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Philippinen (AMSA-Philippines)

Pädiatrie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Annalena , Greifswald

Motivation

Nach einem Pflegepraktikum in Israel stand für mich fest: Ich will das Gesundheitssystem anderer Länder genauso wie das Deutsche kennenlernen. Ich reise auch privat viel, das Arbeiten in fremden Ländern hat mich schon immer gereizt. Da ich bereits gute Erfahrungen mit asiatischen Ländern gemacht hatte, überlegte ich mir, mich auf einen SCOPE Austausch nach Indonesien, Japan oder auf die Philippinen zu bewerben.

Vorbereitung

Da ich selbst im Local Commitee der bvmd in meiner Unistadt Greifswald aktiv bin, wusste ich genauestens über die Bewerbungsfristen Bescheid. Deshalb kümmerte ich mich frühzeitig um alle erforderlichen Unterlagen, gerade das Sprachzertifikat wird bei uns zum Beispiel nicht sehr oft im Jahr geprüft. Es hat mir außerdem geholfen, die Motivationsschreiben schon vor Semesterbeginn im Oktober anzufertigen, das reduziert nachher den Stress enorm.
Nach Annahme auf den Philippinen beantragte ich den FKZ (Fahrtkostenzuschuss) und kümmerte mich um weitere Formalitäten wie zum Beispiel ein Röntgenthorax zum Aussschluss einer Tuberkulose. Da hat jedes Land eigene Anforderungen, mein Rat zum Papiersalat: Lasst euch nicht von einer scheinbar unendlichen Liste an geforderten Nachweisen abschrecken. In manchen Ländern sind die Anforderungen dann doch geringer als man es als Deutscher erwartet, zum Beispiel habe ich mein Empfehlungsschreiben ganz einfach selbst verfasst und von meiner Chefin beim Nebenjob unterschreiben lassen. Ich glaube, das hat am anderen Ende der Leitung sowieso niemand gelesen..

Visum

Auf den Philippinen erhält jeder deutsche Einreisende ein 30-Tage Visum, das vor Ort verlängert werden kann. Da ich aber schon wusste, dass ich ca. 6 Wochen Aufenthalt brauche, habe ich per Post bei der philippinischen Botschaft in Berlin vorgearbeitet, das hat super geklappt und kostet im Endeffekt nicht mehr Geld als im Land. So ein Besuch im Immigration Bureau im Ausland kann erfahrungsgemäß sehr langwierig und nervenaufreibend sein, deshalb mein Rat: vorher kümmern!

Gesundheit

Da ich sehr viel in der Welt unterwegs bin, hatte ich schon alle möglichen Reiseimpfungen. Wichtig ist hier vor Allem die Gelbfieberimpfung, die nicht jeder Hausarzt anbieten kann. An Medikamenten nehme ich meist eine kleine Reiseapotheke mit, etwas gegen Schmerzen, Durchfall, Verstopfung und Erkältungen. Lasst euch da bei Fragen einfach in einer Apotheke beraten! Zur Malaria/ Dengue Prophylaxe lange leichte Kleidung einpacken, schützt auch vor missbilligenden Blicken.

Sicherheit

Ich bin oft relativ sorglos unterwegs und vertraue auf meinen gesunden Menschenverstand. Das auswärtige Amt hatte für die Philippinen zu meiner Aufenthaltszeit eine Reisewarnung für ein paar südlichere Gebiete ausgesprochen, wegen Unruhen zwischen muslimischen und anderen Gläubigen. Da bin ich dann einfach nicht hingefahren, ich habe immer auf meine Wertsachen geachtet und ansonsten einfach die Anwohner nach Not-to-Do´s gefragt. Beim SCOPE Programm erhaltet ihr ja immer auch verlässliche Ansprechpartner vor Ort!

