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Georgia (GMSA)

Neurologie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Corinna, Tübingen

Motivation

Da ich bereits eine Famulatur im Ausland (Barcelona) und ein Auslandssemester (Guadalajara, Mexiko) gemacht hatte und es mir sehr gut gefallen hatte, wollte ich gerne die Gelegenheit nutzen, noch eine weitere Famulatur im Ausland zu machen. Prinzipiell war ich für alle Länder offen, ich habe mich zuerst für Taiwan beworben, den Platz aber nicht bekommen. Dann habe ich mich auf einen Restplatz in Georgien beworben, da ich gehört hatte, dass es ein interessantes Land ist und weil ich noch nie in der Gegend war. Ich wollte durch die Famulatur in Georgien gerne die Kultur dort kennenlernen und auch medizinisch etwas lernen.

Vorbereitung

In der Woche zwischen den Klausuren und meinem Abflug habe ich ein bisschen Georgisch gelernt, es war praktisch, die Schrift lesen zu können. Ansonsten habe ich z.B. Auslandsversicherungen (s.u.) abgeschlossen.

Visum

Für Georgien braucht man als EU-Bürger*in kein Visum.

Gesundheit

Ich hatte eine Berufshaftpflichtversicherung von der Deutschen Ärzteversicherung, die weltweit gilt. Dafür übernimmt der Marburger Bund die Kosten, wenn man Mitglied ist.
Außerdem hatte ich eine Auslandskrankenversicherung bei der Allianz (für Auslandsaufenthalte bis zu 56 Tagen).
Infos zu empfohlenen Impfungen und weitere medizinische Hinweise gibt es auf der Seite des Auswärtigen Amtes.
Die Prävalenz von Tuberkulose zum Beispiel ist in Georgien deutlich höher als in Deutschland, aber in der Neurologie zumindest habe ich davon nicht viel gemerkt.

Sicherheit

Ich habe gehört und hatte auch den Eindruck, dass Georgien ein relativ sicheres Reiseland ist. Man sollte natürlich nicht in die beiden von Russland besetzten Gebiete Abchasien und Südossetien reisen. Außerdem muss man, wie in allen Großstädten, in Tbilisi auf seine Wertsachen und auf sich selbst aufpassen. Ich habe mich aber in Georgien nicht unsicher gefühlt.

Geld

Die Währung ist der georgische Lari (GEL), ich habe nie versucht mit anderen Währungen zu zahlen. Ich habe vor Ort Geld abgehoben und außerdem auch gleich am Flughafen von meiner Contact Person die Hälfte des Taschengelds bekommen. Im Supermarkt zum Beispiel kann man auch mit Kreditkarte zahlen. Ich konnte nicht bei allen Geldautomaten abheben mit meiner VISA-Karte von der DKB, weiß aber nicht, ob es an den Einstellungen meiner Karte oder an etwas anderem lag.
Die Lebenshaltungskosten sind deutlich niedriger als in Deutschland. Eine zwei- bis dreistündige Busfahrt kostet z.B. umgerechnet ca. 3 Euro, Essen gehen kann man für ca. 5 Euro.

Sprache

Man spricht in Georgien Georgisch, viele sprechen auch fließend Russisch und vor allem Jüngere auch Englisch. Ich konnte nur wenige Wörter Georgisch und Russisch, die Ärzt*innen dort haben mir netterweise sehr viel übersetzt, da die Patient*innen selten Englisch konnten. Lesen konnte ich die georgische und russische Schrift, was auch ein bisschen geholfen hat. Das Pflegepersonal konnte kaum Englisch.
An Orten, wo viele Tourist*innen waren, ging es meistens mit Englisch ganz gut, ich hatte nie Probleme, habe aber von anderen gehört, dass sie mit Englisch gar nicht weiter kamen.

