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Estonia (EstMSA)

Augenheilkunde - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Bianca, Frankfurt

Motivation

Medizinische Erfahrungen im Ausland zu sammeln, erschien mir sehr wichtig, um eine für mich passende Facharztausbildung zu wählen und das deutsche System besser beurteilen zu können. Auch sah ich eine gute Chance, durch das Kennenlernen fremder Gesundheitssysteme und Kulturen etwas für mich selbst mitnehmen zu können!
Ursprünglich wollte ich nach Skandinavien, da ich oft gelesen habe, dass Ärzte dort weniger gestresst sind und es mehr Freiräume gibt. Da ich leider nicht meine gewünschten Länder bekommen habe, habe ich mich auf einen Restplatz in Estland beworben, da ein Ausflug nach Finnland geplant war und Estland als das am meisten digitalisierte Land in Europa gilt. Ich kann sagen, das war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte!

Vorbereitung

Ich musste einigen Papierkram im Voraus erledigen. Für die Bewerbung bei der bvmd musste ich an Sprachzertifikat in Englisch einreichen. Dafür habe ich das Institut für Sprachwissenschaften an der Uni kontaktiert, wo ich einen Termin zum Test bekommen habe. Das Ganze lief ziemlich unkompliziert. Außerdem muss man einen Letter of Motivation für die Wunsch-Departments im Ausland schreiben.
Ist man über die bvmd für das Land angenommen, muss man sich noch offiziell über die IFMSA-Plattform bewerben. Dafür muss man u.a. ein Röntgen-Thorax zum Tbc-Ausschluss hochladen und einen MRSA-Test (diesen aber erst 1 Monat vor dem Austausch).
Ich habe keine Vorbereitungskurse besucht. Einen Reiseführer habe ich mit zwar zugelegt (Lonely Planet: Baltic), aber vor Ort haben uns die estnischen Studenten so gut betreut und herumgeführt, dass ich diesen gar nicht benutzt habe. Man findet auch alles vor Ort selbst raus ;)

Visum

Da Estland ein Mitgliedsstaat der EU ist, braucht man kein Visum. Einzig, wenn ein Ausflug nach Russland geplant ist, muss man hierfür ein Visum beantragen. Habe ich aber nicht gemacht.
Die Ausflüge nach Finnland und Lettland sind mit dem Personalausweis möglich. Kontrolliert hat das aber niemand.

Gesundheit

Ich habe mich gegen FSME impfen lassen, da mein Impfschutz abgelaufen war und Estland als Risikogebiet zählt. Wir haben auch Ausflüge und kleinere Wanderungen gemacht, daher ist das durchaus sinnvoll. Eine Zecke habe ich aber weit und breit nicht gesehen, dafür gab es eher Mücken. Ein Mückenspray kann man vor Ort kaufen.

Sicherheit

Ich hatte eine Auslandskrankenversicherung über den ADAC.
Estland ist ein sehr sicheres Land. Ich habe mich durchweg sicher gefühlt, sogar sicherer als in Frankfurt.
Man konnte sich frei bewegen, auch nachts.

Geld

In Estland zahlt man mit den Euro.
Ich habe immer mit einer Kreditkarte bezahlt, die gab es kostenlos von der Apobank. Man kann praktisch überall mit Karte in Estland zahlen, auch Kaffee für 1,50€ beim Kiosk. Teilweise wird man sogar schräg angeschaut, wenn man sein Bargeld rausholt :D
Wir haben an einem Wochenende in Tallinn ein Musikfestival besucht, die Stände dort waren der einzige Ort, an dem es nicht möglich war, mit Karte zu zahlen. Für die Reise nach Helsinki und Riga braucht man auch keine andere Währung, Finnland und Lettland gehören zur Eurozone.
Abheben konnte ich mit der Kreditkarte der Apobank überall kostenlos.
Die Kosten in Estland sind mit denen in Deutschland zu vergleichen. Finnland war extrem teuer. Teilweise hat man das doppelte bis dreifache bezahlt! In Lettland war es wieder eine Spur günstiger als in Estland. Dort auf dem Markt sollte man auch Bargeld dabeihaben.
Insgesamt habe ich in der Zeit in Estland für Essen/ Shoppen/ Ausgehen etc. ca. 500€ ausgegeben.