Geld

Der Philippinische Peso ist unkompliziert in den Städten an ATMs (Automatic Teller Machine, Geldautomat) zu bekommen. Da spart man sich Umtauschgebühren, braucht aber auf jeden Fall eine Kreditkarte (Visa oder Mastercard). Ich habe beide dabei, hilft auch, wenn mal eine im Automat vergessen wird.. (Unbedingt vorher Notfallsperrhotline aufschreiben!) Ich hatte keine Reserven in Bargeld dabei, um sie nicht verlieren zu können. Dann muss man nur daran denken, genug abzuheben, bevor man in ländliche, abgelegenere Gegenden fährt. Die Preise vor Ort waren niedriger als in Deutschland, allerdings nicht so super-billig wie zum Beispiel in Thailand. Handeln lohnt sich, und um die Ecke schauen auch! (Essen im Restaurant: 4-8 Euro, Essen vom Straßenstand: 1 Euro).

Sprache

Fast alle Filipinos können Englisch, sie sprechen aber untereinander lieber in lokalen Dialekten. Ich bin sehr sprachsicher und hatte im Krankenhaus dennoch Verständnisschwierigkeiten, da es extrem laut war. Die Hallen sind immer voller Menschen, dazu brummen Ventilatoren. In diesem Umgebungslärm zu verstehen, was der philippinische Patient mit Dialekt sagen will, war gerade zu Anfang schwieriger als gedacht.

Verkehrsbindungen

Auf die Philippinen kann man nur fliegen. Den relativ teuren Flug konnte ich mit dem Geld aus dem FKZ abdecken. Ich habe aber auch so früh wie möglich gebucht und bin in der Regenzeit, also off-season, geflogen. Im Land sind vor allem Busse oder GrabCar gut für längere Distanzen (letzteres ist sowas wie das Uber Asiens). Bereitet euch darauf vor, viel zu laufen (Sneaker einpacken) und lasst euch nicht von Tricycle-Fahrern abzocken! Diese Tuktuks sind praktisch aber verlangen oft viel mehr Lohn von Ausländern als von Einheimischen. Wenn ihr von einer Inselgruppe auf eine weit entfernte reisen möchtet, könnt ihr Fähren nutzen (günstig aber dauert mind. 1 Tag) oder erschwingliche Inlandsflüge buchen.

Kommunikation

Egal wohin ich reise, eine lokale SIM-Karte ist für mich ein Muss. Ich brauche mein Handy als „Travel Essential“ zur Planung, Orientierung und Unterhaltung. Oft sind die Datentarife im Ausland viel preiswerter als bei uns, auf den Philippinen habe ich eine Prepaid-SIM von Globe gekauft (einfach am Flughafen nach der Immigration) und mir von den super lieben und hilfsbereiten Verkäufern das Datenpaket „Gosurf 299“ installieren lassen, es kostet ca. 4 Euro und beinhaltet 1,5 GB plus Telefonflatrate. Es gibt manchmal auch W-lan in Unterkünften oder an öffentlichen Plätzen, das ist aber sehr langsam. Das Mobilfunknetz ist besser ausgebaut als in Mecklenburg-Vorpommern, und so konnte ich auch aus dem Dschungel meine Mama anrufen. Dafür nutze ich die App „LocalPhone“, sie ruft über eine lokale Nummer zu Hause an und kostet nur ein paar Cent.

Unterkunft

Meine Unterkunft hat meine Ansprechpartnerin für die Famulatur organisiert. Ich war in einem katholisch angehauchten Dorm auf dem Unicampus untergebracht, d.h. Schlafsaal und klare Regeln, aber auch einen Arbeitsweg von zu Fuß nur 3 Minuten zum Klinikum. In Asien gibt es oft kein Klopapier und niedrigen Wasserdruck, es ist laut, heiß und dreckig. Aber auch wenn euch das ärgert; ihr kommt ja schneller als euch lieb ist wieder nach Hause! Die Philippinen sind, auch wenn wir an Urlaub denken, ein Entwicklungsland (oder ein „sich entwickelndes“) und geben sich alle Mühe, ihre Gäste zu beeindrucken. Sie haben nur nicht so viele Ressourcen. Ich hatte im Dorm keine Küche, dafür aber gratis Trinkwasser! Das ist doch schon mal etwas.

