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Notfallmedizin - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Lina, Berlin

Motivation

Nach Kanada bin ich gegangen, da ich Lust hatte, das kanadische Gesundheitssystem kennenzulernen, die vielgelobte Entspanntheit der Kanadier*innen, das Land, die Kultur und die Ausbildung im Krankenhaus. Ich hatte außerdem ein Erasmus-Jahr in Frankreich gemacht und wollte das Französisch nicht einrosten lassen. Deswegen habe ich mich auf einen SCOPE Platz in Montréal beworben.

Vorbereitung

Ich habe mich vor allem bei einer Freundin informiert, die glücklicherweise genau ein Jahr vor mir ihre Famulatur in Montréal gemacht hatte. Das war natürlich Luxus. Sonst habe ich mich nicht besonders vorbereitet.

Visum

Ich brauchte kein Visum, es genügt das Einladungsschreiben des Collège des médecins du Québec, das bekommt man zugeschickt, nachdem man sich immatrikuliert hat (kostet 80 CAD, soweit ich mich erinnere, man bekommt es aber durch das Taschengeld (bei mir 250 CAD) wieder zurück.). Außerdem braucht man eine “electronic Travel Authorization” (eTA), um nach Kanada einzureisen. Die ist ganz einfach online zu beantragen.
Zudem benötigt man ein “immigration medical exam” um in Kanada im Gesundheitsbereich zu arbeiten – dazu gleich mehr.

Gesundheit

Du benötigst keine Extra-Impfungen für Kanada. Das “certificat de vaccination” kann der/die Hausarzt/ärztin ausfüllen (Dokumentation deiner Impfungen, Hepatitis B muss dabei sein). Ich habe eine Auslandskrankenversicherung abgeschlossen über meine Bank (apoBank).
In Kanada am Flughafen wird dann auch nach dem “immigration medical exam” gefragt, das muss man bei einem/r speziell von der kanadischen Regierung anerkannten Arzt/Ärztin machen. Kostenpunkt: ca. 360 Euro (wird nicht erstattet). Es gibt eine Website der kanadischen Regierung mit allen Medizinier*innen, die diese Untersuchung anbieten. Dazu gehört ein Röntgen-Thorax, Blutabnahme mit Tests auf Syphillis und HIV sowie die körperliche Untersuchung. Es dauert ein bisschen, bis man einen Termin bekommt, deswegen frühzeitig drum kümmern!

Sicherheit

Sicherheit ist wirklich kein Problem und es besteht hier kein Unterschied zu Deutschland. Ich weiß gar nicht, was ich hier schreiben soll um das Textfeld mit der Mindestanzahl an Zeichen zu füllen. :)

Geld

Gezahlt wird in kanadischen Dollar (CAD), ungefähr 0,66 € sind ein CAD. Ich habe mit Kreditkarte Bargeld abgehoben, da das bei meinem Konto kostenlos war, im Gegensatz zur Kartenzahlung. Ich hab mich da einfach bei meiner Bank beraten lassen.
Die Preise sind sehr ähnlich zu Deutschland, ein bisschen teurer. Vor allem Alkohol und Käse sind sehr teuer.

Sprache

In Montréal wird Französisch gesprochen. Gute Französischkenntnisse sind Voraussetzung um sich für den Famulaturaustausch in Québec zu bewerben (außer an der McGill University, der einzigen anglophonen Uni in Québec). Ich sprach bereits fließend Französisch (C1), da ich ein Jahr in Frankreich studiert habe, deshalb habe ich mich nicht mehr besonders vorbereitet. Das “Québecois” (der Dialekt, der in Québec gesprochen wird), ist jedoch gewöhnungsbedürftig, nach ein paar Tagen ging es dann aber.
In Kanada wird natürlich außerdem Englisch gesprochen, und das können auch in Québec eigentlich alle. Ist jedoch nicht so gern gesehen.

Verkehrsbindungen

Ich bin mit der Airline WOW-Air geflogen, was eine blöde Idee war. Diese Fluglinie ging nämlich leider kurz bevor ich zurück nach Berlin fliegen sollte pleite. Man kann entweder über Island fliegen und dort umsteigen, ansonsten gibt es auch gute Verbindungen von Paris nach Montréal.
In Montréal gibt es eine Métro und ein sehr dichtes Busnetz. Ich habe mir eine “Carte Opus” geholt, die für Studierende 54 CAD im Monat kostet. Um diesen Studentenrabatt zu bekommen, musste ich zuerst zu M. Barrette in der Université der Montréal gehen, der mir ein Schreiben für die Verkehrsbetriebe gab, damit kann man dann an der Station “Berri UQAM” die Karte kaufen. Die Métro und Busse sind zuverlässig und fahren regelmäßig.

