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Brazil (IFMSA-Brazil)

Chirurgie - SCOPE (Famulaturaustausch)
Anonym

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Motivation

Da ich schon immer mal eine Famulatur außerhalb Europas machen wollte, bewarb ich mich für den Oman, Brasilien und Tansania. Letzten Endes ging es für mich dann nach Joinville im Bundesstaat Santa Catarina in Brasilien. Ich erhoffte mir, exotische Erkrankungen zu sehen, einen anderen Krankenhausalltag zu sehen und einfach mal etwas anderes zu erleben. Außerdem hatte ich mal vor einigen Jahren einen Portugiesischkurs gemacht und eine Famulatur in Brasilien, war die optimale Gelegenheit die Sprache ein bisschen anzuwenden.

Vorbereitung

Besondere Vorbereitungen habe ich nicht getroffen. Die Bewerbung und der Austausch verlief problemlos. Natürlich habe ich vorher die Erfahrungsberichte gelesen und mich über die Stadt schlau gemacht. Eigentlich hatte ich vor mein Portugiesisch aufzubessern. Leider gab es in meiner Stadt keinen Portugiesischkurs und deshalb habe ich etwas Duolingo versucht. Durch die ganzen Klausuren konnte ich aber nicht wie gewünscht dran bleiben. Falls ihr die Möglichkeit habt, macht lieber einen Sprachkurs vorher.

Visum

Wenn man innerhalb drei Monate Brasilien wieder verlässt und kein bezahltes Praktikum macht, wird kein Visum benötigt. Die Einreise ging problemlos. Ich wurde lediglich gefragt, ob ich als Tourist einreise und wann mein Rückflug geht. In manchen Internetforen habe ich vorher erfahren, dass man eine Einreisekarte ausfüllen muss. Diese gibt es meiner Meinung nach nicht mehr.

Gesundheit

Von der IFMSA Brazil wurde lediglich ein Nachweis von Hepatitis A, B und Tetanus verlangt. Ich habe mir beim Tropenmediziner noch Gelbfieber- und Tollwutimpfungen geben lassen, da ich noch reisen und einfach auf Nummer sicher gehen wollte. Das Geld bekommt man von dem meisten Krankenkassen erstattet. In Santa Catarina wären diese Impfungen aber wahrscheinlich nicht nötig gewesen.

Sicherheit

Außer eine Auslandskrankenversicherung durch die Apobank habe ich keine Versicherungen oder spezielle Vorkehrungen getroffen. Achtung! Die kostenlose Auslandsversicherung gilt nur einen Monat und den ersten Monat. Ihr könnt also nicht, wie ich ursprünglich geplant, die kostenlose Famulatur Versicherung für den ersten Monat und dann die generelle Auslandsversicherung für den zweiten Monat benutzen. Für das Reisen müsst ihr euch also nochmal extra versichern. Es sei denn ihr reist vor der Famulatur und nicht danach.
Sicherheitstechnisch ist Brasilien berühmt berüchtigt. Santa Catarina und besonders Joinville ist aber eher ein sicheres Pflaster, verglichen mit dem Norden. Ich konnte mich frei bewegen und auch Abends alleine nach Hause gehen. Allerdings wohnte ich in Joinville in einer sicheren Gegend, ich weiß nicht wie es sich in anderen Vierteln am Stadtrand verhalten hätte. Generell gilt natürlich immer eine kleine Menge Bargeld dabei zu haben, die ihr bei einem Raubüberfall zur Not aushändigen könnt. Keine super teuren Uhren oder Schmuck anziehen und in Bussen und Menschenansammlungen den Rucksack oder Tasche nach vorne nehmen. Aber das habt ihr bestimmt schon auf sämtlichen Reiseblogs und in Reiseführern gelesen ;) In den 2 Monaten ist mir glücklicherweise nichts passiert. Allerdings habe ich von anderen Reisenden von Taschendiebstählen und bewaffneten Raubüberfällen gehört.