Literatur

Ich habe im Vorfeld kaum Recherche betrieben. Ich hatte wegen anderer Reisen, Famulaturen und meiner Doktorarbeit einfach kaum Zeit und kenne meine Art zu Reisen: spontan, flexibel und manchmal eben etwas unvorbereitet. Ich empfehle euch zur Einstimmung auf das Land einfach „Backpacking Philippinen“ o.Ä. zu googeln, ich denke nicht, dass man einen Reiseführer mitschleppen muss. Die besten Tipps fürs Wochenende geben sicher auch eher die Locals!

Mitzunehmen

Im UST (University of Santo Thomas) Hospital wird keine Berufskleidung gestellt, ich hatte nur einen Kittel und einen Kasack dabei, da das im Vorfeld schlecht kommuniziert wurde. Nehmt euch ausreichend Sachen mit, es gehen auch gepflegte, schlichte Stoffhosen und Blusen. Feste Schuhe sind Pflicht. Ich habe mein Stethoskop viel genutzt, wird aber nicht erwartet. Stellt euch auf eine reduzierte Situation in den Medical Centers ein: alle Geräte müssen selbst mitgebracht werden, es gibt weder Handschuhe noch Desinfektionsmittel. Für den Alltag empfehle ich wie gesagt lange Kleidung, man wird als „Foreign Friend“ viel beobachtet und der Dresscode im Land ist recht konservativ. Und ihr seid vor Mücken, Dornen und Matsch geschützt! Natürlich könnt ihr aber auch Strandsachen für den anschließenden Urlaub mitnehmen. Wichtige Gadgets: Taschenlampe, Powerbank, Ohropax und Schlafmaske. Manila ist laut, auch nachts. Ich nehme auch gern ein Reisenähset mit, weil mir immer so viel kaputt geht. An Hygieneartikeln findet ihr auch alles im Land, da muss nicht die 1L Duschgelflasche in den Rucksack. Vielleicht habt ihr Lust, ein Reisetagebuch zu führen? In der Regenzeit ist ein alter Regenschirm unverzichtbar.

