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Morocco (IFMSA-Morocco)

Chirurgie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Johannes, Dinslaken

Motivation

Eine Famulatur im Ausland bietet die tolle Möglichkeit, ein anderes Gesundheitssystem kennenzulernen und gleichzeitig Land und Leute besser kennenzulernen. Ich bewarb mich für Marokko, weil es mir bei einem Urlaub 2017 so gut gefallen hat und ich gerne mehr und anderes sehen wollte. Ich erwartete die Möglichkeit, praktisch in der Chirurgie tätig zu sein, sowie eine andere Perspektive auf Gesundheitsversorgung zu bekommen.

Vorbereitung

Um einen Platz in einem der über 80 Länder zu bekommen, mit denen die bvmd einen bilateralen Austausch unterhält, habe ich mich zunächst bei der Bonner bvmd-Vertretung beworben. Bewerbungsfrist ist der 31.10. und 30.04. jeweils ein halbes Jahr vor Ausreise. Die Chance auf den Wunschplatz steigen u.a. durch eine höhere Semesterzahl, Engagement in der bvmd oder die Bereitstellung seiner Wohnung für Incomings.
Im Dezember kam die Zusage von deutscher Seite, anschließend ging es im Portal der internationalen Dachorganisation ifmsa weiter. Dort konnte ich jeweils vier Präferenzen für Fachrichtung und Ort angeben. Die endgültige Zusage von marokkanischer Seite bekam ich im Juli, leider nicht mit meiner Wunschkombination (Kinderchirurgie in Marrakesch), sondern stattdessen Viszeralchirurgie in Rabat.

Visum

Für einen Aufenthalt in Marokko musste ich kein Visum beantragen.

Gesundheit

Neben den üblichen Impfungen für die Arbeit im Krankenhaus (Hepatitis A und B, Tetanus etc. ) habe ich keine besonderen Vorkehrungen getroffen und musste auch keine Untersuchungen durchführen lassen. In Marokko habe ich kein Leitungswasser getrunken, sonst hatte ich keine Einschränkungen.

Sicherheit

Die politische Situation in Marokko ist stabil, das Auswärtige Amt warnt nur vor Reisen ins Grenzgebiet mit Algerien sowie die umstrittenen Gebiete um West-Sahara. In den Städten habe ich mich bis auf eine normale Vorsicht vor Taschendieben nicht anders verhalten. Meine Unterkunft war in einer etwas schlechteren Wohngegend, dort war ich nach Sonnenuntergang etwas vorsichtiger und habe geschaut, dass ich nicht alleine auf der Straße bin.

Geld

Die Währung ist der Marokkanische Dirham (MAD), 1€ entspricht ca. 10MAD. Es gibt viele Geldautomaten mit Visa-Plus-Symbol, wo ich gegen geringe Gebühr abheben konnte, allerdings ist das Limit oft 2000MAD. Touristischere Geschäfte und Restaurants akzeptieren die üblichen Kreditkarten und es gibt viele Wechselstuben, die ebenfalls relativ günstig sind.

Sprache

Für die ifmsa-Bewerbung reichten Englisch-Sprachkenntnisse, aber Medizin wird an den Unis komplett auf Französisch gelehrt, Ärzt*innen sprechen untereinander Französisch mit einem mehr oder weniger großen Arabisch-Anteil, mit Patient*innen fast ausschließlich Arabisch. Durch mein Schulfranzösisch konnte ich bei der Visite und im OP einigermaßen mitkommen, für Anamnesen oder Fallvorstellungen reichte es nicht. Viele der jüngeren Ärzt*innen können ganz gut Englisch, aber mein Eindruck war, dass sie doch froh waren, dass es auf Französisch ging, obwohl sie im Zweifelsfall auch mal etwas auf Englisch erklärt haben.

