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Spain Catalonia (AECS)

Chirurgie - SCOPE (Famulaturaustausch)
Anonym

Motivation

Für mich war an dem Gedanken einer Famulatur im Ausland vor allem reizvoll ein anderes Gesundheitssystem und eine andere Kultur kennenzulernen, aber auch meine Sprachkenntnisse in Spanisch zu verbessern. Da ich für meinen Bewerbung auf Länder in Südamerika eine Absage erhalten hatte entschloss ich mich dennoch die Chance zu nutzen und mein Spanisch aufzubessern und mich auf den Restplatz in Katalonien zu bewerben.

Vorbereitung

Ich habe mir den Sprachführer von Kauderwelsch in Katalán besorgt und ein Spanischwörterbuch zu fachlichen Ausdrücken ("Spanisch im klinischen Alltag"), sowie ein Spanischgrammatikbuch.
Ansonsten habe ich mich nicht besonders auf die Famulatur vorbereitet.

Visum

Da Spanien (Katalonien) ein EU-Land ist, musste ich kein Visum beantragen.

Gesundheit

Mit der EU-Krankenversicherungskarte wird man problemlos behandelt. Für kleinere Probleme gibt es viele Apotheken mit einem vergleichbaren Sortiment wie in Deutschland.

Ich habe im Vorfeld einen Tuberkulinhauttest machen lassen müssen.

Sicherheit

Lleida ist eine kleine Stadt, in der man sich um seine Sicherheit keine größeren Sorgen machen muss als in Deutschland.
Nahe des Stadtzentrums gibt es ein etwas ärmeres Viertel in dem uns von spanischen Studenten abgeraten wurde abends allein herumzulaufen.

Geld

In Spanien zahlt man mit dem Euro. Die Lebenserhaltungskosten sind in etwa vergleichbar mit denen in Deutschland. Die Lebensmittel erschienen mir manchmal etwas günstiger als in Deutschland, auch essen zu gehen kann günstiger sein.

Sprache

In Katalonien ist die meistgesprochene Sprache Katalanisch, Castellano (Spanisch) spricht man aber auch jeder . Die meisten Studenten können auch gut Englisch sprechen, jedoch spricht ein Großteil der Ärzte nicht so richtig gut Englisch, sodass es für einen Austauschstudenten, der kein Spanisch spricht mitunter - abhängig vom Fachbereich - schwer sein kann zu kommunizieren. Die meisten Ärzte geben sich trotzdem sehr viel Mühe auf Englisch zu erklären, jedoch mangelt es da dann oft an Ausdrucksmöglichkeiten und so an der Möglichkeit von der Famulatur zu profitieren.

Verkehrsbindungen

Am besten kommt man nach Lleida, wenn man den Flieger nach Barcelona-Sants/Barcelona-Girona oder Barcelona-Reus nimmt. Von da kann man gut mit dem Zug fahren, dabei sind die Züge von RENFE sehr schnell (nach Barcelona knapp 1h), die Rodalies jedoch günstiger. Die Tickets für RENFE sollte man früh buchen, die Rodalies-Tickets kann man am selben Tag noch am Bahnhof kaufen.
In Lleida kommt man gut zu Fuß überall hin.
Um die Umgebung um Lleida herum erkunden zu können (vor allem wenn man in die Natur möchte) lohnt es sich mitunter sich einen Mietwagen in der Gruppe zu holen. Das haben wir nicht geschafft, wäre aber bei vielen Ausflügen sehr hilfreich gewesen.
Ansonsten lassen sich die Städte in der Umgebung (Zaragossa, Barcelona, Tarragona) gut mit dem Zug erreichen.

Kommunikation

In unserem Wohnheim hatten wir WLAN und da in der EU das Roaming freigeschaltet ist, konnte ich problemlos über meinen deutschen Handyvertrag das Internet nutzen, wenn ich unterwegs war.
Es ist nicht notwendig eine spanische SIM-Karte zu erwerben.

Unterkunft

Alle 8 Austauschstudenten waren in "La Vila de Lleida" untergebracht, einem sehr modernen Wohnheim mit kleinem Fitnessstudio, Tischtennis und -kicker, Waschraum und einer 24h besetzten Rezeption (Kommunikation zumeist aber nur in Spanisch möglich) und vor allem Klimaanlage. Jeder hatte sein eigenes Zimmer mit Bad. Zu zweit haben wir uns immer eine Küche geteilt. Insgesamt also sehr komfortabel, jedoch etwas steril. Das Wohnheim liegt auch etwas abseits des Zentrums, so 30-40 min zu laufen. Das Krankenhaus konnte man jeden Morgen in gut 20 min Gehzeit erreichen.
Nach sauberer und intakter Rückgabe des Zimmers gab es 70 € Kaution zurück.
Bettwäsche sollte man selbst mitbringen, am besten auch ein Kissen.