Geld

Der Brasilianische Real war im August und September ziemlich schlecht (1€=4,8BR).Das war natürlich Glück für alle Reisenden aus Euroländern. Jedenfalls braucht ihr eine Kreditkarte. Leider nehmen einige Banken trotzdem Gebühren. Bei Banco do Brasil und Brandesco musste ich keine bezahlen. Hebt immer Geld in den Automaten in der Bankfiliale ab, niemals auf der Straße. Es empfiehlt sich außerdem entweder eine Ersatzkreditkarte, oder Girokarte oder Euronoten mitzunehmen, die ihr woanders als eure reguläre Kreditkarte aufbewahrt, falls wirklich mal beklaut werdet.
Brasilien ist wohl neben Chile das teuerste Land Südamerikas. Am meisten Geld bezahlt man für Busfahrten und Ausflüge. Die Preise in den Restaurants sind etwas günstiger oder mit Deutschland zu vergleichen. Hostels oder Pousadas (Gasthäuser) sind auch relativ günstig (Dorm 5-12€)Obst und Gemüse kosten jedoch fast nichts, man kann sich also super günstig selber Gerichte kochen.

Sprache

Im Krankenhaus in Joinville haben zumindest die meisten Ärzte Englisch oder sogar etwas Deutsch gesprochen. Die meisten Brasilianer können allerdings nur Portugiesisch, da der Englisch Unterricht in der Schule quasi nicht vorhanden ist. Im Süden sprachen mehr Menschen Englisch, da die Brasilianer dort besser situiert sind. Es ist jedenfalls hilfreich ein paar Floskeln zu lernen, das macht es nicht nur einfacher, aber jeder wird sich total freuen, dass ihr euch etwas Mühe mit der Sprache gebt.

Verkehrsbindungen

Geflogen bin ich Ende Juli mit KLM nach Sao Paulo und dann zwei Tage später mit Latam nach Joinville. Ende Juli sind die Flugpreise extrem teuer, während man in anderen Monaten Flüge ab 500 Euro erwischen kann. Vermeidet es also, wenn ihr könnt, von vorne rein Ende Juli zu fliegen oder bucht sofort einen Flug, auch wenn ihr noch nicht wisst, in welcher Stadt ihr landet. Innerhalb Brasiliens greift man auf Busse zurück und ist gerne mal mehr als 15 Stunden unterwegs. Die Busse sind allerdings viel komfortabler als in Deutschland. Ich fand im nach hinein die langen Busfahrten gar nicht so schlimm. Wenn ihr vorher alles plant, könnt ihr natürlich auch aufs Flugzeug zurück greifen. Innerhalb Brasiliens ist es schwierig ohne CPF (brasilianische Sozialversicherungsnummer, die man für ALLES braucht)Flüge zu buchen. Innerhalb der Städte ist es ratsam, sich die Uber App runterzuladen. Uber ist nicht nur günstig, sondern laut Einheimischen viel sicherer als Taxis.

Kommunikation

Vor Ort habe ich mir mit Hilfe meiner Gastschwester eine Prepaid Simkarte von Tim gekauft. Dafür braucht man nämlich wieder eine CPF. In dem Tarif hat man pro Woche 1 GB und bezahlt 10 Real. Die Prepaid Karte kann man dann überall in Tankstellen, Drogerien oder Kiosken aufladen lassen.

Unterkunft

Die Unterkunft wurde für mich organisiert. Gewohnt habe ich in der Wohnung von einer Medizinstudentin aus dem 3. Jahr. Ich hatte sogar mein eigenes Zimmer und Bad, Küche und Wohnzimmer durfte ich jeder Zeit benutzen.

Literatur

Während der Famulatur hatte ich die Amboss App zur Verfügung. Für das Land selbst habe ich worher einige Reiseblogs gelesen und den Lonely Planet gekauft. Da gab es auch einige Informationen über Land, Geschichte und Leute.

