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Lebanon (LeMSIC)

Orthopädie - SCOPE (Famulaturaustausch)
Anonym

Motivation

Ich wollte meine letzte Famulatur gerne mal außerhalb Deutschlands machen, um Einblicke in ein anderes Gesundheitssystem zu erhalten, eine andere Kultur und Studenten*innen aus anderen Ländern kennenzulernen. Aus persönlichem Interesse hatte ich mir vorgenommen mich in einem arabischen Land zu bewerben. Meine Erwartungen an den Austausch waren weniger fachlich viel zu lernen, sondern eher Einblicke in die Kultur vor Ort zu bekommen, andere medizinische Gegebenheiten kennenzulernen und Sonnengarantie im September zu haben.

Vorbereitung

Ich habe mich nur Anhand der Informationen der bvmd-Webseite beworben. Vor der Bewerbung und auch vor meinem Austausch habe ich an keiner Vorbereitung oder Pre-Departure-Training teilgenommen. Mit dem Infomaterial der bvmd kommt man gut zurecht. Es ist etwas müßig die Unterlagen fristgerecht per Post zu verschicken, aber das gehört halt dazu. Die Kommunikation mit dem bvmd bei evtl. Nachfragen ist einfach und schnell. Das lief echt sehr gut.
Was die Kommunikation mit meinem LEO vor Ort im Gastland anging lief alles etwas anders. Hier musste ich immer wieder Informationen selber erfragen, da es sonst keine gab. Die Planung und Bekanntgabe der Unterkunft sowie der Ablauf/ Anmeldung im Gastkrankenhaus gab es per WhatsApp einen Tag vor Abflug nach Beirut. Es wäre etwas angenehmer gewesen solche Informationen vielleicht 1-2 Wochen vorher zu erhalten, um einfach etwas besser zu planen und entspannter anzureisen. Fazit: Kurse oder Vorbereitungsseminare sind meiner Meinung nach nicht essentiell.

Visum

Ich habe für meine Einreise in den Libanon mit meinem deutschen Pass kein Visum vorab beantragen müssen. Der Reisepass muss bei Einreise wie immer noch mindestens 6 Monate gültig sein. Bei Ankunft in Beirut bekommt man dann ein Visa-on-arrival. Dieses (Touristen-)Visum ist umsonst (Stand: Okt. 2019) und 30 Tage gültig. Die einzige Information die man benötigt ist eine Adresse der Unterkunft.

Gesundheit

Ich habe mir vor Abreise eine kleine Reiseapotheke zusammengestellt, mit den gängigen Arzneimitteln. Zudem habe ich eine Auslandskrankenversicherung. Eine Impfprophylaxe habe ich nicht erneut durchgeführt, da ich bereits alle Impfungen die für den Libanon empfohlen sind in der Vergangenheit erhalten hatte.
Ich musste auch keine weiteren Untersuchungen durchführen lassen.

Sicherheit

Ich habe mich vor meinem Austausch beim Auswärtigen Amt für die Dauer meines Austausches auf die Krisenvorsorgeliste schreiben lassen. Dies geht einfach online und ist in wenigen Minuten abgeschlossen. Ansonsten lese ich gerne auf der Seite des Auswärtigen Amtes die Reisewarnungen/infos zu dem jeweiligen Land das ich bereise. Vor Ort kann man dann gut mit den „Locals“ entscheiden was sinnvoll ist und was nicht. Während meiner Zeit in Beirut gab es vereinzelt im Süden des Landes Auseinandersetzungen zwischen der Hizbollah und den Israelis. Davon bekommt man in Beirut aber nicht viel mit. Ein Besuch grenznaher Regionen zu Syrien (Anjar, Baalbeck) war auch ohne Probleme möglich und sicher.

Geld

Im Libanon wird zum einen mit dem Libanesischen Pfund bezahlt zum anderen mit US-Dollar (1.500 LL = 1 $ Stand Sept. 2019). Beide Währungen sind überall akzeptiert, Geldautomaten können je nach Wunsch Dollar oder LL auszahlen. Bezahlt man in US-Dollar bekommt man jedoch immer LL zurück. Man kann viel und gerne mit Kreditkarte zahlen, dies ist deutlich einfacher als in Deutschland.
Ich habe mir vor Ort mit meiner Kreditkarte dann libanesische Pfund abgehoben. Während meines Monats Aufenthalt habe ich dies zweimal gemacht. Meines Erachtens zahlt man so am wenigsten Wechselgebühr und die Bearbeitungsgebühr waren 5$ für einmal Geld abheben.

