanischen Sprachen verwandt und deswegen sehr schwierig zu lernen und verstehen. Im Krankenhaus haben alle Ärzte Englisch mit mir gesprochen, allerdings lief die Kommunikation mit den Patienten auf Finnisch. Aus diesem Grund würde ich es anderen empfehlen, sich ein Fach auszusuchen, das nicht so sehr auf sprachliche Kommunikation angewiesen ist wie Neurologie. Ich hatte das Glück, bei einer deutschen Ärztin mitzulaufen, die vor Kurzem nach Finnland ausgereist ist.
In der Stadt kommt man auch sehr gut mit Englisch oder Schwedisch (zweite Amtssprache) zurecht.

Verkehrsbindungen

Nach Finnland bin ich mit der Fluggesellschaft SAS von München über Stockholm geflogen. Hin- und Rückflug kosteten insgesamt 200 Euro.
Bei der Ankuft habe ich eine Travelcard für die öffentlichen Verkehrsmittel von meiner Kontaktperson bekommen, die man an den „R-Kioskis“ mit Geld aufladen kann. Leider sind die Preise für eine Monatskarte für ausländischen Studenten deutlich angestiegen (ca. 140 Euro) und können vom FiMSIC nicht übernommen werden. Die Stadt ist sehr gut mit Straßenbahn, Metro und Bussen vernetzt. Man kann auch mit der „hsl“-App Fahrkarten online kaufen.
Ich persönlich habe kaum die Travelcard benutzt und stattdessen mir ein city bike season pass für 30 Euro gekauft. Es gibt Fahrradstationen überall und es war für mich viel bequemer und günstiger. Dank des guten Wetters konnte ich die Fahrräder täglich benutzen.

Kommunikation

Wie oben erwähnt, ist Finnland Teil der EU, deswegen entstehen keine Roaminggebühren. Im Krankenhaus konnte ich Eduroam benutzen und in dem Studentenwohnheim gab es auch WLAN. Die Leute in Finnland benutzen auch vor allem Whatsapp für Online-Kommunikation.

Unterkunft

Die Unterkunft wird vom FiMSIC organisiert. Nähere Informationen habe ich von der Organisation erst kurz vor meiner Reise bekommen. Die Incomings werden in das Studentenwohnheim für Mediziner „Medioma“ unterbracht, das ca. 20 Minuten zu Fuß von dem Krankenhaus entfernt ist. Das Zimmer muss man entweder mit einem anderen Incoming oder finnischen MedizinstudentIn teilen. Das war für mich eher enttäuschend, weil der Raum manchmal für eine Person klein ist, geschweige denn für zwei. Immerhin ist die kleine Wohnung relativ gut ausgestattet – warmes Bad, kleine Küche mit Mini-Ofen, zwei Herdplatten und einen (winzigen) Kühlschrank. Meine Gastgeberin hat auf dem Boden geschlafen und ich – auf ihrem Einzelbett. Bettwäsche, Decke und Kissen hat sie mir bereitgestellt; ich musste nur ein Duschtuch einpacken. Leider war das Fenster nicht wirklich dicht und die Heizung wird im September noch nicht angemacht, deswegen war das Zimmer manchmal ziemlich kalt.

Literatur

Wie gesagt habe ich mich auf meine Famulatur in der Neurologie mit dem Buch „Fundamentals of Neurology: An Illustrated Guide“ von Heinrich Mattle vorbereitet. Was Land und Stadt angeht, habe ich die Wikipedia-Seiten gelesen. Außerdem fand die Webseiten https://www.myhelsinki.fi/en und https://www.visitfinland.com/ nützlich. Die Erfahrungsberichte auf der Seite der bvmd und das Welcome Letter vom FiMSIC waren auch hilfreich. Im Grunde genommen findet man aber alle nötigen Infos im Internet.

Mitzunehmen

Der September in Finnland war dieses Jahr ausnahmsweise eher warm, deswegen habe ich meine wärmsten Kleider nicht gebraucht. Trotzdem empfieht es sich eine wärmere Wind- und Regenjacke mitzunehmen, unbedingt auch einen Regenschirm und warme wasserfeste Schuhe. Man sollte außerdem ein Badetuch und ggf. einen Badeanzug für die vielen Saunabesuche einpacken. Ein Repellent für Mücken- und Zeckenstiche wäre auch gut. Für die Klinik habe ich nur meinen Stethoskop, Lampe und Hammer mitgebracht. Kittel wurden gestellt.