Mitzunehmen

Mitgenommen habe ich Kittel und Stethoskop. Da ich eigentlich fast nur im OP war habe ich beides nicht gebraucht. Die anderen Austauschfamulanten haben den Kittel auch nie gebraucht. Für Joinville insbesondere im Juli und August empfehlen sich Regenschirm, Regenjacke, Regenfeste Schuhe und warme Sachen ;) Ein Moskitonetz hatte ich auch mitgenommen, aber wenn man nicht in den Amazonas fährt, ist es überflüssig. Mückenspray solltet ihr aber mitnehmen!

Reise und Ankunft

Abgeholt vom Flughafen wurde ich von einer Freundin von meiner LEO. Danach hatte ich noch einen freien Tag, um mir die Stadt anzuschauen. Der erste Tag im Krankenhaus lief nicht so glatt. Vorher hatte ich auf WhatsApp mit dem zuständigen Arzt geschrieben. Wir wollten uns morgens eigentlich in der Empfangshalle treffen. Leider hat er mich dann den nächsten Tag vergessen und ich musste mich durchfragen.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Nachdem mich am ersten Tag der zuständigen Arzt versetzt hat, habe ich durch rumtelefonieren und fragen ihn endlich gefunden. Leider brauchte man für beide Krankenhäuser eine Keycard, um überhaupt ins Krankenhaus zu kommen. Die hatte ich leider nicht für Unimed, das machte die Famulatur etwas unselbstständig. Vor meinem ersten Tag konnte ich aber zumindest diese Karte mit Hilfe der LEO für Dona Helena beantragen. Am ersten Tag hat mich mein Mentor seinem Arztpartner sozusagen vorgestellt. Beide betreiben zusammen eine Praxis und operieren dann nur ihre Patienten in zwei Krankenhäusern. Die ersten paar Tage habe ich nur den OPs zugeschaut, nach einigen Tagen hat mich der andere Arzt auch mal an den Tisch zum Nähen und Assistieren gelassen. Stationsarbeit musste ich gar nicht machen, da die Ärzte nur für ihre Patienten zuständig waren. Nach Zwei Wochen wurden die OPs leider etwas eintönig und so habe ich in anderen Krankenhäusen für zwei Tage hospitiert oder andere OPs aus anderen Fachrichtungen zugeschaut oder selten auch assistiert. Das ist im Prinzip super einfach möglich. Ihr müsst so einfach viel rumfragen und euch allen vorstellen. Leider war ich keinen Tag im öffentlichen Krankenhaus. Das wäre aber sicherlich mit mehr Connections problemlos gegangen. Laut Berichten der anderen Famulanten und der Studis seien die öffentlichen viel spannender und lehrreicher, da man viel mehr machen kann und darf. Um die Situation in diesen Häusern zu erfahren, lohnt sich bestimmt ein Famulaturtag. Die privaten Krankenhäusern in denen ich war,(Unimed, Dona Helena) hatten einen ziemlich hohen Standard und Ruf, verglichen mit meinen Erwartungen und dem Rest des Landes. Die Hygiene ist allerdings etwas gewöhnungsbedürftig. Man betritt den OP Saal mit Straßenschuhen (einige sogar mit HighHeels!) und Desinfektionsspender gibt es auch wenige. Ansonsten waren alle Mitarbeiter im Krankenhaus super freundlich und herzlich, wenn man sich vorgestellt hat. Man wird morgens auch mit Küsschen begrüßt oder auch mal zum Essen bei der Familie oder zum Kaffee eingeladen. Insgesamt sind die Mitarbeiter auch besser gelaunt, lachen viel und meckern kaum. Hier wird man außerdem nicht als kleiner, dummer Praktikant gesehen, sondern alle sind interessiert und freuen sich, wenn du mit ihnen erzählst. Insgesamt war die Atmosphäre sehr entspannt. Medizinisches Portugiesisch ist auch sehr viel einfacher zu verstehen als private Gespräche, da die Fachtermini auch alle gleich sind. Leider habe ich keine anderen Erkrankungen oder exotischen Infektionen gesehen, da Santa Catarina sehr westlich geprägt ist und damit das Spektrum der Wohlstandserkrankungen aufzeigt.

