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Sweden (IFMSA-Sweden)

Innere - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Lucia, Bochum

Motivation

Ich wollte seit Beginn des Studiums gerne mal für einige Zeit ins Ausland gehen, zum einen, um auch andere Gesundheitssysteme mal etwas näher kennenzulernen und zum anderen, weil ich einfach sehr gerne reise. Meine erste Wahl fiel dabei auf Skandinavien. Ich habe vor einiger Zeit mal beim Bundeskongress der bvmd einen Vortrag von einem Paar gehört, die nach dem Studium für einige Jahre nach Schweden gegangen sind und da das alles sehr spannend klang, wollte ich mir gerne selber mal ein Bild von dem dortigen Gesundheitssystem und den Arbeitsbedingungen machen.

Vorbereitung

Neben der Bewerbung und den anderen Unterlagen, die ich im Verlauf einreichen sollte, habe ich mich nicht besonders auf meinen Auslandsaufenthalt vorbereitet. Da Schweden auch zur EU gehört, sind die Formalitäten aber auch relativ gering.

Visum

Ich konnte ohne Visum nach Schweden einreisen. Wer nicht fliegt, sollte sich allerdings auf Passkontrollen an der dänischen Grenze einstellen.

Gesundheit

Für Schweden muss man keine besondere Impfprophylaxe durchführen zu lassen, selbst eine Hepatitis B-Impfung ist (zumindest in Linköping) nicht verpflichtend. Wer plant, viel in der Natur unterwegs zu sein, sollte allerdings über eine FSME-Impfung nachdenken, da insbesondere der Raum um Stockholm FSME-Gebiet ist.
Ich musste vor Beginn der Famulatur einen negativen MRSA-Abstrich und einen negativen Tuberkulose-Test (Hauttest oder IGRA) einreichen. Vor Ort wurde dann erneut ein MRSA-Abstrich durchgeführt. Ich habe mich darum eher kurzfristig gekümmert, was ein bisschen Stress verursacht hat. Es ist nicht ganz einfach, Ärzte zu finden, die diese Tests ohne medizinische Indikation durchführen und zumindest den Tbc-Test musste ich auch selbst bezahlen. Es empfiehlt sich auf jeden Fall, sich frühzeitig um alles zu kümmern.

Sicherheit

Schweden ist meiner Meinung nach ein sehr sicheres Land und ich habe im Vorhinein keine besonderen Vorkehrungen getroffen, was auch absolut in Ordnung war. Ich würde sagen, dass die Kriminalität vermutlich ähnlich hoch ist wie in Deutschland und es natürlich sehr darauf ankommt, wo genau man sich befindet. Ich habe mich aber die ganze Zeit immer sicher gefühlt und habe überhaupt keine schlechten Erfahrungen gemacht. Positiv zu bemerken ist tatsächlich, dass sexuelle Belästigung sowohl im öffentlichen Raum als auch im professionellen Rahmen kein großes Problem ist.

Geld

In Schweden bezahlt man mit schwedischen Kronen. Bargeld ist dort aber allgemein nicht mehr so gerne gesehen, ich habe den ganzen Monat über komplett bargeldfrei gelebt, weil man wirklich überall mit Kreditkarte bezahlen kann. Manche Geschäfte und Hostels akzeptieren überhaupt kein Bargeld mehr, es empfiehlt sich also auf jeden Fall eine Kreditkarte oder andere Bankkarte zu haben, mit der man im Ausland bezahlen kann. Falls man doch Bargeld haben möchte, gibt es auch an jeder Ecke ATMs.
Die Lebenshaltungskosten in Schweden sind deutlich höher als in Deutschland, aber der Unterschied war doch nicht so groß, wie ich erwartet hatte. Lebensmittel sind zwar etwas teurer als in Deutschland, der Preisunterschied hielt sich aber noch im Rahmen. Was deutlich teurer ist als in Deutschland, ist Alkohol. Eine Flasche Wein bekommt man nicht für unter umgerechnet 7€ und wenn man sich irgendwo ein Bier bestellt, muss man auch mit 5-10€ rechnen.
Unternehmungen kosten ähnlich viel wie in Deutschland.