Verkehrsbindungen

Ich bin von Stuttgart über Istanbul nach Tbilisi geflogen. Es gibt wohl auch ziemlich billige Flüge nach Qutaisi. Vom Flughafen Tbilisi wurde ich netterweise von meinen Contact Persons abgeholt, obwohl ich um 2.45 Uhr nachts ankam. Die meisten Flüge in Tbilisi kommen nachts an bzw. fliegen nachts ab.
Um in andere Städte zu kommen, bin ich meistens mit Marshrutkas (Minibussen) gefahren, das ist ziemlich billig. Es gibt auch ein paar Zugstrecken. Ich bin einmal Zug gefahren nach Batumi für ungefähr 8 Euro, der Zug war relativ modern. Züge sind wohl sicherer als Busse, der Straßenverkehr in Georgien ist chaotisch und Anschnallen wird meistens nicht für wichtig gehalten.
In Tbilisi gibt es zwei Metrostrecken, die Metro fährt häufig (von 6-24 Uhr) und ist schneller als die Stadtbusse. Auch Taxis sind viel billiger als in Deutschland. Man sollte allerdings vorher einen Preis ausmachen und möglichst passend zahlen. Ich hatte einmal das Geld nicht passend und habe dann nicht genug Rückgeld bekommen. Mit der Taxi-App Yandex kann man Taxis bestellen, allerdings ist die App nur bedingt zu empfehlen, da mehrere Fahrer sehr schlechte Ortskenntnisse und kein Navi hatten.

Kommunikation

Es gab in der Wohnung Wlan, was allerdings mal kaputt war und erst nach einer Woche wieder zum Laufen gebracht wurde. Auch auf der Station im Krankenhaus gab es (langsames) Wlan. Außerdem habe ich mit meiner Contact Person gleich am Flughafen eine SIM-Karte mit Mobilen Daten gekauft, mit dem Handy-Empfang habe ich gute Erfahrungen gemacht.

Unterkunft

Die Wohnung wurde von der Organisation (GMSA) gestellt. Sie war zu Fuß 15 Minuten vom Krankenhaus und ca. 5 Minuten von der Metro-Haltestelle entfernt. Mit der Metro ist man ungefähr 20 Minuten in die Stadt gefahren. Ich habe dort mit einer anderen deutschen Medizinstudentin gewohnt, die auch über die bvmd da war. Leider hat in der Wohnung ständig etwas nicht funktioniert: Der Kühlschrank ging nicht, das Wlan, aus der Waschmaschine ist Wasser gelaufen, der Boiler war zweimal kaputt, der Wasserhahn im Bad war kaputt, was zu einer Überflutung in Bad und Küche geführt hat… Besonders, dass der Boiler nicht ging, war unangenehm, da es dann kein heißes Wasser und Heizung gab und es im März doch noch recht kalt war (etwa wie in Süddeutschland im März). Ich vermute, dass dort schon länger niemand mehr gewohnt hatte. Wir haben uns dann immer bei unserer Contact Person gemeldet, die dann mit dem Vermieter gesprochen hat, der dann meistens innerhalb von ein paar Stunden bis einigen Tagen versucht hat, es zu reparieren, meistens auch erfolgreich.
Leider gab es für uns beide auch nur einen Schlüssel, sodass wir uns immer absprechen mussten, damit keiner vor der Tür stand und nicht hineinkonnte.
Es gab einen funktionierenden Gasherd, einen Wasserkocher und knapp aber genug Geschirr. Die Wohnung war eher dunkel und nicht so, dass man sich dort besonders wohlgefühlt hätte, wäre aber für einen Monat in Ordnung gewesen, wenn nicht alles Mögliche kaputt gegangen wäre. Die Lage war sehr gut.
Uns wurde gesagt, dass man Bettwäsche mitbringen soll, ein Set Bettwäsche gab es aber sogar in der Wohnung.

Literatur

Ich hatte einen Reiseführer (Verlag Reise Know-How) über Georgien dabei, den ich gut fand.
Außerdem habe ich das Buch „Georgien – eine literarische Reise“ dabeigehabt, das ich sehr empfehlen kann. Es sind Geschichten bzw. Reiseberichte von jeweils sechs georgischen und sechs deutschen Autor*innen, die immer zu zweit durch verschiedene Gebiete Georgiens gereist sind.

