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Lebanon (LeMSIC)

Innere - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Zoë Makya, Berlin

Motivation

Gerne wollte ich eine Famulatur im Ausland absolvieren, um eine andere Kultur und ein anderes Gesundheitssystem kennenzulernen und um meine Sprachkenntnisse weiter auszubauen. Da ich seit einiger Zeit französisch und seit kurzem auch Arabisch lerne, wollte ich gerne in ein Land reisen, in welchem beide Sprachen weit verbreitet sind. Libanon, Tunesien und Marokko waren meine bevorzugten Länder. Insbesondere auch die Erfahrungsberichte zu den Krankenhäusern führten zu meiner Wahl.
Aufgrund der jüngsten Geschichte und Politik des Libanons interessiert mich dieses Land besonders, sodass ich sehr glücklich darüber war, zu meiner Erstwahl reisen zu dürfen.

Vorbereitung

Als sprachliche Vorbereitung nahm ich an einem Arabischkurs der Volkshochschule teil, sowie an dem Kurs "Arabisch für Mediziner" an der Charité. Über die Bundeszentrale für politische Bildung, der französischen Zeitschrift Historia und diversen Dokumentationen informierte ich mich weiter über das Land.
Probleme bei der Bewerbung und den Formalitäten gab es bei mir keine. Als Tipp kann ich nur geben für sich eine Checkliste zu erstellen, um den Dokumentenüberblick zu behalten.

Visum

Das Visum muss nicht im Voraus beantragt werden, ist kostenlos und wird am Flughafen problemlos ausgestellt. Wichtig ist, ein Touristenvisum zu beantragen und die Unterkunft angeben zu können.

Gesundheit

Eine Auslandskrankenversicherung war bei meinem Austausch Pflicht. Gebrauch musste ich glücklicherweise nicht von machen.
Einige kleinere Problemchen sind allerdings doch aufgetreten: fast jeder hatte bei uns früher oder später mit Durchfall zu kämpfen. Und auch Erkältungen aufgrund von Klimaanlagen waren keine Seltenheit. Doch beides gab sich in der Regel von selber nach einigen Tagen.
Wasser ist auf keinen Fall aus dem Hahn zu trinken, sondern immer zu kaufen. Auch beim Kochen sollte gekauftes Wasser verwendet werden.
Für potentielle Veganer unter euch: die Ernährungsweise lässt sich im Libanon gut weiterführen. Es gibt viel lokales Obst. Stellt euch nur auf massenhaft Hoummous, Baba Ghanouj, Salate wie Tabouleh und Fattoush und Brot ein.

Sicherheit

Zu jedem Punkt habe ich im Libanon sicher gefühlt.

Blicke und Verhalten von einigen Männern waren zwar nervig, wurden von mir aber nicht als bedrohlich wahrgenommen.

Nur gegen Ende meines Aufenthalts gab es einen Grund für zumindest wachsames Verhalten, da zwischen dem besetztem Palästina und der Hisbollah kleine gegenseitige Angriffe stattfanden. Da ich mich an dem Tag, an dem Netanjahu eine Drohung gegen den Libanon aussprach, in Tyr (=Sour), einer Gegend in der die Hisbollah weit verbreitet ist, aufhielt, konnte ich beobachten, wie Menschen beunruhigt die Stadt verließen, sodass der Stau auf dem Rückweg nach Beirut groß war. Die Libanesen mit denen ich unterwegs war, versicherten mir allerdings, dass so etwas öfter vorkomme und es keinen wirklichen Grund zur Sorge gibt und dass die Menschen aufgrund des Konflikts von 2006 zur Vorsicht neigen.

Geld

Als Währungen werden Lebanese Pounds und American Dollar akzeptiert, wobei es empfehlenswert ist LBP zu verwenden, da bei Dollarn gerne aufgerundet wird.
Man kann meistens mit Visa Card bezahlen und überall findet man Automaten zum Geldabheben.
Die Lebenskosten hängen sehr von dem Krankenhaus ab, in dem man seine Famulatur absolviert. Bei der AUB gibt es 3x täglich essen, bei den anderen Krankenhäusern max. 1x/Tag. Insgesamt sind die Kosten für Lebensmittel etwas geringer als in Deutschland, aber doch höher als beispielsweise in osteuropäischen Ländern.

