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Ecuador (IFMSA-Ecuador)

Innere - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Lucy Mareike, Bonn

Motivation

Durch eine Famulatur im Ausland erweitert man nicht nur seinen medizinischen Horizont, sondern lernt auch andere Kulturen, Sprachen und Gesundheitssysteme kennen. Durch den Vergleich kann man auch kritischer das eigene Gesundheitssystem beleuchten und Abläufe in einheimischen Krankenhäusern analysieren.
Ich verbrachte ein Erasmussemester in Madrid und lernte dort viele Lateinamerikaner kennen, die mir von ihrem beeindruckenden Kontinent erzählten. Durch diese Erzählungen kam ich auf die Idee, eine Famulatur dort zu machen. Ich hatte über die Uni in Bonn viel von der bvmd gehört und wusste, dass Famulaturen im Ausland über sie vermittelt werden. Ecuador reizte mich aufgrund seiner unglaublichen Vielfalt besonders. Man sagt nicht umsonst, Ecuador beinhalte einen ganzen Kontinent in nur einem Land. Ich wollte mehr über dieses Land erfahren und seine Bewohner kennenlernen.

Vorbereitung

Tipps zu Bewerbung und Fahrtkostenzuschuss stehen einfach auf der Website erklärt. Ich kaufte mir einen Reiseführer, sprach mit Freunden, die auch schon in Ecuador gewesen waren und skypte mit meiner Gastgeberin (eine Medizinstudentin aus Cuenca), wodurch ich mich schon ein ganzes Stück sicherer fühlte. Außerdem polierte ich meine Spanischkenntnisse ein wenig auf, denn das braucht man schon, um dort im Krankenhaus zurecht zu kommen.

Visum

Als EU Bürger kann man sich 90 Tage ohne Visum in Ecuador aufhalten.

Gesundheit

Ich ging vor Reiseantritt zu einer Reiseimpfberatung und ließ mich gegen Gelbfieber, Meningokokken, Tollwut und Typhus impfen. Meine Krankenkasse zahlt Reiseimpfungen, daher dachte ich mir „better safe than sorry“. In Cuenca selbst gibt es keine Mücken, da es auf 2500 Metern liegt, aber in Küstenregionen und im Regenwald gibt es eben doch Gelbfiebergebiete.
Einige Reisende haben Probleme mit der Höhe, ich merkte davon zum Glück nichts. Ich landete in Guayaquil am Meer und fuhr dann in 4 Stunden mit dem Bus hoch in die Anden nach Cuenca. Ich würde daher anderen empfehlen, dass sie einige Tage vor Praktikumsbeginn anreisen, um sich potenziell noch an die Höhe gewöhnen zu können. „Sorroche“ (Höhenkrankheit) ist nämlich gar nicht lustig, wenn man sie dann doch bekommt.
Meine Gastgeberin erklärte mir, dass das Leitungswasser in Cuenca sehr gut ist. Ich habe es die gesamte Zeit getrunken und hatte auch gar keine Probleme.
Gemüse und Obst muss man gut waschen, da dort zum Teil Erreger und Parasiten sitzen können.

Sicherheit

Vor meiner Reise hatte ich doch einige Bedenken bezüglich der Sicherheit. Die Seite des Auswertigen Amts liest sich auch nicht gerade gut, aber ich muss sagen, dass ich zu keinem Zeitpunkt in Ecuador ein schlechtes Gefühl hatte. Ich wurde allerdings auch viel von meiner Gastfamilie gefahren und nahm ansonsten Taxis. (Ich wohnte recht weit außerhalb.) Bus bin ich dort nicht gefahren, ( mir wurde erzählt, in Bussen kommt es häufiger mal zu Diebstählen) aber im Stadtzentrum bin ich viel zu Fuss unterwegs gewesen und habe mich immer sicher gefühlt. Nachts sollte man auch dort aber besser ein Taxi nehmen. In größeren Städten wie Quito und Guayaquil muss man mehr aufpassen. Dort habe ich mich auch nicht ganz so sicher gefühlt, passiert ist aber ebenfalls nichts.

Geld

Die offizielle Währung in Ecuador ist der Dollar. Durch den Dollar ist Ecuador auch teurer als andere lateinamerikanische Länder. Viele Touristenattraktionen haben „europäische“ Preise und besonders Kosmetikartikel und Pflegeprodukte sind teuer. Auf dem Markt gibt es aber viel Obst und Gemüse zu sehr günstigen Preisen. Auch in der Mensa bekommt man ein gutes Mittagessen schon für 2,5$. Man sollte immer Bargeld dabei haben, da es oft schwierig ist mit Kreditkarte zu zahlen. Mit meiner DKB Karte hatte ich aber nie Probleme.

