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Institute for Indian Mother and Child (Indien)

Verschiedene - SCOPH (Public-Health Austausch)
von Regina, Mainz

Motivation

Mehrere Gründe sprachen für eine Public Health-Famulatur in Indien. Ich war bereits 2011 in Südindien für ein FSJ gewesen, das ich jedoch nach 3 Monaten krankheitsbedingt abbrechen musste. Das Land hatte mich damals schon wahnsinnig fasziniert und so sollte es nicht meine letzte Erfahrung dort sein. Warum ich mich letztlich für SCOPH entschieden habe, liegt daran, dass ich mir vorstellen kann später einmal imn den Bereichen Epidemiologie / Public Health / Entwicklungshilfe zu arbeiten. Mein Ziel war es also eine indische NGO kennenzulernen.

Vorbereitung

Die wichtigsten Dinge sind Flug, Visum, Impfungen und eine Auslandskranken-versicherung. Eine Unterkunft muss man nicht organisieren. Das IIMC verfügt über ein Gästehaus im Zentrum von Kolkata, in dem Praktikanten untergebracht werden. Alles, was es sonst zu beachten gilt, steht in einem sog. Acceptance Letter, den ihr bei der Zusage bekommt. Da es nicht mein erster Aufenthalt in Indien war, habe ich mich ansonsten nicht speziell vorbereitet. Ein paar Worte Bengali zu lernen (z. B. mit Kauderwelsch Bengali) oder sich der Kultur über Filme (z. B. Lion, Slumdog Millionaire), Dokumentationen (z. B. Indiens verlorene Töchter von arte) und Bücher zu nähern, kann aber sicher hilfreich sein, um dort schneller anzukommen und schon ein wenig Interesse und Vorfreude zu entwickeln. :-)

Visum

Beantragt kein klassisches Visum, wie es im Acceptance Letter steht und ich es leider gemacht habe, sondern ein e-Visum! Letzteres ist deutlich günstiger. Ansonsten ist der Antrag - wie alles in Indien - ein wenig kompliziert. Aber keine Sorge: Am Ende klappt alles.

Gesundheit

Wendet euch möglichst früh an einen Reisemediziner. Dieser wird euch Empfehlungen zum Reiseimpfschutz geben. Falls ihr danach oder davor nicht noch in ländliche Gegenden reist, reicht eine banale Reiseapotheke vollkommen aus. Meistens sind es nur banale Dinge (Durchfall, Erkältung oder leichtes Fieber), mit denen ihr konfrontiert werdet. Und falls ihr doch etwas Spezielles (z. B. Antibiotika) benötigt, in Kolkata bekommt ihr alles problemlos.

Sicherheit

Indien hat ein massives Problem mit der Rolle der Frau. Dies betrifft aber vor allem Frauen im ländlichen Raum mit niedrigem sozioökonomischen Status. Als weiße Frau in Kolkata merkt man davon wenig. Zu Tageszeiten habe ich mich - auch alleine - stets sicher gefühlt. Normale Vorsichtsmaßnahmen reichen aus. Zudem sollte auf kulturell angepasste Kleidung geachtet werden. Für Frauen heißt dies Kleidung, die Schultern und Beine bis zu den Knöcheln bedeckt, und nicht zu eng ist.

Geld

Ich empfehle eine Kreditkarte, mit der ihr weltweit kostenlos abheben könnt (z. B. von der DKB). Mit dieser habt ihr einen guten Wechselkurs und könnt überall Geld abheben. Als Rücklage würde ich zudem wenige hundert EUR mitnehmen, die man im Notfall wechseln lassen könnte. Wechselt jedoch am besten nicht oder nur wenig Geld am Flughafen, da dort die Kurse sehr schlecht sind.

Zu den Kosten vor Ort: Das IIMC erhebt eine Gebühr - in erster Linie für die Unterkunft im Gästehaus - von 160 EUR. Ich habe zuzüglich der 160 EUR etwa 300 EUR ausgegeben, vor allem für Essen und Transport.

Sprache

Die Landessprache im Bundesstaat West Bengal ist Bengali. Ich hatte den Sprachführer Kauderwelsch Bengali mitgenommen und fand das sehr hilfreich. Die einfache Bevölkerung spricht nur wenig Englisch, so dass kleine Bengali-Kenntnisse die Kommunikation im Alltag und mit den Menschen, die Hilfe durch das IIMC bekommen, sehr vereinfachen.