Sprache

Im Libanon werden Arabisch, Englisch und Französisch gesprochen (in dieser Reihenfolge sind sie verbreitet). In Beirut kommt es auch darauf an, in welchem Quartier man sich aufhält und auf den sozioökonomischen Status des Gegenüber. Um im Alltag klarzukommen reichen allerdings Sprachkenntnisse in Englisch und/ oder Französisch völlig aus. Arabisch hilft allerdings manchmal bei den Preisen beim Markt oder Service (mit mehreren geteilten Taxis). Gelegentlich trifft man auch den ein oder anderen der Verwandtschaft in Deutschland hat und mit einem ein paar Worte auf deutsch austauscht.
Im Krankenhaus waren meine Arabischkenntnisse von Vorteil und hätten ruhig noch besser sein können, da die Patientenkommunikation fast ausschließlich auf Arabisch erfolgte, teils die Residents und Interns den Ärzten nur auf Arabisch antworteten und sich auch kaum die Mühe gemacht wurde, für mich zu übersetzen.

Verkehrsbindungen

Der Libanon ist ein kleines Land, in dem man an sich gut vorankommt. Man muss sich nur trauen, das Bussystem kennenzulernen. Dazu kann ich die Website http://busmap.me/ wärmstens empfehlen. Außerdem hatte ich das Glück einen Libanesen als Kontaktperson zu haben, der selbst viel mit Bus sein Land erkundet und wir so gemeinsam unterwegs waren. Selbstverständlich ist das allerdings nicht: Viele verkehren ausschließlich mit Auto. Der Bus ist sehr günstig 1000-5000 LBP je nach Strecke (umgerechnet 60 Cents - 3 Euro) und fährt regelmäßig alle paar Minuten (einen Plan gibt es aber nicht). Empfehlenswert ist nachzufragem, um wie viel Uhr der letzte Bus zurück nach Beirut fährt.
Da es auf vielen Wegen nur 1-2 Straßen gibt, um ans Ziel zu gelangen, sind zu Rush Hour und an Frei-und Sonntagen immer mit Stau zu rechnen. Auch der Fahrstil ist gewöhnungsbedürftig.
Züge gibt es leider seit dem Krieg keine mehr.

Kommunikation

Über touch konnte ich mir für 29$ eine SIM Karte zum Telephonieren, SMS schreiben und 1,5 GB für das nötige Internet unterwegs besorgen. Letztlich bin ich mir nicht sicher, ob das unbedingt notwendig war, da es sowohl in der Unterkunft, als auch im Krankenhaus Wifi gab.

Unterkunft

Mit drei anderen Austauschstudentinnen war ich in einem Appartement untergebracht - jeweils zu zweit in einem Zimmer mit einem Bad, einer spärlich ausgestatteten, jedoch ausreichenden Küche zum Kochen und dem Luxus eines täglichen Roomservice, sodass es immer sauber war und es frische Handtücher und Bettwäsche gab.
Drei weitere Highlights waren das Rooftop, das Gym und das vegane Restaurant direkt im Appartementkomplex.

Literatur

Über die Bundeszentrale für politische Bildung und der französischen Zeitschrift Historia informierte ich mich weiter über das Land.
Von dem Arabischkurs für Mediziner habe ich ein kleines Handbuch für die notwendigsten Vokabeln bekommen und mit französischer Literatur weiter mit dem Französisch auseinandergesetzt.

Mitzunehmen

Uns wurde x-Mal gesagt, einen Kittel mitzunehmen, den wir letztlich nicht brauchten, da jeden Tag frische von der Wäscherei des Krankenhauses bereitgestellt wurden. Das eigene Stethoskop war allerdings nützlich.
Im August ist es ratsam kurze Kleidung mitzunehmen, da es durchgehend über 30°C warm ist. Für das Krankenhaus und Ausflüge in konservativere Städte wie Tripolis ist allerdings längere Kleidung aus leichtem Material bspw. Leinen nützlich. Außerdem empfehle ich einen Schal mitzunehmen aufgrund der Klimaanlagen.
Denkt außerdem an Sonnencreme, -hut und -brille.