Reise und Ankunft

Den sehr sehr langen Flug auf die Philippinen habe ich 10 Tage vor meinem SCOPE-Beginn durchgemacht, deshalb hatte ich keinen Jetlag. Plant sonst ein zwei Tage Eingewöhnung ein! Und versucht, euch schon beim Abflug auf die örtliche Zeitzone vorzubereiten (also nicht nur schlafen im Flieger). Nach meinem vorangehenden Meditationscamp (privat organisiert) auf dem Land 3h südlich von Manila bin ich dann am Sonntag vor Praktikumsbeginn in die Hauptstadt gefahren. Eine Mitfahrgelegenheit hat mich gut unterhalten, plant auf den Philippinen für 100km Weg mind. 2 Stunden Fahrzeit ein! Das Straßennetz ist total überlastet oder auf dem Land einfach auch schlecht ausgebaut.
In Manila angekommen, bin ich mit GrabCar zur Unterkunft gefahren. Da die Stadt unglaublich unübersichtlich und chaotisch ist, hat mir die Offline Maps App „MAPS.ME“ sehr geholfen, in der ich schon im Vorfeld angepinnt hatte, wo ich hinmuss. Die Unterkunft war auf dem komplett eingezäunten Campus, und der Securitymann wollte mich erst nicht einlassen. Aber als ich erklärt hatte, wer ich bin, war es kein Problem mehr. In der Unterkunft wusste man erst nichts von meiner Ankunft, ich hab aber ohne Probleme ein Bett zugewiesen bekommen. Per Facebook Messenger hatte ich Kontakt zu meinen Ansprechpartnern, sie haben sich total gut um mich gekümmert und mich am nächsten Tag zum Krankenhaus gebracht. Dort wurde ich vom Chief Supervisor (einer Pädiatrischen Ärztin) abgeholt und eingeführt. Nach einem langen ersten Arbeitstag von 10 Stunden bin ich danach nur noch ins Bett gefallen.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich bekam meinen eigenen Schedule und durfte mir Ambulanz, Station, Critical Care Unit Neonatologie und Kinder und den Emergency Room mit pädiatrischem Schwerpunkt anschauen. Ich startete in der Ambulanz und war die ersten Tage ehrlich gesagt erstmal geschockt. Es war eine relativ kleine Halle, in der an nur spärlich vorhandenen Tischen und oft ohne Hocker die Patienten gesehen wurden. 38 Medizinstudenten im 4. Jahr (dem letzten nach philippinischem Stundenplan) nehmen die kleinen Zappelphilippe auf und besprechen den Fall danach mit einem Doktor. Der Geräuschpegel ist enorm, deswegen fand ich es sehr schwer, Erklärungen überhaupt zu verstehen. Es wurde sich nämlich wirklich um mich bemüht: jede Frage ausführlich beantwortet und immer „an die Hand“ genommen. Ich merkte schnell, dass das nicht nur im Krankenhaus so ist; als Ausländer genießt man überall besonderen Respekt, man fällt aber auch wirklich immer auf (die meisten Filipinos sind zudem noch einen Kopf kleiner, da kann sich ein großes blondes Mädel einfach nie in der Masse verstecken).
Der Standardarbeitstag ist hier über 10 Stunden lang und es werden regelmäßig über 200 Kinder pro Tag behandelt. Die Studenten im letzten Jahr übernehmen jeden zweiten Tag 24 Stunden Dienste und arbeiten an den Tagen dazwischen auch. Nach Absprache mit dem AMSA local Exchange Team habe ich meine Anwesenheit aber auf 7-8h Mo-Fr reduziert, da ich nebenbei auch für Prüfungen in Deutschland lernen wollte. In der Ambulanz begann der Tag immer mit einer Frühbesprechung, bei denen allen Studierenden ein besonderer Fall mit Krankheitsgeschichte, Therapie und Outcome vorgestellt wurde, was ich super lehrreich und gut umgesetzt fand. Danach geht es dann in besagte Halle und das Chaos nimmt seinen Lauf. Es gab weder Handschuhe noch Desinfektionsmittel, wenn ihr da persönlich akuten Bedarf habt, bringt es euch alles selbst mit! Eventuell auch einen Mundschutz, Tuberkulose ist eine häufige Diagnose. Heute habe ich einen einjährigen Jungen mit bekannter Tbc aufgenommen, der wegen einem akuten Infekt der oberen Atemwege kaum noch atmen konnte. Als er posttussiv spucken musste, gab es nicht mal Papiertücher zum Aufwischen des Erbrochenen.. Das hört sich jetzt