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Ethiopia (EMSA)

Gynäkologie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Franziska, München

Motivation

Da ich es nicht geschafft hatte ein Erasmussemester in meinem Studium unterzubringen war ich fest davon überzeugt, „zumindest“ meine Famulatur im Ausland zu absolvieren. Da ich auf jeden Fall außerhalb Europas wollte und erst zuvor in Asien unterwegs war viel meine Wahl auf Afrika, Äthiopien würde es dann eher durch Zufall, da ich keine französisch kann und somit viele Länder schon im Vorhinein wegfielen.

Vorbereitung

Ich habe keine besonderen Vorbereitungskurse besucht, mir aber die Ambosskapitel zu Gynäkologie runtergeladen und in den Wochen davor nochmals durchgelesen. Auch lohnt es sich, die ganzen Dokumente die bei Zusage in die CA hochgeladen werden müssen, frühzeitig organisiert zu haben, da es einiges an Aufwand mit sich bringt.

Visum

Ich habe ca 4 Wochen vor Abreise ein E-Visum über die Website der äthiopischen Botschaft beantragt, es dauerte nicht länger als 5 min, kostete 72€ für 3 Monate und hat mir am Flughafen mindestens 2h gespart ( es gibt auch ein VISA on arrival, da aber eine sehr lange Schlange, an der ich einfach vorbeigehen könnte).

Gesundheit

Ich hatte wegen vorheriger Reisen schon alle Impfungen bis auf Meningokokken ACWY (eine aktuelle Liste gibt es beim Auswertigen Amt). Der Gelbfieberimpfstatus wird teilweise bei der Einreise vor der Gepäckausgabe kontrolliert- also Impfpass ins Handgepäck!

Sicherheit

Seit den letzten Wahlen gilt Äthiopien als relativ sicher, vA in Addis. Bei Ankunft wurde mir jedoch eingeschärft nicht alleine das Krankenhausgelände zu verlassen, schon gar nicht im dunkeln. Anfangs habe ich mich daran gehalten, nach einer Woche jedoch nicht mehr. Zum Glück! Tagsüber war es wirklich überhaupt kein Problem und auch in der Dämmerung oder nachts war es vollkommen in Ordnung und ich fühlt mich zu keinem Zeitpunkt unwohl oder in Gefahr (solang man auf großen, beleuchteten Straßen bleibt. Und was hätte ich alles verpasst, wenn ich es nicht getan hätte! Allerdings lohnt es sich immer gut auf seine Sachen zu achten, es sind viele Taschendiebe unterwegs.

Geld

Ich hatte eine DKB Visa Card dabei (mit der als Aktivkunde das abheben kostenfrei ist). Zwischenzeitlich funktionierte meine Kreditkarte aus immer noch unerfindlichen Gründen gar nicht mehr. Es lohnt sich also, wenn auch nur fürs gute Gewissen, genügend Bargeld mitzunehmen. Die lokale Währung ist der äthiopische Birr, wobei 30 birr ca 1€ sind. In den 5 Wochen habe ich inkl. Wochenendtrips, Mitbringseln und ohne an etwas zu sparen 310€ gebraucht.

Sprache

In Äthiopien werden über 80 Sprachen gesprochen, die meisten Einwohner in Addis sprechen allderings amharisch, eine wirklich schwierige Sprache. Ich habe in den 4 Wochen die üblichen Floskeln und Begriffe gelernt um mich alleine zurecht zu finden, da Englisch außerhalb des Krankenhauses nur selten gesprochen wird. Dort dafür aber sehr gut, denn das Studium ist auf Englisch. Kommunikation mit den PatientInnen war allderdings nur mit einem anwesenden Arzt möglich.