Reise und Ankunft

Die Anreise verlief gut. Es gab einen Direktflug von Berlin nach Beirut. Und vom Flughafen zur Unterkunft kam ich mit Taxi für 20$. An der Rezeption bekam ich den Schlüssel für das Appartement, wo ich meine Mitbewohnerinnen kennenlernte.
Zwischen meiner Ankunft und dem Praktikumsbeginn gab es ein ganzes Wochenende, was perfekt zum Einleben war. Im Krankenhaus selbst wurden wir von dem lokalen IFMSA Team empfangen und uns wurde alles gezeigt mit der ID, Essenskarte und Wäscherei. Danach wurden wir jeweils zu unseren Stationen gebracht und begannen unser Praktikum.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Meine Famulatur fand auf der Endokrinologie des Hôtel Dieu de France statt. An meinem ersten Tag stellte ich mich dem Team vor und der Resident nahm mich mit, um seine Patienten zu sehen. Nach den 2 Patienten hieß es, ich könne nun nach Hause gehen. Ich blieb noch bis zum Mittagessen und auch danach, um 14 Uhr mit den anderen Austauschstudenten mit dem Taxi abgeholt zu werden.
Dienstags bis Freitags gab es immer einen einstündigen Kurs, in dem endokrinologische Krankheitsbilder und Patientenfälle durchgesprochen wurden. Dies war die wertvollste Stunde des Tages für mich und mein Lernen. Danach sind wir (2-4Residents, 2 Interns und ich) mit dem Arzt zu seinen Patienten zur Visite gegangen. Anschließend gaben die Residents den Interns Neufnahmen oder schickten sie und mich nach Hause und setzten sich selbst an den Computer zur Schreibarbeit. Aufgaben gab es für mich trotz wiederholten Nachfragens/Bittens keine. Manchmal konnte ich mit den Ärzten in ihre ambulante Sprechstunde gehen und so ein paar mehr Patienten sehen. Dies war auch für gewisse Zeit nützlich, da mir die Ärzte auf französisch kurz den Fall erklärten.
Selbst untersuchen konnte ich im Prinzip nur die Schilddrüse und ggf. Herz und Lunge abhören. Das einzige Prozedere was ich gesehen habe, war die Sonographie der Schilddrüse.
Auf wiederholte Nachfragen und Bitten mehr mit den Patienten machen zu können und mehr zu sehen, bekam ich als Antwort, es gäbe nicht mehr zu tun, da aufgrund des Sommers alle in den Bergen sind und nicht in Beirut und sich im Sommer nicht um ihre endokrinologischen Probleme kümmern. Und bei Notfällen sind dann meistens andere Krankenhäuser näher. Diese Antwort empfand ich als sehr frustrierend wie auch insgesamt das Praktikum.
Weiteres Beispiel für das Verhalten meiner Station: An Montagen gab es keinen morgendlichen Kurs und in der whatsapp Gruppe wurde mir nicht auf die Frage geantwortet, wo sich die Residents und Interns aufhalten. Als ich dann auf der Suche im Krankenhaus zufällig auf welche traf und sie konfrontierte, bekam ich zu hören, was ich denn hier mache, warum ich nicht einfach an den Strand gehe. Außerdem haben alle durchgehend untereinander Arabisch geredet wohl wissend, dass ich sie kaum verstehe.
Eine andere Austauschstudentin des Hotel Dieu hat mich aus Interesse an Endokrinologie mal einen Tag begleitet. Sie hat meinen Eindruck von dem Team geteilt und mir versichert, dass auf ihrer Station, der Gynäkologie, ein ganz anderes Arbeitsklima herrscht.

Das Gesundheitssystem ist im Libanon sehr problematisch. Kaum jemand ist versichert, sodass alles selbst bezahlt werden muss. Den Gerüchten zufolge ist der Zustand der öffentlichen Krankenhäuser katastrophal.

