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Morocco (IFMSA-Morocco)

Chirurgie - SCOPH (Public-Health Austausch)
von Juliane, Mainz

Motivation

Nachdem ich 2017 mit dem Public Health Austausch in Indien war, wollte ich gerne nochmal den klassischen Famulaturaustausch der bvmd erleben; am Liebsten in einem Land des arabischen Kulturkreises. Von Marokko als Land hatte ich von Freunden schon viele spannende Dinge gehört und nachdem wir über den Famulaturaustausch eine Marokkanerin zu Besuch hatten, stand für mich fest, dass ich gerne dieses Land besser kennen lernen möchte.

Vorbereitung

Ich hatte keine Schwierigkeiten bei den Vorbereitungen meines Austausches. Es lohnt sich ein paar Worte Französisch zu können und ich kann euch das 360 Grad Heft von GandHI ans Herz legen, aber ansonsten lasst den Austausch am Besten mit einem offenen Geist und Herzen auf euch zukommen.

Visum

Das Visum bekommt ihr mit einem deutschen Pass ganz einfach bei der Einreise am Flughafen. Was man dabeihaben sollte, ist die Adresse des Ortes, wo ihr zu Beginn wohnt. Ich hatte diese nicht, aber mit Hilfe eines Flughafenmitarbeiters habe ich dann einfach ein Hotel eingetragen. Das hat soweit geklappt.

Gesundheit

Ich bin durch meinen Austausch in Indien noch ziemlich durchgeimpft gewesen. Lasst euch da einfach von einem Reisemediziner beraten. Meine Reiseapotheke bestand eigentlich nur aus Ibuprofen und Medikamenten gegen Durchfall und das hat vollkommen gereicht.
Versichert gewesen bin ich über den Partnerschaftsvertrag der bvmd und der DÄF.

Sicherheit

Marokko ist ein sicheres Land und ich habe mich zu keinem Zeitpunkt irgendwie in Gefahr gefühlt. Ein bisschen gesunder Menschenverstand schadet nie, aber man muss da wirklich keine Angst haben. Mir wurde gesagt, dass sich das in Marokko auch von Stadt zu Stadt unterscheidet, aber in Marrakesch hatte ich keine Probleme.
Ich bin auch allein außerhalb von Marrakesch gereist und hatte dabei auch als alleinreisende Frau keine Probleme.
Mir wurde in meiner ersten Woche allerdings mein Handy geklaut, also passt an touristischen Orten auf eure Sachen auf, aber das kann euch in der ganzen Welt passieren.

Geld

Gezahlt wird in Marokko in Dirham. Ihr könnt Geld nur in Marokko umtauschen. Ich hatte meine Kreditkarte dabei und das hat eigentlich immer gut mit dem Geldabheben funktioniert. Solltet ihr in kleinere Orte oder die Wüste reisen, gilt es immer ausreichend Bargeld mitzunehmen, da man nicht überall Zugang zu ATMs hat.

Sprache

Amtssprachen in Marokko sind Arabisch und Tamazight (Berber). Im akademischen Kontext (also auch im Krankenhaus) wird vor allen Dingen Französisch gesprochen. Sobald man unter Touris ist, ist Englisch die Sprache der Wahl.
Ich habe mir in den letzten Wochen oft gewünscht, ein bisschen besser Französisch zu sprechen, weil ich so, glaube ich, noch sehr viel mehr aus der Famulatur hätte mitnehmen können. Trotzdem bin ich mit meinem A1 sehr viel besser als erwartet zurechtgekommen. Zumindest ein paar Worte sind aber schon zu empfehlen, auch wenn es in den Exchange Conditions nicht vorausgesetzt wird.
Ich kann euch auch sehr empfehlen, euch zu Beginn eures Austausches auch ein paar Wörter Darija (Marokkanisches Arabisch) zu merken. Das öffnet euch Türen und Wege in den verschiedensten Situationen.

Verkehrsbindungen

Mit dem Flugzeug ist man aus Deutschland je nach Flughäfen innerhalb von vier Stunden in Marokko. Angeflogen werden die verschiedensten Städte und wenn ihr Sparfüchse seid, guckt ihr am Besten auch mal bei Ryanair vorbei. Ich bin mit Lufthansa von Frankfurt nach Marrakesch und mit Air France von Rabat zurück nach Frankfurt geflogen.
Eine coole Option ist es auch mit der Fähre aus Gibraltar nach Marokko zu reisen, aber dafür solltet ihr dann ein bisschen Zeit mitbringen.

