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Brazil (DENEM)

Neurologie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Bilge, Frankfurt

Motivation

Für mich war ziemlich schnell klar, dass ich meine letzte klinische Famulatur im Ausland machen möchte. Nicht nur lernt man ein neues System kennen, sondern auch eine neue Kultur, Sprache und auch jede Menge netter Menschen. Da ich noch nie in Südamerika war und mir ein Bild machen wollte, ob es dort wirklich so schlimm und gefährlich ist, hatte ich mich ziemlich schnell auf diesen Kontinent festgelegt. Da ich Brasilien schon immer am reizvollsten fand und ich auch kein Spanisch spreche, was für viele der spanischsprachigen Länder ein Muss war, fiel die Wahl ziemlich schnell.

Vorbereitung

Ich habe mich davor über die Facebookgruppe nach Leuten aus Deutschland erkundigt, die in der Zeit auch nach Brasilien gehen. Ich hatte Glück, denn eine Studentin aus Düsseldorf wurde sogar zu genau demselben Zeitraum in der gleichen Stadt auch zum Praktikum angenommen. So haben wir unsere Reise neben eigenen Recherchen zum Großteil gemeinsam am Telefon geplant.

Visum

Für Brasilien, Argentinien und Paraguay (die beiden Länder, in die man während des Besichtigen der Iguazu Wasserfälle einreist) braucht man als EU-Bürger kein Visum.

Gesundheit

Schon bei der Bewerbung wurde ein TBC-Test gefordert, den man ganz einfach ohne Termin einmal die Woche im Gesundheitsamt machen konnte. Der kostete so um die 15-20€. Zusätzlich habe ich mich gegen Gelbfieber impfen lassen. Eine Auslandskrankenversicherung besaß ich davor schon, aber ich rief nochmal an und kläre ab, ob diese auch wirklich dann für 7 Wochen gilt. Versichert bin ich bei der Hanse Merkur und sehr zufrieden, falls jemand eine günstige und gute Versicherung braucht.

Sicherheit

Wie bestimmt jeder von euch schon gehört hat, gilt Brasilien als eines der gefährlichsten Länder der Welt. Zum Teil stimmt das auch, aber mit gesundem Menschenverstand war das überhaupt kein Problem und ich habe mich in kaum einer Situation wirklich unsicher gefühlt, da sich das leicht vermeiden lässt.
Meistens war ich mit anderen unterwegs, aber zum Karneval war ich auch komplett alleine in Rio und hatte keine Probleme.
Dazu muss ich erwähnen, dass mir auf dem Karnevalsumzug in Olinda mein Handy geklaut wurde und das echt ärgerlich war, aber ich hätte es lieber daheim lassen oder in den Bauchbeutel tun sollen… Und ich sage trotzdem, dass Brasilien nicht mega gefährlich und eine Reise wert ist also vertraut mir. :D
Wenn man folgende Regeln befolgt sollte man keine Probleme haben:
-) Immer nur in offizielle Taxis oder Ubers steigen.
-) auch wenn es nur ein ganz kurzer Weg ist, abends lieber ein Uber rufen. Ist sicher und kostet für unsere Verhältnisse nicht viel.
-) Handy und Geld sicher verwahren, am besten wenn man feiern geht in einer Bauchtasche. Klingt dumm, machen die Brasilianer aber auch so.
Ich muss zudem sagen, dass Florianopolis eine der sichersten Städte ist.

Geld

In Brasilien wird mit Real gezahlt: 1€=~4Reais. Manche Sachen waren echt günstiger, wie zum Beispiel Sushi oder Getränke, dafür andere wie Kleidung teurer, bzw. in europäischer Preisklasse. Geld sollte man vor Ort einfach abheben, das ist das einfachste. Gebührenfrei ging das bei Automaten der Bradesco oder der Banco do Brasil. Sogar mit EC-Karte konnte ich überall problemlos zahlen.

Sprache

In Brasilien sprechen die Menschen Portugiesisch und zwar fast ausschließlich. Es ist essentiell sich die Grundzüge anzueignen, denn sogar am Flughafen musste ich ewig suchen, um jemanden zu finden, der Englisch sprach, um mein Problem zu erklären. (Dazu unten mehr).
Unter Studierenden konnten dann doch die meisten Englisch und das relativ gut, daher war es vom sozialen Aspekt her hier kein Problem.
Ältere Menschen sprechen aber nur Portugiesisch, also auch alle außer 1-2 Ärzte bei mir auf Station, konnten kein Englisch. Das war vor allem anfangs als ich noch am Reisen war etwas schwer, da ich nur einen Monat zuvor angefangen hatte auf eigene Faust Portugiesisch zu lernen. Da ich Französisch kann, kam ich nach den ersten zwei Wochen gut in das Sprechen rein und konnte gegen Ende meines Aufenthaltes mich normal mit Uberfahrern unterhalten. Klar war es teil fehlerhaft und keine tiefgründige Konversation, aber die Brasilianer freuen sich immer und helfen gerne weiter.