Reise und Ankunft

Ich bin am 31.08. in Helsinki angekommen. Am Flughafen hat mich meine Kontaktperson abgeholt und zum Wohnheim begleitet. Ich habe einen Schlüssel für das Zimmer bekommen und 50 Euro Kaution bezahlt. Am Montag, den 03.09., hat meine Zeit im Krankenhaus angefangen. Dorthin hat mich wieder meine Kontaktperson begleitet und der zuständigen Ärztin vorgestellt.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich habe meine Famulatur in der neurologischen Abteilung der Universitätsklinik in Helsinki abgeleistet. Das sogenannte „Neurokeskus“ (übersetzt „Neurozentrum“) ist in drei Stationen unterteilt:
7A+B – Stroke Unit
6A+B – Allgemein mit Schwerpunkt immunologische Fälle
K4A in dem Kolmiosairaala Gebäude – Movement disorders

Allgemeine Eindrücke:
Der Arbeitsalltag der Ärzte ist vielfach angenehmer und entspannter als in Deutschland. Sie fangen normalerweise um 8:00 Uhr an und haben theoretisch schon um 15:30 Dienstende (allerdings bleiben die meisten bis um 16:00 Uhr). Es gibt viel mehr Pflegepersonal als in Deutschland, das auch mehr Verantwortung trägt. Die Blutentnahme wird von den Leuten erledigt, die im Labor arbeiten, was auch viel Arbeit und Zeit spart. Die Finnen haben das DRG-System (noch) nicht eingeführt und das bedeutet, dass die Patienten viel länger im Krankenhaus bleiben. Allerdings können sich diese das Krankenhaus nicht aussuchen, sondern ein Krankenhaus versorgt nur die nächstliegenden Kommune. Die Patienten müssen zudem in der Regel mit längeren Wartezeiten rechnen, zumal die ambulante Versorgung nicht so sehr ausgebaut ist wie in Deutschland. Eine private Versicherung gibt es nicht wirklich, man kann nur bestimmte Leistungen zusätzlich bezahlen, die vom Staat nicht abgedeckt werden.
Die Geräte und die technische Ausstattung ist mit der deutschen vergleichbar. Allerdings haben mich die digitale Systeme für Patienten-Datenmanagement stark beeinfruckt. Fast alle Krankenhäuser in dem Land sind vernetzt und man hat Zugriff auf alle vorherigen Befunde; es gibt nur digitale Kurven, die vom Pflegepersonal mitbenutzt werden; außerdem verfügen die Ärzte über eine einheitliche und sehr ausführliche Arzneimitteldatenbank, sowie eine Datenbank, wo man Laborwerte mit Grenzwerten und Bedeutung (!) nachschlagen kann. All das spart unheimlich viel Zeit und führt zu weniger Fehlern in der Patientenbehandlung.
Die Hierarchie ist ziemlich flach und dass spiegelt sich in dem Umgang der Ärzte untereinander wider. Es wird nur gedutzt und es hat lange gedauert, bis ich wusste wer Assistenzarzt und wer Oberarzt ist.

Arbeitsablauf:
Insgesamt ist der Alltag meiner Meinung nach viel besser strukturiert. Morgens wird ein bisschen Papierkram erledigt; um 9:00 Uhr beginnt die Visite, die bis 11:30 – 12:00 geht. Die Ärzte verbringen utopisch viel Zeit mit den Patienten (mindestens 15 Minuten pro Person täglich). Zweimal pro Woche ist auch der Oberarzt dabei. Die Mittagspause beträgt normalerweise eine Stunde. Jeder Incoming kriegt 30 „Lunch tickets“ und kann mit diesen kostenlos in der Kantine essen. Die Gerichte sind sehr lecker und groß. Man kann auch am Wochenende dort essen oder ein sog. „Picnic basket“ für den darauffolgenden Tag bestellen. Ich musste immer um 9:00 Uhr kommen, lief bei der Visite mit und durfte meistens nach der Mittagspause schon gehen, denn am Nachmittag wird eigentlich nur dokumentiert. Manchmal bin ich geblieben, um selber Patienten zu untersuchen, die sich bereit erklärt haben, Englisch zu sprechen. Dienstags wird in „Kolmiosairaala“ Liquor punktiert, da kann man auch zuschauen. Ansonsten kann man nachfragen, ob man bei bestimmten Untersuchungen, wie EMG, EEG usw. dabei sein darf. Mindestens einmal in der Woche gibt es auch ein interprofessionelles Meeting zwischen Ärzten, Pflege, Physiotherapeuten, Neuropsychologen usw.
Generell haben sich die Ärzte bemüht, Englisch zu sprechen und mir einiges zu erklären. Bei der Visite wird aber hauptsächlich Finnisch benutzt und es ging glaube ich schon viel verloren. Allerdings kann ich behaupten, dass ich einiges gelernt habe und vor allem ein anderes teilweise effizienteres System gesehen habe. Außerdem empfand ich es als angenehm, dass ich die Nachmittage für mich frei hatte.
In der ersten Woche war ich auf Station 7A+B. In der zweiten und dritten war ich auf der Movement Disorders Station. Dort hatte ich das Glück, eine deutsche Neurologin als Betreuerin zu haben, die vor ein paar Monaten nach Finnland ausgereist ist und mir weitere Unterschiede zwischen den beiden Ländern vertiefter erzählt hat. Die letzte Woche habe ich auf Station 6A+B verbracht, die wesentlich größer war.