Kommunikation

Internet ist kein Problem, es gibt in der Innenstadt fast flächendeckend öffentliches WiFi. An der Uni gibt es eduroam. Ich habe mir keine neue SIM Karte gekauft und auch sonst keine Vorbereitungen getroffen.

Unterkunft

Ich bin in einer WG mit 3 Französinnen und einem Spanier untergekommen, das war prima. Organisiert haben das die Local Exchange Officers in Montréal. Das Zimmer war klein und hatte leider auch kein Fenster, aber ich war auch nicht so oft zuhause. Bettwäsche und Handtücher waren da, die Küche außerdem komplett eingerichtet. Mit den Mitbewohner*innen habe ich auch Französisch gesprochen.
Es hätte auch die Möglichkeit gegeben, mir selber ein Zimmer zu organisieren für 460 CAD.

Literatur

Ich habe mich hauptsächlich durch Erfahrungsberichte auf der IFMSA und der bvmd Austausch-Website informiert, sowie durch die Berichte meiner Vorgängerin in Montréal. Außerdem hatte ich einen Reiseführer.

Mitzunehmen

Warme Klamotten (Skijacke, dicke Wanderschuhe) – das war sehr nötig, weil es im März noch gut und gerne -17 Grad werden. Überflüssig waren das Handtuch und der Kittel. Im Krankenhaus habe ich Kasack getragen, keiner der Ärzt*innen trug dort Kittel. Nützlich ist natürlich auch der Adapter für nordamerikanische Steckdosen.

Reise und Ankunft

Vom Flughafen hat mich meine kanadische “Buddy” mit dem Auto abgeholt. Das hat alles reibungslos geklappt, ich hatte mit ihr bereits vorher über Facebook kommuniziert. Ich hatte noch eine knappe Woche bis das Prakikum losging. Dazwischen habe ich mir die Carte Opus für die öffentlichen Verkehrsmittel besorgt, habe Poutine in der “Banquise” (Nähe Mont Royal, beste Poutine in MTL) gegessen und bin für 3 Tage nach Boston gefahren, zwei Freunde besuchen. Dort kann man mit dem Greyhound-Bus fahren für ca 30 USD. ESTA für die Einreise in die USA nicht vergessen!
Ich hatte in der Woche bevor meine Famulatur begann eine Mail der Lehrverantwortlichen des Krankenhauses bekommen, in dem alles genau beschrieben wurde. Ich musste am ersten Tag meinen Ordner mit Evaluationsbögen abholen, da sie im Urlaub war bekam ich keine Einführung. Trotzdem hat alles super geklappt.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich habe im Santa Cabrini Krankenhaus im Norden von MTL auf der Notaufnahme famuliert. Der erste Tag war ein kleines Bad im kalten Wasser, da das kanadische Ausbildungssystem dann doch sehr anders ist. Die kanadischen Studierenden verbringen die letzten 2 Studienjahre nur im Krankenhaus und rotieren durch die verschiedenen Stationen. Die Notaufnahme ist relativ am Ende dieser Rotationen an der Reihe, weshalb kanadische Studierende bereits sehr viel Kenntnisse und Fertigkeiten draufhaben, wenn sie dort anfangen.
Auf der Notaufnahme habe ich immer mit einem/r Arzt/Ärztin direkt zusammengearbeitet, die Zuteilung wurde mir in der Mail vorher mitgeteilt. Ich habe entweder auf den „ambulatoires“ oder den „ambulances“ gearbeitet, wobei letzteres eine Art Station/Aufwachraum darstellt, wo die Patienten in Betten warten bis sie verlegt werden, zudem gehörten hier die Schockräume dazu. Ich als „Externe“ hatte meine eigenen Patienten, die ich aufnahm, die Befunde dokumentierte, weiteres Vorgehen plante (Diagnostik und Therapie) und dies dann dem/der Arzt/Ärztin vorstellte. Dann haben wir zusammen besprochen, wie das weitere Vorgehen ist und sind ggf. noch einmal zur Patientin gegangen. Ich habe Bildgebungen angeordnet, Labortests und auch Medikamente vorgeschlagen.
An praktischen Fertigkeiten konnte ich sehr viel üben, insbesondere die körperliche Untersuchung bei den verschiedensten Krankheitsbildern. Aber auch das Nähen von Kopfplatzwunden, Liquor- und arterielle Punktionen gehörten zu den Dingen die ich dort durchführen durfte.
Ich musste sowohl Früh- als auch Spät- und Nachtschichten arbeiten.
Alle Krankheitsbilder und praktischen Fertigkeiten sollten auf dem täglichen Evaluationsbogen dokumentiert werden. Denn am Ende jedes Dienstes füllte der/die betreuende Arzt/Ärztin diesen Bogen aus und besprach ihn mit mir, das war wirklich toll als persönliches Feedback und hat mir gezeigt, wo ich noch Wissenslücken schließen kann. Die Evaluationsbögen müssen jeden Tag im Sekretariat abgegeben werden. Am Ende der Famulatur habe ich ein Zeugnis bekommen mit der Zusammenfassung aller Evaluationsbögen des Praktikums.
Ich hatte keine Sprachprobleme, nur einige ältere Patient*innen hatten einen sehr starken Dialekt.
Andere Medizinstudierende habe ich nicht getroffen, da immer nur ein/e Medizinstudierende/r gleichzeitig auf in der Notaufnahme gearbeitet hat. Diese 1-zu-1-Betreuung war wirklich sehr vorteilhaft. Ich durfte außerdem einmal bei einer Notfallsimulation des Teams teilnehmen.

