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India (MSAI)

Chirurgie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Daniel, Mannheim

Motivation

Meine Motivation war hauptsächlich neue Kulturen kennen zu lernen und Fälle zu sehen, die man in Deutschland nicht alle Tage sieht.

Vorbereitung

Die Vorbereitungen waren samt Gesundheitscheck vielleicht langwierig, aber nicht kompliziert. Ein paar Impfungen (Typhus, Tollwut) und ein Päckchen Malerone als Standby war die medizinische Vorbereitung. Das Visum gab es ohne Probleme online und ist für 90 Tage am Stück gültig, bei kurzer Ausreise auch länger. Ansonsten hat mir meine Kontaktperson bei jeglichen Fragen zu Anreise und Unterbringung helfen können.

Visum

Das Visum gibt es online für 80$ und ich erhielt die Rückmeldung innerhalb einer Woche. Es reicht, die Pass und Flugdaten, sowie Geburtstag und ähnliche Informationen der Eltern parat zu haben. Eine Kontaktadresse in Indien wird auch abgefragt. Da kann man einfach die Adresse der Kontaktperson in Indien eintragen.

Gesundheit

Zu den Standardimpfungen im Medizistudium hab ich mich noch zusätzlich gegen Typhus und Tollwut impfen lassen. In die Reiseapotheke kam spezifisch noch eine Packung Malerone als Standby und Immodium schadet auch nicht. Reiseversicherung war notwendig und gibt es kostenlos bei der Apobank über die Axa. An Gesundheitstests mussten die in den Exchange Conditions aufgeführten Tests gemacht werden (HepatitisA, Tbc, HIV,...). Das ging alles über den Betriebsarzt der Uni.

Sicherheit

Ich kann jetzt keine spezifischen Gefahren benennen. Es gab zwar im Kashmir Unruhen, weil der Sonderstatus aufgehoben worden ist. Aber da das weit weg war, hat man davon nichts gespürt. Vor Ort sind alle eher übervorsichtig und Frauen müssen unter anderem um 21 Uhr wieder zurück im Hostel sein. Es gibt aber auch genug Leute, die ohne Probleme alleine im Land reisen.

Geld

Indien ist sehr billig. Man kann sich für unter 10€ (ca. 770 Rupien) einen ganzen Tag verpflegen. ATMs gibt es in den Städten zahlreich. Manchmal braucht man aber auch drei bis es klappt. Geld zum wechseln (€,$) sollte man also dabei haben.

Sprache

In Indien gibts es über 300 Dialekte. Viele Leute sprechen Hindi, die Gebildeten fast immer auch gut Englisch. Die Patienten selber sprechen oft nur den lokalen Dialekt, den selbst die Studenten oft nicht können. Gutes Englisch hat mir vollkommen gereicht.

Verkehrsbindungen

Flüge gibt es in die meisten Großstädte. 3 Monate vorher lagen sie bei um 500€, also mit Werbindungen (Preise absteigend). Beim Zug empfiehlt sich die Sleeper Class (SL) sowie eine Buchung mindestens zwei Wochen im voraus. Eine Stunde Verspätung ist nicht unüblich bei Bus und Bahn. Innerorts ist die App "ola" zum Taxifahren sehr empfehlenswert.

Kommunikation

Eine indische Sim empfiehlt sich, da man Buchungen meist per sms bestätigt bekommt. Entweder die CPs besorgen eine oder man braucht die Kopie vom Pass und Zeit. Dann gibt's für knappe drei Euro, einen Monat lang täglich 1,5 GB und unlimitierte Anrufe. Im Campus selbst haben wir keinen Zugang zum Internet bekommen.

Unterkunft

Auf dem Campus gab es getrennte Hostels für Männer und Frauen mit Ein- bis Zweizimmer Appartements samt eigenem Bad. Durch den Monsun war es sehr feucht und verschiedene Sachen haben angefangen zu schimmeln. Eine Spüle war vorhanden, sonst aber keine Einrichtung zur Selbstverpflegung. Für 2000 Rupien bekam man aber einen Monat lang drei Mahlzeiten täglich in der Hostel Kantine. Sollte man aber erst probieren, ob es einem schmeckt. Ansonsten bekommt man das Geld auch einfach vor Ort ausgezahlt.

Literatur

Medizinische Fachliteratur gibt es auf englisch vor Ort. Im Krankenhaus selbst liegen ältere Exemplare frei aus und eine Bibliothek gibt es auch. Auf Nachfrage habe ich eine zwei Wochen Amboss Testversion auf Englisch bekommen. Für die Reiseplanung hilft ein Lonelyplanet (30% Rabatt mit ISIC).