Sprache

Schwedisch ist die offizielle Landessprache, jüngere Leute sprechen aber auch alle sehr gut Englisch, die ältere Generation dagegen fast gar nicht.
Ich habe mich vor Beginn mit ein paar Basics in Schwedisch vertraut gemacht, denke im Nachhinein aber, dass ich auf jeden Fall einen Sprachkurs hätte machen sollen. Im Krankenhaus läuft wirklich alles auf Schwedisch und auch wenn ich nach einer Weile etwas mehr verstanden habe, hätte ich deutlich mehr lernen und selber machen können, wenn ich mehr Sprachkenntnisse gehabt hätte. Ich denke, mindestens ein B1-Niveau wäre sinnvoll, um im Krankenhaus gut zurecht zu kommen. Im Land allgemein kommt man mit Englisch ausreichend gut durch.

Verkehrsbindungen

Es gibt viele Flüge in die unterschiedlichen Regionen in Schweden, die preislich zwischen 50-200€ liegen. Da Linköping aber eher noch in Südschweden liegt bin ich zumindest auf dem Hinweg mit einem Zwischenstopp in Hamburg und Kopenhagen mit dem Zug bzw. Bus gefahren und habe insgesamt etwa 80€ für die Strecke Bochum – Linköping gezahlt, habe aber auch sehr kurzfristig gebucht. In Schweden kommt man am besten mit dem Bus (Flixbus oder Nettbus) von einem Ort zum anderen, im Regionalverkehr auch mit Zügen. Die Fernzüge sind zwar sehr komfortabel und auch relativ preiswert, aber sehr unzuverlässig (was mir auf der Hinfahrt beinah einen unfreiwilligen Wochenendaufenthalt in Malmö beschert hätte).

Kommunikation

Dank EU-Tarifen konnte ich mein Handy wie in Deutschland benutzen. Das mobile Netz ist allgemein sehr gut ausgebaut und ich hatte fast überall besseren Empfang als in Deutschland. Im Krankenhaus war überall eduroam zugänglich, es gab aber auch kostenloses WLAN. Im Wohnheim war es etwas komplizierter, da ich für einen eigenen Anschluss eine schwedische Personennummer gebraucht hätte bzw. ein paar Schritte hätte einleiten müssen, um so einen Zugang zu bekommen, also habe ich einfach das WLAN von einem anderen Studenten auf meinem Flur mitbenutzt.

Unterkunft

Die Unterkunft wurde von dem LC in Linköping organisiert. Ich hatte ein Zimmer im Wohnheim in Ryd etwas außerhalb von Linköping. Dort waren auch die anderen Exchange Students untergebracht. Ich hatte ein Zimmer mit eigenem Bad, die vollausgestattete Küche war für acht Leute ausgelegt und es gab ausreichend Stauraum und Möglichkeiten, sich selbst zu versorgen. Waschmaschine und Trockner waren auch frei zugänglich. Bettwäsche konnten wir kostenlos ausleihen und am Ende gewaschen zurückgeben. Für das Zimmer war eine Kaution von 50€ zu hinterlegen, die man aber zurückbekommen hat, wenn man es geputzt hinterlassen hat.

Literatur

Ich hatte ein kleines Wörterbuch und ein Wörterbuch mit medizinischem Englisch dabei, was ich aber beides eigentlich nicht genutzt habe. Ansonsten habe ich vor Ort manchmal auf Internetseiten der Regionen nach Unternehmungen geschaut.

Mitzunehmen

In Schweden kann man im Sommer mit jedem Wetter rechnen und sollte entsprechend packen. Wir hatten sehr schöne Tage mit über 30 Grad, aber auch Tage, an denen es bei ca. 15 Grad nur geregnet hat, eine gute Regenjacke ist also ein Muss. Da das Land durch wunderschöne Natur besticht, empfiehlt es sich auch, Schuhe mitzunehmen, mit denen man in der Natur unterwegs sein kann. Je nach Jahr und Ort kann auch Mückenschutz extrem wichtig sein.
In der Klinik bekommt man Kleidung gestellt, es reicht also bequeme Schuhe mitzunehmen - viele Leute im Krankenhaus tragen tatsächlich Socken und Sandalen.