Land und Leute

Ich bin nach Boston und Toronto gefahren. Das war prima. Nach Toronto kann man gut mit dem Zug fahren (ungefähr 30 CAD pro Fahrt). Dort ist vor allem Kensington Market und Toronto Island für einen Besuch zu empfehlen.
In Montréal sollte man auf jeden Fall auf den Mont Royal klettern, dort gibt es einen großen Park und eine wunderbare Aussichtsplattform mit sehr gutem Blick über die Skyline von Montréal. Das Stadtgebiet liegt auf der Île de Montréal, am Zusammenfluss von Ottawa River und Sankt-Lorenz-Strom. Außerdem würde ich empfehlen, ein bisschen durch Downtown zu schlendern und am Vieux Port die Sonne genießen. Montréal ist super multikulturell und das merkt man an jeder Ecke. Es gibt super viele verschiedene Restaurants, Imbisse und Kulturangebote.
Noch heute spürt man den französischen Einfluss vor allem im Vieux Montréal, im guten alten Old Montréal. Es ist nach wie vor eine Bastion der französischen Kultur, Lebensweise und Architektur. Und man spricht hier am liebsten Französisch und teilweise verweigt man gar englische Fragen und Bestellungen in den Läden und Cafés. Es ist sehr vieles genauso wie in Deutschland, Kanada ist nun mal ein westliches Land. Cannabis ist seit Oktober 2018 legal. Ahornsirup kann man überall kaufen und sollte man auch, denn er ist sehr lecker.
Weil es noch so kalt war, bin ich nicht wirklich in die Natur um MTL vorgedrungen. Ich habe mit meinen Mitbewohner*innen und auch mit meiner „Buddy“ aus Montréal viel unternommen. Die Kanadier im Québec sind sehr höflich und freundlich, soweit stimmt das Klischee auf jeden Fall. Auf jeden Fall würde ich empfehlen, im Sommer nach Kanada zu fahren – im März hat es einfach konsequent noch unter 0, eher unter -10 Grad.
Lebensmittel (vor allem Obst und Gemüse) einkaufen kann man sehr gut auf dem Marché Jean Talon, einem Markt nahe der gleichnamigen Métro Station. In der Nähe von Jean Talon gibt es außerdem super viele Second Hand Läden und kulinarische Köstlichkeiten, Imbisse und Bars. Das gibt es auch in Mile End und Laurier, zwei schöne Viertel zum flanieren. Poutine essen geht eigentlich überall, besonders gut allerdings in "La Banquise".
Montréal ist außerdem eine Stadt mit einer ganzen Menga an Street Art (hier sind auch Mile End und Laurier als Viertel zu erwähnen) und Architektur.
Ein weiterer Tip: achtet darauf, bei Bussen und in der Métro immer ordentlich in der Reihe zu stehen - Kanadier sind wirklich sehr höflich und geordnet und bilden sowohl an der Bushaltestelle als auch neben jeder Métrotür eine Schlange.

Fazit

Ich hatte eine wunderbare Zeit in Montréal und würde jederzeit wieder hin, wäre es nicht so weit weg und nur per Flugzeug zu erreichen. Deswegen wird es beim nächsten Mal wohl wieder Frankreich werden ;)

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