Mitzunehmen

Da ein etwas dreckiger Kittel vor Ort nicht sehr auffällt, reicht es, zwei Stück mitzunehmen. Weiße Hose, Stethoskop, Leuchte und Reflexhammer waren auf der Chirurgie komplett überflüssig. Sie verlangen offiziell zwar einen förmlichen Kleidungsstil, Sneaker reichen aber vollkommen!
Silica Gel Päckchen im Kampf gegen den Schimmel und kleine Gastgeschenke wären gut gewesen.

Reise und Ankunft

In Belgaum wurde ich von meiner CP vom Bahnhof abgeholt und direkt zum Hostel gebracht. Das war zwei Tage vor Praktikumsbeginn. Vor Beginn habe ich dann noch eine Tour durch den Campus bekommen und die restlichen Leute vom SCOPE kennen gelernt. Eine Vorstellung beim Chef der Chirurgie gab es erst am ersten Praktikumstag. Mein CP hat einfach einen PG auf mich aufmerksam gemacht, dem ich dann hinterher gelaufen bin. Der Chef der Chirurgie hat uns dann andere Ansprechpartner vermittelt und am Ende der Famulatur hat sich wieder jemand anders am meisten dafür interessiert, dass ich was zu tun bekomme.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Da ich zu den ersten Austauschstudenten gehört habe, die in der Chirurgie famulierten, war noch nicht klar, was genau wir machen sollen. Deshalb sollten wir erstmal mit den Studenten rumlaufen und nachmittags Unterricht mit den PGs besuchen.
Der erste Tag bestand darin in der Ambulanz auf den Chef zu warten und anschließend ging es zu einer gegenseitigen Vorstellung in sein Büro. Danach gab es noch eine kurze Führung durchs Krankenhaus.
Am ersten Samstag haben wir einen Unterricht zum Nähen und Knoten besucht. Im Endeffekt hat sich rausgestellt, dass wir Samstags eigentlich frei haben. Den Samstag konnte man sich aber so anrechnen lassen, dass man am Ende der Famulatur früher gehen konnte.
Montags ging es um 9 in der Ambulanz los. Wenn man es drauf anlegt, kann man mit den Studenten in einem Lehrraum rumsitzen, bis um 11 der Unterricht beginnt und dann ins Hostel gehen. Die Untersuchungen sind sehr kurz und die Diagnosen erfährt man eher aus den Berichten. Man sitzt einfach im Arztzimmer und schaut zu. Alle sind damit beschäftigt, Formulare auszufüllen und verlassen das Arztzimmer hin und wieder. Übersetzungen und Informationen gibt es nur auf Nachfrage.
Dienstag und Donnerstag geht es auf Station, genauer gesagt die Charity Station. Hier landen alle Patienten, die nicht für eine Behandlung zahlen können. Morgens werden alle Verbände abgenommen und die Wunden (unter anderem mit Wasserstoffperoxid) gereinigt und abgedeckt. Dann wartet man, bis der Chef vorbei kommt und rennt bei der Visite hinterher. Wenn man schnell genug ist, kommt man auch mit auf private Stationen. Verstehen kann man wenig, da man in dritter Reihe steht und lokale Dialekte gesprochen werden. Wenn man Glück hat, kann man danach helfen, Verbände neu anzulegen. Ansonsten stört es auch wenig, wenn man geht, da teilweise erstmal Papierkram ansteht.
Mittwoch und Freitag ist OP Tag. Beim ersten Mal wird man auf 9 Uhr einbestellt, nur um dann festzustellen, dass die OPs nicht vor 10 Uhr anfangen. Hygiene Mängel fallen hier am deutlichsten auf (Wiederverwendbare OP-Kittel, kein Desi oder Handtücher zum Einwaschen vorhanden ). Anfangs steht man wieder in der dritten Reihe und schaut hinter vielen anderen Studenten zu. Mit ein bisschen nachfragen durfte ich ab der zweiten oder dritten Woche assistieren und nähen. Wenn man was anderes bzw. mehr Praktisches machen will am besten an PGs im letzten Jahr wenden.
Die Struktur ist streng hierarchisch und in Anwesenheit der Profs traut sich keiner zu Reden oder den Blick vom Boden zu heben. Spätestens auf die dritte Frage erhält man ein "read about it" und der Prof schaut aufs Handy und hat kein Interesse mehr an einem. Im Unterricht werden entweder PowerPoint Folien runter gerattert oder Patienten im Flüsterton vorgestellt. Dabei verlieren sich die Zwischenfragen der Profs manchmal in lächerlichen Details. Nach einer Woche ist mir der Unterricht zu doof geworden und mir wurde auf Nachfrage angeboten, an der Abendvisite teilzunehmen. Die beste Visite war, als kein Prof dabei war und die PGs sich Zeit genommen haben Diagnosen und deren Hintergründe zu erklären.
Insgesamt verbringt man viel Zeit mit Warten und dazwischen macht man auch nicht sehr viel selber.

