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Brazil (IFMSA-Brazil)

Chirurgie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Katharina, Bonn

Motivation

Zu aller erst einmal: Herzlichen Glückwunsch, dass ihr euch für eine Auslandsfamulatur in diesem tollen Land interessiert oder es für euch evtl. sogar schon sicher nach Joinville geht! Ich bin mir sicher ihr steht vor einem Monat wundervoller neuer Erfahrungen.
Was meine Motivation betrifft: es war schon seit ich denken kann ein Traum von mir Brasilien, seine Kultur, Sprache, Landschaft und Mentalität genauer kennenzulernen. Der Famulaturaustausch über die bvmd war dabei die perfekte Möglichkeit das nicht nur aus touristischer Sicht zu tun sondern gleichzeitig noch ein sehr anderes Gesundheitssystem kennenzulernen und den alltäglichen Ablauf in einem Krankenhaus in Lateinamerikas größtem Land mitzuerleben. Dementsprechend bewarb ich mich zweimal in Brasilien (IFMSA&DENEM) und einmal in Kolumbien.

Vorbereitung

Die Vorbereitung fiel bei mir nicht allzu umfangreich aus. Nach der Bewerbungsphase über das IFMSA-Portal musste ich der IFMSA in Joinville per Mail noch meine Haftpflichtversicherungsnachweis zusenden und ein Formular mit genaueren Angaben zu meiner Ankunft, essenstechnischen Einschränkungen usw. ausfüllen. Die IFMSA Joinville hat relativ früh Kontakt mit mir aufgenommen (noch vor den angegebenen 8Wochen vor Austauschbeginn) und sowohl die Bewerbung als auch der Austausch verliefen ohne Probleme. Mit der Koordinatorin und meinem Host konnte ich schon vor Abreise per Whatsapp Kontakt aufnehmen, was nett war, um evtl. Frage leichter koordinieren zu können. Vorbereitungsseminare habe ich nicht besucht – da ich kein Portugiesisch konnte habe ich mich aber mit einem portugiesisch-Selbstlernkurs per Babbel ausgestattet. Da vor allem das brasilianische Portugiesisch einige Gemeinsamkeiten mit Spanisch hat, hat das bei mir gut gereicht, da ich fließend Spanisch spreche. Wer weder Spanisch noch Portugiesisch kann sollte sich vor Abreise auf jeden Fall mehr auf die Sprache konzentrieren. Ansonsten natürlich im gesunden Maße sowohl die Nachrichten als auch das Auswärtige Amt, auf dessen Seite man sich in ein Krisenregister für den Fall der Fälle eintragen kann, im Blick behalten.

Visum

Für Brasilien ist für deutsche Staatsangehörige glücklicherweise kein Visum nötig, wenn man nicht länger als 3 Monate in Brasilien bleibt und kein bezahltes Praktikum macht. Da man über das IFMSA-Portal eine Bescheinigung bekommen kann, dass man für eine Famulatur nach Brasilien geht, habe ich mir das mal vorsichtshalber bescheinigen lassen – hat sich aber kein Mensch für interessiert und die Einreise verlief sehr unkompliziert.

Gesundheit

Verlangt wurde von der IFMSA Brasilien lediglich Tetanus, Hepatitis A und B. Da der Großteil Brasiliens aber ein Gelbfieberrisikogebiet ist habe ich diese Impfung natürlich nicht ausgelassen und mich zusätzlich gegen Tollwut impfen lassen, da ich beim Reisen auf Nummer sicher gehen wollte. Zusätzlich habe ich Malarone eingepackt, da ich ursprünglich noch in das Amazonasgebiet reisen wollte und das hier nach wie vor als Stand-by-Medikation empfohlen wird. Hilfreich beim Einschätzen des Malariarisikos je nach Region fand ich besonders die Seite der WHO und des Auswärtigen Amts. In die Reiseapotheke habe ich das gute Autan tropical gepackt, das wohl auch gegen Tigermücken schützt und Fortasec, Ibus etc. für den Fall der Fälle. Da ich bei der Krankenkasse begründet habe für das Studium ins Ausland gereist zu sein, wurden die Impfungen alle übernommen – das soll wohl bei den meisten Krankenkassen der Fall sein. Eine zusätzliche Reisekrankenversicherung habe ich zusätzlich zur Haftpflichtversicherung natürlich auch abgeschlossen.