Reise und Ankunft

Ich bin mit dem Zug von Kopenhagen nach Linköping gereist, was auch nach einem kurzen unfreiwilligen Aufenthalt in Malmö, recht unkompliziert verlief. In Linköping bin ich noch mit dem Bus 15 Minuten nach Ryd gefahren und wurde dort von meinem Host abgeholt. Mir wurde mein Zimmer gezeigt und meine Schlüssel sowie ein Fahrrad übergeben, das ich gegen eine Kaution kostenlos für die Zeit nutzen konnte. Das Wohnheimzimmer stand mir ab dem Wochenende vor Beginn der Famulatur zur Verfügung (ich bin samstags angereist und montags ging es los). Sonntagabend hatten wir noch ein erstes gemeinsames Essen mit allen Exchange Students (insgesamt 5) und dem LC, bei dem auch noch viele Fragen geklärt werden konnten.
In der Klinik wurden wir alle von der Studierendenkoordinatorin begrüßt und die letzten Formalitäten wurden geklärt (MRSA-Test, Schweigepflichtserklärung, Studierendenausweis, ID-Kontrolle bei der Region Östergötland und Registrierung im PC-System, damit wir die PCs im Klinikum nutzen konnten). Anschließend wurden wir von ihr an unsere Tutor*innen verteilt.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich habe vier Wochen in der Hämatologie verbracht, die in Schweden ein eigenständiges Fachgebiet ist.
Am ersten Tag habe ich meinen Mentor sowie Teile des Teams kennengelernt und mir wurde die Station und die Tagesklinik gezeigt. Die Station bestand zu diesem Zeitpunkt aus nur acht Betten, da aufgrund von Pflegepersonalmangel (ein Problem, das offensichtlich nicht nur in Deutschland besteht) einige Betten gesperrt waren. Das ärztliche Team bestand aus insgesamt zehn Oberärzt*innen und vier Assistenzärzt*innen, von denen allerdings einige im Urlaub waren. In Schweden herrscht in den Sommermonaten allgemein ein reduzierter Betrieb, da alle Menschen Anspruch auf mindestens drei Wochen Urlaub ohne Unterbrechung im Sommer haben.
Der Tag beginnt in der Regel um 8 Uhr morgens mit einer Besprechung, die je nach Tag variiert, nur freitags gibt es anstelle einer Besprechung „Freitags-Fika“, wo das gesamte Team gemeinsam frühstückt. Gegen 9 Uhr geht es dann weiter mit Visite, zunächst mit einer Besprechung zwischen ärztlichem und pflegerischem Personal, manchmal sind auch noch die Ernährungs-, Physio-, Ergotherapeut*innen oder die Psychologin mit dabei. Auffällig ist hier wirklich, wie gut alle Mitarbeiter*innen im Team arbeiten und wie hoch der Respekt für andere Disziplinen ist. Auch hierarchische Strukturen gibt es in Schweden kaum, so wurde ich auch immer – und das obwohl ich den Besprechungen nur mit Mühe und Not überhaupt folgen konnte – gefragt, ob ich noch etwas hinzufügen möchte. Im Laufe des Vormittags werden die Patient*innen natürlich visitiert und Untersuchungen veranlasst/durchgeführt und Therapien durchgeführt. Gegen halb vier ist eine erneute Visite mit dem pflegerischen Spätdienst, ich konnte häufig aber auch schon früher gehen.
Neben der Station werden Patient*innen in der hämatologischen Ambulanz betreut. Dort wird hauptsächlich die Diagnostik und Therapie von Lymphomen, multiplem Myelom und anderen hämatologischen Erkrankungen durchgeführt. Hier habe ich relativ viel Zeit verbracht. Neben dem Patientengespräch, das in Schweden einen sehr hohen Stellenwert einnimmt, werden vor allem Blutwerte beurteilt und Knochenmarksaspirationen und -biopsien durchgeführt. Hier konnte ich auch öfter assistieren. Ansonsten habe ich sehr wenig praktisch gearbeitet, da Tätigkeiten wie Blutentnahmen vollständig von der Pflege übernommen werden und Anamnesegespräche und klinische Untersuchungen sprachbedingt stark erschwert waren.
Theoretisch habe ich in den vier Wochen unfassbar viel gelernt, da ich das Glück hatte, dass sich mein Mentor immer wieder Zeit genommen hat, um verschiedene Krankheitsbilder detaillierter zu besprechen. Er hat mich auch grundsätzlich zu neuen Patient*innen dazu gerufen und hat mich viele Blutuntersuchungen befunden lassen. Da er selber auch Deutscher war, stellte hier die Sprache auch überhaupt kein Problem dar. Zwei weitere Ärzte im Team kamen ebenfalls aus Deutschland, mit allen anderen konnte ich aber auch problemlos auf Englisch kommunizieren.