Verkehrsbindungen

Am kürzesten ist das Fliegen, was preiswert aber auch nicht mega billig ist, also keine Ryanair-Preise erwarten.

Kommunikation

Ich habe mir vor Ort eine SIM Karte geholt, die man auch überall einfach bekommt. Das einzige Problem: zur Aktivierung wird eine CPF benötigt, das ist quasi eine Steuernummer, die jede/r Brasilianer*in besitzt und ihr habt zwei Möglichkeiten:
1) Ihr hofft, dass euch jemand nettes die Karte mit seiner CPF aktviert
2) Ihr holt euch vor Abreise eure eigene CPF im Konsulat.
Ich hatte keine dabei und habe erst während meiner Reise erfahren, dass ich diese auch hätte beantragen können und werde dies bei meiner nächsten Reise auch definitiv tun, da es einiges erleichtert. Auch braucht man dann beispielsweise nicht immer die Passnummer anzugeben beim Kauf von Bustickets etc, da sich das an den elektronischen Terminals meist etwas kompliziert gestalten kann.

Unterkunft

Ich hatte richtig Glück mit meiner Unterkunft. Ich schlief bei einem Studenten in der Wohnung, der noch mit seinen Eltern wohnt. Sie waren super nett zu mir, es gab jeden Tag Frühstück und Snacks mit auf den Weg, abends wenn ich daheim war meist sogar essen. Also verhungert ist man nicht. Sie haben mir auch Handtücher und ein eigenes Zimmer mit Klimaanlage bereitgestellt. Auch hat die Mutter darauf bestanden meine Wäsche zu waschen, obwohl ich angeboten habe dies selbst zu tun. Ich habe mich gefühlt wie in einem Hotel :D
Die Familie war super lieb und ich habe mich sehr gut mit den Studenten verstanden. Wir sind immer noch in Kontakt und werden uns bei meinem nächsten Besuch bestimmt sehen.

Literatur

Ich habe mich größtenteils an dem Reiseführer von Stefan Loose orientiert und einige aktuelle Sachen, z.B wann wie wo was für eine Karnevalsveranstaltung ist habe ich online nachgelesen oder Brasilianer vor Ort gefragt- die wissen es meist am besten.

Mitzunehmen

Für das Praktikum habe ich das Logbuch, meinen Kittel und mein Stethoskop mitgenommen, wobei letzteres nie gebraucht wurde.

Sonst würde ich als essentiell erachten Folgendes mitzunehmen:
Kopie von Pass- manchmal braucht man einen Ausweis, schleppt diesen aber im Alltag nicht mit.
Reiseführer.
Einen von außen nicht sichtbaren Bauchbeutel.

Da ich generell ziemlich minimalistisch bin, denke ich nicht, dass man viel mehr braucht. Die meisten meiner Kosmetikartikel habe ich vor Ort gekauft, um beim Reisen davor auf Balast zu verzichten.

Reise und Ankunft

Die Ankunft in Brasilien verlief ganz ohne Probleme. Ich kam Mitte Februar an und hatte meine Route so gelegt: Sao Paulo-Fortaleza-Recife-Salvador-Rio-Florianopolis.
Probleme gab es eigentlich keine, bis auf mein kleines oben erwähntes Erlebnis auf dem weg nach Florianopolis. Hier muss ich erwähnen, dass mein Padrinho (ein sogenannter Austauschpartner, der einem zugeteilt wird und regelmäßig was mit einem machen soll) Stunden am Flughafen auf mich gewartet hat. Das hätte bestimmt nicht jeder getan, denn ich kam mit 6 Stunden Verspätung an.
Auch am ersten Tag im Krankenhaus wurde ich sowohl zur Uni als auch auf Station begleitet, man hat mir wirklich nie das Gefühl gegeben ratlos und verloren zu sein.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich war in der Neurologie eingeteilt und muss sagen es war eher bescheiden. Das lag nicht an der Organisation oder dem Austausch an sich, auch die brasilianischen Studierenden, die mit mir da waren hatten alle Langeweile also ich empfehle es nicht. Der Tag bestand aus Mitlaufen hinter den Ärzt*innen und Frontalunterricht, der dazu führte, dass nicht nur ich sondern auch ausnahmslos alle Studierenden damit kämpften, um nicht auf ihren Pulten einzuschlafen. Das war für mich ziemlich lustig anzusehen. Vor allem als dann einer erwischt wurde. :D
Morgens gab es immer eine Visite, außer Donnerstags, da wurden Fälle besprochen. Nachmittags stand immer Ambulanzdienst an mit wechselnden Scherpunkten, ein Tag MS, ein anderer Tag Migräne usw. Der Chefarzt war ziemlich motiviert und immer, wenn er da war hat er mir etwas erklärt oder ist mit mir separat in einem Raum gegangen um Untersuchungstechniken und ähnliches zu besprechen. Leider war er in den Wochen nicht so häufig da, sodass ich meist mit den Assistenzärzten mitgelaufen mit, die es aber kaum interessiert habe ob ich da war oder nicht.