Sprache

In Ecuador wird sehr klares Spanisch gesprochen. Ich konnte die Leute gut verstehen, auch wenn es einige Besonderheiten zu beachten gibt. „Vosotros“ gibt es nicht, das heißt Gruppen werden immer gesiezt. Außerdem gibt es speziell lateinamerikanische Wörter und darüber hinaus viele Kichwa Wörter, die ins Spanische integriert werden. Daran gewöhnt man sich aber schnell und es macht Spaß so mehr über die andine Kultur zu lernen. Englisch ist nicht so weit verbreitet, Spanischgrundkenntnisse sind also wirklich von Vorteil!

Verkehrsbindungen

Ich bin über Madrid nach Guayaquil geflogen und habe dann einmal den richtigen Bus (hatte sogar WLAN an Bord) und einmal den Sprinter (buseta) nach Cuenca genommen. Beide Optionen waren gut und man kann die tolle Landschaft des Cajas Nationalparks aus dem Fenster beobachten.
In Cuenca hilft die „EasyTaxi“ App gut weiter, ich habe tatsächlich aber auch mal Taxis von der Straße (mit offizieller Taxinummer) genommen und hatte keine Probleme. Das Taximeter wird eigentlich immer direkt angeschaltet. Wenn nicht, sollte man einfach mal nachfragen.
Nach Quito bin ich mit LATAM geflogen, eine nervenschonende Variante, denn der Bus fährt wirklich lange.

Kommunikation

Ich habe mir in Cuenca bei CNT eine Simkarte besorgt. Da gibt es günstige Angebote mit unbegrenzt whatsapp, sodass man auch erreichbar ist wenn das Datenvolumen aufgebraucht ist. Hatte damit auch immer super Empfang.

Unterkunft

Ich hatte sehr viel Glück und wurde in einer tollen Gastfamilie untergebracht. Es war eine Medizinstudentin (die selbst mit AEMPPI in Tschechien war) und ihre Familie (Eltern plus zwei jüngere Schwestern). Sie waren super herzlich, haben immer für mich mitgekocht, ich durfte mich am Kühlschrank bedienen wie ich wollte und habe mich sehr wohl gefühlt. Mit meiner „Gaststudentin“ bin ich auch privat viel unterwegs gewesen (was gut war, da ich keine anderen Austauschstudenten kennengelernt habe – es gab im März einfach keine) und mit ihrer Familie war ich bei der gesamten erweiterten Familie Karneval feiern. Auch unabhängig vom Karneval sind die Ecuadorianer sehr familienbezogen und ich war bei allen Onkels und Tanten zum Abendessen etc. eingeladen. Das waren tolle Einblicke in die ecuadorianische Kultur. Eine solche Herzlichkeit und Gastfreundschaft habe ich vorher noch nie erlebt. Das Haus, in dem die Familie lebt ist sehr groß und schön gewesen. Vom Standard her war die Einrichtung absolut mit Deutschland vergleichbar. Aufgrund des Klimas in Ecuadors gibt es keine Heizungen, es war aber trotzdem nie wirklich zu kalt. Diese Familie war für ecuadorianische Verhältnisse sehr wohlhabend, insgesamt sind aber die allermeisten Medizinstudenten aus sozial und finanziell besser gestellten Familien. Die Schere zwischen arm und reich hat in Ecuador nochmal ganz andere Dimensionen.

Literatur

Ich habe den Rough Guide Ecuador gekauft und dort vorallem den Einleitungsteil gelesen, wo viel zu Dingen wie Adapter, Kreditkarten und Dos and Don'ts standen. Auch die Seite des Auswärtigen Amts und die bvmd Erfahrungsberichte fand ich hilfreich.

Mitzunehmen

Auf jeden Fall sollte man eine gute Mischung an Kleidung mitnehmen. In Cuenca gibt es Tageszeitenklima. Morgens ist es frisch, mittags kann es zwischen 20-25 Grad werden und abends kühlt es dann wieder ab. Außerdem regnet es fast jeden Tag mal eine Stunde oder zwei. Das Klima ist insgesamt aber wirklich sehr, sehr angenehm (wie Frühling das ganze Jahr lang) und lockt daher viele amerikanische Rentner an. Ein Stadtteil Cuencas wird daher auch „Gringolandia“ genannt.
Im Nationalpark Cajas braucht man auf jeden Fall eine gute Jacke mit Fleece und vielleicht sogar eine Mütze. Kurze Hosen werden in Cuenca nicht wirklich getragen.
Denkt außerdem an einen Adapter und es lohnt sich Shampoo und andere Pflegeprodukte aus Deutschland mitzubringen. Sie sind wirklich sehr teuer in Ecuador. Wichtig ist auch eine gute Sonnencreme, da die Äquatorsonne sehr intensiv ist und man auch bei Wolken sonst schnell mal einen Sonnenbrand bekommt.
Im Krankenhaus musste ich einen eigenen Kittel mit Wappen der Uni und meinem Namen drauf anfertigen lassen. Mein deutscher Kittel wurde nicht akzeptiert. OP Kleidung, ein Stethoskop, Handschuhe und Desinfektionsmittel lohnen sich schon, da man immer explizit nach Handschuhen fragen muss und das Desinfektionsmittel nicht so gut ist.