Auch die Ausbildung der Ärzte ist zum Großteil privat. 6 von 7 medizinischen Fakultäten in Beirut sind privat und alles andere als günstig. Die Plätze an der öffentlichen libanesischen Universität sind sehr begrenzt und der Ruf ist sehr schlecht.
Außerdem gibt es zwei Ausbildungssysteme: zum einen das amerikanische mit drei Jahren College und 4 Jahren Medical School zum M.D. führend und zum anderen das französische mit einem Concours beginnend über sieben Jahre hinweg mit dem Doktortitel als Ziel.

Land und Leute

Der Libanon ist ein wunderschönes Land. Allein seine Lage zwischen Meer und Bergen und sein Wetter machen es zu einem fantastischen Reiseziel. Städte wie Byblos, Tripolis, Batroun, Saida und Tyr sind alle mehrere Besuche wert. Es gibt Ruinen, Museen und Märkte zu entdecken. Das social program mit weiteren Ausflügen zu Stränden, den Zedernwald und Weinverkostung, sowie vieles weiteres ist teils zu empfehlen. Die Ideen sind gut, da man auf jeden Fall zu schönen Orten gelangt. Mit einer Frühstücks- und Mittagspause und einer Gruppengröße von über 40 Personen kommt man allerdings nur sehr langsam voran und mir persönlich blieb oft zu wenig Zeit zum Erkunden bevor wir wieder nach Beirut zurückgekehrt sind.
Beirut selbst empfand ich als etwas anstrengend mit dem Gehuppe, den Abgasen und Stau, sonst aber sehr interessant mit seinen verschiedenen Vierteln und Spuren vom Krieg wie dem Maison Jaune, dem Ei, den Platz der Märtyrer...
Die lokalen Kontaktpersonen meines Krankenhauses waren alle super lieb und hilfsbereit und haben uns gut in Empfang genommen. Wir haben uns alle zusammen auch einmal an einem Militärstrand zu einem typisch libanesischen Abendessen getroffen. Das war einerseits ehr schön aufgrund der guten Gesellschaft, andererseits auch etwas bizarr aufgrund der Militärpräsenz. Generell übernimmt das Militär hier viele Aufgaben der Polizei, sodass man auch mal einen Soldaten sieht, der den Straßenverkehr navigiert. Doch das nur als Randnotiz.
Meine Kontaktperson hat sich wirklich viel Zeit für mich genommen, um Ausflüge zu unternehmen und mir über die Geschichte, Politik und Kultur seines Landes zu erzählen. Seine Familie, sowie eine weitere libanesische Familie konnte ich etwas besser kennenlernen. Bei ihnen wurde ich zu einem normalen Familienessen mit 40 Personen eingeladen. In der Anzahl treffen sie sich jeden Tag im Sommer und einmal die Woche im Winter. Gesprochen wurde generell arabisch und die Hälfte war zugleich anglo-, die anderer Hälfte der Familie frankophon. Gemeinsam gekocht und gegessen wurden Mena'esh, Salate und Obst. Getrunken wurden Matetee, Soda und Kaffee. es wurde viel und laut erzählt und am Rande Backgammon gespielt. Herzlichkeit ist wohl das Wort, was die libanesische Familie am besten beschreibt.
Positiv an der Gesellschaft fiel mir die Hilfsbereitschaft auf, negativ den Wunsch nach Selbstdarstellung.
Gerne werde ich in den Libanon zurückkehren, da es noch weitere Städte zu besuchen gibt, Wanderungen zu machen und zum Freunde besuchen.

Fazit

Wie schon gesagt, werde ich gerne wieder in den Libanon reisen. Trotz meiner persönlichen schlechten Erfahrungen im Krankenhaus, denke ich trotzdem eine Famulatur im Hotel Dieu weiterempfehlen zu können- nur eben nicht in der Endokrinologie. Später im Libanon zu arbeiten, kann ich mir allerdings nicht vorstellen, da mir das ganze Gesundheitssystem zu Wider ist.
Insgesamt wurden meine Erwartungen an den Austausch, die Kultur und Menschen des Landes besser kennenzulernen und die Sprachkenntnisse zu vertiefen, allemal erfüllt und in Zukunft würde ich gerne wieder an einem Austausch der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V. teilnehmen.

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