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Brazil (IFMSA-Brazil)

Notfallmedizin - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Matthias, Minden

Motivation

Ich denke, dass ein Famulaturaustausch eine gute Möglichkeit darstellt, einmal „live“ ein anderes Gesundheitssystem kennenzulernen. Da ich vor sechs Jahren schon einmal für ein Jahr einen Schulaustausch in Brasilien gemacht habe und mir Land und Leute damals sehr gut gefallen haben, habe ich mich auch beim SCOPE für Brasilien entschieden. Eigentlich wollte ich in ein asiatisches Land, um noch einmal etwas ganz Anderes zu sehen. Das hat zwar nicht ganz geklappt, aber mit dem Drittwunsch Brasilien bin ich auch super glücklich!

Vorbereitung

Ich habe von der bvmd von einer Freundin erfahren, die dort aktiv ist. Die Formalitäten sollten dabei kein Problem darstellen, das ist eigentlich alles gut auf der Internetseite der bvmd erklärt :-)

Visum

Für Brasilien brauchen deutsche Staatsbürger kein Visum, wenn sie nicht länger als 90 Tage bleiben. Da die Famulatur 30 Tage geht und man vielleicht noch ein paar Wochen davor oder danach reisen möchte, passt das zeitlich auf jeden Fall. Ich z.B. habe nach meinen vier Wochen Famu noch für eineinhalb Wochen andere Orte in Brasilien und für fünf Tage eine Freundin in Ecuador besucht. Ich habe allerdings in den Exchange Conditions von IFMSA Brazil gelesen, dass einige Universitäten ein Studentenvisum verlangen…

Gesundheit

Als ich damals 2012 nach Brasilien geflogen bin, war die Gelbfieberimpfung noch Pflicht für die Einreise. Jetzt 2019 ist es keine Pflicht mehr, allerdings zählt fast ganz Brasilien zum Gelbfieber-Endemiegebiet und daher ist auch eine Impfung empfohlen (s. Auswärtiges Amt). Soweit ich mich erinnern kann, war die Impfung damals nichts ganz billig. Mittlerweile haben aber viele Krankenkassen solche Reiseimpfungen in ihren Leistungskatalog übernommen.

Sicherheit

Brasilien ist ein riesiges Land (ca. 24 mal die Fläche Deutschlands) mit riesigen Unterschieden bezüglich Armut/ Reichtum, Sicherheit, Infrastruktur, Lebensstandard etc. Ganz grob gesagt und total verallgemeinert ist der Norden ärmer und gefährlicher und der Süden reicher und sicherer. Curitiba liegt ziemlich weit im Süden des Landes und ist die wahrscheinlich sicherste und am besten entwickelte Großstadt Brasilien, in der ich schon war. Natürlich sollte man auch hier ein gewisses Maß an Sicherheitsvorkehrungen einhalten (nicht unbedingt nachts alleine durch irgendwelche dunklen Seitenstraßen laufen etc.), das würde ich aber genauso auch in deutschen Großstädten machen. Einmal wurde ich von zwei Obdachlosen an einer Bushaltestelle ein wenig bedrängt, weil sie Geld von mir haben wollten. Da sollte man aber einfach hartnäckig bleiben oder weg gehen. Besonders anders als in Deutschland habe ich mich hier also nicht verhalten. In anderen Städten sollte man aber durchaus etwas vorsichtiger unterwegs sein…

Geld

In Brasilien zahlt man mit Real (Plural: Reais). Der aktuelle Kurs (September 2019) beträgt ca. 1€ = 4,3 R$. Man kann sicherheitshalber natürlich ein bisschen Geld in Deutschland schon tauschen lassen, ich hatte allerdings noch ein paar Scheine von meinem ersten Austausch übrig und habe diese mitgenommen. Hier vor Ort habe ich quasi alles mit einer normalen Visa-Kreditkarte gezahlt, da fast jeder Laden ein Kartenlesegerät hat. Sogar irgendwelche Essensstände oder Leute, die Selbstgemachtes im Park verkaufen wollen, akzeptieren in der Regel Karten. Es gibt nur ein paar Sachen, die man nicht mit Karte zahlen kann (z.B. öffentliche Verkehrsmittel). Dafür kann man jedoch bei eigentlich jeder Bank Geld abheben. Welche Gebühren man dafür zahlen muss, hängt natürlich vom Kreditkarteninstitut ab. Wenn’s allerdings mal bei einer Bank nicht klappt, probiert man einfach die nächste aus. Bezahlen und Geldabheben ist mit einer Kreditkarte also gar kein Problem.