Sicherheit

Tjaaa die Sicherheit in Brasilien – ein breit diskutiertes Thema vor allem von Verwandten und Bekannten, die alle gerne nochmal ihre Bedenken äußern möchten wenn man alleine und vor allem als Frau nach Brasilien reist. Mich hat das trotz anfänglich entspannter Einstellung dann tatsächlich etwas in den Survival-mode versetzt als ich dann in Rio am Flughafen stand. Aber ich kann euch - zumindest aus meinen Erfahrungen, die ich in den zwei Monaten machen durfte - beruhigen: Wenn man seinen gesunden Menschenverstand einsetzt und eher mal das Uber nimmt anstatt vor allem nachts alleine durch die Gegend zu laufen sollte man auch in Brasilien gut alleine zurechtkommen. Vor allem Joinville ist im Vergleich zum Rest Brasiliens sicher und ich war sogar abends (zwangsläufig bei Dunkelheit, weil es im Mai schon um 17Uhr dunkel wird) häufiger joggen. Aber es gibt wohl auch in Joinville Viertel, die man meiden sollte – allerdings sind das die Randbezirke der Stadt, in die man eher nicht spontan reinspaziert, da dort nichts zu sehen ist und die mir bekannten Krankenhäuser zentral gelegen sind. Ansonsten habe ich weniger in Joinville als vielmehr beim Reisen darauf geachtet immer den altebewährten Bauchbeutel mit den wichtigsten Sachen (Kreditkarte, Handy, Reisepasskopie, Bargeld…) umzuschnallen, noch einen weiteren Geldbeutel mit etwas Bargeld in meine Handtasche zu packen und generell nie mit allen wichtigen Dokumenten samt Geld und Karten in einer Tasche durch die Gegend zu flanieren (z.B. nahm ich generell nur Kopien mit vor die Tür; Sparkassenkarte hatte ich dabei, die Mastercard dann dafür im Hostel eingeschlossen…). Auch das Reisen verlief bei mir zum Glück ohne irgendwelche kritischen Zwischenfälle – ich bin viel alleine gereist und habe fast ausschließlich Überlandbusse (v.a. nachts) genommen. Das ist also wenn man will auch als Frau alleine gut machbar.
Das Handy kann man in Joinville eigentlich ohne schlechtes Gewissen auch vor der Tür benutzen und Musikhören beim durch die Gegendlaufen ist auch möglich. Generell habe ich das Handy vor allem dann benutzt wenn das auch Einheimische getan haben. Beim Reisen (v.a. in Rio) sollte man da aber äußerst vorsichtig sein und es wenn nur kurz zum Fotomachen an touristischen Orten bzw. einem gut überschaubaren Moment benutzen, da man v.a. in Rio schnell mal in Favela-Nähe ist ohne es zu wollen.

Geld

Bezahlt wird in Reis (Kurs war bei mir ca. 4,5:1). Da man in ganz Brasilien eigentlich überall auch die winzigsten Beträge problemlos mit Karte bezahlen kann, habe ich das mit der Sparkassenkarte gemacht, da hierbei keine Gebühren anfallen. Beim Abheben mit der Sparkassenkarte fielen bei mir jedes Mal Gebühren in Höhe von 1,50€ an – hier habe ich dann meine Mastercard benutzt. Die Banco de Brasil unterstützt Mastercards deshalb fallen hier keine zusätzlichen Gebühren an.
Bargeld generell am besten vor Ort abheben – selbst der Wechselkurs am Flughafen scheint besser zu sein als in Deutschland. Shoppingmalls (Müller…) haben Sowohl Geldautomaten als auch Wechselstuben. Ansonsten gab es in anderen Städten Wechselstuben im Zentrum – in Joinville habe ich nur welche in den Malls gefunden. Ich hatte Euros mitgenommen, um direkt nach Ankunft am Flughafen einen Teil davon zu wechseln, um meinen Flughafentransfer zum Hostel zu bezahlen. Der Wechselkurs ist im Flughafen allerdings ungünstiger als in den Malls oder Wechselstuben in den Zentren der Städte.
Generell sind die Preise sehr human im Vergleich zu Deutschland – im Vergleich zu anderen Lateinamerikanischen Ländern ist Brasilien allerdings relativ teuer.