Reise und Ankunft

Ich flog über Madrid nach Guayaquil und nahm dann den Bus nach Cuenca. Das klappte alles gut und ich wurde von meiner Gaststudentin in Cuenca am Busbahnhof abgeholt.
Weil meine LEO in Cuenca nicht so richtig hinterher war begleitete mich auch meine Gaststudentin am ersten Tag ins Krankenhaus. Dort wurde ich dann erst im Internationalen Büro vorgestellt und dann dem für mich zuständigen Arzt Dr. Delgado. Dieser stellte mich dann der Stationsärztin der allgemeinen internistischen Station vor.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Jeden Tag sollte ich um sieben Uhr kommen und ging dann mit auf Visite. Dort hörte ich vorallem zu und dachte mit. Interessant war auch, dass häufig die Ärzte anderer Fachrichtungen und auch innerer Fächer wie Kardio und Rheuma dazu kamen. Es gab einige interessante Fälle und es war spannend zu sehen, wie das medizinische System in Ecuador funktioniert. Ich war im „Hospital Vicente Corral“, einem Krankenhaus für Patienten ohne Versicherung. Für sie ist alles trotzdem kostenlos und auch Chemotherapien (die in einem speziellen onkologischen Zentrum außerhalb des Krankenhauses durchgeführt werden) sind für diese Patienten zugänglich. Im Krankenhaus wird nur wenig appariative Diagnostik angeboten, aber die Patienten bekommen die Untersuchung (Endoskopien etc.) in einem privaten Krankenhaus, sowie auch den Transport dorthin bezahlt. Diese den Umständen entsprechend gute Versorgung wurde von der eher links ausgerichteten vergangenen Regierung eingeführt. Auffällig war das Fehlen von oder die Sparsamkeit mit Material umzugehen. Alles (auch Blutabnehmutensilien etc.) ist in einem zentralen Lager und man muss extra eine Anforderung schreiben und es dann abholen gehen. Trotz all dieser Probleme hatte ich aber wirklich das Gefühl, dass die Menschen gut (auf jeden Fall besser als ich es mir vorgestellt hatte) medizinisch versorgt werden. Dazu sagen muss man aber, dass die besser gestellte Bevölkerung Ecuadors recht offen sagt, dass sie immer in private Krankenhäuser gehen würden und sich niemals in ein solches Krankenhaus begeben würden. Im Krankenhaus sah man vielen Menschen auch wirklich ihre Armut an. Man sah auch viele Frauen vom Land („Cholas cuencanas“), die ihre „pollera“ (einen sehr schönen traditionellen Rock) trugen und dazu Zöpfe, Spitzenbluse und Hut. Ich war überrascht, dass diese traditionelle Tracht doch noch so viel getragen wird!
Auf Station waren nach der Visite nur noch Pjler, die Oberärzte und sogar die Assistenzärzte verschwanden irgendwohin. Die Pjler sind auch Studenten im sechsten Jahr und jedem werden zwei Patienten zugeteilt, für die sie zuständig sind. Das bedeutet, dass die Studenten im Prinzip die gesamte Arbeit dort machen und dort auch wirklich extrem lange Schichten schieben. Auf meiner Station waren meistens so 10-15 Pjler. Dadurch, dass nach der Visite nur noch Studenten da waren konnte ich recht wenig praktisch machen, da immer wenn etwas anfiel, das nicht Schreibkram war, die PJler selber sich freuten mal eine Blutabnahme o.Ä. machen zu können. Es gab aber auch einige Zuvorkommende, die auch mir Aufgaben zuteilten. Ich verbrachte nach Ende meines Dienstes häufiger auch noch etwas Zeit in der internistischen Notaufnahme, wo etwas mehr los war und man noch einige Eindrücke sammeln konnte. Zum Teil herrschte dort wirklich Chaos (anders als ich es aus Deutschland kenne), aber irgendwie schien trotzdem meistens alles zu Laufen.
Was auch auffällt, ist dass in Ecuador der Arzt-Patientenkontakt sehr paternalistisch ist. Es wird sehr viel direkt vor dem Patienten über den Patienten gesprochen (zum Teil auch über die Morbidität) und man merkt, dass die meisten Patienten von ihrer Erkrankung nur sehr wenig wissen und bei ihrer Behandlung gar nicht mitreden dürfen. Das kann natürlich mit dem Bildungsstand der Menschen zusammenhängen, aber etwas mehr könnte man schon erklären.
Wenn ich mich kritisch äußern müsste wäre es, dass ich mich von den für mich zuständigen Ärzten relativ allein gelassen fühlte. Es war zum Teil wirklich anstrengend, sich immer selbst Arbeit beschaffen zu müssen und jeden Tag neuen Leuten wieder erklären zu müssen wer man ist und was man möchte. Trotzdem war es eine sehr interessante Erfahrung und ich habe sehr viel über das ecuadorianische Gesundheitssystem gelernt. Auf der einen Seite lässt es mich das Deutsche sehr schätzen, aber auf der anderen Seite war es schön zu sehen, dass man Menschen auch mit wenig Ressourcen und wenig apparativer Diagnostik weiterhelfen kann.