Kommunikation

Eine marokkanische Sim-Card bekommt ihr für 3-5€ eigentlich an jeder Ecke. 5GB mobile Daten kosten für einen Monat 5€. Guthaben könnt ihr aber nach Belieben aufladen. Whatsapp ist in Marokko Messenger der Wahl, aber auch facebook und Instagram sind hoch im Kurs.

Unterkunft

Ich durfte während meiner Zeit in Marrakesch bei der Familie einer Medizinstudentin wohnen, die im Sommer auch am Austausch teilnimmt. Die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Marokkaner ist unbezahlbar und ich habe meine Zeit dort sehr genossen. Die Teilhabe am Familienleben war zu Beginn sehr ungewohnt für mich, weil ich vor sechs Jahren bei meinen Eltern ausgezogen bin und eigentlich meine Freiheiten sehr genieße, aber es war toll, die Einblicke in das Leben einer marokkanischen Familie zu bekommen und das Essen war fantastisch. Ich hatte mein eigenes Zimmer und wenn ich wollte, konnte ich alle drei, manchmal auch vier Mahlzeiten mitessen. Das habe ich auch gerne gemacht, außer ich war unterwegs.

Literatur

Der glücklichste Mensch der Welt von Tahir Shah kann ich euch als Erzählung über Marokko sehr ans Herz legen. Reiseführer hatte ich keinen dabei, habe ich aber auch nicht gebraucht. Ich mag die App GPSmyCity, die euch Walking Tours in den verschiedensten Städten vorschlägt und auch zumindest ein paar Infos zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten gibt.
Ich habe immer mal wieder auch etwas während der Famulatur nachgelesen, aber dazu habe ich Amboss, die Unterlagen der Marokkanischen Studierenden und ebooks aus unserer Unibib genutzt.

Mitzunehmen

Fürs Krankenhaus hatte ich zwei Sets Kasack und Hose, Kittel, Stethoskop und Desinfektionsmittel dabei. Das Stethoskop hätte ich auch ruhig zuhause lassen können, aber ich denke, das kommt auf die Abteilung drauf an. Den Rest solltet ihr aber nicht vergessen. OP-Schuhe hatte ich vergessen, aber die konnte ich mir zum Glück von meiner Gastschwester leihen. Ein Mundschutz war manchmal ziemlich schwer aufzutreiben und es wäre ab und zu einfacher gewesen, selbst welche dabei zu haben.
Wenn ihr gepuderte Handschuhe nicht vertragt oder da sonst irgendwie spezielle Anforderungen habt, würde ich auch eine Packung Handschuhe einpacken.
Im März/April solltet ihr auf alle Wettereventualitäten eingestellt sein. Von 15 Grad und strömendem Regen bis zu 32 Grad und brütender Hitze war in den letzten Wochen alles dabei.
Versucht ansonsten leicht zu packen, damit ihr Platz für viele schöne Mitbringsel und Erinnerungen habt!