Mitzunehmen

Ich habe ein Neurologie-Fallbuch mitgenommen und darin gelesen, wenn gerade nichts zu tun war im Krankenhaus. Außerdem habe ich mir eine georgisch-deutsch Übersetzungsapp heruntergeladen. Ansonsten Dinge wie eine Kopie des Reisepasses, Gastgeschenke, warme Klamotten und Wanderschuhe, falls man möchte.

Reise und Ankunft

Ich kam in der Nacht von Samstag auf Sonntag an und habe das Praktikum am Montag begonnen. Meine Contact Persons haben mich mit dem Auto vom Flughafen abgeholt. Da ich die SIM-Karte gleich am Flughafen gekauft hatte, musste ich nichts Bestimmtes mehr erledigen vor Praktikumsbeginn. Meine Contact Person hat mich auch am ersten Praktikumstag im Krankenhaus auf der Station für Neurologie bei der leitenden Ärztin vorgestellt.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich war auf der Station für Neurologie in der First University Clinic der Tbilisi State Medical University. Am ersten Tag wurde ich nett von der leitenden Ärztin der Station und den drei Residents empfangen. Die Residents sind vergleichbar mit Assistenzärzt*innen in Deutschland, haben aber weniger Verantwortung, zumindest war es auf dieser Station so. Unter anderem deswegen hatte ich auch den Eindruck, dass die Weiterbildung dort nicht so gut ist wie meistens in Deutschland. Manche der Residents haben nebenher noch in anderen Krankenhäusern gearbeitet, ich kann natürlich nicht beurteilen, wie es dort war.
Ich habe meistens erst um 10 oder 11 morgens angefangen (wie auch die Residents) und bin bis 16 oder 18 Uhr geblieben. Soweit ich weiß, hat aber keiner direkt kontrolliert, wann ich gekommen und gegangen bin. Einmal bin ich zum Nachtdienst geblieben (das wurde aber nicht von mir erwartet), allerdings kamen in der Nacht keine neurologischen Patient*innen. Zu meinen Tätigkeiten gehörten das Untersuchen von Patient*innen auf Station, ambulant und in der Notaufnahme mithilfe der Residents, die für mich übersetzt haben. Ein paar Mal durfte ich Blut abnehmen oder Zugänge legen, aber normalerweise macht das die Pflege in Georgien. Außerdem war ich bei Seminaren für Studierende dabei, wenn es welche auf Englisch gab. Einen Tag war ich mit den Neurochirurgen im OP und an zwei Tagen war ich beim intra- und extrakraniellen Ultraschall dabei. Wenn man etwas anderes/Neues sehen möchte, sollte man ruhig fragen oder Vorschläge machen.
Alle auf der Station waren nett zu mir. Die Residents und die leitende Ärztin konnten gut Englisch, einige der anderen Ärzt*innen und die Pflege aber leider nicht.
Die Patient*innen dort mussten manche Medikamente selbst bezahlen. Die Versorgung war nicht so gut wie in Deutschland, beispielweise wurde in diesem Krankenhaus keine Lysetherapie bei Schlaganfällen gemacht. Dies sollte allerdings eingeführt werden, daher gab es an einem Tag eine Fortbildung zu diesem Thema mit Fallsimulationen, an der ich auch teilnehmen durfte.
Aufgrund der Sprachprobleme hätte ich wohl in Deutschland medizinisch deutlich mehr gelernt. Das hätte mich glaube ich bei einem längeren Aufenthalt sehr gestört, aber für vier Wochen war es in Ordnung, ich habe diese Famulatur auch zusätzlich gemacht und musste sie nicht anrechnen lassen. Und da die Residents auch gerne Englisch geübt haben und auch die leitende Ärztin öfter etwas erklärt hat, habe ich trotzdem einiges mitgenommen.