Land und Leute

Ecuador ist ein tolles Land! Die Menschen sind unglaublich gastfreundlich und hilfsbereit. Mit meiner Gastfamilie hatte ich sehr, sehr viel Glück und über sie habe ich wirklich viel ecuadorianische Kultur erleben können. Karneval auf einer Hütte mitten in den Anden, mit riesigem Spanschwein statt Spanferkel, „Cuy“ (Meerschweinchen – auf jeden Fall leckerer als gedacht), „Mote“ (einer Art Riesenmais) und dazu das „Wasserspiel“, eine Tradition wo sich alle von jung bis alt mit Wasser, Schaum und Mehl bewerfen. Das ist auch nicht nur so ein Bisschen, sondern das sind große Eimer voll die komplett über einer Person ausgekippt werden. Es war wirklich faszinierend und hat Spaß gemacht, auch wenn man dananach am ganzen Körper vor Kälte zitterte! Die Menschen schreien dabei nicht umsonst "Ecuador salvaje"! Das Essen in Ecuador ist sehr gut. Es gibt viele Fleischgerichte (für Vegetarier wahrscheinlich etwas schwierig) aber auch eine große Vielfalt an Obst und Gemüse. Es wird auch sehr viel Kartoffel gegessen, kein Wunder bei den vielen verschiedenen Sorten. Mein Highlight war die lila Süßkartoffel "camote morado". Außerdem wird viel Reis und eine große Zahl verschiedener Maissorten gegessen. Auch Süßspeisen auf Milchbasis sind besonders in der Andenregion beliebt. "Dulce de leche" mit Brot um nur eins zu nennen.

Ich bin der Familie sehr dankbar und obwohl ich in Cuenca sonst keinen anderen Incoming kennenlernte und es aufgrund der Jahreszeit (März) auch kein Social Program gab, fühlte ich mich nie einsam. Sicher wäre es schön gewesen Ausflüge mit einer Gruppe zu machen, aber da das keine Option war fuhr ich nach Ingapirca (einer Inka Ruine in der Nähe Cuencas) mit meiner Gaststudentin und ging auch einige Male abends mit ihr und ihren Freunden weg. Ich lerne noch ein paar Engländerinnen kennen, die auch Praktikum in Cuenca machten und traf mich in der einen überschneidenden Woche mit ihnen. Ansonsten buchte ich geführte Touren über verschiedene Anbieter. So fuhr ich mit Touristengruppen in den Cajas Nationalpark, zum „Nariz del diablo“ (einer atemberaubenden Zugstrecke) und flog ein langes Wochenende alleine nach Quito in ein Hostel. Von dort aus besuchte ich (immer mit Gruppen) den Quilotoa Lake, den Cotapaxi Vulkan, den Mindo Wolkenwald (subtropisch mit tollen Schmetterlingen und Kolibris), den Otavalo Markt (atemberaubend und viele wunderschöne Souvenirs) und natürlich Quito selbst mit der Mitad del Mundo (Äquatorlinie). Erst hatte ich Bedenken so alleine in Ecuador zu Reisen, aber mit den nötigen Sicherheitsmaßnahmen (Taxifahrten statt Laufen und im Dunkeln nicht alleine raus) fühlte ich mich wohl und konnte die unglaubliche Vielfalt Ecuadors genießen!

Fazit

Ecuador ist wirklich ein fantastisches Land und der Aufenthalt dort hat mir unglaublich viel gebracht – medizinisch und auch persönlich. Ich hoffe eines Tages meine Gastfamilie dort nochmal besuchen zu können und ich möchte unbedingt noch mehr vom Land sehen. In meiner leider begrenzten Zeit dort hatte ich keine Gelegenheit mehr die Küste, die Galapagos Inseln und den Regenwald zu besuchen. Ich kann eine Auslandsfamulatur nur empfehlen und wünsche euch ganz viel Spaß und Erfolg dabei!

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