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Brazil (DENEM)

Pädiatrie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Jonas, Hannover

Motivation

Ich wollte als dritte Famulatur gerne mal was anderes sehen und meine Eindrücke in Deutschland mit einem anderen System vergleichen. Ich wollte schon immer gerne Portugiesisch lernen und ich war noch nie in Südamerika, deswegen viel meine Wahl recht schnell auf Brasilien.

Vorbereitung

Die Bewerbungsphase war eigentlich das stressigste mit den ganzen Formularen für den BVMD und dann noch der Fahrtkostenzuschuss. In Brasilien darf man sich für drei Plätze bewerben, dabei muss man allerdings auf einige bekannte Städte verzichten als Zweitwahl. Also hieß es für mich erstmal Städte googlen und bei google maps anschauen. Die Kommunikation mit Brasilien bzw. Vitoria war dann richtig gut! Ich konnte meinen Praktikumszeitraum nochmal ändern und die dortige zuständige hat immer super schnell geantwortet. Auch die anderen zuständigen in Brasilien sind sehr bemüht und helfen einem sehr schnell und gerne. Kurse habe ich vorher nur einen Sprachkurs A1 in Portugiesisch belegt.

Visum

In Brasilien hat man 90 Tage Aufenthalt ohne Visum, also genug Zeit, um nach oder vor dem Praktikum noch zu reisen. Das Visum kann vor Ort für 120 Reais auch noch mal um 3 Monate verlängert werden.

Gesundheit

Ja, hier sollte man zum Arzt gehen und sich durchchecken und impfen lassen. Ich habe das Komplettprogramm genommen, sprich: Gelbfieber, Hepatitis A, Meningokokken, Cholera, Tollwut. Die letzten drei sind denke ich nicht notwendig. Ich habe alles gemacht, weil ich davor noch in Afrika war. Besonders wichtig ist Gelbfieber. Malaria und Dengue – Fieber gibt es auch, mit einem guten Mückenspray ist man da allerdings gut versorgt. Das hat bei mir sogar für den Amazonas gereicht. Wenn man auf die Malariamittel nicht verzichten möchte, sollte man sie aber aus Deutschland mitbringen, da sie vor Ort recht schwer zu erreichen sind.

Sicherheit

Ja, das große Thema in Brasilien. Ich habe mich persönlich nie wirklich unsicher gefühlt. Allerdings habe ich einige Geschichten von anderen gehört und auch in den Nachrichten wird täglich von Überfällen berichtet. Die Leute vor Ort warnen einen aber auch immer wieder. Man sollte auf jeden Fall nicht mit Handy in der Nacht durch verlassene Straßen laufen, vor allem nachts nicht. Ohne Handy, bzw. etwas das man im Notfall aushändigen kann, sollte man aber auch nicht aus dem Haus gehen. Wenn man möchte, kann man aber immer mit Uber von A nach B kommen, damit ist man ziemlich auf der sicheren Seite.

Geld

Ja die Währung heißt Reais und ein Euro entspricht aktuell 4,3 Reais. In Brasilien geht eigentlich alles mit Kredit und auch mit Debitkarte. Selbst die kleinen Händler an der Straße haben ein Kartenlesegerät. Beim Abheben am Automaten sollte man sich auf die großen Banken wie banco do brasil oder Santander verlassen. Die kleineren funktionieren häufig nicht, oder nehmen recht hohe Gebühren. An sich also alles sehr entspannt, ich konnte sogar als Ausländer einen Cheque bei der banco do brasil einlösen.
Zu den Kosten: Wohnen ist sehr günstig (ca 7 Euro im Hostel mit Früchstück). Bus kostet 50 ct ca. in der Stadt und auch Uber ist nicht viel teurer. Einen Teller mit Reis, Fleisch und Bohnen kriegt man meistens auch für 15 Reais. Langstreckentransport ist hingegen etwas teurer, worauf man vorbereitet sein sollte.