Sprache

Im Libanon ist arabisch Amtssprache, viel Menschen sprechen zudem sehr gut Französisch. Da ich keine der beiden Sprachen spreche, habe ich nur Englisch gesprochen – dies funktioniert überall reibungslos. Im Krankenhaus (AUBMC) ist die offizielle Lehrsprache Englisch. Englisch wird dort auch nur während Fortbildungen, Vorlesungen, Seminaren gesprochen. Untereinander fallen die Ärzte*innen dann leider doch oft ins arabisch und man bekommt, wenn man kein arabisch spricht leider nicht viel mit. Das kann auch mal frustrierend sein. Patienten sprechen meist auch nur arabisch. Es kommt auf die Geduld und das Wohlwohlen der Ärzte an wie viel Englisch außerhalb der offiziellen Veranstaltungen gesprochen wird. Das ist von Team zu Team und Fachrichtung unterschiedlich.

Verkehrsbindungen

Ich habe vorab den Fahrtkostenzuschuss des bvmd erhalten (ca. 450 €). Dieser hat auch fast genau meine Flugkosten gedeckt. Alle gänigen Airlines fliegen Beirut regelmäßig an. Der Flughafen ist 15 Autominuten von dem nördlichen Teil der Stadt entfernt und schnell per Taxi erreichbar. Ich bin mit Lufthansa über Frankfurt mit weiterem Anschluss nach Beirut geflogen. Vor Ort wurde ich von einem durch den LEO vorab bestellten Taxifahrer abgeholt. Es ist immer nützlich sich vorab eine offline Karte (z.B Google-Maps) herunterzuladen. Während meines Aufenthalts haben wir viel Uber benuzt das die der einfachste und sicherste Weg war von A nach B zu kommen. Auch längere Fahrten sind gut mit Uber machbar, zumal man sich die Kosten gut mit anderen Studenten teilen kann z.B von Beirut nach Byblos (1. Std Fahrt für 25$). Es gibt auch Busse, diese haben ich/wir aber nicht benutzt.

Kommunikation

Im Libanon gibt es fast überall Wifi. Im Hotel, bzw. im Krankenhaus (Eduroam) sowie in fast allen Restaurants. Nach Bedarf kann man auch gut eine libanesische Simkarte kaufen. Diese kostet ca. 26 $ und beinhaltet 6 GB Datenvolumen.

Unterkunft

Unsere LEO hat vor Ort ein Hotel direkt neben dem AUBMC Krankenhaus organisiert. Dies war ein sehr bodenständiges einfaches Hotel, jedoch sauber und völlig ausreichend. Das Zimmer war ein Doppelzimmer mit zwei Einzelbetten und wurde mit einem anderen Austauschstudenten geteilt. Es gab in jedem Zimmer einen Kühlschrank den wir uns immer mit Trinkwasser befüllt haben. Essen gab es im Hotel nicht, da das Krankenhaus aber direkt um die Ecke war war dies aber kein Problem. Dort konnten man wenn man Lust drauf hat drei Mal am Tag, sieben Tage die Woche essen. Ich habe jedoch oft außerhalb in libanesischen Restaurants gegessen. Man kann gut und preiswert in Beirut essen gehen. Bettwäsche und Handtücher wurden im Hotel gestellt und wöchentlich gewechselt.

Literatur

Da ich keinen deutschen Reiseführer über den Libanon gefunden habe, habe ich mir schließlich den Lebanon - Bradt Travel Guide gekauft. Dieser ist sehr gut geschrieben, aktuell und hat gute Empfehlungen zu allem was wichtig sein könnte. Ein sehr gutes Buch!!!

Mitzunehmen

Ich habe Kleidung, meinen weißen Kittel, ein Stethoskop und Scrubs mitgenommen. Im Vorhinein hieß es man müsse als Mann Hemd, Krawatte und gute Schuhe im Krankenhaus tragen und bräuchte seine eigenen Scrubs. Letzteres stimmt nicht. Mit dem Mitarbeiterausweiß den man bekommt kann man sich Scrubs für den OP holen. Hemd, Krawatte und gute Schuhe stimmt teilweise. Die orthopädischen Chirurgen bei denen ich eingeteilt war tragen alle Hemden, aber Krawatten wurden nur manchmal getragen (z.B. bei der wöchentlichen Fortbildung). Zu den Schuhe ist zu sagen, keine Turnschuhe oder Sneaker sondern lieber Anzugschuhe o.ä.. Steckdosenadapter braucht man eigentlich keine.

