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Institute for Indian Mother and Child (Indien)

Verschiedene - SCOPH (Public-Health Austausch)
von Elena, Zellingen

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Motivation

Das Medizinstudium lässt nur sehr schwer Auslandssemester zu. Deshalb ist ein Praktikum im Ausland eine gute Chance „mal rauszukommen“ und etwas anderes zu sehen. Besonders Entwicklungsländer können für angehende Mediziner einen wichtigen Einblick in andere Gesundheitssysteme und Krankheitsbilder (Mangelernäherung, Hautkrankheiten, Parasitäre Erkrankungen …). Indien als ein englischsprachiges Entwicklungsland war daher eine gute Möglichkeit

Vorbereitung

Natürlich ist es gut, sich schon vor der Bewerbung über das Zielland und das Wunschprojekt sich zu informieren. Nach der Zusage ist es wichtig, sich möglichst zeitnah über notwendige Impfungen zu informieren und die Fristen für Visaanträge zu überprüfen. Eine Reisekrankenversicherung ist unbedingt abzuschließen! Ich habe von meiner Projektkoordinatorin ein umfangreiches Dokument mit vielen wichtigen Informationen erhalten, zwei Mails an die Projektkoordinatoren im Zielland geschrieben und das war´s … Weil ich relativ reiseerfahren in Südostasien bin und auch Indien schon besucht hatte, war für mich keine besondere weitere Vorbereitung nötig

Visum

Visum konnte man für Indien online beantragen d.h. man druckt das Visum selbst aus und es ist bis zu ca. einer Woche vorher problemlos möglich. Der Vorgang ist mühsam und man muss alle möglichen Details bis hin zur Adresse der Arbeitsstelle des Vaters eintragen. Weiterhin braucht man ein Passfoto in einem sehr merkwürdigem quadratischem Format, das man aber selbst mit dem Handy problemlos machen kann. Die Kosten betrugen ca. 55 Euro

Gesundheit

Ich empfehle eine Reiseberatung in einem Impfzentrum für Tropenmedizin. Üblicherweise beraten die Mediziner dort auch über die notwendige Reiseapotheke. Für mich persönlich gilt bei einer Reiseapotheke der Grundsatz: mehr ist mehr. Besonders Elektrolytpulver war für mich unentbehrlich! Die meisten Krankenkassen zahlen relativ viel für Reiseimpfungen. Unbedingt eine Auslandskrankenversicherung abschließen und einen Nachweis über diese auf der Reise mitführen (ich hätte diesen bitterlich in der Notaufnahme gebraucht). In Indien bekommt eigentlich jeder mal eine Magen-Darm-Verstimmung, die aber nicht weiter schlimm ist. Elektrolytlösung und Ruhe und dann ist das Problem eigentlich innerhalb von ein paar Tagen gelöst. Malariaprophylaxe habe ich nicht eingenommen sondern nur als Standby dabei gehabt. Natürlich ausreichend Mückenspray (DEET 50%) um sich vor nicht nur Malaria sondern z.B. auch Dengue-Fieber zu schützen, ist unabdingbar.

Sicherheit

Grundsätzlich ist Indien entgegen aller Erwartungen ein recht sicheres Reiseland – auch für Frauen – wenn man einige Dinge beachtet. Das erste und meiner Erfahrung nach angemessene Kleidung. Lange Hosen/Röcke, wenig Ausschnitt und Shirts, die die Schulter bedecken, helfen sich wohl zu fühlen und das Starren der Einheimischen etwas zu begrenzen. Nachts sollte man sich besser nur in Gruppen bewegen. Während der Reise fühlte ich mich bis auf ein oder zwei Situationen sehr sicher, die Einheimischen sind freundlich und hilfsbereit. Worauf man sich aber einstellen muss, ist, dass man bei Touristenattraktionen mehr bezahlt oder von speziellen „Führern“ mit einem „besonderen Preis für eine tolle Tour“ über den Tisch gezogen wird. Im Nachhinein bleibe ich bei meiner Einschätzung, die sich nicht nur in Indien sondern überall bewährt hat: mit gesundem Menschenverstand kommt man gut zurecht.