Das Arbeiten in Schweden ist auf jeden Fall sehr anders als in Deutschland, alles läuft ein bisschen langsamer und ist sehr arbeitnehmerfreundlich. Als Arzt oder Ärztin hat man tatsächlich Zeit, mit seinen Patient*innen zu sprechen und es wird sehr viel weniger Aktionismus betrieben als in Deutschland. Auch wenn vieles meiner Meinung nach (insbesondere für das Personal) sehr viel besser läuft als in Deutschland, hat auch das schwedische Gesundheitssystem seine Probleme. Alle Krankenhäuser haben zu wenig Kapazitäten, weswegen manchmal sehr kranke Patient*innen nachhause geschickt werden und auch die ambulante Versorgung ist völlig überlastet, weshalb es manchmal Monate dauern kann, bis wichtige Untersuchungen durchgeführt werden können.
Insgesamt hat die Zeit aber ein sehr positives Bild von Schweden bei mir hinterlassen. Insbesondere die flachen Hierarchien und die gute interdisziplinäre Zusammenarbeit waren sehr beeindruckend.

Land und Leute

Linköping ist eine relativ kleine Unistadt – 110.000 Einwohner, davon ca. 20% Studierende – die relativ mittig im südlicheren Teil von Schweden liegt. Da im Juli die meisten Studierenden ausgeflogen sind und auch viele andere Menschen im Urlaub sind, war die Stadt manchmal erschreckend leer. Es gibt aber ein nettes, kleines Stadtzentrum und man kann doch auch einiges in Linköping und Umgebung unternehmen. Gerade für Naturfreunde gibt es in Schweden fast endlose Möglichkeiten, von wandern über Radtouren (Linköping ist extrem fahrradfreundlich) zu Kayaktouren ist alles mit dabei. Die anderen Exchange Students und ich haben uns ein Wochenende ein Auto gemietet und waren in einem Nationalpark wandern, haben Vadstena – eines der ältesten Städtchen Schwedens, direkt am Vättern-See – und Norrköping besichtigt und einen Tag im Schärengebiet an der Ostsee verbracht.
Von unseren Gastgebern wurden wir sehr herzlich aufgenommen. Auch wenn das IFMSA-Team vor Ort nicht groß war, haben wir öfter was zusammen unternommen (Klettern, Minigolf, Essen, Grillen…) und wir hatten immer jemanden als Ansprechpartner.
Die Schweden gelten allgemein als eher etwas reserviert, sind aber immer sehr höflich und nett. Nach Aussagen von verschiedenen Stellen machen sie nur nicht gerne den ersten Schritt, das heißt, man muss sich etwas anstrengen, wenn man die lokale Bevölkerung etwas besser kennenlernen will. Familie hat bei den meisten Schweden einen sehr hohen Stellenwert, was sich auch in gesellschaftlichen Strukturen widerspiegelt. Man sieht sehr viele Familien mit mehr als zwei Kindern und man sieht vor allem auch sehr viele Väter mit ihren Kindern, da Schweden in Bezug auf Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen und Männer sehr viel weiter ist als Deutschland.
Sehr positiv ist mir in der gesamten Zeit aufgefallen, dass allgemein ein sehr respektvoller Umgang miteinander gepflegt wird. Gerade im Straßenverkehr fahren alle sehr defensiv und insbesondere als Fahrradfahrer*in muss man nicht andauernd um sein Leben fürchten, weil es keine Fahrradwege gibt oder Autos keine Rücksicht nehmen.
Ich war im Anschluss an meine Famulatur noch eine knappe Woche an der Westküste, vor allem in Göteborg, ich wäre aber sehr gerne noch etwas länger geblieben und hätte gerne noch mehr vom Land gesehen. Ich habe mich fast ausschließlich in Südschweden aufgehalten, hätte aber gerne auch noch den Norden besucht, da es dort landschaftlich nochmal ganz anders sein soll. Würde ich nochmal fahren, würde ich definitiv mehr Zeit einplanen, um noch etwas mehr zu reisen.

Fazit

Ich hatte eine wirklich tolle Zeit in Schweden und kann auch Linköping auf jeden Fall weiterempfehlen. Es war sehr schön, einen Einblick in ein anderes Gesundheitssystem zu bekommen, von dem wir insbesondere in Bezug auf inter- und intradisziplinäre Kommunikation extrem viel lernen können.
Ich würde jederzeit wieder hinfahren!

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