Land und Leute

Leider ist Joinville eine sehr uninteressante Stadt und man kann nicht so viel unternehmen. Die Museen sind sehr klein und teilweise geschlossen und für Wanderungen musste man mit dem Bus sehr lange fahren. Außerdem hat es einfach 3 Wochen am Stück geredet. Das war etwas schade, aber durch den ganzen Regen ist die Landschaft natürlich super schön. Einmal waren wir mit den LEOs auf den Bananenplantagen, haben ein internationales Essen veranstaltet und waren öfters in der regionalen Bierbar (Opa). Ansonsten habe ich mich mit den anderen Austauschfamulanten in Cafés oder Restaurants getroffen. An den Wochenenden kann man gut nach Sao Francisco de Sul, Florianópolis, Curitiba, Balneario Camburiú. IFMSA Brazil bietet an den Wochenenden einige Social Trips an. Ich habe an keinem teilgenommen, aber die anderen Famulanten waren sehr begeistert.
Essenstechnisch kann man gut mittags zu klassischen, günstigen Buffets gehen. In Joinville gibt es sogar 3 vegetarisch/vegane Buffets. Ansonsten gehen Reis, Bohnen, Salat und Gemüse immer, wenn man kein Fleisch isst. Oder man frag, iob sie nicht doch etwas vegetarisches machen können. Meistens lassen sie sich gerne was einfallen. Man sollte sich mal durch alle traditionellen Gerichte durchprobieren: Acai, Coxinha, Feijoada, Forrofa, Capirinhas in 100 Varianten und vieles mehr. Brasilianer an sich sind sehr herzlich, freundlich und hilfsbereit. Sie lieben das Leben, lachen und reden viel (sehr oft auch extrem laut :) ), und gehen gerne aus. Es herrscht generell mehr Leben in den Straßen.
Etwas beklemmend ist die Reich und Arm Schere von der man so oft hört. Die Ärzte in Santa Catrina verdienen extrem viel Geld und zeigen dies auch sehr gerne, während andere auf der Straße leben und auf keinerlei Sozialsystem zurückgreifen können. Da die Wahl kurz bevor stand, war alles politisch etwas angespannt. In anderen Städten fanden jeden Tag Demonstrationen und Kundgebungen statt. Traurig empfand ich das Verhältnis zu Verpackungen und Umwelt, alles wird in Plastik verpackt, man wird in den Supermärkten mit Tüten überhäuft und Fleisch wird natürlich traditionell in Massen konsumiert. Der Verkehr ist auch sehr übel und gefährlich. Die Straßen sich vollgestopft, da die öffentlichen Verkehrssysteme nicht gut ausgebaut sind. Ich wäre gerne noch in den Norden gereist, da es doch einige kulturelle Unterschiede zwischen dem Süden und Norden gibt. Brasilien ist aber ein riesiges Land und auf der Karte unterschätzt man doch gerne mal die Distanzen.

Fazit

Den Auslandsaufenthalt habe ich auf keinen Fall bereut und würde auch wieder einen wagen. Außerdem plane ich schon eine neue Brasilienreise. Etwas schade war, dass die Stadt nicht ganz so toll war und meine Famulatur etwas langweilig war. Es war trotzdem schönneue Erfahrungen machen zu dürfen und viele Leute kennen zu lernen. Die Studis von IFMSA Joinville haben sich sehr gut um uns gekümmert, uns herzlich aufgenommen und uns immer sofort geholfen. Vielen Dank an die BVMD , dass wir die Möglichkeit bekommen am Austausch teilzunehmen!

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