zurück

Brazil (IFMSA Brazil)

Chirurgie - SCOPE (Famulaturaustausch)
Anonym

Motivation

Ich wollte gerne ins Ausland, weil ich nach der Schule fast direkt angefangen habe zu studieren und mich sehr die Reiselust gepackt hat nach der anstrengenden Vorklinik. Da ich schon fast überall in Europa und auch in Teilen Afrikas war und mit 15 Jahren ein Jahr in den USA verbracht habe, standen für mich Südamerika und Asien zur Auswahl. Ich habe mich dann für Südamerika, Brasilien, entschieden, weil es für mich aufregender war und ich mich für die dortige politische Situation interessiert habe. Ich hatte die Erwartung, dass es für mich persönlich eine Herausforderung werden würde und ich erwartete ein freundliches, schönes und sehr anderes Land.

Vorbereitung

Eigentlich habe ich mich kaum vorbereitet, da ich Brasilien über die Restplätze von der bvmd bekommen habe. Als ich dann die überraschende Zusage bekommen habe, hab ich mich natürlich erstmal ausführlich im Internet informiert, was mich aber eher negativ beeinflusst hat. Da im Internet gerne Horrorstories über den Aufenthalt im jeweiligen Ausland berichtet werden, haben auch mich die in Brasilien potentiell herrschenden Gefahren verunsichert. Dies war völlig unnötig!
Deshalb mein Tipp: nicht zu viele Erfahrungsberichte zur Sicherheit etc. angucken, wenn man sich davon leicht verunsichern lässt.
Ausserdem habe ich mir die App Babbel runtergeladen und den Monat vor meiner Abreise ein wenig Portugiesisch gelernt.

Visum

Man muss für Brasilien kein Visum beantragen, da man ein drei monatiges Aufenthaltsrecht hat.

Gesundheit

Ich bin vor der Abreise zum Tropeninstitut gegangen und habe mich informiert. Auch hier würde ich leider „über“beraten, da ich sowohl die Gelbfieber-Impfung als auch drei Tollwut Impfungen bekommen habe. Die Tollwut Impfung war vollkommen überflüssig, da man im Süden Brasiliens kaum in Kontakt mit tollwütigen Tieren kommen kann und man im Fall der Fälle die komplette Behandlung hier kostenlos bekommt. Außerdem wurde mir im Tropeninstitut auch geraten, ein Mosquito-Netz mitzunehmen, das hatte dann in meiner Stadt niemand, da es unnötig war.
An Medikamenten habe ich nur Ibuprofen mitgenommen und ansonsten keine weiteren.

Sicherheit

Ich habe keine zusätzlichen Versicherungen abgeschlossen, da meine Krankenkasse meinen einmonatigen Aufenthalt in Brasilien abgedeckt hat. Ausserdem ist das Gesundheitssystem hier in Brasilien so, dass jeder Anspruch auf eine kostenlose umfassende medizinische Versorgung hat, egal ob Einwohner oder Ausländer (universal health coverage).
Die Sicherheitslage war viel schlimmer angekündigt, als sie tatsächlich war. Ich habe Dinge im Internet gelesen, die mir wirklich Angst gemacht haben und Überfall und Mord erschien mir wie eine alltägliche Sache. Dem ist Gott sei dank nicht so. Ich konnte in meiner Stadt ganz normal zu Fuß überall hinlaufen, ohne Gefahr zu laufen, überfallen zu werden. Was mir aufgefallen ist, ist dass die Einheimischen selbst über ihr Land sagen, dass es sehr gefährlich sei. Bevor ich nach Rio de Janeiro gefahren bin, wurde mir von allen gesagt, wie unglaublich gefährlich es sei und dass Sie Rio deshalb nicht so gerne mögen, aber ich habe mich dort kein mal unsicher gefühlt. Natürlich muss man eine gewissen Vorsicht immer beibehalten, besonders in einer Großstadt wie Rio de Janeiro, aber wenn man sich mir gesunder Aufmerksam durch die Stadt bewegt, kann einem eigentlich nichts passieren. Dazu gehört, nachts nicht alleine auf menschenleeren Straßen laufen und sich nicht lauthals als Tourist präsentieren. Allerdings war es auch kein Problem mal sein Handy rauszuholen und auf die Karte zu gucken.
Alles in allem habe ich mich wirklich nie unsicher gefühlt, was ich bei meinen Vorbereitungen nie gedacht hätte, weshalb ich sehr positiv überrascht bin.