Sprache

Ich habe im Voraus einen A1 Portugiesischkurs an der Leibnizuni abgeschlossen, was schon mal etwas geholfen hat. Am Anfang ist es immer hart, vor allem weil ich kein Spanisch spreche (hilft sehr wenn mans kann!!). Der große Gewinn war meine Familie, die Mutter hat mir an den ersten Tagen erstmal alle Gegenstände im Haus übersetzt. Ich habe mir dann noch eine Privatlehrerin organisiert (60 Reais pro Stunde), was sich natürlich sehr positiv auf meine Sprachentwicklung ausgewirkt hat. Kann ich nur empfehlen!
Englisch sprechen nämlich nicht viele sehr gut. Klar, die meisten Medizinstudenten können recht gut sprechen und viele freuen sich auch, ihre Sprache zu trainieren. Im Krankenhausalltag steht man ohne Portugiesisch allerdings 90 % der Zeit nur daneben und dreht Däumchen, weil man kein Wort versteht.

Verkehrsbindungen

Ankunft nach Brasilien natürlich mit dem Flugzeug. Preislich war für mich Amsterdam am günstigsten. Im Land selbst geht auch das meiste über Flugzeuge, oder Bus. Züge gibt es kaum, bis gar nicht. Im Amazonas dann alles mit dem Boot (sehr zu empfehlen!!).
Die Busse sind relativ teuer, brauchen recht lange und sind vor allem ziemlich kalt!! Nimm dir vorher auf jeden fall lange Klamotten und auch eine Decke mit. Die Sitze sind aber super komfortabel, besser als die Flixbusse in Deutschland.
In den Großstädten gibt es Metros, ansonsten kann man die Busse nehmen, sich ein Fahrrad leihen (mit einer App: Yellow) oder am einfachsten ein Uber rufen.

Kommunikation

Ich habe alle zwei Wochen eine Mail an alle meine Freunde und Familie geschrieben. Das hat sich super bewährt für mich. Man hat nicht den ständigen WhatsApp-Kontakt, ist freier im Lande und kann dann nach 2 Wochen auch mal selbst etwas reflektieren und zusammenfassen, was man so erlebt hat. Nebenbei habe ich aber auch ab und zu geskypt, was einfach auch guttat, weil dann doch nicht alles auf Portugiesisch so gut vermittelbar ist.
Internet hatte ich eigentlich fast überall, im Haus der Familie, oder auch an der Uni. Internetkaffees gibt es natürlich auch. Ich habe mir aber auch eine brasilianische SIM-Karte geholt und jede Woche für 15 Reais zwei GB Internet gehabt (Uber, Orientierung, Verabredungen, Übersetzer).

Unterkunft

Ich wurde von der lokalen BVMD-Organisation bei einer Familie untergebracht. Der Sohn studiert selbst im 3 Jahr an der Uni vor Ort. Das war super gut! Allgemein wohnen die Studenten in Brasilien meistens noch bei ihren Eltern. Ich habe mit der Familie 2-3 Mal täglich gegessen und auch Ausflüge unternommen, Fußball gespielt, gekocht usw. Das war auf jeden Fall mein Lebensmittelpunkt in dem Monat. Ich hatte dort auch mein eigenes Zimmer, mit meinem eigenen Bad und ich hatte einen Schlüssel für das Apartment.

Literatur

Hier würde ich vor allem auf Netflix verweisen. Schau dir deine Serie oder deinen nächsten Film einfach mal auf Portugiesisch an, oder zumindest mit portugiesischem Untertitel. Das bringt vor allem unbewusst mehr, als man denkt. Es gibt eine brasilianische Serie, die der Mechanismus heißt, welche den Korruptionsskandal 2011 darstellt. Wer eher auf Filme steht, sollte sich auf jeden Fall Tropa de Elite (gibt’s auf YouTube) und city of god (cidade de deus) anschauen. Zu Büchern kann ich wenig sagen, Paolo Coelho habe ich nur auf deutsch gelesen, er ist aber vor allem bei uns in Europa beliebt, in Brasilien eher weniger.

Mitzunehmen

An sich bekommt man alles auch dort sehr gut. Technik ist in Europa günstiger (vor allem Apple-Produkte). Nimm nicht zu viele Klamotten mit! Dafür vielleicht lieber ein, zwei Gastgeschenke mehr, Schokolade kann ich da sehr empfehlen. Ich wollte nicht auf eine gute Kamera verzichten und ich habe noch meinen Kite mitgenommen zum Kitesurfen, das ist aber etwas speziell. Boards im Flieger sind super teuer, lieber vor Ort kaufen und dann am Ende verkaufen, das geht recht gut. Krankenversicherung nicht vergessen!