Verkehrsbindungen

Trotz der wirklich günstigen Flugpreise nach Marokko wollte ich nicht fliegen, neben Klimaschutz-Überlegungen finde ich es auch spannend, die Entfernung zu „erfahren". Auf der Hinreise fuhr ich mit dem InterFlix-Angebot (zwei der fünf FlixBus-Fahrten für insgesamt 100€), alsa.es in Spanien und ctm.ma in Marokko, zurück buchte ich die Züge über oncf.ma, oui.sncf und thalys.com, die Fähren jeweils über directferries.com (Hinfahrt von Algeciras nach Tanger Med, zurück von Tanger Med nach Barcelona). CAVE: Tanger Med ist ca. 50km von der eigentlichen Stadt entfernt, das mit einplanen. Allgemein gibt rome2rio.com erste Ideen zu Flugalternativen. Insgesamt gab ich für Hin- und Rückreise gut 300€ aus. Im Land kommt man günstig mit Zug und Bus herum, die bis auf Verspätung zuverlässig schienen.

Kommunikation

Ich kaufte mir eine Orange-SIM-Karte und den Flex-Tarif für 50 Dirham (ca. 5€, einfacher zu rechnen), mit der ich 2,5Gb mobile Daten, 60min/SMS ins Inland und 15min/SMS ins Ausland hatte, das lässt sich aber frei wählen. Es gab kein WLAN in meiner Unterkunft oder im Krankenhaus, aber dafür in vielen Cafés.

Unterkunft

Beim ifmsa-Austausch wird die Unterkunft gestellt oder es gibt eine Gastfamilie; ich wohnte in einer Zweitwohnung der Familie meines Gastgebers, der nur manchmal zum Lernen oder Schlafen vorbeikam und mir abends mehr oder weniger zuverlässig das von seiner Mutter gekochte Essen vorbeibrachte - eine etwas merkwürdige Konstellation mit Konfliktpotenzial, aber es ließ sich aushalten.

Literatur

Ich habe mich vorher im Internet, u.a. beim Auswärtigen Amt und der WHO über das Land und das Gesundheitssystem informiert. Außerdem hatte ich das Buch "Französisch für Mediziner" (Elsevier), das hilfreiche Formulierungen und Vokabellisten bietet.

Mitzunehmen

Für die Famulatur musste ich OP-Klamotten selbst mitbringen, die ich mir von der Kleiderausgabe meiner Uniklinik besorgt habe. Hilfreich sind außerdem Sonnenschutz, da Sonnencreme in Marokko extrem teuer ist.