Verkehrsbindungen

Ich bin mit Emirates über Dubai geflogen und habe etwa 800 EUR gezahlt (günstigste Verbindungen unter 600 EUR). Direktverbindungen nach Kolkata gibt es nicht, so dass man immer mindestens einen Zwischenstopp hat. Wer vor Ort reisen möchte, dem empfehle ich den Zug. Zugreisen in Indien dauern sehr lange, sind aber sehr günstig und ein wahnsinnig tolles Abenteuer. Da die Züge immer sehr schnell ausgebucht sind, sollte man allerdings schnell sein.

In Kalkutta selbst gibt es drei wichtige Fortbewegungsmittel: Metro, Tuk Tuk (motorisierte Dreiräder) und Uber. Uber ist günstig und geht immer, sofern man die App installiert hat. Wie Metro- und Tuk Tuk-Fahrten funktionieren, werdet ihr vor Ort schnell lernen.

Kommunikation

Ich hatte mir eine inoffizielle Sim-Karte an einem Straßengeschäft für 28 Tage geholt und die verbleibenden Tage Hotspots genutzt. Die Karte ist günstig (etwa 5 EUR) und die Konditionen sind exzellent. Ihr müsst euch außerdem keine Sorgen um die mobile Internetverbindung in Indien machen. Sie ist teilweise besser als in Deutschland.

Unterkunft

Das IIMC verfügt über ein Gästehaus im Zentrum von Kolkata, in dem die Volontäre in Einzel- bis Vierbettzimmern untergebracht sind. Der Housekeeper Pradip ist sehr nett, kümmert sich um alle Belange des Hauses und ist Ansprechpartner bei allen Fragen rund um die Unterbringung. Das Haus ist einfach gehalten, bietet aber einen sicheren Rückzugsort, Möglichkeiten zur Selbstversorgung und eine Dachterrasse, auf der wir viele schöne Abende verbracht haben.

Literatur

Ich hatte unter dem Punkt Vorbereitung schon ein paar Tipps zum Thema Literatur gegeben. Vor Ort werdet ihr nicht unbedingt Literatur benötigen. Auf meinem Schreibtisch liegt noch das Buch The Epic City, in dem ein als Kind in die USA ausgewanderter Journalist seine Heimatstadt Kolkata aus den Erinnerungen der Kindheit sowie mit den Augen von heute beschreibt. Leider habe ich weder in Indien noch danach bisher Ruhe für das Buch gefunden…

Mitzunehmen

Allgemein gilt: nimmt nicht zu viel mit! Abseits den ein oder anderen Lebensmitteln - für mich vor allem frisches dunkles Brot ;-), kann man in Kolkata in der Regel alles kaufen. Zudem gibt es die anderen Volontäre, die immer gerne aushelfen, falls ihr etwas vermisst. :-)

Die Kleidung sollte locker sein und bei den Frauen Schultern und Beine bedecken. Denkt dabei auch an warme Kleidung. Nachts kann es abseits der Monate Mai bis Juli kalt werden. Ansonsten ist ein Moskitonetz von Vorteil. Im Gästehaus sind zwar welche vorhanden. Diese haben allerdings oft Löcher.

Reise und Ankunft

Ich flog von Frankfurt aus nach Dubai. Dort habe ich eine andere deutsche Volontärin getroffen, mit der ich weiter nach Kolkata geflogen bin. Auf den Fahrer des IIMC, der uns ins Gästehaus gebracht hat, mussten wir etwa 30 min warten. Ansonsten lief alles reibungslos. Im Gästehaus angekommen, wurden wir von Volontären des Vormonats empfangen, die uns gleich mit allem (Gästehaus, Metro, Tuk Tuk, Sim-Karte, Indoor Clinic…) vertraut gemacht haben. Ich war so quasi vom ersten Moment an mitten drin, was mir den Einstieg sehr leicht gemacht hat.

Kleine Tipps gegen die Nervosität: fragt Sylvie vom IIMC Deutschland nach Kontakten von anderen deutschen Volontären des Vormonats und/oder des gleichen Monats. Dann könnt ihr entweder zusammen hinfliegen oder vorab mit Volontären des Vormonats Kontakt aufnehmen. Und reist am besten schon vor dem 1. des neuen Monats an. Dann ist der Einstieg leichter! Aber keine Sorge: So oder so wird es gut klappen. :-)

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Vorab: Ein Praktikum bei IIMC ist keine Famulatur im eigentlichen Sinne, auch wenn sie von vielen Landesprüfungsämtern als solche anerkannt wird. Es ist ein Einblick in eine indische NGO, die sich in der Entwicklungshilfe engagiert.