Sprache

In Brasilien wird Portugiesisch gesprochen und das ist auch eigentlich die einzige Sprache auf der man sich wirklich gut verständigen kann. Mit Spanisch kann man sich je nach Gesprächspartner noch gut über Wasser halten. Schwieriger wird es da mit Englisch, da die Englischkenntnisse schockierenderweise selbst bei den Medizinstudenten kaum vorhanden und wenn dann eher in internationalen Settings wie Hostels und Flughafen zu finden sind. Da die Brasilianer generell sehr freundliche und geduldige Menschen sind, versuchen sie einen aber gerne zu verstehen und haben sich immer viel Zeit genommen aus meinem anfänglichen Portignol-Chaos irgendeine sinnvolle Information zu ziehen. Voller Lobeshymnen auf das beeindruckende Portugiesisch, das man so überraschend ja schon spricht, bekommt man dann immer irgendeine Antwort – ob sie stimmt oder nicht.;) In Joinville bzw. Santa Catarina (der Bundesstaat, in dem Joinville liegt) wird auch generell vor allem von der ältesten Generation z.T. etwas Deutsch gesprochen und verstanden. Hier freut sich niedlicherweise eigentlich jeder darüber mit einem dann die Sprache der deutschen Urgroßmutter „aufzufrischen“ bzw. ein paar deutsche Wörter in die Unterhaltung einzuwerfen. Spannend ist hier auf jeden Fall zu sehen wie das Deutsch noch in den Alltag integriert ist aber von dem Portugiesisch so beeinflusst ist, dass es beinahe nicht mehr als Deutsch zu erkennen ist.
Im Krankenhaus hat selbst die für mich von IFMSA-Seite offiziell zuständige Ärztin so gut wie kein Englisch gesprochen. Jeder war aber stets bemüht mir trotz Sprachlicher Hindernisse so viel wie möglich zu erklären – das wurde dann obwohl ich eigentlich am liebsten auf Portugiesisch gesprochen habe vor allem anfangs gerne auf Englisch versucht. Da aber sogar bereits am Anfang mein Portugiesisch besser war als das Englisch der Ärzte wurde dann schnell auf Portugiesisch gewechselt.
Ich denke Portugiesisch B1/B2 oder natürlich höher wären optimal um das Praktikum vollkommen nutzen zu können.

Verkehrsbindungen

Mit dem Uber kann man sich sehr günstig fortbewegen, was einen flott mal fauler werden lässt bei den großen Distanzen in Rio z.B., was aber aus dem Sicherheitsaspekt wiederum nicht allzu verkehrt ist.
Sehr günstig fand ich weiterhin die Fernbusse, die eigentlich jede Stadt Brasiliens vernetzen und regelmäßig und eigentlich überall hin mehrmals täglich fahren. Diese Busse sind meiner Meinung nach sicher – auch Brasilianer benutzen sie häufig. Teilweise sind sie je nach Busgesellschaft viel komfortabler als die deutschen Fernbusse, da man bei der leito-Option einen riesigen Sessel mit Fußhochlegefunktion hat.
Teuer wird es bei Inlands-Flügen, da Brasilien seit eh und je nur 3 Fluggesellschaften hat und davon nun auch noch eine pleite gegangen ist. Dementsprechend fehlt die Konkurrenz und die Flüge kosten einiges.
Am besten kauft man sich nach Ankunft in einer Stadt direkt das nächste Ticket in die nächste direkt an der Rodoviária (Omnibusbahnhof). Die Preise sind meistens identisch mit den online Preisen, nur funktioniert das Buchen online leider nicht ohne Brasilianische Steuernummer. Flüge kann man online kaufen, nur zum Einchecken braucht man wieder die Steuernummer – hier wird einem dann aber am Flughafen immer freundlich geholfen.
Innerhalb Joinville verkehren Busse, die man wohl problemlos nutzen kann – ich habe mich da sie ziemlich unzuverlässig waren immer für Uber (ca. gleich günstig) oder Laufen entschieden.

Kommunikation

Das Beste was man machen kann ist so bald wie möglich eine Sim-Karte mit Internet zu kaufen. Ich habe sie mir bei TIM gekauft – den Laden gibt es überall in Brasilien und man zahlt für die Prepaid-Sim-Karte plus Internet (2GB) um die 10€ (wenn ich mich nicht irre nach der Zeit). Hier wurde das Gesetz während ich in Brasilien war geändert und man braucht nun keine Brasilianische ID mehr um eine Sim-Karte zu kaufen.