Geld

Die Währung in Brasilien ist Real. Ein Real entspricht etwa 0,22€, ich habe deshalb immer alles durch 4,5 gerechnet. Die Lebenshaltungskosten sind in Brasilien sehr günstig, man kann sehr gut für 4,50€ in einem Restaurant essen gehen und im Supermarkt ist auch alles sehr preiswert, außer die importierten Waren, wie zum Beispiel Süßigkeiten.
Ich habe in Brasilien fast alles mit Kreditkarte bezahlt, das ging sehr gut. Man braucht so gut wie nie Bargeld, außer bei den öffentlichen Verkehrsmitteln. Außerdem wäre es besser, für den Fall der Fälle immer ein wenig Bargeld bei sich zu tragen. Ich habe mein Bargeld einfach an einer normalen Bank abgehoben, man hat hierfür etwas Gebühren bezahlt, aber ich habe am Anfang viel abgehoben und das hat dann für den Monat gereicht.

Sprache

In Brasilien wird Portugiesisch gesprochen. Ich habe vor meinem Aufenthalt ein Semester Spanisch gelernt, aber die Sprachen ähneln sich in etwa so wie Holländisch und Deutsch: Wenn man eine Sprache sehr gut spricht, versteht man etwas die andere, aber mehr auch nicht. Das war bei mir also nicht der Fall.
Ich habe ein Monat vorher ein bisschen Portugiesisch mit der Sprachapp Babbel geübt und mir ein kleines Wörterbuch mit den Basics gekauft, das ich am Anfang immer dabei hatte. Ich konnte mich am Anfang der Famulatur nur vorstellen und ein bisschen höflich Grüßen, mehr nicht.
Man hört viel, dass man in Brasilien unbedingt Portugiesisch sprechen muss, um sich zurecht zu finden, weil angeblich niemand Englisch spricht - auch das war bei mir nicht so. Die meisten konnten ein bisschen Englisch, soweit, dass wir uns, ich mit meinem schlechten Portugiesisch und sie mit ihrem nicht sehr guten Englisch, verständigen konnten. Man lernt Portugiesisch auch recht schnell. Meine Gastmutter konnte gar kein Englisch, weshalb ich jeden Tag gezwungen war, ein bisschen Portugiesisch zu sprechen, das war sehr gut für mich. Also lass dich nicht einschüchtern wenn du Portugiesisch nicht so gut oder gar nicht kannst, es klappt auch so! Natürlich sind gute Sprachkenntnisse immer von Vorteil, also wenn du die Zeit hast, übe Portugiesisch, das wird Dir den Aufenthalt auf jeden Fall erleichtern.

Verkehrsbindungen

Ich bin nach Brasilien geflogen und wurde am Flughafen von São Paulo von meiner Gastfamilie abgeholt. In meiner Stadt bin ich fast überall hin gelaufen, habe also nie einen Bus genommen. In São Paulo City und Rio de Janeiro ist das U-Bahn Netz sehr gut und übersichtlich, aber meistens ist ein Uber, wenn man es sich zu zweit teilt, genauso teuer wie zwei Bahn Tickets.
Nach Rio de Janeiro bin ich mit einem Reisebus gefahren, der war super bequem und bestens ausgestattet! Das ganze hat mich etwa 40€ gekostet (Hin- und Rückfahrt), also wirklich nicht teuer. Die Busse waren immer sehr zuverlässig und von São Paulo nach Rio de Janeiro ist stündlich ein Bus gefahren.

Kommunikation

Ich habe mir als erstes in Brasilien eine neue SIM-Karte gekauft mit ca. 10€ Guthaben für den ganzen Monat, das hat gereicht. Dann hatte ich überall Internet und konnte im Notfall Google translate benutzen. Das hat auch super geklappt.
Meine Familie in Deutschland habe ich ca. zwei mal die Woche über WhatsApp angerufen, auch das war kein Problem.

Unterkunft

Ich bin bei einer Gastfamilie untergekommen, das war wirklich super! Mein LEO (local exchange officer) hat sie für mich gefunden und die Familie hatte schon zuvor mehrere Gastkinder bei sich aufgenommen.
Meine Gastfamilie war sehr nett und hat mir alles gestellt. Ich hatte ein eigenes Zimmer mit Bad und durfte alles von ihnen benutzen. Auch Essen wurde mir komplett gestellt, sodass ich abends immer zusammen mit meiner Gastmutter und Gastschwester gekocht und gegessen hab. Mein Gastvater war nur am Wochenende bei uns, da er unter der Woche in Rio de Janeiro gearbeitet hat. Ich habe mich sehr wohl gefühlt.