Die Lebenshaltungskosten sind in Brasilien deutlich niedriger als in Deutschland. Lebensmittel im Supermarkt oder auch Essengehen im Restaurant ist deutlicher billiger, andere Sachen wie (Marken-)Klamotten oder Elektronikartikel sind jedoch mindestens genauso teuer wie in Deutschland.

Sprache

In Brasilien wird Portugiesisch gesprochen! Wenn man vielleicht ein bisschen Spanisch oder Französisch kann, hilft das bestimmt auch. Englisch ist allerdings längst nicht so verbreitet wie in Deutschland (wobei ich denke, dass das in Deutschland auch bei vielen Jüngeren nicht grade optimal ist), sodass es manchmal schon zu Schwierigkeiten kommen kann. Im Krankenhaus sprechen die meisten Studenten und Ärzte gutes Englisch, bei den Pflegern und Schwestern hört das aber auch schon wieder auf. Da man aber ja die meiste Zeit mit Ärzten und anderen Studenten zu tun hat, kommt man mit Englisch ganz gut über die Runden. Wenn man sich ein paar Sachen vorher schon angeguckt hat („Oi, tudo bem? Meu nome é …, eu sou um intercambista da Alemanha“), kann das auf jeden Fall hilfreich sein. Außerdem finden Brasilianer es immer ganz toll, wenn „gringos“ Portugiesisch sprechen! Da ich aber ja schon einmal für ein Jahr hier gelebt habe und daher relativ gut Portugiesisch spreche, hatte ich nie Probleme mit der Kommunikation.

Verkehrsbindungen

Als ich meine Zusage für Brasilien bekommen habe, habe ich direkt einen Flug nach Rio gebucht, da dieser am billigsten war. Nachdem ich dann die Zusage für Curitiba ca. 8 Wochen vor Famu-Beginn bekommen habe, habe ich einen Anschlussflug am folgenden Tag gebucht. Ich bin damit so billig weggekommen, dass der Fahrtkostenzuschlag die Flugpreise komplett gedeckt hat. Mein Tipp also: Schon einmal einen Flug nach Brasilien buchen (in der Regeln Sao Paulo oder Rio) und dann später noch einen Anschlussflug oder -bus organisieren! Innerhalb des Landes gibt es ein sehr gut ausgebautes Fernbusnetz. Die Straßen sind dabei natürlich nicht immer die besten (hier im Süden aber wirklich okay), die Busse an sich sind aber modern und gut ausgestattet. Wenn man also auch mal in eine weitere entfernte Stadt reisen möchte, kann man bequem einen Nachtbus nehmen. Außerdem kann man auch sehr günstig fliegen, wenn man keine Lust auf 8-stündige Busreisen oder so hat. Innerhalb der Stadt habe ich mich entweder mit den öffentlichen Bussen (in Curitiba wirklich gut!) oder Uber fortbewegt.

Kommunikation

Ich habe mir hier eine Sim-Karte von TIM (gibt auch andere Anbieter wie Claro oder Oi) besorgt. Um diese jedoch zu aktivieren, braucht meine eine CPF-Nummer (Steuernummer) eines Brasilianers. Da kann man aber am besten jemanden von der Organisation oder Gastfamilie fragen. In der Stadt hatte man damit überall 3G oder 4G, in ländlichen Gegenden ist es wie in Deutschland eher schlecht…

Unterkunft

Ich bin mitten in der Stadt in der Wohnung eines IFMSA-Mitglieds untergekommen, die für mich hier organisiert wurde. Eigentlich ist es nur eine Single-Wohnung, ich konnte allerdings in sein Schlafzimmer ziehen und er hat für die vier Wochen auf dem Sofa im Wohnzimmer geschlafen. Natürlich war es jetzt keine Luxuswohnung, aber es war absolut ausreichend und angemessen! Andere Studenten kommen hier häufig in Gastfamilien unter, allerdings konnte ich so ganz unvermittelt das brasilianische Studentenleben kennenlernen und hatte vielleicht sogar mehr Freiheiten als z.B. in einer Gastfamilie. Zudem wohnen viele Familien eher am Stadtrand. Eine andere Austauschstudentin aus der Schweiz bspw. wohnte in einer Gastfamilie und brauchte jeden Tag drei Busse und eine Stunde bis zum Krankenhaus

Literatur

Ich habe mir dazu für meinen ersten Austausch ein kleines Buch zum Portugiesisch-Selbstlernen bei Amazon bestellt. Für die Basics reicht das auf jeden Fall aus. Als medizinisches Nachschlagewerk habe ich hauptsächlich die Amboss-App benutzt.