Sprache

Die Sprache in Estland ist Estnisch, viele ältere Leute sprechen aber nur Russisch. Viele Ärzte im Krankenhaus können beide Sprachen, da Russisch in der Schule gelehrt wird und man bevorzugt einen Job bekommt, wenn man etwas Russisch kann.
Ich habe mich ausschließlich auf Englisch verständigt. Teilweise gab es Sprachprobleme, weil einige kein Englisch konnten, aber man wurde dann zu jemanden weitergeleitet, der Englisch kann. Die Studenten und Ärzte können aber alle bis auf wenige Ausnahmen Englisch.
Estnisch ist so schwer, sodass ich nicht den Versuch unternommen habe, im Voraus etwas zu lernen – wenn man aber einen Esten mit Tere (Hallo) begrüßt und Aitäh (Danke) sagt, freuen sie sich!

Verkehrsbindungen

Ich bin von Frankfurt mit dem Flugzeug nach Tallinn (Hauptstadt Estlands) geflogen. Ich hatte einen Zwischenstopp in Warschau, da es günstiger war, es gibt aber auch Direktflüge. Von Tallinn aus bin ich dann mit dem Bus 2,5h nach Tartu gefahren. Das war sehr günstig und es gibt einen Junge-Leute-Tarif, sodass es nur ca. 8€ gekostet hat! Alles in allem lief alles problemlos.
In Tartu kann man die Busse verwenden. Eine Monatskarte kostet nicht viel (20€) und die Busse sind sehr zuverlässig (kommen fast immer sogar einige Minuten zu früh) und top ausgestattet. Auch fahren sie alle paar Minuten. In Tallinn kann man die genauso zuverlässigen Straßenbahnen nehmen, muss dann aber nochmal was bezahlen (3€ für eine Tageskarte).
Es gibt ein digitales Entwertungssystem im Bus, an das man seine Karte beim Einsteigen kurz ranhält und automatisch die Fahrt bezahlt wird.

Kommunikation

Da Estland ein EU-Land ist, habe ich über Roaming meinen normalen Handyvertrag mit mobilem Internet nutzen können. Alternativ kann man aber auch im Kiosk/ Einkaufszentrum Prepaidkarten kaufen, diese gibt es schon für wenige Euro.

Unterkunft

Untergekommen sind wir in einem Studentenwohnheim. Ich habe mir das Zimmer mit einer anderen Exchange-Studentin aus Griechenland geteilt. Wir alle hatten 2er Zimmer und waren jeweils zu 6. in einem kleinen Apartment mit Küche, Dusche und separatem WC.
Das Wohnheim war schon etwas älter und daher nichts Besonderes. 1x die Woche wurden die Gemeinschaftsräume durchgewischt, besonders sauber war es danach aber nicht. Die Küche hatte leider keinen Ofen und auch keine Mikrowelle, kochen konnte man aber auf einem kleinen Herd. Basic Kochutensilien waren auch vorhanden.
Am Anfang war ich nicht so begeistert von der Unterkunft, aber nach einigen Tagen habe ich mich wohlgefühlt. Man kam super in Kontakt mit den anderen Studenten und hatte immer jemanden zum Reden und Kochen da  Auch braucht man zu Fuß nur wenige Minuten in die Stadt und zum Krankenhaus max. 20min mit dem Bus.
Im Wohnheim konnte man seine Wäsche waschen (2€) und Trockner gab es auch (die fand ich mega praktisch!).

Literatur

Ich habe mir lediglich die Erfahrungsberichte auf der bvmd-Website durchgelesen. Später haben uns die estnischen Medizinstudierenden einige Videos/ Websites zur Vorbereitung geschickt, die habe ich mir auch angeschaut.

Mitzunehmen

In Estland ist das Wetter maximal random. Vom einen auf den anderen Moment schüttet es aus Kübeln und paar Minuten später scheint wieder die Sonne, als ob nichts gewesen wäre. Auch die Temperaturen bewegten sich in den 4 Wochen zwischen 10 und 30 Grad. Also am besten für alles gewappnet sein und NIEMALS ohne Regenschirm aus dem Haus gehen! Sonnencreme sollte man für warme Tage und Ausflüge auch dabeihaben (oder dort kaufen).