bestimmt grässlich an, aber irgendwie kommt man mit solchen Situationen erstaunlich gut klar – denn die Filipinos sind einfach unglaublich liebevolle, freundliche und entspannte Menschen. Tatsächlich war das Ansteckungsrisiko minimal, da Kinder unter 7 Jahren Tuberkulose nicht übertragen und er auch schon 5 Monate Tuberkulostatiko erhalten hatte. Es stimmt einen nur sehr nachdenklich und ist eben traurig. Der ambulante Standardfall ist hier der Atemwegsinfekt, da Manila eben staubig und dreckig ist, die Kinder in überfüllten Verhältnissen wohnen und oft passivem Rauch ausgesetzt sind. Auch Ohrentzündungen oder einfach ungeklärtes Fieber (Dengue!) sahen wir häufig. Meist wurden dann die gleichen Medikamente wie in Deutschland verschrieben, obwohl ich persönlich den Antibiotikagebrauch als beliebter als zu Hause einschätze. Die Qualität der Lehre ist bemerkenswert, alle Studenten wissen sehr genau und breit gefächert Bescheid. Deshalb hat man hier trotz reduzierter Bedingungen (kaum Geräte) dennoch die Chance, schnell viel zu lernen, theoretisch und auch praktisch: auskultieren, untersuchen, Therapien verstehen. Man sollte nur Eigeninitiative mitbringen, viel Nachfragen und keine Kontaktangst haben. Generell gilt der Ausländer hier als „Observing Student“, das heißt du darfst nichts eigenständig unternehmen. Unter Aufsicht durfte ich aber auch mal Hand anlegen, was mich nicht gestört hat, denn viele Patienten konnten kaum English. Da brauchte ich ja allein schon zur Verständigung die Hilfe des medizinischen Personals.
Es gibt auf den Philippinen eine Gesundheitsversicherung, die theoretisch für die gesamte Bevölkerung verpflichtend ist, aber wegen der erheblichen Armut im Land kann nicht jeder tatsächlich seine Beiträge zahlen. Ich hatte den Eindruck, dass nur relativ gut gestellte Familien ins Krankenhaus kamen, also nur Menschen mit geregeltem Einkommen. Das liegt allerdings deutlich unter deutschem Level. Das sind im Monat durchschnittlich 800 Euro. Eine Arztkonsultation, die die Versicherten selbst zahlen müssen, kostet 3,50 Euro, und eine Untersuchung mit dem Laryngoskop 300. Diese gilt bereits als extrem teuer und wird nur begrenzt von der Kasse übernommen. Rezeptierte Medikamente zahlt eine Familie selbst, und pro Tag stationärem Aufenthalt entfällt eine erschreckend hohe Gebühr von 30 Euro (das Mindesteinkommen liegt bei 120 Euro monatlich). Besonders schockiert hat mich der Fall eines Neugeborenen, dass auf DNR (do not resuscitate) gesetzt wurde, weil sich die Familie die Beatmung nicht leisten konnte. Es waren Flüchtlinge aus der südlichen Provinz Mindanao, in der wegen Unruhen und einer erstarkenden IS-Miliz das Kriegsrecht gilt.
Meine Kommilitonen waren allesamt Mitglieder der philippinischen Oberschicht. Studieren kostet teure Gebühren, und ein Kind aus armen Verhältnissen ohne Förderung würde die Aufnahmetests ohnehin nie schaffen.
Als zweites wurde ich auf der pädiatrischen Station eingesetzt, das waren 4 6-Bett Zimmer, auch ohne jegliche medizinische Ausrüstung. Von den Studenten wird hier aber erwartet, sich einen Laptop mitzubringen, um Briefe schreiben zu können. Der Tag ist noch länger als in der Ambulanz, und ständig ist man unterwegs zu noch einer Fallkonferenz. Die sind zwar sehr lehrreich, aber irgendwann lässt die Konzentration dann doch nach. Die Fälle waren dafür umso interessanter, man sieht an einem Tag zum Beispiel systemischen Lupus erythematodes, impetigo contagiosa des Gesichts und lernt wirklich, eine akute Asthmaexazerbation von einer Pneumonie zu unterscheiden. Mir wurde geraten, immer ein zweites Kleidungsset dabeizuhaben, falls man uns spontan zu einer Geburt rufen sollte. Tatsächlich durfte ich im Rahmen meines Einsatzes auf der Neo-Intensiv dann eine natürliche Geburt miterleben. Es war ein Highlight meiner Famulatur und ein echter Gänsehautmoment.