Geld

Indische Rupien. Andere Währungen werden nicht akzeptiert. Eine Kreditkarte kann ich nur empfehlen, ATMs gibt es überall. Allerdings funktioniert nicht jede Karte überall. Der Hälfte der Volunteergruppe konnte an keinem ATM Geld abheben, also haben wir uns gegenseitig ausgeholfen und dann Geld zurücküberwiesen. Deshalb empfehle ich, das genau zu prüfen und ggf. noch einen Traveller Cheque/Reservebargeld dabei zu haben. Die Bank sollte vor einer Reise informiert werden, weil manche bei Abbuchungen aus dem Ausland sicherheitshalber die Karte sperren. Die Preise sind in Indien natürlich phänomenal günstig und die Lebenshaltungskosten relativ gering (hängt allerdings auch von den persönlichen Vorlieben ab). Ein lokales Mittagessen ca. 1,50 Euro, die Metro ca 15ct. Weil das Projekt einen Beitrag von 160Euro verlangt und gelegentlich Unkostenbeiträge anfallen (z.B. Social Dinner) betrugen sich meine Kosten auf ca. 350 Euro (incl. Ausflug nach Nepal)

Sprache

Mit Englisch kommt man im Alltagsleben sehr gut zurecht. Die Patienten, die zur armen und benachteiligten Bevölkerung gehören, sprechen kein Englisch sondern Bengali. Bengali empfand ich als sehr schwierig, aber ich konnte mir die wichtigsten Wort aneignen (Setz dich, leg dich hin, Blutdruck, zu hoch, zu niedrig, wo tut es weh, wo ist die Verletzung ….). Das Projekt bietet einige Bengalistunden an, von denen ich persönlich aber überhaupt nicht profitieren konnte

Verkehrsbindungen

Anreise mit dem Flugzeug. Ich habe ca 450 Euro gezahlt (kein Direktflug). Am Anreisetag kann man vom Flughafen abholt werden. Im Gastland bin ich mit Metro, Tuktuk und gelegentlich mal Uber gut zurecht gekommen. Die Verkehrsmittel sind z.T. sehr überfüllt, trotz des absurden Verkehrschaos relativ sicher und ziemlich günstig.

Kommunikation

Ich habe eine indische SIM gekauft und hatte damit phänomenales Internet, das zu jeder Zeit einen hervorragenden Videoanruf erlaubt hat (so gutes Internet hatte ich in D noch nie). Das Datenvolumen sind 1,5 GB am TAG und so konnte ich in der Gruppe und nach hause einen guten Kontakt halten

Unterkunft

Das Guesthouse des IIMC steht den Volunteers zur Verfügung (erwähnter Beitrag on 160 Euro als Spende an das Projekt fällig). Weil wir viele Volunteers waren, war es teilweise etwas überfüllt, aber jeder hatte ein Bett und in jedem Zimmer gab es einen Ventilator. Es gibt eine kleine Küche und einen Kühlschrank. Das Guesthouse ist nicht luxuriös, aber vollkommen angemessen. Bettwäsche gab es vor Ort, ein Kissen auch. Decken braucht man bei den sehr warmen Temperaturen eher nicht.

Literatur

Ich habe City of Joy gelesen, aber eher als Unterhaltungsliteratur. Ansonsten kann man sich mit einem Reiseführer oder auf Reisewebsites über Kalkutta und das Umland informieren, muss aber auch nicht sein, weil im Guesthouse ein Buch liegt, in das jeder seinen persönlichen Empfehlungen schreibt. Medizinische Literatur war nicht nötig, das Projekt befasst sich mit Basisgesundheitsversorgung.

Mitzunehmen

Leichte lange Kleidung, Reiseapotheke, Spielkarten und Bücher, Waschmittel!, Taschenmesser, Bauchtasche!, Hygieneartikel, med. Handschuhe (nicht gepudert, das Puder bildet wegen dem Schweiß eine wirklich widerliche Kruste auf der Haut), Stethoskop, Handdesinfektionsmittel, Reisepass, Dokumente in Kopie, Kreditkarte, Bargeld, Dokumente der Auslandsreisekrankenversicherung

Nützlich wäre ein Läusekamm gewesen, das kann man in Indien nicht kaufen. Ich habe meine Brille daheim gelassen und bitterlich vermisst.