Literatur

Ich habe ein Wörterbuch mitgenommen, das ich anfangs immer dabei hatte. Hier waren auch viele wichtige medizinische Ausdrücke dabei, es war von Langenscheidt. Hierbei Vorsicht: Portugiesisch ist nicht gleich Portugiesisch. Man muss darauf achten, ein brasilianisches Portugiesisch Buch zu kaufen.
Für medizinischen Fragen hatte ich die Amboss-App, die auch in Brasilien wunderbar funktioniert hat.

Mitzunehmen

Ich hatte normale Klamotten dabei und zwei paar Sneakers, da ich das zweite Paar für das Krankenhaus gedacht hatte. Allerdings war das überflüssig, da man in Brasilien einfach in seinen normalen Straßenschuhen im Krankenhaus rumläuft, sogar im OP. Außerdem hab ich mir zur Sicherheit alle möglichen Dokumente kopiert und mitgenommen, darunter auch meinen Impfpass, das habe ich alles nicht gebraucht, aber es konnte nicht schaden. Ich habe mir viele winterliche Sachen mitgenommen, was gar nicht unbedingt nötig war, denn auch im Winter hat es in Brasilien meistens über 20 Grad.

Reise und Ankunft

Meine Anreise verlief problemlos. Ich wurde von meiner Gastfamilie sehr nett empfangen. Das war sehr schön. Ich bin an einem Samstag um 6 Uhr morgens angekommen und wurde gleich mit auf ein Fest von Freunden der Familie genommen. Hier hab ich direkt viel verschiedenes Essen gegessen und habe mit vielen verschiedenen Leuten geredet, die mich alle gleich zu Ihnen nach Hause eingeladen haben. Leider musste ich mich wohl erstmal an das andere Essen gewöhnen, weshalb ich mich in der Nacht von Samstag auf Sonntag übergeben musste und den Sonntag im Bett verbracht hab. Montag habe ich meinen LEO vor dem Krankenhaus getroffen und sie hat mich an eine Gruppe von Studenten vermittelt, mit denen ich den Tag verbracht habe und die mich allen wichtigen Leuten vorgestellt haben.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich war auf der allgemein-chirurgischen Station und habe hier alle mögliche verschiedenen OPs sehen können. Die Ärzte haben sich alle viel Mühe gegeben um mir alles auf englisch zu erklären, was natürlich nicht immer möglich war. Meistens stand ich neben dem OP-Tisch beim Anästhesisten, viel näher als es in Deutschland möglich gewesen. Ein paar mal durfte ich auch direkt mit am Tisch stehen und Haken halten oder den Patienten zunähen. Wenn ich mit den Gefäßchirurgen war, durfte ich ganz viel machen: ich habe sowohl einen Fuß, als auch einen Zeh amputiert. Ich durfte auch ein paar mal mit dem Anästhesist zusammen Patienten intubieren. Das war wirklich sehr lehrreich.
Alle waren sehr nett zu mir und haben versucht mich mit einzubinden. Da ich erst im 5. Semester in Deutschland bin, war vieles für mich noch sehr aufregend und neu und hat mir deshalb viel Spaß gemacht. Nicht selten bin ich auch mit den Studenten in ihren Unterricht mitgegangen, der sowohl akademisch als auch didaktisch sehr interessant war. Da die Professoren immer PowerPoint Präsentationen hatten, konnte ich das meiste lesen und verstehen. Die medizinischen Begriffe sind fast alle gleich, werden nur anders ausgesprochen und sind daher ausgeschrieben verständlich. Dabei konnte ich vieles aus dem Unterricht aus Deutschland wieder erkennen und zum Teil auch Neues lernen. Didaktisch war es deshalb interessant, da die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler in Brasilien ganz anders ist als in Deutschland. In Brasilien scheinen alle miteinander befreundet zu sein, alle sprechen sich mit dem Vornamen an und Umarmungen und Küsse sind ganz normal. Keiner scheint sich im Unterricht nicht zu trauen, etwas zu sagen und die gesamte Atmosphäre ist sehr locker. Nicht selten ist der Professor vom Thema abgekommen und hat etwas sehr persönliches erzählt oder Witze gerissen. Das hat mir sehr gut gefallen und meiner Meinung auch den Unterricht deutlich lehrsamer gemacht.
Das Studium in Brasilien ähnelt dem Deutschen sehr, auch dort sind es 6 Jahre und es gibt eine ähnliche Aufteilung in Klinik und Vorklinik. Allerdings wird in Brasilien sehr viel früher Wert auf Patientenkontakt gelegt und die Studenten dürfen viel mehr am Patienten machen unter Aufsicht ihres Lehrers. Das hat mir sehr gut gefallen. Die Studenten werden in Gruppen aufgeteilt und dürfen ganze ambulante Sprechstunden alleine führen und auch die Nachsorge der Patienten wird nicht selten komplett von Studenten übernommen. Ich finde das ist wirklich super um viel und gut zu lernen.