Reise und Ankunft

Ich bin am Nachmittag in Beirut am Flughafen angekommen und wurde durch einen vom LEO vorbestellen Taxifahrer abgeholt und ins Hotel gebracht. Am nächsten Tag war offizieller Famulaturbeginn. Beginn war jedoch nicht morgens sondern wir haben uns entspannt gegen 11:00 Uhr mit unserem LEO getroffen der mit uns in die Klinik ist und alle Formalien erledigt hat. Jeder hat dann für die Zeit des Austausches einen Mitarbeiterausweis bekommen. Am nächsten Tag (Dienstag) sind wir dann zu dritt, es waren noch zwei andere Studenten in der Orthopädie eingeteilt in das Sekretariat der Orthopäden gegangen und haben uns dort vorgestellt. Die sehr nette Sekretärin hat dann einen der Ärzte angefunkt und dieser kam dann nach 45 Minuten, um uns eine grobe Tour in 15 Minuten zu geben.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Wo hast du gearbeitet?
- American University Medical Centre Beirut in der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie. Mein erster Wunsch war jedoch Rekonstruktive Plastische Chirurgie.
Wie war der erste Tag?
- Am offiziellen ersten Tag war nur Anmeldung und eine kleine und kurze Führung durch einen Assistenzarzt und noch kein wirklicher Besuch der Klinik. Der erste „richtig“ Klinik Tag war dann entspannt. Ich bin in die Frühbesprechung der Residents (Assistenzärzte) um 06:30 Uhr und habe mich nach der Besprechung einmal dem Team vorgestellt. Danach wurde mir kurz erklärt wo ich überall mit kann und wann und wie welche OPs bzw. die Poliklinik staatfindet. Alle Assistenzärzte & Oberärzte sind nett, man sollte sich immer und überall sofort vorstellen. Sei es bei Fortbildungen oder im OP. Das ist sehr wichtig.
Wie war der allgemeine Tagesablauf?
- 06:30 Frühbesprechung, je nach Arzt der diese führt auf Englisch oder Arabisch
- 07:15 Uhr Frühstück
- 08:00 OP Beginn oder Poliklinik
- 12:00 Mittagessen
Wie wurde behandelt?
- Alle orthopädischen Ärzte im AUBMC sind nett. Manche mehr als andere. Der Austausch über ifmsa/LeMSIC ist bekannt und jeder kann damit was anfangen. Es ist wichtig sich immer und überall vorzustellen. Die meisten Attendings (Oberärzte) lassen einen mit in die OPs bzw. Poliklinik. Generell ist zu sagen das es eine Privatklinik ist und selbst die Residents im OP erstmal viele Jahre nur Hacken halten und zuschauen. Als Student ordnet man sich dem entsprechend weiter unten ein. Generell wird die Anwesenheit sehr locker gesehen bei den Orthopäden und man darf kommen und gehen wann man möchte. Es ist also mehr als genug Zeit für Strand und Sightseeing vorhanden.
Was war deine Aufgabe?
- Zuschauen. Praktisch darf man leider wirklich nicht viel machen da AUB eine Privatklinik ist. Einwaschen und am Tisch stehen im OP ist auch nicht so wirklich machbar.
Wie beurteilst du deine Tätigkeit?
- Schwer zu sagen, ich durfte nicht viel praktisch machen. Theorie wird man gelegentlich mal gefragt aber nur wenn der Arzt Bock hat.
Wie viel hast du gelernt/ mitgenommen?
- Fachlich hält sich das Gelernte in Grenzen. Menschlich und über das Gesundheitssytem habe ich viel neues gelernt und konnte mich hier auch ausreichend mit den Chirurgen austauschen.
Was hättest du gerne noch gemacht?
- Mehr praktisch gearbeitet
Was hättest du lieber nicht gemacht?
- nichts
Wie hast du dich mit den Ärzten, dem Pflegepersonal und den anderen Medizinstudierenden verstanden?
- sehr gut, auch wenn manchmal echt viel Arabisch gesprochen wird. Die anderen Austauschstudenten waren alle nett.
Gab es bestimmte Sprachprobleme/ Verständnisschwierigkeiten?
- Oft wurde einfach ohne Rücksicht auf uns Austauschstudenten viel arabisch gesprochen. Dies ist vollkommen in Ordnung gegenüber dem Patienten aber unter Kollegen wäre es schön gewesen, wenn mehr Rücksicht vorhanden wäre.
Ist dir ein bestimmter Moment/ Fall/ Patient besonders im Gedächtnis geblieben?
- Frau mit Polio
- Kind mit Duchenne
Was hast du über das Gesundheitssystem des Gastlandes erfahren können und wie bewertest du es im Vergleich zum deutschen Gesundheitssystem?
- Es gibt im Libanon nur bestimmte Versicherungen, die eine Behandlung im AUBMC bezahlen. Oftmals dann auch nicht die komplette Diagnostik oder Behandlung. Das kann manchmal sehr frustran sein, v.a. wenn man deutsche Standards gewohnt ist. Technisch ist AUBMC absolut mit jeder deutschen Klinik vergleichbar. Ärzte haben meiner Meinung nach tendenziell etwas mehr Zeit für Patientenkontakt als in Deutschland.
Hast du Einblicke in die medizinische Ausbildung erhalten und wie ist diese im Vergleich zur Ausbildung an deiner Heimatuni bzw. in Deutschland allgemein?
- Die medizinische Ausbildung läuft an der AUB über 5 Jahre ab. Am Ende macht jeder Studenten eigentlich noch die USMLEs (US Examina). Im Anschluss wird man resident für 5 Jahre und macht dann seinen Facharzt. Danach gehen viele Ärzte nach Amerika um dort für ca. 3 Jahre eine Fellowship zu absolvieren. Das ist so eine Art Schwerpunkt im Fachgebiet legen. Dann kommen viele zurück und werden dann sogenannte attendings (Oberärzte).
Welche Besonderheiten sind dir noch aufgefallen?
- keine weitern