Im IIMC absolvieren pro Monat etwa 10-25 internationale Volontäre - in unserem Fall aus Italien, Deutschland, Japan, Neuseeland und den USA - einen Freiwilligendienst beim IIMC. Die meisten von ihnen sind Medizinstudenten. Es gab in unserer Gruppe aber auch eine Jurastudentin und einen Fotografen.

Es gibt ein wöchentliches Routineprogramm und zusätzliche geplante Aktivitäten, bei denen die Volontäre einen kleinen Beitrag leisten. Dazu gehören in erste Linie krankenpflegerische Tätigkeiten (Blutdruckmessung, Wundversorgung, Injektionen) und simple Vorträge zu Gesundheits- und Hygienethemen. Die Aktivitäten finden vor allem in der Indoor Clinic, dem Herzen des IIMC am südlichen Rand von Kalkutta, und den Outdoor Clinics als medizinische Ambulanzen in der ländlichen Region rund um Kalkutta statt.

Darüber hinaus können - abhängig von der Anzahl der Volontäre und deren Engagement - weitere Aktivitäten geplant und umgesetzt werden. In unserem Fall waren das Pädiatrische Screenings und Workshops in Schulen zu den Themen Gleichberechtigung und Sexualaufklärung - meiner Meinung nach besonders sinnvolle Aktivitäten der Volontäre! Die Koordination der Aufgaben wird von der Gruppe selbst übernommen. Dazu bestimmt Dr. Sujit (Gründer und Leiter des IIMC) zu Beginn des Monats 2-3 sog. Facilitators.

Abseits der Arbeitsaktivitäten bemüht sich das IIMC sehr, den Volontären einen möglichst umfassenden Einblick in deren Arbeit und die indische Kultur zu geben. Neben einem Kochabend, Bengali-Unterricht und vielem mehr bekommt man einen Einblick in alle Tätigkeitsfelder des IIMC. Das IIMC unterhält zusätzlich zu den medizinischen Aktivitäten ein großes Bildungsprogramm mit eigenen IIMC-Schulen. Zudem gibt es ein Sponsorship-Programm, durch das ausländische Spender Kinder aus benachteiligten Familien finanziell unterstützen können. Zur Stärkung der Rolle der Frau gibt es das Women Empowerment-Programm, das die Bildung von Frauengruppen in Dörfern fördert und das Mikrokredit-Programm. Letzteres ermöglicht benachteiligten Frauen ein Konto zu eröffnen sowie für ihre geschäftlichen Unternehmungen - beispielsweise den Reisanbau - einen Kredit zu erhalten.

Die grundlegenden Ideen hinter dem Handeln des IIMC erschienen mir als sehr sinnvoll. Dass das IIMC sich in seiner Arbeit in erster Linie auf Frauen und Kinder konzentriert, ist der problematischen Rolle der Frau in Indien geschuldet. Je tiefer mein Einblick in die Aktivitäten des Projekts reichten, desto mehr unbeantwortete Fragen und Frustration über Ineffizienz und ungenutzte Ressourcen kamen jedoch auf: Warum werden die Frauengruppen in den Dörfern zwar dazu angehalten täglich die Zeitung zu lesen und sich fortzubilden, aber nicht dazu ermuntert sich allmählich aus der Abhängigkeit des IIMC zu befreien und tätig zu werden, um eigene Initiativen zu entwickeln? Warum machen sich zehn Mitarbeiter des IIMC auf den Weg zu einer Veranstaltung mit fünfstündiger einfacher Fahrt, um eine Stunde über das IIMC, Hygiene und Ernährung zu referieren? Hätte nicht ein Mitarbeiter ausgereicht und hätte man die Aktivität nicht mit anderen Aktivitäten in der Umgebung verknüpfen können? Warum kann mir keiner sagen, wie das Geld genutzt wird, wenn ich als ausländischer Sponsor eines Kindes monatlich 20 EUR zahle? Weiß das IIMC selbst nicht, wohin das Geld geht, oder will man es mir nicht sagen? Wenn ja, aus welchen Gründen? Diese und viele Fragen mehr sind offen geblieben und haben bei mir letztlich leider einen gedämpften Eindruck des IIMC hinterlassen.