Grundsätzlich kann man alles kaufen, falls man etwas vergessen hat

Reise und Ankunft

Am Flughafen wurde ich von einem Volunteer des Projekts abgeholt und in den Hauptsitz des Projekts gebracht. Am nächsten Tag begann das Praktikum. Nach der Ankunft wurde ich vom Projektleiter begrüßt und ich musste mich für das Projekt mit einer kleinen Gebühr registrieren und bekam ein Projektshirt. Die Volunteers des Vormonats sind dafür zuständig den neuen Volunteers das Projekt und den Tagesablauf zu erklären.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Im Projekt gibt es eine Indoorklinik, die gleichzeitig der Hauptsitz des Projekts ist. An verschiedenen Tagen der Woche werden verschiedene Outdoorkliniken in ländlichen Gebieten Kalkuttas besucht. Dies ist der Hauptbestandteil des medizinischen Projekts. Nach dem Besuch der Outdoorklinik kann man seinen Tag mit verschiedenen zusätzlichen Tätigkeiten verbringen wie z.B. ein Heim für Behinderte besuchen und dort bei der Physiotherapie helfen. Die Tätigkeit in den Outdoorkliniken besteht hauptsächlich aus dem „Dressing“, dem Versorgen von Wunden und Infektionen sowie Injektionen und Blutdruck messen. Die örtlichen Krankenschwestern sind sehr nett und helfen einem bei allen Problemen weiter. Auch vom Wissen der anderen Volunteers können vor allem Studienanfänger profitieren. Mit den Patienten ist die Kommunikation leider sehr schwierig bis unmöglich, da diese nahezu ausschließlich Bengali sprechen. Mit einigen einfachen Ausdrücken und der Hilfe der Krankenschwestern kommt man allerdings gut zurecht. Weiterhin besteht die Möglichkeit im Arztgespräch zu hospitieren. Allerdings hängt es dabei sehr vom Arzt ab, wie viel man mitnehmen kann, da dieses Gespräch natürlich auch auf Bengali stattfindet. Manche Ärzte geben sich große Mühe und erklären, welche Beschwerden der Patient hat und beziehen die Volunteers gut ein, andere sprechen überhaupt nicht mit einem und so hat man auch keine Möglichkeit zu verstehen, was vor sich geht. Das Gesundheitssystem Indiens könnte vom deutschen Gesundheitssystem nicht verschiedener sein. Auch wenn kostenlose Grundversorgung mittlerweile gesetzlich verankert ist, sieht die Realität leider völlig anders aus. Da das Projekt sich in den ländlichen Gebieten Kalkuttas an die ärmsten Mitglieder der Bevölkerung richtet, strömen zu jeder Outdoorklinik Hunderte von Patienten, die sich andernfalls Medikamente oder eine Behandlung nicht leisten könnten. Teilweise sind v.a. die Infektionen so weit fortgeschritten, dass ich mir nicht vorstellen kann, wie die Patienten mit den Beschwerden und Schmerzen leben können, bis sie endlich eine Behandlung aufsuchen. Besonders im Gedächtnis geblieben, ist mir der Fall einer jungen Mutter, die sich auf mir nicht erklärbare Weise schwere Verbrennungen im Dekolleté zugezogen hatte und aus Scham ihre Kleidung zu entfernen, tagelang keine Behandlung aufgesucht hat. Auch während der Behandlung war es für mich nahezu unmöglich, die betroffenen Hautpartien zu berühren, da sie ihre Kleidung höchstens wenige Zentimeter von der nässenden und eitrigen Wunde abheben wollte. In solchen Momenten wurde mir der kulturelle Unterschied zwischen meiner Heimat und Indien besonders bewusst und ich empfand einen tiefen Frust und auch Hoffnungslosigkeit, die ich erst nach einigen Tagen wieder von mit abschütteln konnte. Allgemein das medizinische Projekt aus fachlicher Sicht sehr frustrierend, weil den Patienten nicht adäquat geholfen werden kann und die Lebensumstände eine Besserung der Beschwerden teilweise immens erschweren (Baden im Fluss und Nicht-Wechseln von Kleidung bei Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit verhindern eine Besserung bei Pilzinfektionen sehr zuverlässig). Andererseits muss man sich immer wieder vor Augen führen, dass selbst kleine Verbesserungen für den Einzelnen einen großen Einfluss haben und das Gefühl des „es-kümmert-sich-jemand-um-mich“ manchmal mehr wert sein kann, als eine ausgefeilte medizinische Versorgung.