Die Art die Patienten zu behandeln war viel familiärer, so wurde viel Umarmt und sich berührt. Auch wurde die Pflege der Patienten fast komplett von Familienangehörigen übernommen. Es war praktisch immer ein Angehöriger da, auch nachts, sodass neben jedem Bett entweder noch ein kleines Klappbett oder ein Stuhl bereitgestellt wurden.

Traurig war zu sehen, dass einige Patienten teils Wochen daliegen und auf eine Magensonde oder ein Röntgen warten, weil einfach kein Arzt Zeit hatte. Beipielsweise hat man auf einen freien Anästhesisten seit Tagen gewartet, der eine Magensonde legen sollte. Hierzulande könnte das jeder Internist auf Station übernehmen.

Ob es Spaß gemacht hat hing auch sehr von den anderen Studierenden ab, die alle 2 Wochen rotieren. So fand ich die ersten zwei Wochen sehr qualvoll, da die Studierenden nicht sonderlich nett waren, die letzten beiden Wochen aber hingegen viel besser.
Ich bin letztendlich nachmittags dann kaum hingegangen, was keinen gestört hat oder auch nur aufgefallen ist und habe die Umgebung erkundet oder etwas mit meinen neugewonnenen Freunden unternommen. Ich kann dennoch nur empfehlen lieber ein anderes Fach zu nehmen, da es hier wirklich sehr von der Anwesenheit des Chefs oder der Gruppe an Studierenden abhängt ob man etwas lernt. Gewählt hatte ich dieses Fach nicht, weil ich mich sonderlich für Neurologie interessiere, sondern eher von vorherigen Berichten fehlgeleitet wurde.

Land und Leute

Brasilien mag zwar etwas gefährlicher als Europa sein, aber dennoch ist es ein wunderschönes Land! Die Leute sind super gastfreundlich und freuen sich immer, wenn man sich mit ihnen unterhält. Die Natur ist atemberaubend schön und sehr Vielfältig bedingt durch die Größe des Landes, was sich auch in den großen Kulturunterschieden widerspiegelt.
Da meine Familie aus der Türkei kommt war das für mich zwar nichts neues, aber wer es nicht gewohnt ist sollte sich darauf einstellen, dass es zur Begrüßung ein Küsschen auf die Wange und eine kleine Umarmung gibt.

Wir haben in unserer Freizeit sehr viel unternommen, aber trotzdem gibt es noch vieles, was ich gerne sehen und machen würde, da 4 Wochen in Florianopolis, dann doch zu wenig Zeit waren.
Da Floripa nicht weit von den Iguazu-Fällen entfernt ist (12 Stunden Busfahrt), sind wir da jeweils mit dem Nachtbus hin und am selben Abend wieder zurückgefahren. Mein Host ist sogar mitgekommen, das hat uns natürlich organisatorisch einiges erleichtert, da wir die Sprachbarriere nicht mehr hatten.

Das Essen in Brasilien ist anders, also sehr fleischhaltig, supersüß und von Region zu Region unterschiedlich. Mir persönlich hat es sehr gut geschmeckt. Vor allem das Acaí, das man dort im Gegensatz zu hier sehr preiswert verzehren kann. Diese Meinung teilten aber nicht alle Exchange Students mit mir.

Alles in allem hatte ich dort sehr viel Spaß und bin keinen Abend daheim gesessen oder hatte Langeweile. Mit mir waren noch eine Deutsche eine Brasilianerin aus Sao Paulo, ein Inder, ein Tunesier und ein Italiener da, sodass wir immer eine Gruppe hatten, mit der wir was unternehmen konnten. Auch habe ich mich sehr gut mit einigen Brasilianer*innen vor Ort verstanden und wurde zu ihnen nach Hause und auf Aktivitäten eingeladen. Sie waren alle sehr nett und aufgeschlossen, man hat sich direkt willkommen gefühlt.
Auch mein Padrinho ging seiner "Pflicht" etwas mit mir zu Unternehmen gerne nach da wir uns schon nach einer Woche so gut angefreundet hatten, dass wir uns fast jeden Tag gesehen haben. Wir waren auch auf einem brasilianischen Fußballspiel und die Atmosphäre ist nicht mit der in Europa zu vergleichen. Ich würde jedem raten auch ein Match zu besuchen.
Zusätzlich war ich genau zur Karnevalszeit da und nahm die Festivitäten in vielen Städten mit: Recife, Olinda, Rio, Salvador und Florianopolis. Es war sehr schön und hat viel Spaß gemacht mit den Brasilianer*innen zu feiern und neue Leute kennenzulernen. Meine Reise zum Karneval 2020 nach Brasilien ist schon geplant und abgesprochen ;)

Fazit

Alles in Allem war es eine super Zeit, die ich nicht missen möchte. Ich würde es ausnahmslos jedem empfehlen nach Brasilin zu gehen und Florianopolis als Stadt zu wählen, da sie dort auch national gesehen das beste Program anbieten. Jedoch würde ich mich nicht nochmal für die Neurologie, sondern für die Chirurgie bewerben.
Ich habe einige sehr gute Freundschaften aufgebaut und freue mich darauf meine Freunde alle wieder nächstes Jahr zu sehen :)

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