Literatur

Wer sich für die katalanische Sprache interessiert, dem kann ich den Kauderwelsch "Katalonisch Wort für Wort" Sprachführer empfehlen.
Um ein bisschen an seiner spanische Fachsprache zu arbeiten gibt es von Lehmanns Media "Spanisch im klinischen Alltag".

Mitzunehmen

Mitnehmen sollte man auf jeden Fall ein Kissen und Bettwäsche, diese werden vom Wohnheim nicht zur Verfügung gestellt. Zur Not kann man sich aber auch an der Rezeption für 20€ Bettwäsche ausleihen.
Vielleicht empfiehlt es sich auch Waschmittel und etwas Gewürze mitzunehmen, dann muss man die nicht vor Ort extra kaufen.
Fürs Krankenhaus ein paar Schuhe, Kittel und Stethoskop.

Reise und Ankunft

Die Anreise ist relativ einfach. Wir wurden alle von unserer Kontaktperson am Bahnhof abgeholt und zum Wohnheim gebracht. Vom Bahnhof läuft man sonst 40 min.
Am ersten Tag hat uns ein spanischer Student ins Krankenhaus gebracht und unserem verantwortlichem Arzt vorgestellt.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich war in der Thoraxchirurgie eingeteilt. Meine Aufgabe war vor allem die "Observation". Im August waren 4 Ärzt*innen für die Thoraxchirurgie zuständig, jedoch muss man sagen das im August nicht so sonderlich viel los ist, da die meisten Spanier*innen in die Ferien ans Meer oder in die Berge fahren und auch viele der Ärzt*innen Urlaub haben. Sodass die Thoraxchirurg*innen im Schnitt für 4 Patient*innen am Tag zuständig waren.
Der Tag begann zwischen 8.15 Uhr und 8.30 Uhr, dann ging es mit der Visite los, die bei 4 Patient*innen jedoch nicht sonderlich viel Zeit in Anspruch nahm. Immer Montags und auch einen Mittwoch war OP-Tag und da der August den Lungenkarzinompatient*innen gewidmet ist, konnte ich zumeist bei einer Lungenteilresektion zuschauen. Das ging dann meist so bis 14.30 Uhr/15.00 Uhr. Der Chefarzt ist hierbei sehr bemüht viel zu erklären und hat mir mehrfach die Möglichkeit gegeben mich steril zu machen um besser sehen zu können und zum Teil auch verschiedene Strukturen bzw. den Tumor auch mal "anfassen" zu können. Selten wurde ich auch mal gefragt die ein oder andere Struktur zu benennen. In der Regel wurde pro OP-Tag nur eine Operation durchgeführt. Außer Lobektomien - sowohl offen, als auch VATS- konnte ich mir noch Mediastinoskopien anschauen, auch hierbei hat der Chefarzt viel erklärt. Am Donnerstag ist in der Regel Zeit für die Ambulanzsprechstunde. Diese war für mich sehr interessant, jedoch ist es wenn man kein Spanisch versteht schwer hiervon etwas mitzunehmen, da selten die Zeit bleibt viel zu erklären und auch nicht alle Ärzt*innen gewillt waren zu übersetzen. Die Patient*innen in der Ambulanzsprechstunde kamen aus verschiedensten Anlässen: zur Nachkontrolle nach einer Lobektomie, zur Aufklärung vor einer geplanten Lobektomie, Patient*innen mit vergangenen Pneumothorax, eine Patientin mit Endometriose im Thorax.
Die restlichen Tage verliefen eher ruhig und ich wurde oft recht früh nach Hause geschickt, da die Ärzte nur Dokumentationsarbeit am Computer verrichtet haben.
Der Chefarzt hat mir aber auch die Möglichkeit gegeben, in andere Fachgebiete reinzuschnuppern, wenn in der Thoraxchirurgie mal nicht so viel los war, sodass ich 2 OP-Tage in der Gynäkologie verbracht habe.
Generell war die Atmosphäre sehr angenehm und ich habe mich sehr wohl gefühlt, die Ärzt*innen sind sehr freundlich miteinander und auch mit mir umgegangen und haben Ausflugstipps für das Wochenende gegeben.
In meinem Fachbereich, der Thoraxchirurgie, wurde vor allem Castellano gesprochen, weil ein Arzt aus Südamerika kam, jedoch sprechen auch viele Ärzt*innen mit den Patient*innen und untereinander Katalanisch, was dann schwer zu verstehen ist.
Fachlich gesehen habe ich insgesamt weniger mitgenommen, als ich es in Deutschland vermutlich getan hätte, das liegt vor allem daran das im August in diesem Krankenhaus Urlaubszeit ist und andererseits daran das Tätigkeiten wie z.B. das Blutabnehmen Aufgabe der Schwestern sind.
Das Gesundheitssystem in Spanien ist vom Standard her vergleichbar mit dem Deutschen. Das Medizinstudium hingegen verläuft ungleich kompetitiver und auch die Arbeit wird schlechter bezahlt als in Deutschland. Nachdem man 5 Jahre studiert hat und dann eine Art Praktisches Jahr absolviert kommt eine große Prüfung, hierbei ist die Note von großer Bedeutung. Da sich die jeweils besten ihr Wunschfachgebiet aussuchen dürfen. Wer also eine schlechtere Note hat kann Pech haben, das das gewünschte Fachgebiet nicht mehr verfügbar ist.