Reise und Ankunft

Die Reise lief super glatt. Ich wurde von meinem host vom Flughafen mit dem Auto abgeholt und dann sind wir direkt zu seinem Apartment gefahren.
Am ersten Praktikumstag hat mich dann mein lokaler „best man“ der Stadt und dem Krankenhaus bekannt gemacht. Ich hatte 3-4 Tage vor dem Praktikumsbeginn frei, besonders viel organisieren muss man allerdings vorher nicht, eine SIM-Karte ist dafür ziemlich praktisch. Nach dem Praktikum haben mich meistens andere Studenten mit dem Auto mitgenommen.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Der erste Tag war erstmal nur ein kleines Vorstellen. Die zuständige Ärztin war gar nicht da, also habe ich mich erstmal den Krankenschwestern bekannt gemacht. Sie haben sich, wie alles anderen auch, super gefreut, dass ich ein Bisschen portugiesisch konnte. Die meisten Austauschstudenten können das anscheinend nicht. Jeder Brasilianer kennt dann auch erstmal 2-3 Deutsche, hat deutsche Verwandte, oder war schon Mal in Deutschland. Davon wird dann direkt stolz berichtet.
Am ersten „richtigen“ Tag bin ich dann mit den Studenten mitgelaufen. Die Studenten in Brasilien arbeiten eigentlich wie ein richtiger Arzt dort ab dem 4 Studienjahr. Ich konnte oft im Krankenhaus nicht unterscheiden, wer jetzt Student und wer resident ist. Das liegt auch daran, dass die Hirarchie ziemlich flach ist, die Stimmung ist ziemlich ausgelassen und fröhlich, zumindest war das auf der Neonatologie der Fall.
Ich hatte ein Handbook, was ich täglich führen musste und wo ich auch vorher meine persönlichen Ziele eingetragen habe. Mir ging es insgesamt vor allem um das sprachliche, was sich auch gewährt hat. So habe ich die ersten Wochen hauptsächlich Vokabeln gelernt und nebenbei. Körperliche Untersuchungen gemacht. In Brasilien wird allgemein viel mehr körperlich untersucht und viel weniger der Technik überlassen. Teilweise haben die Ärzte und Studenten eine volle Stunde Zeit für einen Patienten.
Nach 2-3 Wochen konnte ich dann auch schon selbstständig die nötigen Dokumente ausfüllen, bei der Anamnese helfen und die erste körperliche Untersuchung nach der Geburt durchführen. Mit dem Erfolg war ich sehr zufrieden. Mein Krankenhaus war ein eher kleines Krankenhaus, weshalb ich auch keine „schlimmeren“ Fälle zu Gesicht bekommen habe, sondern viel mehr die geburtliche Routine mit Kaiserschnitt, vaginaler Geburt, Gewicht, Größe, Kopfumfang messen usw.
Dabei ist man mehr mit sexuellen Krankheiten, jungen Müttern und Drogenmissbrauch konfrontiert, als ich Deutschland. Darf das Säugling Muttermilch trinken, wenn die Mutter 2 Tage vorher Canabis konsumiert hat?
Allgemein ist das Gesundheitssystem in Brasilien für jeden kostenlos, auch für Ausländer. Ihr könnte also einfach zum Arzt gehen, wenn es euch schlecht geht. Ohne ewas zu zahlen. Trotzdem gibt es im Krankenhaus natürlich Extraleistungen und Privatstationen, wie in Deutschland auch. In Brasilien gibt es gefühlt viel mehr Ärzte pro Patient, ich habe leider keine genauen Zahlen dazu, aber es ist nicht so einfach wie in Deutschland einen Job zu bekommen und die Ärzte haben viel mehr Zeit für die Patienten.
Die Studenten müssen 6 Jahre lang zu Uni, wie wir auch. Die letzten beiden Jahre sind dabei rein praktisch. Bei mir wurde alles 3 Monate in Gruppen rotiert, ich weiß aber nicht ob das überall so ist. Schon als Student verbringt man teilweise 12 Stunden am Stück im Krankenhaus (Plantau genannt).
Nach den 6 Jahren Studium spezialisiert man sich dann für meistens 3 Jahre zum Pädiater, Neurologen, Kardiologen…
Währenddessen dieser Zeit verdient man noch sehr schlecht, erst danach als resident kann man wohl eigenständig gut leben.
Es ist wohl sehr schwer einen Platz an der öffentlichen Uni zu bekommen in Brasilien, sodass viele sehr viel Geld bezahlen und an einer privaten Uni studieren (meine Uni war auch privat).