Unterkunft

Gewohnt habe ich bei einer Brasilianischen Medizinstudentin in Joinvilles Zentrum. Der Kontakt wurde mir von der IFMSA Joinville gegeben, da jeder der in Joinville einen Austausch über die IFMSA macht selbst jemanden bei sich aufnehmen muss. Generell hatte ich hiermit wirklich Glück denn mein Host und ihre Familie, die wir ab und an mal gemeinsam besucht haben, waren wirklich sehr nett und interessiert an Deutschland und seiner Kultur – vor allem wegen den eigenen deutschen Vorfahren nehme ich an. Die Wohnung war sehr luxuriös und ich hatte mein eigenes Zimmer, Bad und teilte ansonsten Wohnzimmer, Küche mit meinem Host und das Pool und Basketball-Feld mit dem Haus. Bettwäsche usw. war alles da und einen Adapter braucht man nirgends in Brasilien.

Literatur

Vor Abflug habe ich mir die Seite des Auswärtigen Amts (Sicherheitshinweise, Impfungen), ein paar Travelblogs und vor allem meinen Lonely Planet genauer angeschaut. Der Lonely Planet ist super und findet meiner Meinung nach die richtige Balance was Sicherheitsempfehlungen angeht und im Flieger habe ich hiermit dann mal angefangen meine Reiseroute grob zu planen bzw. meine Must-Sees herauszusuchen, weil davor wegen Doktorarbeit usw. kaum Zeit hierfür blieb. Haltet ansonsten die Augen und Ohren offen was politische usw. Nachrichten aus Brasilien betrifft – das hilft Situationen realistischer einschätzen zu können und ist natürlich auch wirklich spannend zu sehen wie es dann tatsächlich vor Ort aussieht.
Was die Sprache betrifft habe ich ansonsten ab und an zugegebenermaßen eher pseudomäßig in das Komplettpaket Portugiesisch von Langenscheidt reingeschaut (ist aber wirklich sehr zu empfehlen!) und ansonsten immer mal wieder mit Babbel ein bisschen gelernt. Medizinische Literatur habe ich mir keine gesucht – Amboss hat das wichtigste ja auch in Brasilien überall parat.;)

Mitzunehmen

Mitgebracht habe ich Kittel (an manchen Tagen waren keine OPs und ich habe ihn tatsächlich den ganzen Tag gebraucht), Stethoskop und Gastgeschenke. Ansonsten Regenjacke vor allem für Joinville, das von den Einheimischen leider verständlicherweise auch chuville genannt wird, weil es tatsächlich fast jeden Tag regnet (dafür z.T. nur für ein paar Minütchen). Im Mai war Joinville eher kühl, einen Tag sogar mal ziemlich heiß aber immer schwül – packt also alles für den Zwiebellook ein.
Mückenspray auf jeden Fall mitnehmen und Adapter zuhause lassen. Zum Reisen empfiehlt sich eine Powerbank und eine leichte Decke wegen den äußerst arbeitseifrigen Klimaanlagen.

Reise und Ankunft

Gelandet bin ich in Rio de Janeiro (GIG – das ist der einzige internationale Flughafen Rios. Mich hat das anfangs etwas verwirrt deshalb schreibe ich das hier.) und hatte vom Flughafen dort im Vorhinein einen Transfer zum Hostel gebucht. Das war aber ziemlich teuer im Vergleich – man könnte sich dort auch per Wifi ein Uber rufen dann zahlt ihr ein Drittel. In Rio bin ich 4 Tage geblieben und dann weiter gereist Richtung Süden (Ilha Grande, Paraty, São Paulo, Iguaçu und dann von dort nach Joinville): Das hat alles problemlos per Bus geklappt – Brasilien ist aber rieeesig, macht euch dementsprechend auf lange Fahren gefasst. Ich habe die Fahrten dann meistens nachts erledigt, um mir das Hostel zu sparen.
12 Tage später kam ich dann am Tag vor Praktikumsstart in Joinville an und wurde von der IFMSA-Koordinatorin an der Rodoviária abgeholt und erstmal zum Frühstücken gebracht. Anschließend wurde ich dann direkt ihren Eltern zuhause vorgestellt und zum Mittagessen eingeladen und zwar – wie könnte es anders sein – in einen deutschen Biergarten!:D Mein Host habe ich dann am frühen Abend kennengelernt und mir wurde die Wohnung gezeigt und wir waren schon wieder essen.
Am nächsten Tag wurde ich von der IFMSA-Koordinatorin in das Krankenhaus gebracht, wo ein paar organisatorische Dinge (Verträge unterschreiben, Praktikumskarte abholen usw.) mit mir erledigt worden sind. Theoretisch hätte meine Famulatur an diesem Tag anfangen sollen – ich wurde dann aber zum Stadterkunden wieder nach Hause geschickt. Während meiner Famulatur durfte ich auch mal früher raus (wenn keine OPs waren hatte ich schnell mal den ganzen Tag frei), um mir ein paar Orte in der Nähe anzuschauen und am Wochenende war ich auch immer auf Reisen. Das Reisen kam also nicht zu kurz :D
Nach der Famulatur bin ich dann für weitere 10 Tage gereist – da ich auch wieder ab Rio zurück flog ging es dann wieder Richtung Norden (São Paulo, Brasília, Ouro Preto, Arraial do Cabo, Rio de Janeiro).