Reise und Ankunft

Meine Gastschwester hat mich am Flughafen in Marrakesch abgeholt. Das hat alles wunderbar geklappt. Ich bin am 28. Februar angereist in der Erwartung, dass es am 1. März mit der Famulatur losgeht. Der 1. März war jedoch ein Freitag und so habe ich mich mit der anderen ifmsa Austauschstudentin am Montag erst an der Fakultät vorgestellt und ein Schreiben abgeholt. Danach sind wir zum Krankenhaus und haben dort unsere Professoren bzw deren Sekretärinnen aufgesucht. Das hat im marokkanischen Zeitmanagement dann alles so seine Zeit gedauert. Je nach Departement handelt ihr an diesem Tag auch gleich Nachtschichten etc aus. Mit der Famulatur ging es dann am Dienstag so richtig los.
Wir haben unser erstes Wochenende gleich zum Reisen genutzt und sind nach Essaouira gefahren. Ein toller Ort um in Marokko anzukommen und nachdem mich die Medina von Marrakesch am Tag zuvor ein bisschen überwältigt hat, war das ein sehr schönes Fleckchen, um zur Ruhe zu kommen und die Sonne zu genießen.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich hatte als ersten Wunsch die Kinderchirurgie angegeben und habe diesen laut Card of Acceptance auch bekommen. Letzten Endes famuliert habe ich aber in der Kinderorthopädie und -traumatologie. Das war im ersten Moment natürlich eine Überraschung, aber im Nachhinein auch eine bereichernde Famulatur.
Inhaltlich finde ich die klassische Kinderchirurgie zwar interessanter, aber ich habe trotzdem viele interessante Fälle gesehen und die Professoren sind in der kompletten Kinderchirurgie super nett und da die OP-Säle direkt nebeneinander liegen konnte ich überall mal reinschnuppern.
Mir ist es am Anfang ziemlich schwer gefallen die Abläufe auf Station und das Drumherum zu verstehen und vor allen Dingen zu wissen, wann ich wo hingehen kann und darf. Theoretisch bin ich Teil der Gruppe der Studierenden des vierten Jahres gewesen. Irgendwann habe ich mich dann aber aus diesen Strukturen ein bisschen gelöst, um mehr von der Famulatur mitnehmen zu können.
Im marokkanischen System ist vorgesehen, dass die Studierenden ab dem dritten Jahr vormittags auf Station sind und nachmittags in Vorlesungen gehen. Zu Beginn der achtwöchigen Praktika organisieren die Studierenden intern, wer wann Nachtdienste übernimmt, in die Ambulanz geht und im OP assistiert. Bei 30 Studierenden in einer Gruppe bedeutet das, dass viele jeden Tag auch keine feste Aufgabe haben, außer nach dem ihm oder ihr zugewiesenen PatientIn zu schauen. Also wird viel am Handy gespielt, gequatscht und gelegentlich auch mal ins Lehrbuch geschaut. Die Anwesenheit auf Station ist jedoch von 8:30 bis 12:30 Uhr verpflichtend.
Ich war meistens schon um kurz nach acht auf Station, weil ich so mit meinem Gastvater auf seinem Weg zur Arbeit mitfahren konnte. Dann habe ich mich der Visite von Assitenzärzten und PJlern angeschlossen. Da sehr schnell französisch gesprochen wurde und sich mit Pflegekräften, Chefärzten und anderen Studierenden bis zu 30 Leute an dieser Visite beteiligt haben, konnte ich nicht so viel verstehen, aber ich hatte doch Gelegenheit, die Abläufe zu beobachten und mit der Zeit immer mehr verstanden. Drei Mal die Woche gab es die Möglichkeit in die Ambulanz zu gehen und dort entweder die Sprechstunde der Professoren zu begleiten oder zum Gipsen zu gehen. Die Sprechstunden haben mir mit am Besten gefallen. Alle drei zuständigen Professoren haben wirklich sehr viel zu den Patienten erklärt, uns auch immer untersuchen lassen und viel Rücksicht auf mich genommen, wenn ich etwas nicht verstanden habe.
An den anderen Tagen bin ich in den OP gegangen, habe einen der PJler begleitet, mit dem ich mich angefreundet habe und mir ab und zu auch mal eine andere Station angeguckt, wenn ich dort Leute kannte, die mir die Abläufe erklären und Patienten zeigen konnten.
In den OP zu gehen hieß für mich zu Beginn meiner Famulatur in der Ecke stehen und beobachten, was passiert und hoffentlich etwas verstehen. Dann bin ich im Nachtdienst gewesen und habe dort die diensthabenden Residents ein bisschen besser kennen gelernt. Das hat schon dazu geführt, dass ich viel mehr erklärt bekommen habe. Richtig gut wurde es dann für mich, als die marokkanischen Studierenden beschlossen haben geschlossen zu streiken und aufgehört haben, in die Uni und ins Krankenhaus zu gehen. Ohne PJler und andere Studierenden war ich plötzlich die einzig verfügbare zweite Assistenz und bin spontan zu einer der gefragtesten Personen in den vier OP Sälen der Kinderchirurgie geworden. So viel Praxis hätte ich normalerweise wahrscheinlich nicht bekommen, aber für mich war die Famulatur durch das viele Einwaschen und Assistieren wirklich sehr bereichernd. Umso besser mich die Operateure kannten, desto mehr durfte ich auch machen. Kommunikationsschranken gab es natürlich immer noch, aber insgesamt habe ich das Team durch den Streik sehr gut kennen gelernt.
Sehr empfehlen kann ich euch, mindestens einen Nachtdienst mitzumachen. Die Kindernotaufnahme war nachts eine ziemliche Herausforderung mit zu vielen Patienten für zu wenig Personal mit viel zu wenig Materialien. Aber ich denke es ist wichtig, dass miterlebt zu haben und auch für die Zusammenarbeit im Team sehr entscheidend. Die PatientInnen, die mich am meisten während der Famulatur emotional und fachlich bewegt haben, habe ich auch alle nachts kennen gelernt.