Land und Leute

Von FiMSICs Seite aus gab es leider gar kein Social Program. Das war schon vorher angekündigt, trotzdem habe ich mir gewünscht, dass sie ein bisschen mehr Inititative und Engagement gezeigt hätten. Im September waren noch zwei Incomings da außer mir und wir haben sehr viel zu dritt unternommen.

Helsinki ist eine wunderschöne Stadt und alleine deswegen hat sich dieser Austausch gelohnt! Obwohl es die Hauptstadt ist, gibt es hier viele ruhige Orte mit unbeschreibbarer Natur. In unmittelbarer Nähe an dem Wohnheim liegt ein großer Wald zum spazieren gehen. Das Zentrum ist ca. 5km entfernt und bietet viele schöne Orte, Museen, Einkaufsmüglichkeiten und schöne Meeresaussichten. Was ich sehr empfehle: Sibelius Park und Café Regatta, Töölö Bay, National Museum of Finland (freier Eintritt jeden Freitag), Park Esplanadi, Uspenski Kathedrale, Senate Square mit der Evangelischen Kirche, Kauppatori, Löyly und Kaivopuisto Park (mein persönlicher Favorit). Ausgehen in der Stadt ist ziemlich teuer. Es ist auch gut, auf Facebook Kontakt zu der Erasmus-Gruppe aufzunehmen, denn sie organisieren in der Regel auch ein paar interessante Events, wo man neue Leute kennenlernen kann.
An den Wochenenden haben wir meistens kleine Ausflüge unternommen. Einmal waren wir auf eine „Island Hopping Tour“ für 8 Euro – wir haben Vallisaari, Lonna und Suomenlinna gesehen. Die letzte Insel, eine UNESCO-Welterbestätte ist besonders schön und es lohnt sich dort einen ganzen Tag zu verbringen. Außerdem haben wir die Städte Turku (man kann sehr schön entlang des Flusses Aura spazieren) und Porvoo (sehr kleine märchenhafte Stadt, eine Stunde von Helsinki entfernt, lohnt sich unbedigt!). Beide Reisen haben wir mit Onnibus gebucht, was ziemlich günstig war. Zu guter Letzt haben wir auch einen Tagesausflug nach Tallinn gemacht mit der Fähre Eckerölines für 10 Euro hin und zurück. Die Stadt ist nur 2 Stunden von Helsinki entfernt, es ist sehr sehenswert und viel günstiger. Empfehlenswert ist das Free Walking Tour täglich um 12:00 und die Lokale „III dragon“ und „Kompressor“. Einmal haben wir mit meiner Kontaktperson an dem See Kaitalampi gegrillt, was einer der schönsten Abende für mich war. Da die FiMSIC Leute keine National Food and Drinks Party organisiert haben (obwohl angekündigt), haben wir (die Incomings) das untereinander gemacht.

Insgesamt sind die Finnen ziemlich verschlossen und es war für mich ziemlich schwierig Nähe zu Ihnen zu empfinden. Obwohl ich einen Monat lang mit einer finnischen Studentin gewohnt habe, zweifle ich daran, dass ich den Kontakt zu ihr behalten können werde. Trotzdem war es interessant, die Besonderheiten dieses Volks kennenzulernen. Einige davon: die zahlreichen Saunas sind Teil des Alltags; die Finnen sind absolute Naturfreaks und lieben es, bei sich zu sein, alleine zu wandern und Pilze und Beeren im Wald zu sammeln; Alkoholverkauf ist sehr streng reguliert, dafür kann man in jedem Supermarkt Spielautomaten finden; fast jeder besitzt ein Boot; das Essen ist sehr sehr lecker (vor allem Karjalan Piirakka, Lachssuppe und Rentierfleisch).

Wenn man mehr Zeit hat, kann man noch Lappland, Stockholm und Sankt Petersburg (dafür braucht man aber Visum) besuchen.

Fazit

Für mich war die Zeit in Finnland sehr bereichernd. Zum einen habe ich eine wunderschöne Gegend gesehen, die sich sehr von den üblichen europäischen Städten unterscheidet; zum anderen habe ich ein neues Gesundheitssystem kennengelernt. Im Nachhinein würde ich mir aber wahrscheinlich ein anderes Fach aussuchen, weil ich in der Neurologie selber kaum tätig war. Was ich zudem schade fand, war der Mangel an Engagement der FiMSIC Organisation. In Finnland würde ich nicht arbeiten wollen, denn mir sowohl die Leute als auch das Wetter doch zu kalt sind, aber ich würde unbedingt dahin wieder reisen wollen! Dieser Austausch hat meine Ansicht bestätigt, dass Auslandaufenthalte einem die beste Chance geben, der Vielfalt der Welt ein bisschen näher zu kommen und zu genießen. Danke dafür!

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