Reise und Ankunft

Ich wurde in Tartu an der Bus Station von meiner lieben Contact Person Merili abgeholt. Die erste Nacht hat sie mir auch ihr kleines Apartment überlassen, da ich erst am nächsten Tag ins Studentenwohnheim umziehen konnte. Eine andere estnische Studentin hat mich dann am ersten Famu-Tag ins Krankenhaus gebracht und mich der Stationssekretärin vorgestellt, die schon auf mich gewartet hatte (Esten sind vom Gefühl her noch pünktlicher als Deutsche). Die Sekretärin hat mich dann ins Besprechungszimmer gesetzt und mein Supervisor kam auf mich zu und hat sich mir auch direkt mit Vornamen vorgestellt.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Mein Supervisor Kalev war der beste überhaupt! Seine Position würde ich mit der eines Oberarztes in Deutschland vergleichen, er war schon fertiger Facharzt, aber noch sehr jung (vllt. Mitte 30).
Ich bin praktisch die gesamten 4 Wochen an seiner Seite gewesen, habe in den Termin- und Notfall-Sprechstunden viele spannende Fälle gesehen und im OP immer steril an den Tisch gedurft. Auch sind wir zusammen täglich Mittagessen gewesen (es wird von der estnischen IFMSA-Orga ein kostenloses Mittagessen angeboten, dies ist allerdings 10min vom Krankenhaus entfernt und NICHT in der Krankenhaus-Cafeteria. Schmecken tut es auch nicht. Ich würde also empfehlen, lieber das Pocket Money statt des täglichen kostenlosen Mittagessens zu nehmen!).
Da ich vorher Augenheilkunde in der Uni nicht gehabt habe, die Sprache nicht konnte und man in dem Fach praktisch als Student nicht viel machen kann, habe ich eigentlich fast nur zugesehen. Ab und an habe ich mal durchs Spaltmikroskop geschaut und geübt, den Augenhintergrund zu untersuchen. Nach einiger Zeit hat das auch ganz gut geklappt! Ansonsten habe ich viele OPs gesehen (das angenehme in der Augenheilkunde: man sitzt im OP, außerdem gibt es Bildschirme, auf denen man die OP verfolgen kann), Patientenkontrollen und Notfälle. Was ich mega cool fand zu sehen, war einmal die Lokalanästhesie am Auge und Injections direkt INS Auge. Mit den Patienten konnte ich mich leider gar nicht unterhalten, viele konnten kein Englisch. Das war etwas schade, aber Kalev hat sich immer Mühe gegeben, das wichtige zu übersetzen.
Die Schwestern waren mir gegenüber eher reserviert, genauso wie die anderen Ärzte. Die Residents sind aber immer lieb gewesen und haben sich auch mal länger mit mir unterhalten  Esten sind sehr introvertiert und wenn man morgens in den Meetingraum kommt und „Tere“ sagt, ist es normal, dass niemand antwortet. Böse gemeint ist das aber nicht, sondern die Mentalität. Wenn die Menschen erstmal aufgetaut sind, sind sie sehr lieb.
Prinzipiell durfte ich kommen und gehen wann ich wollte. Beginn war täglich um 08:15Uhr, zweimal habe ich mir aber Tage freigenommen. Gegangen bin ich, wann ich Lust hatte, das früheste war 10:00Uhr (da war ich aber auch sehr müde) und das späteste an meinem ersten Tag um 16:30Uhr.
Die anderen Austauschstudenten durften teilweise schon früher gehen, haben aber lange nicht so viel sehen können wie ich, da Sommerpause war und viele Ärzte im Urlaub waren. Auch gab es v.a. in den chirurgischen Departments keine Patienten, sodass es dort nicht zu sehen gab. Ich hatte bei mir Glück.
Die Assistenzarztzeit in der Augenheilkunde in Estland dauert nur 3 Jahre. Auch dürfen die Assistenten schon im ersten Jahr operieren und das machen, was sie sich zutrauen. Da die Krankenschwestern in Estland studieren, nehmen sie den Ärzten viele Aufgaben ab (in meinem Department Anamnese, Braunülen legen, Untersuchungen via OCT etc.). Als Arzt ist es in Estland aber schwieriger einen Job zu bekommen, besonders in dem kleinen Fach Augenheilkunde. Man kann sich prinzipiell nur an 2 Kliniken in Estland für eine Assistenzarztstelle bewerben (Tallinn und Tartu). Die Ausbildung ist aber gut. Auch hatten die Ärzte dort nur 2 Dienste im Monat. Kalev hatte etwas mehr Stress, weil er Kollegen vertreten musste, die im Urlaub waren und ihm das Wohlergehen seiner Patienten auch sehr wichtig war. Er war sogar am Wochenende mal im Krankenhaus (ohne Dienst zu haben!), um nach seinem Patienten zu sehen.