Land und Leute

In Lleida wie auch in anderen Städten Kataloniens findet man immer noch mal mehr mal weniger die gelben Schleifen und katalanischen Flaggen der Unabhängigkeitsbewegung . Auch im Gespräch mit den Studenten vor Ort merkt man das es definitiv noch ein sehr aktuelles Thema für die Bevölkerung ist. Das hebt es vermutlich etwas ab von den anderen Städten Spaniens.
Lleida an sich ist keine besonders schöne oder touristische Stadt. Es gibt eine alte Kathedrale, welche ein schöner Ort ist um den Sonnenuntergang bei einem Bier oder Wein anzuschauen. Ansonsten hat Lleida aber nicht viel mehr zu bieten als eine Shoppingmeile, wie in jeder anderen Stadt auch. Man kann dennoch sehr gut und lecker essen gehen (z.B. "Canas y Tapas"). Auch gibt es ein Schwimmbad in der Stadt, was die im August doch sehr sehr hohen Temperaturen (meist über 36°) erträglicher macht. Wer gerne Bouldern geht, dem kann ich nur "Boulder Indoor" empfehlen, aber auch da ist es von Vorteil ein Auto zu haben oder jemanden zu kennen der eines hat. Wir hatten Glück das eine spanische Medizinstudentin auch ein sehr großer Fan von Bouldern ist und uns mehrmals die Woche abgeholt hat um Bouldern zu gehen.
In der Umgebung gibt es für outdoorbegeisterte Menschen viele Möglichkeiten zu wandern (auch sehr warm im August) oder zu klettern. Dafür braucht man zumeist aber das schon erwähnte Auto.
Um in die umliegenden Städte wie Saragossa, Barcelona, Tarragona, Valencia oder Huesca zu kommen ist die Zuganbindung jedoch völlig ausreichend. Die anderen Austauschstudenten haben die Wochenenden rege genutzt um sich diese Städte anzuschauen.
Wer gerne Freizeitparks mag, dem ist wohl Portaventura zu empfehlen.
Das ist wohl der größte Vorteil an Lleida, das es sich um ein relativ ruhiges Städtchen ohne großen Touristentrubel handelt. Trotzdem ist es so gelegen, dass man recht schnell ans Meer kommt aber auch gut in die Berge. Es lohnt sich auf jeden Fall sich voher damit zu beschäftigen was man sich denn anschauen möchte.
Insgesamt haben sich die Studenten der AECS auch sehr viel Mühe mit dem Social Program gegeben, sodass einem eigentlich gut beschäftigt war. Wir waren zusammen bowlen, haben die für Katalonien typischen Schnecken in einem Restaurant gegessen. Es gab eine International Food and Drink Party und einen gemeinsamen Spieleabend im Wohnheim. Auch haben wir zusammen eine kleine Wanderung gemacht und sind zusammen an den Strand gefahren. Es waren auch noch gemeinsame Ausflüge nach Portaventura und Cambrils geplant.

Fazit

Meine Erwartung mein Spanisch zu verbessern hat sich definitiv erfüllt, auch wenn es durch das Katalanisch natürlich nochmal etwas erschwert wurde. Was ich nicht erwartet hatte, aber umso mehr schätze, ist der Austausch mit den anderen Austauschstudenten. Wir waren am Ende eine sehr durchmischte Gruppe (aus Spanien, Griechenland, Belgien, Indonesien, Serbien und der Ukraine), sodass es für mich von sehr viel Wert war über das Medizinstudium und jeweiligen Gesundheitssysteme und Arbeitsbedingungen in den Ländern zu erfahren. Das ist der Hauptgrund warum ich mir vorstellen könnte nochmal eine Famulatur im Ausland zu wagen.
Spanien bzw Katalonien werde ich definitiv nochmal bereisen, denn es hat definitiv mehr zu bieten als nur die Costa Brava, es gibt wunderschöne Nationalparks in den Pyrenäen (z.B. den Aigüestortes Nationalpark) und auch das Hinterland von Tarragona (Serra de Montsant) bietet tolle Möglichkeiten zu Klettern und zu Wandern - vielleicht aber besser nicht im August, denn da ist es zwar leer, aber dafür auch sehr warm.

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