Mitzunehmen

Ich war im September (also im brasilianischen Winter) in Curitiba. Die Stadt ist sowieso dafür bekannt, dass das Wetter hier sehr wechselhaft ist. Ich habe innerhalb meines Austauschs Tageshöchsttemperaturen von 8 – 35°C erlebt, dementsprechend sollte man auch was für kalte Tage dabei haben. Im Juli/ August ist es hier an den meisten Tagen ca. 10 – 15 Grad. Außerdem machen sich natürlich Gastgeschenke immer gut. Ich habe ein paar Tüten Haribo und so eingeschweißtes Vollkornbrot bzw. Pumpernickel mitgenommen.

Reise und Ankunft

Die Anreise lief problemlos. Mein Flug von Deutschland ging mit einmal Umsteigen in Lissabon nach Rio de Janeiro, wo ich noch einen Tag bei einer Bekannten verbracht habe. Am Tag darauf habe ich dann einen Flug nach Curitiba genommen, wo ich dann am Flughafen von einem LEO und ihrer Familie abgeholt wurde. Ich bin am Samstag angekommen und mein Praktikum sollte dann am Montag beginnen. Den Sonntag habe ich dann genutzt, um mir einen Überblick über die Stadt zu verschaffen.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich habe meine Famulatur in der Abteilung für Traumatologie im Krankenhaus „Hospital do Trabalhador“ in Curitiba absolviert. Eigentlich sollte ich am Montag anfangen. Da mein Namensschild (also quasi meine Eintrittskarte zum Krankenhaus) aber noch nicht fertig war und eine weitere Austauschstudentin aus der Schweiz erst am Mittwoch anfing, habe ich auch erst am Mittwoch angefangen. Ich habe mich ganz kurz mit dem Chef der Traumatologie getroffen, der mich jedoch direkt an einen Assistenzarzt weitergeschoben hat, der mich wiederum bei Studenten in der Notaufnahme abgeliefert hat. Der Chef der Abteilung (mein eigentlicher Tutor) war auch nur einmal pro Woche da, dementsprechend habe ich nie mit ihm zusammengearbeitet und ihn auch nur 3 mal insgesamt gesehen. Hier im Krankenhaus ist es so, dass immer ungefähr zehn Studenten in der Notaufnahme sind und Aufgaben wie Patientenaufnahme, Anamneseerhebung, Nähen, Gipsen etc. übernehmen. Den größten Teil meiner Famulatur habe ich also mit Studenten verbracht, die ebenfalls grade Praktikum in diesem Krankenhaus machen. Dabei war ich hauptsächlich in der Notaufnahme und habe viel nähen und gipsen können, was natürlich im Vergleich zu den eher wenigen praktischen Erfahrungen in Deutschland eine coole Sache ist. Ich hatte allerdings keine festen Arbeitszeiten oder keine feste Bezugsperson, die meine Anwesenheit kontrolliert hat. Meistens bin ich gegen 8 – halb 9 gekommen und um ca. 2 wieder gegangen, manchmal bei spannenden Sachen aber auch länger geblieben. Und spannende Sachen kamen relativ häufig vor, da Arbeitsschutz und Verkehrssicherheit in Brasilien eine nicht ganz so große Rolle spielen. Demenentsprechend kamen auch viele krasse Unfälle rein, die versorgt werden mussten. Dabei war ich aber nie allein für jemanden zuständig, sondern habe zusammen mit den anderen Studenten entschieden, welche Untersuchungen etc. der Patient erhalten soll. Wenn die Studenten Hilfe brauchten, haben sie einen Assistenzarzt gerufen, dem man auch viele Fragen stellen konnte. Man musste also etwas Eigeninitiative zeigen und fragen, ob man etwas machen kann. Oftmals wurde mir aber auch angeboten, eine bestimme Aufgabe zu übernehmen. An einigen Tagen habe ich auch die Visite begleitet oder habe mir einige Operationen im OP angesehen. Das Wichtigste ist aber (wie auch bei Famulaturen in Deutschland), dass man sich einfach vorstellt, damit die Ärzte wissen, mit wem sie es zu tun haben. Von da aus läuft vieles eigentlich von selbst. Insgesamt war ich also sehr frei in dem, was ich machen konnte.