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Famultiert habe ich in der Kinderchirurgie im „Hospital Infantil Dr. Jeser Amarante Faria“. An den Tisch durfte ich immer und hier und da mal was abschneiden und halten. Irgendwann bin ich dann zum Kauterisieren und am letzten Tag noch unerwartet zum Nähen aufgestiegen. Alle waren immer bemüht mich einzubinden und wenn man sich nett allen vorstellt und Interesse zeigt darf man auch mal in andere Fachgebiete, die einen noch so interessieren reinschnuppern. Ich durfte mir die Neurochirurgie, Neuroradiologie und Neurophysiologie in zwei weiteren Krankenhäusern anschauen, was super war, um mal zu sehen wie private Krankenhäuser in Brasilien aussehen. Das Hospital infantil in Joinville soll laut der dort arbeitenden Ärzte wohl eines der besten öffentlichen Krankenhäuser Brasiliens sein und es hat auf mich auch einen relativ soliden Eindruck gemacht – die Hygiene war zwar nicht so topp aber ich hätte es mir schlimmer vorgestellt. Nördlich von Santa Catarina sollen in öffentlichen Krankenhäusern durch die häufig starke Korruption wohl ziemlich schlechte Zustände herrschen.
Generell war die Arbeitsatmosphäre super und es gab eine seeehr flache Hierarchie. Man hat sich als Teil des Teams gefühlt und keiner war sich zu schade sich Zeit für Erklärungen zu nehmen. Teilweise kamen die Ärzte auf mich zu, um mir einen interessanten Patienten vorzustellen oder nach der OP noch mehr Hintergrundwissen zu vermitteln. Obwohl Santa Catarina sehr fortschrittlich im Vergleich zum Rest Brasiliens ist und die Krankheitsbilder dementsprechend denen in Deutschland entsprachen, konnte ich hin und wieder ein paar Krankheiten sehen, die man in Deutschland so nicht mehr finden würde.
Außer mir gab es keine weiteren Austauschfamulanten, was ich anfangs etwas schade fand, da die Brasilianer eigentlich die ganze Zeit nur lernen und sie dementsprechend nicht so viel Zeit haben nette Dinge zu unternehmen. Hin und wieder gab es in der Kinderchirurgie aber auch Studentenunterricht zu dem ich mitgenommen wurde. Hier war es ziemlich leicht Leute kennenzulernen, da sich eigentlich jeder für einen interessiert. Da an meiner Uni der praktische Teil bei Chirurgie absolut zu kurz kommt mit Nahttechniken üben usw. waren alle mehr als glücklich als sie mich in einem Studentenkurs untergebracht haben, in dem man verschiedene Nahttechniken an Rinderzungen und leider später auch OPs an anästhesierten extra hierfür gezüchteten Kaninchen üben kann. In Joinville hat man nämlich neben der theoretischen auch eine praktische Chirurgie-Prüfung (am Kaninchen und der Zunge), weshalb diese Kurse regemäßig stattfinden. Die Studenten waren hierbei super niedlich und wollten mich unbedingt alles mal ausprobieren lassen, obwohl es eigentlich ihre Examensvorbereitung war. Da ich bereits eine Auslandsfamulatur hinter mir hatte (allerdings in Italien) dachte ich, dass auch diese Auslandsfamulatur eher Urlaub und weniger Lehre werden wird. Tatsächlich war es aber so, dass ich mit zusätzlichen Lehrangeboten nur so überschüttet worden bin und noch zusätzlich auf Konferenzen etc. eingeladen wurde. Da aber jeder Arzt immer stark dafür ist, dass man das Land auch genauer kennenlernen kann und einem gerne frei gibt, ist Joinville aus meiner Erfahrung optimal wenn man seine Prioritäten selbst setzen will – viel Reisen, viel Lehre oder ein Mittelding war hier immer möglich.