Land und Leute

Die Menschen in Brasilien sind wirklich sehr gastfreundlich und herzlich! Ich habe mich direkt wohl gefühlt und egal wo ich hingegangen bin, hat man mich sehr freundlich behandelt. Alle versuchen Dir zu helfen und bringen dich auch gerne einfach mal zu dem Ort den du suchst. Man darf sich nicht über den vielen Körperkontakt wundern, das ist in Brasilien so Kultur. Ich hatte erwartet, bei brasilianischen Männern auf mehr Machismus zu stoßen, aber eigentlich sind die Männer in Brasilien genauso wie die in Deutschland (zumindest unter Medizinstudenten). Das hat mich sehr gefreut, da ich mit Aufdringlichkeiten nicht gut umgehen kann. Auch hier hat mich das Internet viel zu ängstlich gemacht und hat mir eine falsche Vorstellung vermittelt. Natürlich wird man auf der Straße als Deutsche, mit heller Haut und blonden Haaren, mehr angeguckt und vielleicht auch mal gehupt, aber ich wurde nie bedrängt oder belästigt.
Ich bin in Brasilien zwei Wochenenden gereist, einmal nach São Paulo City und einmal nach Rio de Janeiro.
Rio war wirklich wunderschön und ist eine Reise wert! Eine Stadt an der Küste, im Urwald und in den Bergen in eine, findet man glaub ich nirgendwo sonst auf der Welt.
Auch São Paulo kann ich sehr empfehlen, es ist eine besondere Erfahrung einmal in einer Megacity gewesen zu sein. São Paulo beherbergt über 14 Millionen Einwohner und beeindruckt durch vielfältiges Kulturprogramm und überwältigende Architektur.
Reist so viel wie möglich, Brasilien ist so wunderschön und anders als Deutschland !
Das Essen in Brasilien ist eigentlich jeden Tag gleich: Reis mit Bohnen und noch einer weiteren Fleisch Beilage. Insgesamt essen die Brasilianer wirklich sehr viel Fleisch und haben kein Verständnis für Vegetarismus oder gar Veganismus. Auch mit der Begründung, dass man so der Umwelt zu liebe lebe, wurde nicht so recht verstanden. Da ich in Deutschland vegetarisch lebe, war das für mich eine echte Umstellung.
Außerdem sind alle Nachtische und sogar der Kaffee super süß, woran man sich erstmal gewöhnen muss. Dafür gibt es in allen Restaurants und in allen öffentlichen Einrichtungen Kaffee umsonst. Die Menschen in Brasilien sind alle sehr stolz auf ihre Landesgerichte, weshalb mich alle immer ausgefragt haben, was ich denn schon alles gegessen habe und mir Listen erstellt haben, was ich noch zu probieren habe. Das war echt nett.
Alles in allem fand ich das Essen sehr lecker und nachdem ich mich einen Tag daran gewöhnt habe, ist mir auch nie wieder schlecht davon geworden.

Fazit

Meine Erwartungen wurden auf jeden Fall erfüllt und ich möchte meine nächste Famulatur auch wieder im Ausland machen. Ich fand die Arbeit im Krankenhaus in Brasilien toll und würde auch wieder dorthin reisen. Allerdings könnte ich mir nicht vorstellen in Brasilien dauerhaft zu arbeiten und zu leben, da mir die politische Lage momentan zu unsicher ist und das Land doch sehr von Armut geprägt ist.
Es hat mir alles in allem sehr viel Spaß gemacht und ich bin der bvmd sehr dankbar, dass sie mir diese Erfahrung ermöglicht hat.
Ich kann dir nur empfehlen nach Brasilien zu gehen, wenn du eine offene, lustige und herzliche Gesellschaft kennen lernen möchtest und unvergessliche Erfahrungen sammeln möchtest!

zurück