Verkehrsbindungen

Ich kam it Ethiopian Airlines aus Kenia kommend ins Land, allerdings gibt es von München ode Frankfurtrecht billige Flüge mit EgyptAir (ca. 450€). In Addis verkehren auf fixen Strecken Minibuse, die immer dann losfahren, wenn sie voll sind (ich habe aber nie mehr als 10min gewartet). Achtung: aber nur bis 21.00 Uhr, danach muss man auf Taxis zurückgreifen,die billigere Variante ist hierdie App RIDE, ähnlich wie uber. Auch gibt es etwas größere Busse, mit denen man in 2h zu den Seen im Süden von Addis kommt- für 2€.

Kommunikation

Direkt am Flughafen abe ich mir eine SimKarte geholt, dasi ging sehr unkompliziert in der Eingangshalle. Für 3€ gibt’s 1GB Internet und die Verbindung ist sogar gut genug für Whatsappanrufe! Allerdings unbedingt darauf achten, dass die Karte auch für Telefonie ausgelegt ist, mit den Kollegen und allen anderen Äthiopiern wird immer telefoniert.

Unterkunft

Ich war in dem Studentenwohnheim der Uni direkt am Campus untergebracht, dort in einem 10er Mädelsschlafsaal. Die organisation hier war sehr schwierig und quasi nicht vorhanden, sodass ich die ersten Tage „illegal“ in einem freien Bett geschlafen habe. Auch danach gab es kein offizielles Bett, nur durch Eigeninitiative und der freundlichen Mitbewohnerin im Schlafsaal hatte ich einen Schlafplatz. Der Saal war ganz ordentlich, allerdings sehr laut (Türenknallen um 4Uhr früh und laute Musik inkl Gesang die ganze Nacht lang...). 60 Frauen haben sich 3 Klos und 3 Duschen geteilt, da es aber auf dem ganzen Klinikgelände kein zuverlässig fließendes Wasser gab, die Toiletten aber natürlich trotzdem benutzt wurden, war die Geruchs und Sauberkeitssituation etwas gewöhnungsbedürftig. Wenn etwa 2x die Woche der Wasserhahn im Innenhof funkitonierte, wurden die Wasserfalschen zum Duschen und Waschen aufgefüllt, man musste aber schnell sein, manchmal war nach 15min auch wieder Schluss mit Wasser. Schlafsack, Laken und Kissen musste man selbst mitbringen und auch ein weiteres Tuch zum verhängen des Schlafsaalbettes ist sehr von Vorteil.
Weder Kühlschrank, noch Küche oder Herd gab es, noch war es erlaubt, man konnte so als nichts verderbliches aufbewahren, geschweige denn zubereiten. Ich habe mir die nötigsten Sachen organisiert, um zumindest frühstücken zu können, alle anderen Mahlzeiten musste man sich außerhalb organisieren.

Literatur

Für das fachliche habe ich mir die englische Version von Amboss aufs ipad geladen und die Kapitel nochmals durchgelesen.
Vorab habe ich mich auf verschiedenen Blogs und Internetseiten über Äthiopien informiert (vA waren das Backpackerberichte), mir den lonelyplanet gekauft und ganz wichtig die Seite des Auswertigen Amtes, mit den wichtigsten Informaitonen.

Mitzunehmen

Sehr wichtig waren: Schlafsack (es wird kalt!), Laken, Kissen, Taschenmesser, Taschenlampe und Powerbank (häufige Stromausfälle). Auch die Regenjacke hat sich einige Male bewährt.
Kleidungtechnisch hätt ich die kurzen Sommersachen zu hause lassen sollen – es ist 1. nicht sooo warm und 2. nicht angebracht in Shorts herumzulaufen. Dafür hätte ich mir mehr als 5 T Shirts und 2 lange Hosen gewünscht, da ich das eigenlich durchgehend getragen habe und nicht so oft waschen konnte wie ich es gerne getan hätte.