Land und Leute

Unter der Woche kann man nicht viel machen in Belgaum, vor allem während der Monsunzeit. An einem Tag wurde der komplette Unterricht wegen Flutwarnung abgesagt. Frauen durften an diesem Tag ihr Hostel nicht verlassen, hin und wieder ist der Strom ausgefallen. Passiert ist aber am Campus nichts schlimmes.
Es gibt ein langes Regelbuch mit einer Liste von Strafen bei Regelbrüchen. Manche davon sind nicht ganz nachvollziehbar oder werden auch gar nicht durchgesetzt. Zum Beispiel müssen Frauen um 21 Uhr zurück im Hostel sein, außer man geht für die ganze Nacht ins Hotel. Männer sollten um 22 Uhr im Hostel sein, bei denen kümmert sich aber keiner um die Einhaltung.
Da meine CP Klausuren hatte, die wegen der Flutgefahr dann noch verschoben wurden, konnte er mir erst am letzten Abend die Stadt zeigen: das imposante Parlamentsgebäude und der Jain Tempel im Fort sind wirklich sehenswert. Am Markt kann man sich mit typisch indischer Kleidung eindecken. Das lokale Social Programm hat sich auf einen Abend mit Bowling und Essen gehen beschränkt. Am Nationalen Sozialprogramm konnten wir nicht teilnehmen, da es zu weit weg war.
Wochenends kann man nach Bangalore, Goa, Hampi (eine alte hinduistische Metropole mit vielen Tempelruinen) fahren oder Wasserfälle in der Region anschauen; falls der Regen noch Straßen übrig gelassen hat. Ein Besuch im Kino ist auch sehr interessant. Vor allem bei patriotischen Filmen wie Mission Mangal über die erfolgreiche indische Marsmission wird der Nationalstolz mit Pfeifen und Jubeln untermalt. Auf Reisen haben wir uns auch eigentlich meist sicher gefühlt. Spät nachts sollte man aber auch nicht mehr draußen sein als unbedingt nötig. Meist ist in kleinen Städten dann eh nicht mehr viel los.
Das Essen ist anfangs ein bisschen scharf, aber in der Kantine kann man immer kostenlos Joghurt dazu verlangen. Auf der Strasse kann man verschiedene Snacks kaufen und ist eigentlich auf der sicheren Seite, wenn man in gut besuchte Restaurants geht. Fastfood ist nicht unbedingt milder als das restliche Essen. Das Leitungswasser ist nicht zum trinken geeignet.
Vom Geld her sollte man immer versuchen zu handeln. Das erste Angebot liegt vor allem bei Taxis gern bei über dem Dreifachen des normalen Wertes. Für Taxis gibt es aber genug Apps wie Uber und Ola.
Kulturell ist Indien eine Mischung aus verschiedenen Religionen wie Hinduismus, Jain, Islam und teilweise auch dem Christentum. Ich hatte den Eindruck, dass das alles friedlich nebeneinander geht. Jedoch gab es im Norden ein neues Bürgerregister, das ursprünglich inoffiziell darauf abgezielt war, hauptsächlich Muslime aus Bangladesch wieder zurück zu führen.

Fazit

Meine Erwartungen wurden aus medizinischer Sicht leider nicht erfüllt, da man wenig praktisch machen darf und vor allem nur an zwei von fünf Tagen überhaupt in den OP kommt. Interessant war es trotzdem, weil vor allem Wunden teils sehr fortgeschritten waren, bevor mit einer Behandlung begonnen wurde.
Anscheinend ist die Radiologie wesentlich interessanter und lehrreicher in Indien.
Kulturell konnten wir im Ort selbst nicht viele Erfahrungen sammeln, die Ausflüge in die Umgebung waren aber sehr erlebnisreich.

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