Land und Leute

Die Esten sind sehr zurückhaltend, die Medizinstudenten unter ihnen sind aber sehr cool und hilfsbereit gewesen! Wir haben zahlreiche Ausflüge unternommen, das scoial program in Estland kann sich echt sehen lassen ;)
Wir hatten eine National Food and Drinks Party, waren im estnischen Sumpf wandern, haben Tallinn, Helsinki und Riga erkundet. Letzteres haben wir allerdings selbst am letzten Wochenende organisiert. Außerdem wurde ein Grillabend veranstaltet und ein Boat House trip, auf dem wir für 24h auf einem Boat House verbracht haben, sauniert, geschwommen und Kanu gefahren sind. Mit den anderen Austauschstudenten war ich außerdem täglich unterwegs und habe zahlreiche Bars und Clubs besucht.
Außerdem waren wir Picknicken und haben ein großes Musikfestival in Tallinn besucht. Das findet alle 4 Jahre statt und die Esten sind sehr stolz darauf. Es wurden eigens einstudierte estnische Lieder gesungen und landestypische Trachten getragen. An unserem Helsinki-Wochenende sind wir freitags nach Tallinn gefahren und haben in einem Hostel übernachtet, um morgens früh um 8Uhr die Fähre nach Helsinki zu nehmen. Man braucht ca. 2h. In Helsinki hat uns eine finnische Medizinstudentin angeholt und eine kleine Stadttour gemacht. Anschließend sind wir selbst durch die Stadt gelaufen und haben eine Schiffstour um die kleinen Inseln vor Helsinki gemacht.
Riga war am letzten Wochenende mein absolutes Highlight. Die Innenstadt ist mit den verschiedenen Baustilen wunderschön, sie ist sogar ein UNESCO-Kulturerbe. Geht man ein paar Minuten weiter, sieht man den Gegensatz: Alte, verfallene Häuser. In Lettland gibt es neben reichen Bevölkerungsschichten auch viele sehr arme Menschen.
Abends waren wir dort Feiern, das Nachtleben in Riga ist wirklich super!
Eine schöne Geschichte aus Riga:
Auf dem Hinweg (4h Busfahrt) habe ich meine Jacke mit Schlüssel zum Studentenwohnheim im Bus liegen lassen und dies leider erst nach einigen Stunden bemerkt. Zuerst habe ich mir einige Sorgen gemacht, weil der Busfahrer kein Englisch gesprochen hatte und ich nicht wusste, wie zuverlässig die Busunternehmen in Lettland/ baltischen Ländern sind. Die Fahrt hatte schließlich nur 13€ gekostet.
Am Rigaer Bahnhof wurde ich dann aber von einem anderen Busfahrer zum Ticketschalter geschickt, von dem man aus den Busfahrer meines Busses anrief, der leider mittlerweile am Flughafen war. Man versprach, mich zu kontaktieren, falls meine Jacke gefunden wurde. Nach einigen Stunden erhielt ich tatsächlich eine E-Mail, dass die Jacke gefunden wurde und für mich am Bahnhof gelagert wird. Ich hatte solch eine Zuverlässigkeit nicht erwartet! Und neben meinem Schlüssel war sogar noch Geld, was ich in der Jacke vergessen hatte, in der Jacke. Also falls ihr mal mit dem Bus fahren wollt: Nehmt Ecolines ;)

Fazit

Estland war eine der schönsten Zeiten meines Lebens bisher. An viele Momente werde ich mich in Zukunft mit einem Lächeln auf dem Lippen erinnern. Ich habe so unglaublich tolle Menschen kennengelernt! Ich kann nur jedem empfehlen, für neue Erfahrungen ins Ausland zu gehen.
Ich denke auch, dass einige Kontakte lange halten werden. Der Flug in die Türkei, um eine Austauschstudentin, die nun eine sehr gute Freundin von mir ist, zu besuchen, ist schon gebucht

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