Reise und Ankunft

Ich wurde, obwohl vorher 2x bestätigt und fest ausgemacht, nicht vom Flughafen abgeholt. Dank meiner bereits erworbenen SimKarte konnte ich meine Kontaktperson jedoch erreichen und erinnern. Es dauerte dann allerdings nochmal 3h bis wirlich jemand kam und mich direkt zum Campus brachte. Mein Praktikum sollte eigentlich am nächsten Tag starten, aber auch hier hinkte die Organistation etwas hinterher und die Papiere, die ich zum Beginn brauchte waren noch nicht vorhanden. Auf Station habe ich mich dann am darauffolgenden Montag vorgestellt, mit Hilfe eines sehr netten PJ lers, der sich ab da um mich gekümmert hat.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich war in der Gynäkologie und Geburtshilfe, was ich mir auch so gewünscht hatte. Hier hatte ich die Möglichkeit jede Woche in einen anderen Teil des Fachgebietes hineinzuschnuppern und auch hier selbst entscheiden, welche es waren. Generell war ich quasi immer mit den Pjlern unterwegs, die hier allerdings eher die Stellung und die Aufgaben eines Assistenzarztes übernehmen (und 36h Sichten schieben ohne wirklich bezahlt zu werden...). Von Ihnen wurde mir alles gezeigt und ich durfte ihnen assitieren oder Sachen selber machen. Meistens brauchte ich auch jemanden, da ansonsten die Kommunikation mit den Patentinnen nicht möglich gewesen wäre.
In der ersten Woche war ich in der Gynäkologische Ambulanz, in die die Frauen des ganzen Landes mit Unterleibstumoren kommen, da es das einzige Krankenhaus mit Chemotherapie ist.
Hier war ich auf Grund der Sprachbarrier größten Teils Beobachterin, konnte allerdings bei fast jeder Patientin eine vaginale Tastuntersuchung durchführen und somit sehr viele Befunde klinisch untersuchen. Allerdings war es auch sehr deprimierend, wie weit fortgeschritten diese in den aller meisten Fällen waren.
Die zweite Woche verbrachte ich in der Gyn-Notaufnahme. Ein großer Raum mit 4 Liegen, 2 Pjlern, 2 Assistenzärzten (zumindest in der Theorie) und mindestens 50 Patientinne mit Angehörigen. Ein wirliches System gab es nicht, die Patientinne drängelten sich vor um untersucht zu werden, Notfälle (wie eine diagnostizierte, rupturierte Eileiterschwangerschaft mit schockiger Patientin) wurden nicht priorisiert und lagen auch mal 6h auf dem Boden rum...Auch hier durfte ich viel klinisch untersuchen, vA den Geburtsfortschritt vaginal bestimmen, aber die unterirdischen Zustände haben mich oft an meine Grenzen gebracht. Einerseits fehlte es einfach an Ressourcen um leichtere Fälle schnell behandeln zu können, andererseits war die fehlende Organisation und das Nichttun, das zum Tod einiger Menschen führte, nur schwer zu ertragen.
Die letzten beiden Wochen war ich im Kreissaal. Hier gab es verschiedene Bereiche für die verschiedenen Geburtsstadien und ich ersetzte nach der ersten Woche komplett einen Pjler. Das heißt, ich hatte meine eigenen Patientinnen, deren Geburtsverlauf ich nur mit einem Fetoskoph und meinen Händen bewaffnet verfolgte. Hebammen gab es nicht, genau so wenig wie Pflegepersonal. Anfangs assistierte ich bei de Geburten, entband die Plazenta und nähte den Dammschnitt, später durfte ich eigenständig (und im Nachtdienst auch alleine) meine Patientinnen entbinden. Eine unglaubliche Erfahrung!
Vergleiche anzustellen fällt ziemlich schwierig. Natürlich bin ich in dem Wissen nach Äthiopien gefahren, ein komplett anderes Gesundheitssystem vorzufinden, doch ist es doch nochmal etwas ganz anderes, das ganze live mit zu erleben. Der Ressourcenmangel schwebt über allem, da die Ausbildung an sich sehr gut und fortschrittlich ist, allerdings nicht umgesetzt werden kann. Doch auch grundlegende Organistation und Krisenmanagementformen kommen zu kurz, was wie oben beschrieben, mehrfach zum Tod geführt hat, der in unserer Krankenhausstrucktur leicht verhindert werden hätte können.