Land und Leute

Marrakesch ist perfekt gelegen, um in begrenzter Zeit in Form von Wochenendausflügen möglichst viel von Marokko zu sehen. So bin ich teils alleine, teils mit den anderen Austauschstudentinnen und teils mit Freunden von mir aus Deutschland immer an den Wochenenden unterwegs gewesen. Unter meinen Zielen waren Essaouira (ein kleiner Küstenort), Taghazout (Surferstädtchen im Süden), das Atlasgebirge, Fez und ein tolles verlängertes Wochenende in der Wüste nahe Merzouga. Marokko ist ein unglaublich vielfältiges und wunderschönes Land. Politisch läuft mit Sicherheit noch nicht alles korrekt, aber gerade im Gespräch mit jungen Menschen spürt man den Willen und Wunsch nach Veränderung.
Nachdem ich meine Famulatur beendet hatte, bin ich über Fez in den Norden gereist und habe mich dort im Rahmen eines zweiwöchigen Arabischkurses dem arabischen Kulturkreises nochmal anders genähert und durfte gleichzeitig den Kontrast zwischen dem französisch-arabisch geprägten Süden und dem spanisch-arabisch geprägten Norden erleben.

Wenn man Gemüse, Gewürze und Brot mag, ist man in Marokko essenstechnisch auf jeden Fall gut aufgehoben. Auch als VegetarierIn. Ich habe mich vor meiner Reise dazu entschlossen, das Vegetarierdasein für die Dauer der Famulatur zu unterbrechen, um meiner Gastfamilie nicht so viel Aufwand zu machen. Die Marokkaner lieben Fleisch und auch wenn ich am Ende meines Aufenthaltes mehr als genug vom Fleisch essen hatte, denke ich, dass meine Entscheidung die Richtige war. Außerdem sollte jede/r Marokkoreisende unbedingt auch einmal Tajine mit Rindfleisch probiert haben. Ansonsten gab es unglaublich viel frisches Obst und daraus gepresste Säfte. Vom frisch gepressten Orangensaft auf dem Djeema el Fna träume ich immer noch.
Auch wenn ich glaube während meines siebenwöchigen Aufenthaltes wirklich viel von Marokko gesehen zu haben und auch vieles erlebt zu haben, was über die klassische touristische Erfahrung hinaus geht, ist für mich klar, dass ich wiederkommen möchte, weil ich längst noch nicht alles gesehen habe, was dieses Land zu bieten hat.

Hinsichtlich der Arbeit im Krankenhaus fand ich es sehr spannend die Zwischenstufe des Versorgungsgrades zwischen dem Sozialprojekt in Indien, dass ich über den Public Health Austausch kennen lernen durfte und dem Standard an deutschen Universitätskliniken kennen lernen zu dürfen. So ist schon viel an Grundversorgung möglich, aber es ist auch noch viel zu tun und ich nehme die Geschichte von dem ein oder anderen Kind mit zurück nach Deutschland, dass vielleicht nicht krank sein hätte müssen, wenn Ressourcen ein bisschen anders verteilt wären.

Fazit

Ich kann euch eine Auslandsfamulatur nur ans Herz legen. Fachlich nimmt man je nach Sprachbarriere vielleicht nicht so viel mit, aber ich denke an Sozialkompetenz und Verständnis für andere Kulturkreise kann man nur gewinnen und damit auch das eigene ärztliche Handeln in Deutschland positiv beeinflussen.

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