Land und Leute

Außerhalbe des Krankenhauses war ich sehr viel unterwegs. Ich habe mir nach dem Monat Praktikum auch noch einen Monat zum Reisen gegönnt.
In Vitoria, wo ich das Praktikum gemacht habe, habe ich Nachmittags/Abends häufig einfach am Strand Fußball gespielt, bin in eine Bar gegangen oder habe gekitesurft, wenn es Wind gab. Die Brasilianer sind sehr offen, freuen sich über deutsche Gringos. Ich denke vor allem in Vitoria, wo es sonst nicht so viele Ausländer hinzieht. So habe ich recht leicht neue Freunde kennengelernt. Einmal war es etwas unangenehm, da ich mitbekommen habe, wie meine neuen „Freunde“ versucht haben, mir Alkohol anzudrehen. Zum Glück war ich noch nüchtern genug, um zu verstehen, dass Sie mich dazu überreden wollten, einen teuren Vodka für alle zu kaufen. Das ist natürlich sehr schade, aber auch etwas verständlich. Es gibt einfach viele Leute in Brasilien mit sehr wenig Geld.
Ansonsten hatte ich durchweg positive Erfahrungen mit den Menschen vor Ort, ob im Uber, im Bus, beim Feiern oder am Strand. Etwas schwierig fand ich es, ein tieferes, persönliches Gespräch zu führen. Das lag sicher auch an meinem sprachlichen Defizit, aber innerhalb der Familie habe ich auch recht wenig „deeptalk“ mitbekommen.
Die Brasilianer gelten als sehr religiös, davon habe ich gar nicht so viel mitbekommen. An Ostern war auch nicht mehr los, als in Deutschland.
Ich war mir etwas unsicher, wegen der politischen Situation. In Deutschland hatte ich mir einen Vortrag angeschaut, der ziemlich negativ über die aktuelle Regierung unter Bolsonaro berichtete. Dem will ich gar nicht widersprechen, vor Ort habe ich von der kritisierten Fremdenfeindlichkeit, Frauenfeindlichkeit und Homophobie wenig mitbekommen.
Die Mehrheit der Bevölkerung ist erschüttert über den Korruptionsskandal des staatlichen Ölunternehmens.
Ein großes, ständig besprochenes, aber angenehmes Thema ist Essen. Die Brasilianer lieben ihr Essen und es gibt 1000 verschiedene Gerichte und noch mehr verschiedene Früchte, die Du auf jeden Fall alle ausprobieren solltest. Jede Region hat auch sein eigenes Gericht.
Nach meinem Praktikum bin ich noch für einen Monat im Norden gereist. Empfehlen kann ich dabei die Onlineplattform www.couchsurfing.com. Über die Webside konnte ich bei Anwohnern vor Ort übernachten und so einen richtigen Eindruck des Lebens vor Ort bekommen. Ich habe vorher noch kein Land erlebt, in dem Couchsurfing so einfach, schnell und gut funktioniert hat. Super empfehlen kann ich auch eine Bootsfahrt auf dem Amazonas. Ich bin für fünf Tage von Belem nach Manaus gefahren, das war eins meiner besten Erlebnisse jemals. Am ersten Tag habe ich direkt einen Brasilianer kennengelernt, der mich dann noch mit nach Hause eingeladen hat. Er lebt mitten im Amazonas und hält noch indigene Tradition aufrecht. Das war sehr interessant.
Gerne hätte ich noch mehr Zeit gehabt, in Brasilien zu reisen. Das Land ist riesig und es gibt sehr viele schöne Städte, Strände und Nationalparks zu entdecken.

Fazit

Ich würde diese Erfahrung auf keinen Fall missen wollen. Ich kann es nur jedem empfehlen, im Ausland ein Praktikum zu machen. Besonders, wenn man mit den Menschen vor Ort zusammenleben kann. Diese Möglichkeit hat man nicht häufig und sie bietet einem so viel.
Ich kann mir sogar vorstellen später einmal in Brasilien zu arbeiten. Dort kann man nach der Arbeit an den Strand und bei 30 Grad schwimmen gehen. Die Menschen sind auch offener und gefühlt besser gelaunt als in Deutschland (wenn das Wetter mal wieder nicht so gut ist).
Also, machen !

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