Land und Leute

Vom ersten Tag an waren die Pjler alle sehr nett zu mir. Stellten sich mir vor und planten mit mir was außerhalb des Krankenhauses so gemacht und gesehen werden musste. Am Ersten Wochenende erkundete ich mit ihnen die Stadt, mit 6 Mio Einwohnern doch recht groß und ich war froh am angfang nicht alleine zu sein und auch alles gezeigt zu kriegen. Schnell wusste ich so wo man sich wie fortbewegt, welche Straßen zu meiden waren und wo was eingekauft wurde. Allerdings ist das Frauenbild noch nicht ganz mit dem deutschen vergleichbar, mir wurde nicht zugetraut auch nur die leichtesten Sachen alleine zu schaffen (wie einkaufen im 10min entfernten Supermarkt) anfangs wusste ich die Fürsorge zu schätzen, doch schnell wurde diese auch nervig und ich musste erst klarmachen, dass ich das sehr wohl mache. Die Äthiopier in Addis begegneten mir zumeist alle sehr nett und nach den übichen „ohhh eine Weiße“ wurde ich in allen Kreisen gut aufgenommen.
Woran ich mich erst gewohnen musste, waren die Horden von Bettelkindern, die mir sobald ich das Gelände verließ wortwörtlich an den Füßen hingen, die Armut war allgegenwärtig.
Was mir im persönlichen Umgang negativ in Erinnerung geblieben ist, sind dieVersprechungen, diese und jene Unternehmung miteinander zu machen, die allerdings nie wahr wurden. So habe ich die ersten 2 Wochenenden noch immer gewartet um die mir versprochenen Sachen zu unternehmen, was dann nicht geschah und zu Enttäuschung meinerseits führte. Doch danach kümmerte ich mich einfach selbst um meine Wochenendeplanung und fuhr alleine nach Bischoftu zu den 7 Seen im Süden von Addis. Mit dem lokalen Bus erreicht man das in 2h und ich verbrachte ein wunderschönes Wochenende in einer Baumhauslodge direkt am See. Ansonsten verbrachte ich meine Abende nach der Arbeit zumeist beim Abendessen in einem der Restaurants nahe des Krankenhauses mit den Pjlern – ein gutes hatte also die nicht vorhandene Küche doch!
Das Essen war eines meiner Highlights. Auf den ersten Blick sehr einfach und einfältig wirkend, verliebte ich mich richtig in Injera. Der sauerteigähnliche Fladen wird mit immer wechselnden Eintöpfen (vegetarisch und mit Fleisch) und Salaten serviert- welch ein Genuss! Wenn man jedoch mal keine Lust drauf hatte war das einzige meiner Meinung nach wirklich gut essbare italienisch. Durch die kurzzeitige Besatzung wurde fast überall Pizza und Pasta angeboten.
Ich hätte gerne mehr von Äthiopien gesehen, als nur Addis und die unmittelbare Umgebung, anfangs hoffte ich noch auf die Versprechungen, später dann hatte ich auch keine Lust die Reisen ganz alleine zu unternehmen.

Fazit

Meine Erwartungen wurden mehr als erfüllt! Ich habe sowohl fachlich als auch persönlich sehr viel gelernt und möchte diese Erfahrung keinesfalls missen! Auch würde ich sofort wieder einen Auslandsaufenthalt wagen, ob ich es jedoch wieder ganz alleine machen würde weiß ich nicht mit Sicherheit. Auch könnte ich mir nicht vorstellen in Äthiopien zu arbeiten, mit dem Wissen in einem anderen Land so vielen Leuten helfen zu können, die hier Mangels Ressourcen versterben, könnte ich auf Längere Zeit nicht klar kommen. Trotzdem würde ich jedem Medizinstudierenden ans Herz legen, eine Erfahrung in diese Richtung zu machen.

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