Reise und Ankunft

Auf der Hinreise habe ich einige Freund*innen in Frankreich und Spanien besucht. Die Fähre von Algeciras/Spanien nach Tangier/Marokko hatte extrem Verspätung, wodurch ist fast den Anschlussbus verpasst hätte. In Rabat hat mich mein Gastgeber am CTM-Busbahnhof abgeholt, der sehr südlich liegt. Mein Praktikum begann direkt am nächsten Tag, wo wir uns zunächst vor dem Krankenhaus getroffen haben und dann zu unseren Stationen gebracht wurden.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich wurde in die Chirurgie C im CHU Ibn Sina eingeteilt, auf der ein buntes Sammelsurium an gastrointestinalen Krankheitsbildern zu finden war, von vielen Gallenblasenentzündungen und -steinen über Darm-, Magen- und Pankreastumoren, viele Hernien und „Platzbäuche“ nach Wundinfektionen(zur hygienischen Situation später noch mehr) und sogar eine bariatrische Magenverkleinerung. Das ärztliche Team bestand aus vier „professeurs“ (Chefarzt und drei Oberärzt*innen), einem Junior-Professor und 5-6 Residents/Assistenzärzt*innen. Außerdem liefen immer einige marokkanische Studierende im dritten und sechsten Jahr im Praktikum herum.
Morgens ging es mit einer großen Gruppe auf Visite, meist so gegen halb 9, mal aber auch später oder es fiel ganz aus, wenn keiner der Profs Zeit hatte.
Dann ging ich meist mit den Residents in den OP. Nach anfänglich Zuschauen durfte ich schnell mit an den Tisch und ein wenig assistieren, also Hakenhalten, Instrumente anreichen und am Ende zunähen. Auf Nachfrage wurde mir auch viel erklärt, wenn es gerade nicht zu stressig war. Offiziell ging das Praktikum von 8:30 bis 12:30, aber meist kam ich morgens etwas früher, um die Visite komplett mitzubekommen, und blieb nachmittags je nachdem was zu tun war auch mal bis nach 16:00, wenn etwa interessante Notfall-Operationen anstanden.
Zum marokkanischen Gesundheitssystem: Seit einigen Jahren wird versucht, eine allgemeine Krankenversicherung einzurichten, aber nach meinen Informationen ist erst ca. ein Drittel der Bevölkerung darüber versichert, vor allem auf dem Land ist die Versorgung immer noch sehr schlecht. In der Uniklinik ist die Situation natürlich besser, in der Chirurgie erlebte ich moderne Medizin mit komplizierten OPs, gutem Material, Kameras für Schlüssellochchirurgie etc. Trotzdem sah ich deutliche Unterschiede zu Deutschland: Neben oft knappen Ressourcen (bspw. wurden OPs abgesagt, weil kein Blut oder Material da war) war es im OP-Saal manchmal ziemlich chaotisch, ohne klare Aufgabenverteilung, z.B. gab es keine „OP-Schwester“, die ausschließlich für die Instrumente zuständig ist, stattdessen haben es die Assistenzärzt*innen mehr oder weniger ordentlich nebenher gemacht. Außerdem stand die Tür auf, anderes Personal schaute immer mal wieder herein, nahm es mit der Sterilität auch nicht so genau... Zu diesem Thema hörte ich von unterschiedlichen Seiten, dass es generell in Marokko etwas an Disziplin und der nötigen Ernsthaftigkeit mangele und dies eben auch im OP zutreffe, obwohl die Bedingungen und Ausstattung im Gegensatz beispielsweise zu Subsahara-Afrika ziemlich gut seien. Die Station war sehr einfach ausgestattet, die Patient*innen versorgten sich größtenteils selbst bzw. mit Hilfe der Familie, und es gab außer in einem Untersuchungszimmer keine Handdesinfektion. Um einen noch umfassenderen Eindruck zu bekommen, bin ich freiwillig zu einem Spät- und Nachtdienst in der allgemeinen Notaufnahme des Krankenhauses mitgegangen. Dort herrschte großes Chaos, Sicherheitsleute sorgten einigermaßen für Ordnung, Menschen mit teils schlimmen Verletzungen und Angehörige versuchten als Erste in die Untersuchungszimmer zu gelangen, schliefen auf dem Boden, Untersuchungen wurden mitten im Flur durchgeführt, es fehlte an Blutabnahmesets, Handschuhen, EKG-Papier. Ganz anders sieht es wohl in den privaten Krankenhäusern aus, wo die Behandlung dafür extrem viel kostet, sodass es sich nur ein kleiner Teil leisten kann.
Für ein abschließendes ifmsa-Zertifikat musste ich während des Famulatur ein Handbook führen, in dem ich meinen Lernfortschritt dokumentierte und mir abschließend von einer Assistenzärztin unterschreiben ließ.