Land und Leute

Was hast du außerhalb des Krankenhauses alles unternommen und gesehen?
- Wir haben Beirut über einen Monat erforscht und Wochenendausflüge in Regionen, Städte unternommen die etwas weiter außerhalb lagen.
Beirut Sehenswürdigkeiten:
- Nationalmuseum, Sursock Museum sind sehr zu empfehlen.
- Downtown und Zaytuna Bay sind sehr poliert und gut um zu Essen/ Entspannen
- Die große Moschee
- Hamara & Pigeon Rocks
- ABC Mall in Verdun
- AUB Strand (2$ Eintritt)
Welche touristischen Sehenswürdigkeiten oder Ausflüge bieten sich an?
- Byblos (die älteste konstant besiedelte Stadt der Welt)
- Jeitta Grotto (rießige Tropfsteinhöhle – sehr spektakulär)
- Harissa & Cablecar (Ideal für den Sonnenuntergang)
- Anjar
- Baalbeck (must-see, das Highlight meines Erachtens!!)
- Kzara Weintour
Welche Eindrücke hattest du von der kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Situation des Landes?
- ein sehr offenes arabisches Land, in dem es keine Einschränkungen gibt. Fast jeder kann sich frei bewegen. Wirtschaftlich ist das Land durch seine Vergangenheit, den Konflikt mit Israel und die aktuelle Flüchtlingsschwämme etwas in Schwierigkeit. Es gibt viele Flüchtlingscamps in der Grenzregion zu Syrien sowie zahlreiche Palästinensercamps in ganz Libanon. Schade ist auch das es im Land ein Müllproblem gibt und einfach überall viel Müll herumliegt. Zudem kann einem manchmal der Verkehr auch echt auf die Nerven gehen.
Wie bist du mit deinen Gastgebern zurechtgekommen?
- Die Angestellten im Hotel waren alle sehr gut und unsere Zeit ohne Probleme. Wenn die Klimaanlage mal nicht funktionierte wurde schnell jemand zum reparieren geschickt.
Wie kamst du mit der übrigen Bevölkerung klar?
- sehr gut, alle Menschen sind nett und stets hilfsbereit.
Wie war das Essen?
- genial, es hat mir sehr gut geschmeckt. Libanon ist bekannt für sein gutes Essen. Vor allem kann man immer viele kleine Speisen bestellen, die sich dann gut mit anderen Teilen lassen.
Restaurant Empfehlungen:
- Kebabji
- Mayrig
- Layla
- El Denye Hek
- Onno
- Barbar
- AbouWassem
- Feniqia (Byblos)
- Bayt em Nazih
Was hättest du gerne anders gemacht bzw. wozu bist du nicht mehr gekommen?
- den Süden (je nach Sicherheitslage) und die Zedernwälder zu besuchen.
- Den Austausch im Juli/August da es dann ein organsiertes Social Programm gegeben hätte. Das wäre manchmal einfach angenehmer gewesen, wobei es auch Spaß gemacht hat sich selber zu organisieren und zu planen. Es lohnt sich also auch definitiv ohne Social Program - ein Reiseführer ist dann jedoch von großem Nutzen.

Fazit

Der Austausch war super – ich bin extrem froh diese Erfahrungen gesammelt zu haben. Ich kann einen Auslandsaufenthalt uneingeschränkt empfehlen. Ich könnte mir vorstellen in Beirut für ein paar Jahre zu arbeiten. Es war eine super Möglichkeit Land und Leute sowie eine andere Kultur näher kennenzulernen und die Einblicke waren tiefer und weitreichender als bei einem „normalen“ Urlaub. Ich würde sehr gerne noch einmal so eine Möglichkeit nutzen.

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