Land und Leute

Ich weiß gar nicht so recht, wo ich anfangen soll, wenn ich von Indien, Kalkutta und der indischen Kultur berichten möchte. Indien ist extrem: extrem anstrengend - schwül, laut, überfüllt, chaotisch, versmogt, vermüllt, stinkig, gleichzeitig aber auch extrem schön, aufregend und spannend.

Bei den kulturellen Besonderheiten beschränke ich mich auf zwei Aspekte, die für uns Europäer herausfordernd sein können:
Als Ausländer - vor allem mit heller Hautfarbe - steht man stets im Mittelpunkt und wird auf der Straße oder in der Metro immer wieder angesprochen:
„Hello, Mam!“ - „Maaaam!“ - „Where are you from?“ - „What’s your name?“ - „How are you?“ - „One Selfie, please!“ - „Just one!“ - „Pleeeeeeease!“
Gerade zu Beginn muss man sich daran erst einmal gewöhnen. Die aufgeschlossene und kontaktfreudige Art der Inder ist aber gleichzeitig auch sehr schön und führt dazu, dass man schnell in Kontakt mit den Einheimischen kommt, selbst wenn die Bengali-Kenntnisse auf der einen und die Englisch-Kenntnisse auf der anderen Seite kaum vorhanden sind.
Der zweite Punkt, mit dem gerade wir Deutschen zunächst oft Schwierigkeiten haben, ist das indische Zeitgefühl. Wenn etwas um X Uhr stattfinden soll, heißt dass, dass es ab X Uhr jederzeit beginnen kann. So kann man natürlich nicht einfach später kommen, sondern muss warten.
Die meiste Zeit des Tages während meiner Zeit am IIMC habe ich tatsächlich durch unzählige Metro-, Tuk Tuk-, und Jeepfahrten in Verkehrsmitteln und mit Warten verbracht; so auch das restliche IIMC-Personal. Für mich war das absurd und ich hatte große Schwierigkeiten diese aus meiner Sicht wahnsinnig ineffiziente Arbeitsweise zu akzeptieren. Andererseits ist es mir dabei erstaunlicherweise kein einziges mal langweilig geworden, im Gegenteil: so viele spannende Dinge, die es am Wegesrand zu beobachten gibt, tolle Gespräche oder einfach nur eine entspannte Zeit mit guter Musik auf den Ohren. Ich denke, dass der Umgang mit den langen und vielen Wartezeiten am leichtesten fällt, wenn man sie nicht als vertane Zeit betrachtet und am besten immer ein Buch oder Kopfhörer in der Tasche hat.

Nun zu Kolkata: Die Stadt hat mich wahnsinnig fasziniert und obwohl ich jeden freien Tag zum Erkunden der Stadt genutzt hatte, hätte es noch so viele Ecken mehr zu entdecken gegeben. Kolkata ist definitiv eine unterschätzte Stadt, so dass man eher selten auf Touristen stößt. Die Stadt war das Herz während des britischen Kolonialismus. Aus dieser Zeit gibt es wahnsinnig schöne Architektur zu bestaunen. Die meisten dieser Gebäude müssten dringend restauriert werden, um die Bausubstanz zu erhalten, aber gerade das macht einen großen Teil des Charmes aus. Knapp 80% der Inder in Kolkata sind Hindus und etwa 20% Muslime. Gerade die muslimisch geprägten Viertel haben mich besonders gereizt. Mit meiner Kamera alleine in aller Ruhe durch die Straßen zu ziehen, war für mich ein ganz besonderes Freiheitsgefühl. Mehr möchte ich aber gar nicht verraten! :-)

Fazit

Aus verschiedenen Gründen bin ich sehr zufrieden mit meiner Entscheidung für das IIMC:

Ich konnte den Mut aufbringen, nach meiner ersten schwierigen Indienerfahrung noch einmal in das Land zurückzukehren. Die internationale Gruppenerfahrung war super schön, wenn auch immer wieder herausfordernd. Dass das IIMC bei mir nicht durchweg ein positives Bild hinterlassen hat, könnte ich als Minuspunkt sehen. Vielleicht konnte ich aber gerade so besonders viel aus der Zeit mitnehmen. Denn die vielen Ungereimtheiten haben zu sehr spannenden Gesprächen und Diskussionen mit Mitarbeitern des IIMC, anderen Einheimischen und den anderen Volontären geführt. Und zu guter Letzt: Indien ist einfach ein wahnsinnig spannendes Land und Kalkutta ist mir während meiner Zeit sehr ans Herz gewachsen. :-)

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