Land und Leute

Georgien hat mir insgesamt sehr gut gefallen. Man merkt natürlich, dass es ärmer dort ist. In Tbilisi und Batumi gibt es einerseits einige sehr moderne Gebäude, andererseits sind auch viele Häuser etwas verfallen.
Das Ausflugsziel, das mir am besten gefallen hat, war Stepansminda (wird oft noch Kazbegi genannt) im Kaukasus, wo ich mit drei der Residents und meiner Mitbewohnerin für ein Wochenende war. Dort haben wir eine Schneewanderung zu einer berühmten Kirche auf einem Berg bzw. Hügel über der Stadt gemacht. Außerdem war ich in Batumi, wo mir der botanische Garten gut gefallen hat. In Batumi merkt man den türkischen Einfluss, es gibt auch eine Moschee, die man besichtigen kann. Weitere schöne Ausflugsziele sind Sighnaghi (Städtchen in der Weinregion Kachetien), Borjomi (dort gibt es auch einen Nationalpark wo man wohl schön wandern kann, ich war aber nicht dort) und Mzcheta, die ehemalige Hauptstadt (dort gibt es nicht so viel zu tun, ist aber ganz schön für einen halben Tag).
In Tbilisi kann man viel unternehmen und anschauen. Ich habe zum Beispiel eine free walking tour gemacht, es gibt auch abends welche, sodass man das auch unter der Woche nach dem Praktikum machen kann. Es lohnt sich, tagsüber und auch abends zur Festung Narikala hochzulaufen und die Aussicht zu genießen. Außerdem war ich zweimal mit meiner Mitbewohnerin Bouldern in einer Halle.
Die Mehrheit der Georgier*innen ist christlich-orthodox. Wenn man eine Kirche besucht, sollte man auf angemessene Kleidung achten, es gibt meistens Hinweisschilder und oft auch Kopftücher zum Ausleihen.
Leider ist die Luft in Tbilisi nicht besonders gut. Das Essen ist lecker, viel Käse, Teigtaschen, Fleisch, aber auch frisches Gemüse und natürlich georgischer Wein. Vegetarische Ernährung ist kein Problem, obwohl es dort noch nicht sehr verbreitet ist.
Die Georgier waren sehr gastfreundlich, besonders die Residents im Krankenhaus, sie haben auch viel an den Wochenenden mit mir unternommen. Ich durfte zum Beispiel in Batumi auch bei den Eltern einer Ärztin übernachten und wurde dort herzlich empfangen. Ich finde die georgische Kultur sehr interessant und auch die Natur ist schön und abwechslungsreich, es gibt Meer, Berge und Weinregionen. Die Nachbarländer Armenien und Aserbaidschan kann man auch gut für ein paar Tage besuchen, ich war allerdings nicht dort. Für beide Länder brauchte man zu dem Zeitpunkt, als ich in Georgien war, einen Reisepass, der einige Monate bis nach Ablauf des Visums gültig ist. Für Aserbaidschan braucht man als Deutsche*r außerdem ein Visum (kann online beantragt werden).

Fazit

Insgesamt kann ich eine Famulatur in Tbilisi auf jeden Fall weiterempfehlen. Eine Schwierigkeit war allerdings die Wohnung, ich hoffe, dass die nächsten Incomings woanders untergebracht werden. Außerdem kommen nach Georgien nicht so viele Incomings (im Gegensatz zu meinem letzten Austausch in Barcelona), sodass man mehr darauf angewiesen ist, Leute von dort kennenzulernen oder eben selbst seine Zeit zu planen.
Ich bin sehr froh, dass ich die Gelegenheit hatte, dieses schöne Land und seine Bewohner*innen kennenzulernen. Besonders die Gastfreundschaft und die schöne Natur haben mir gefallen. In Deutschland hätte ich wohl fachlich deutlich mehr profitiert, aber auch in Georgien habe ich im Krankenhaus auf jeden Fall etwas gelernt. Ich möchte gerne nochmal dorthin reisen, um die Ärztinnen, die ich kennengelernt habe, zu besuchen.

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