Land und Leute

Wie schon gesagt, habe ich in der Wohnung eines anderen brasilianischen Medizinstudenten gewohnt. Dadurch hatte ich direkt Kontakt zu seinen Freunden, mit denen wir oft etwas unternommen haben. Curitiba hat viele schöne Parks (Tanguá, Tinguí, Baragui, Jardim Botanico), zu denen wir oft an sonnigen Tagen gefahren sind. An einem Samstag haben wir eine Wandertour zum Morro de Canal unternommen, was eines meiner Highlight der Zeit in Curitiba war. Aber auch an kalten Tagen kann man beispielsweis in einige Museen (z.B. Museu Oscar Niemeyer) gehen, durch eins der vielen Shoppingcenter laufen oder was essen gehen. Vielleicht etwas ungewöhnlich dabei ist, dass es an kalten Tagen wirklich überall kalt ist, weil es keine Heizungen gibt. Die Leute sitzen dann mit einer dicken Jacke im Restaurant am Tisch oder tragen auch im Krankenhaus eine Jacke unter dem Kittel...
Generell ist Curitiba eine relativ europäische Stadt: ziemlich sauber und gut organisiert (das Bussystem ist wirklich vorbildlich, könnt ihr ja mal googlen). Natürlich ist man immer noch in Brasilien mit einer großen Schere zwischen Arm und Reich, die man auch in der Innenstadt Curitibas immer wieder vor Augen geführt bekommt. In anderen Städten, die ich kenne (Sao Paulo, Rio de Janeiro oder Salvador) sind diese Extreme aber noch sehr viel deutlicher. Unter dem derzeitigen rechten Präsidenten ist vor allem die politische Situation jedoch deutlich angespannter als noch vor ein paar Jahren. Die Proteste gegen die Kürzungen im Bereich der Bildung habe ich z.B. mehrmals in der Stadt gesehen. Brasilianer sind aber ein von Grund auf freundliches und hilfsbereites Volk! Wenn man sich also nicht auf Portugiesisch verständigen kann, versucht das Gegenüber so lange dich mit Händen und Füßen zu verstehen oder ruft andere Leute zur Hilfe, bis es geklappt hat ;-)
Außerdem bietet sich von hier eine Reise zu den Wasserfällen Foz do Iguacu am Dreiländereck Brasilien – Argentinien – Paraguay an, die etwa eine 9-stündige Busfahrt entfernt liegen. Zusammen mit der Austauschstudentin aus der Schweiz habe ich einen Wochenendtrip dorthin unternommen (s. Foto). An einem anderen Wochenende habe ich meine Gastfamilie aus dem Austausch vor ein paar Jahren wieder besucht. Man kann außerdem relativ einfach und schnell z.B. nach Sao Paulo oder weiter in den Süden nach Blumenau (zweitgrößtes Oktoberfest der Welt) oder Balneario Camboriu reisen. Natürlich kann man auch etwas weiter weg z.B. nach Rio de Janeiro oder Buenos Aires, wenn man fliegen möchte.

Fazit

Brasilien ist ein lautes und buntes Land voller Gegensätze. Wer z.B. eine chirurgische Famulatur machen möchte, kann hier viel eigenständig arbeiten. Aber auch andere Abteilungen bieten spannende Einblicke, wobei v.a. hier im Südosten des Landes ein relativ hoher medizinischer Standard herrscht. Rückblickend betrachtet sind Portugiesischkenntnisse auf jeden Fall hilfreich, aber nicht unbedingt zwingend nötig. Außerdem war es im September so, dass nur ich und eine andere Austauschstudentin hier in Curitiba waren. In den Monaten davor (Juli und August) waren es deutlich mehr Studenten, sodass man zu dieser Zeit wahrscheinlich mehr mit anderen Leute aus der ganzen Welt unternehmen kann.

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