Land und Leute

Generell habe ich mich auf den Philippinen immer sicher gefühlt. Viele der Mitstudenten hatten aber ständig Angst um mich und wollten nie, dass ich nach der Arbeit alleine irgendwo hingehe, doch nach klärenden Gesprächen stellte sich heraus, dass sie das Behüten des Gastes einfach als eine Art soziale Norm sehen. Die Filipinos sind sehr konservativ eingestellt (zumindest die Oberschicht) und alle Regeln werden sehr streng befolgt. Auch der derzeitige Präsident ist strikt; man nennt ihn hinter vorgehaltener Hand den Trump Asiens. Denn er setzte die Todesstrafe auf angeblichen Drogenmissbrauch fest, die Polizei ist korrupt und kann einen Verdächtigen prozesslos erschießen. Der Major Manilas, also der Bürgermeister, führt auch recht rabiate „Stadtverschönerungen“ durch, er verbannte kürzlich Straßenhändler und sprach ein Rauch- und Alkoholverbot in gewissen Zonen der Stadt aus, zu denen auch jede Schulgegend zählt. Gegenüber Ausländern versuchen aber alle, sich von ihrer besten Seite zu zeigen, und man bekommt wenig von diesen Reglementierungen mit. Allerdings betrifft das wohl eher Europäer, ich war im SCOPE Programm mit einem Indonesier, der nicht so bevorzugt wurde wie ich. Trotz alledem gibt es auch schöne Dinge zu berichten. Zum Beispiel ist das Inselatoll bei der geschlechtlichen Gleichberechtigung ganz weit vorn. Frauen werden genauso respektiert wie Männer, fast alle Oberärzte („Consulants“) in der Pädiatrie sind weiblich. Außerdem werden Senioren viel mehr respektiert als in Deutschland, und der Wert der Familie steht nicht zur Debatte.
Wie schon gesagt, sind die Filipinos ein wirklich freundliches und strahlendes Volk, das auch unter widrigen Umständen nie die gute Laune verliert. Zum Teil habe ich mich sogar vom umfangreichen Social Programm übermannt gefühlt, alle wollen viel unternehmen, reden und Zeit verbringen, doch nach den langen und oft stressigen Tagen wollte ich manchmal auch einfach meine Ruhe. Dennoch sehe ich den Austausch als vollen Erfolg und ich habe so viel mitnehmen können, dass ich sehr dankbar für diese Chance bin.
Wenn ihr ein kleines Extra-Budget mitbringt, könnt ihr an den Wochenenden auch aus der Stadt fliehen. Ich bin zum Beispiel mit einem Übernachtbus in die nördliche Bergregion gefahren, und konnte dort die faszinierende Natur und Kultur erleben. Es ist gerade außerhalb der Metropole eben auch ein touristisches Land, und Reisen ist auch ohne ortskundige Begleitung einfach.
Nach meinem Praktikum bin ich dann noch auf eine kleine Rundreise gegangen. Und ich war überwältigt; obwohl ich eigentlich in der Regenzeit unterwegs war, habe ich viele tolle Strand-, Palmen- und Wasserfalleindrücke gesammelt. Außerdem ist es zu dieser Zeit an den touristischen Zielen auch nicht so überlaufen! Falls ihr Fragen noch zu der Rundreise, zu Formalitäten oder Sonstigem habt, könnt ihr mich gerne kontaktieren.

Fazit

Die Famulatur auf den Philippinen lief komplett anders als erwartet. Generell war ich wirklich geschockt von der medizinischen Mangelversorgung der armen Bevölkerung. Besonders der eintägige Exkurs ins Philippine General Hospital, das größte öffentliche Krankenhaus des Landes, hat Eindruck hinterlassen. So stelle ich mir ein Kriegsveteranenlager vor. Eine unglaubliche Anzahl an terminalen Erkrankungen, erschreckende Umstände. Danach kann ich nur sagen: Danke, dass ich in Deutschland leben darf!
Zweitens bin ich tief beeindruckt von dem Arbeitspensum der hiesigen Studenten. Da trifft das asiatische Leistungsdruck-Klischee voll zu, wer einen Tag krank ist, muss 3 24-Stunden Dienste nachholen. Am folgenden Tag gehen die Studenten dann übrigens auch arbeiten und nicht etwa schlafen.
Naturkatastrophen habe ich selbst nicht miterlebt, aber viele halb komische, halb erschreckende Schilderungen gehört. Das UST Hospital ist am tiefsten Punkt der Stadt erbaut und in der Typhoonsaison steht es oft komplett unter Wasser (besonders riskant ist da der Juli!).
Abschließend bin ich trotz alledem sehr dankbar für die Erfahrungen, ich habe viel gelernt. Ich ziehe die Spezialisierung als Pädiater nun wirklich in Betracht; das Arbeitsfeld ist abwechslungsreich und spannend. Man macht nicht nur die Standarduntersuchungen, sondern ist auch bei Geburten, Operationen, Konsilen und anderen fächerübergreifenden Prozessen beteiligt.

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