Land und Leute

Ich war in der Hauptstadt Rabat des Königreichs Marokko, wobei es sich genauer gesagt um die zwei Städte Rabat und Salé handelt, die langsam zusammengewachsen sind und nur noch durch einen Fluss getrennt werden. Das Krankenhaus ist im Süden von Rabat, meine Wohnung war leider im entgegengesetzten nördlichen Stadtteil Tabriquet in Salé (der auch nicht besonders sicher sein soll, zumindest warnten mich einige, im Dunkeln nach draußen zu gehen...). Deshalb nahm ich jeweils die Tram L1 für ca. 40min und 6 Dirhams. Es gibt auch die Möglichkeit, im Gare de Salé eine Monatskarte zu beantragen, die dann 300 Dirhams kostet, da war mir die Beantragung mit Passbild etc. aber zu aufwendig und es hätte auch keinen großen Preisunterschied bedeutet.
Neben ein paar Sehenswürdigkeiten wie dem Königsmausoleum und der Kasbah gibt es vor allem je eine Altstadt/Medina in Rabat und Salé mit verwinkelten engen Gassen und vielen Ständen mit allem von Gewürzen über Kleidung, Teppiche und jeglichem Kunsthandwerk zu sehr günstigem Essen, das ich immer problemlos gegessen habe, aber da muss jede*r wohl dem eigenen Magen vertrauen... Am Strand von Rabat habe ich bei einem Surfverleih für 400 Dirhams eine „Surf-Flatrate“ gekauft, sodass ich meine freien Nachmittage meist in den Wellen verbracht habe. Die Menschen erschienen mir insgesamt sehr offen bis offensiv, das heißt sie sprechen direkt an, bitten in ihre Läden etc. Außerdem war etwas befremdlich, dass sie etwa nach dem Weisen des richtigen Weges immer nach Geld fragen, da westlich aussehende Touristen für sie automatisch viel Geld haben. Allerdings ist es oft auch ihr einziges Einkommen, was es auch schwierig macht, abzulehnen.
Auf der Infoseite für Marokko im IFMSA-Portal wurde schon angekündigt, dass die meisten Studierenden im Juli und August kommen und auch nur in diesem Zeitraum ein Freizeit-/Kulturprogramm angeboten wird. Wir waren im September in Rabat insgesamt zu viert und haben uns zwischendurch gesehen, ansonsten habe ich mich mit ein paar residents nach Feierabend oder meinem Gastgeber getroffen und war viel Surfen. An den Wochenenden gab es verschiedene Ausflüge (u.a. Chefchaouen und Marrakesch) mit Studierenden, die zum Austausch in anderen Städten in Marokko waren. Da ich bei meinem ersten Marokko-Urlaub vor zwei Jahren bereits einiges gesehen hatte, bin ich nur an einem Wochenende mit in die Wüste nach Merzoga gefahren, den ich sehr empfehlen kann: Neben dem Dorf Ait Ben Haddou, das als Filmkulisse dient, besuchten wir ein Berber-Dorf in einem grünen Tal und ritten dann mit Kamelen zwei Stunden in die Wüste, wo wir in Zelten übernachteten.

Fazit

Insgesamt bin ich sehr froh über die Erfahrung, auch und gerade weil es herausfordernd war. bvmd bzw. ifmsa helfen bei der Organisation, trotzdem musste ich mich viel selbstverantwortlich im Krankenhaus und der Stadt zurechtfinden, um das Beste aus der Zeit herauszuholen. Das hängt natürlich auch mit dem jeweiligen host zusammen, meiner hat sich nicht besonders gekümmert, bei anderen war das anders.
Durch den längeren Aufenthalt und in anderen Kontexten als reiner Tourist habe ich ganz unterschiedliche Seiten des Landes gesehen. Im Krankenhaus und darüber hinaus habe ich viele Menschen besser kennengelernt und sehr interessante Gespräche geführt, über Politik, Migration, Gesundheitssystem, Geschlechterrollen, Religion.
Für mich selbst und meiner spätere Arbeit nehme ich ein großes Interesse an Global Health und speziell Global Surgery mit, z.B. gibt es eine OP-Checkliste der WHO, mit der Fehler verringert werden sollen, die aber bisher in Marokko noch nicht verwendet wird. Solche Methoden können mit relativ wenig (politischem) Aufwand helfen, für eine große Zahl von Menschen die medizinische Versorgung zu verbessern.
Ich kann nur raten: Nutzt die tolle Möglichkeit einer Auslandsfamulatur z.B. über die bvmd, gewinnt eine völlig neue Perspektive auf die Gesundheitsversorgung in einem anderen Land und damit auch auf das deutsche Gesundheitssystem und unsere spätere Rolle als Ärzt*innen in Deutschland und der Welt!

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