Land und Leute

Also zu allererst: Brasilien ist ein wundervolles Land und bei der riesigen Größe voller Gegensätze in Landschaft und Geschichte aber trotzdem Gemeinsamkeiten, was z.B. die Offenheit und Freundlichkeit der Bevölkerung angeht. Leider ist Joinville ausgerechnet weder schön noch spannend. Es war ganz witzig den brasilianisch-deutschen Kulturmischmasch zu sehen und wie sehr die deutsche Architektur mit Fachwerkhäusern, Brauereien, Oktoberfest usw. am anderen Ende der Welt kopiert werden. Blumenau (das deutscheste Dorf in Brasilien; einen Katzensprung von Joinville entfernt) hat das größte Oktoberfest der Welt nach München und es gibt z.T. brasilianische Oktoberfestmusik. Für Joinville spricht, dass man entspannt vor die Türe gehen kann was die Sicherheit angeht – nur gibt es dann nicht sooo viel zu bewundern ist man einmal aus er Tür. Man kann zum Mirante laufen (der Ausblick hier ist tatsächlich das einzig Lohnenswerte weshalb ich dort direkt mehrmals war), die Tanzakademie besuchen und angeblich auch mal ins Museum reingelassen werden können (habe ich bei meinen 5 Versuchen nur immer geschlossen vorgefunden – kleiner Tipp: Montags ist jedes Museum zu in Brasilien; da wird geputzt), Dementsprechend habe ich Joinville so bald es ging verlassen um Hübscheres zu sehen: Florianópolis (Hauptstadt Santa Catarinas und gleichzeitig Insel mit über 40 Stränden) ist traumhaft und nicht allzu weit, São Francisco do Sul (Fischerörtchen ca. 1h von Joinville und wirklich sehr schön!), dann Curitiba, Morretes (von Curitiba aus mit einem der wenigen Züge in Brasilien zu erreichen und eine wirklich atemberaubende Fahrt – was Ausblick aber auch mindestens genauso den wirklich sehr schwankenden Fahrtstil auf zig Metern Höhe betrifft).
Spannend war es natürlich gerade jetzt nach Brasilien zu reisen kurz nach der Wahl Bolsonaros und zu sehen wie unterschiedlich die Bevölkerung hiermit umgeht. Zwar wird nach meinem Eindruck in Brasilien nicht allzu viel über Politik diskutiert aber wenn es zu Gesprächen über Politik kam, haben diese einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Vor allem nach einer so tollen Erfahrung durch Famulatur und Reisen ist es schwer mit anzusehen wie schlecht es derzeit um Brasilien steht.
Mit meiner Gastgeberin bin ich sehr gut zurechtgekommen – sie war immer sehr freundlich und hat sich bemüht mir neben ihrer kontinuierlichen Lernerei ein nettes soziales Programm zu gestalten. Wir waren häufiger zusammen essen, haben am Wochenende ihre Familie in Jaraguá do Sul besucht oder waren gemeinsam in Balneario Camboriú (hier lohnt sich ein Ausflug definitiv– es ist das „Rio des Südens“ sogar mit eigener Christusstatue und Seilbahn).
Da ich kein Fleisch esse hatte ich z.T. kleinere Problemchen was das Essen angeht aber vor allem in Kilo-Restaurants (auch gegenüber des Krankenhauses), die in Brasilien überall zu finden sind, und man sich vom Buffet nehmen kann was man will und nach Kilopreis bezahlt, waren hierbei topp. Brasilianer essen nur leider seeehr fettig und wenn man sich vegan ernähren will dann wird es wirklich, wirklich nicht leicht.

Fazit

Es war eine wundervolle Zeit in Brasilien und auch Joinville war trotz anfänglicher Skepsis nicht der schlechteste Ort für eine Auslandsfamulatur. Es war beeindruckend zu sehen wie gastfreundlich und interessiert die Brasilianer auf völlig fremde Leute zugehen und wie die deutsche Kultur gerade im Süden so verwoben in den brasilianischen Alltag ist. Ohne zu zögern würde ich jedes Mal wieder eine Auslandsfamulatur über die bvmd nach Brasilien machen und plane schon den nächsten Brasilienurlaub, um mich nach meinem Staatsexamen zu belohnen. War man einmal da, kann man es glaube ich nicht lassen wieder zu kommen.
Vielen Dank bvmd, dass ihr uns die Möglichkeit gebt über euch diese wertvolle Erfahrung machen zu dürfen – man nimmt nicht nur aus kultureller Sicht sondern auch persönlich sehr viel mit!

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