Land und Leute

In meiner Freizeit habe ich versucht, so viel wie möglich zu sehen und unternehmen. In indischen Großstädten bieten sich natürlich Märkte und Tempel besonders an. Märkte sind laut, voll, chaotisch und bunt. Man kann dort alles kaufen, sollte allerdings mit genauen Preisvorstellungen an die Händler herantreten und immer versuchen zu verhandeln. Selbst wenn die Händler erklären, es gäbe keinen Discount: es gibt immer einen Discount (außer in Geschäften natürlich). In Kalkutta selbst ist der New Market zu empfehlen, die College Street für Bücher und der Flower Market. Auf dem Flower Market gibt es ausschließlich – nicht besonders überraschend - Blumen und gekauft habe ich dort also nichts. Allerdings ist das Markttreiben sehr interessant zu beobachten. Weiterhin sollte man das Victoria Memorial gesehen haben. Als mehrtägigen Ausflug an unserem Weekend-off sind wir nach Darjeeling gefahren und haben eine Wandertour im benachbarten Nepal unternommen. Die höchsten Berge der Welt haben sich für uns den Wolken geschält und wir konnten eine phänomenale Aussicht genießen.
Die Bevölkerung ist grundsätzlich sehr sehr freundlich. Manchmal sind insbesondere die Frauen etwas schüchtern und misstrauisch, mit einem freundlichem Lächeln kommt man aber immer weiter. Wenn man etwas braucht oder sich nicht zurecht findet – einfach fragen. Die Einheimischen leben dort, sie wissen es am besten und die allermeisten haben überhaupt keinen Grund einem schlechte Ratschläge zu erteilen. Beim Essen lautet mein Rat: immer betonen, dass das Essen nicht scharf sein sollte und wer einen sensiblen Magen hat, auch immer noch gleich um eine Zubereitung mit wenig Öl bitten, sonst kann das Essen sehr schwer und fettig sein. Besonders empfehlen kann ich Momos, gefüllte Teigtaschen, die es vegetarisch, mit Fleisch und sogar mit Schokolade gibt.
Die wirtschaftliche und politische Situation Indiens ist mit der Situation aus Deutschland nicht zu vergleichen. Die Armut ist erschreckend und wird noch erschreckender, wenn man bewusst versucht sich nicht von den bunten Farben, exotischen Gerüchen und dem freundlichen Lächeln der Einheimischen ablenken zu lassen. Einfachste Grundbedürfnisse wie sauberes Wasser, ausreichend Nahrung und genug Lebensraum sind für viele Inder nicht erfüllt und bei einem Besuch in ärmeren Stadtteilen ergriff mich manchmal eine Hoffnungslosigkeit, die nur dadurch gelindert werden konnte, dass man selbst in diesen bitterarmen und verzweifelten Lebensumständen überall Zeichen von Liebe, Gemeinschaft und Zusammenhalt entdecken kann. Politisch befindet sich Indien in bewegten Zeiten. Frauenrechte werden etabliert, die homosexuelle Ehe erlaubt, die Schulpflicht zunehmend durchgesetzt. Unglücklicherweise brauchen diese Prozesse sehr sehr lange und im realen Alltagsleben ist davon bisher wenig zu spüren. Besonders die gesellschaftliche Stellung der Frauen ist prekär. Sie sind zu einem großen Teil finanziell und gesellschaftlich von ihrem Vater/Ehemann abhängig und auch im täglichen Leben konnte selbst ich als Europäerin spüren, dass es einen Unterschied macht, ob ein Mann oder eine Frau auftritt (z.B. Zahlen mit Bargeld, ich gebe das Geld, das Wechselgeld wird meiner männlichen Begleitung zurückgegeben)
Meine Erwartungen an das Land Indien wurden vollständig erfüllt. Allerdings muss ich sagen, dass es nicht mein erster Besuch in diesem Land war und ich daher mit einer realistischen Erwartung an den Austausch herangehen konnte. Das Projekt selbst ist bemerkenswert, dabei vor allem das Microcredit-Programm, das ich jedem – auch Medizinstudenten – zu besuchen empfehlen kann. Man muss allerdings damit lernen zurecht zu kommen, dass viele Prozesse im Projekt ineffizient und langwierig erscheinen – das ist aber eben Indien und wird sich so schnell auch nicht ändern. Ich könnte mir langfristig nicht vorstellen in Indien zu leben und zu arbeiten – eben wegen dieser Arbeitsweise und aber vor allem wegen des unbarmherzigen Klimas, das mir sehr zugesetzt hat. Insgesamt möchte ich jedem empfehlen: traut euch, probiert es aus, lasst euch nicht zu sehr von Erfahrungsberichten wie diesem beeinflussen, sondern macht eure eigenen Erfahrungen und bringt nicht zu viele Erwartungen mit. Dann kann und wird das Projekt und Indien euch jeden Tag überraschen und ihr werdet eine unbezahlbar Erfahrung machen können.

Fazit

Meine Erwartungen an das Land Indien wurden vollständig erfüllt. Allerdings muss ich sagen, dass es nicht mein erster Besuch in diesem Land war und ich daher mit einer realistischen Erwartung an den Austausch herangehen konnte. Das Projekt selbst ist bemerkenswert, dabei vor allem das Microcredit-Programm, das ich jedem – auch Medizinstudenten – zu besuchen empfehlen kann. Man muss allerdings damit lernen zurecht zu kommen, dass viele Prozesse im Projekt ineffizient und langwierig erscheinen – das ist aber eben Indien und wird sich so schnell auch nicht ändern. Ich könnte mir langfristig nicht vorstellen in Indien zu leben und zu arbeiten – eben wegen dieser Arbeitsweise und aber vor allem wegen des unbarmherzigen Klimas, das mir sehr zugesetzt hat. Insgesamt möchte ich jedem empfehlen: traut euch, probiert es aus, lasst euch nicht zu sehr von Erfahrungsberichten wie diesem beeinflussen, sondern macht eure eigenen Erfahrungen und bringt nicht zu viele Erwartungen mit. Dann kann und wird das Projekt und Indien euch jeden Tag überraschen und ihr werdet eine unbezahlbar Erfahrung machen können.

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