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Brazil (IFMSA-Brazil)

Innere - SCOPE (Famulaturaustausch)
Anonym

Motivation

Da mich Kulturen und Arbeitsweisen in der Medizin interessieren, ich gerne ein anderes Gesundheitssystem kennen lernen und Erfahrungen mit tropischen Krankheiten sammeln wollte, habe ich mich für eine Famulatur im Ausland entschieden.
Gerade fernere Länder ermöglichen den Einblick in möglicherweise anders strukturierte Gesundheitssysteme. Ich entschied mich aufgrund der guten Erfahrungsberichte für Brasilien.
Ich erwartete, dass ich in Kontakt mit interessanten Patientenfällen komme und auch praktische Prozeduren verinnerlichen kann. Außerdem war für mich das Kennenlernen der Lebensweisen bzw. der Kontakt zu den Einheimischen wichtig.

Vorbereitung

Ich habe von anderen Studierenden über die Möglichkeiten einer Famulatur im Ausland erfahren. Zudem haben mich die Berichte auf der bvmd Webseite inspiriert. Daraufhin habe ich mich weitergehend informiert und an dem Vorbereitungskurs der bvmd teilgenommen.
Außerdem habe ich mich auf der Webseite der IFMSA über die Voraussetzungen eines Famulaturaustausches (SCOPE) erkundigt. Für Brasilien war die wichtigste Voraussetzung ein Zertifikat bzgl. der Sprachkenntnisse in Englisch. Dieses habe ich nach einer kurzen Übungsphase an meiner Universität absolvieren können.

Visum

Ein Visum war zu meiner Zeit nicht erforderlich. 90 Tage können unter bestimmten Bedingungen ohne beantragtes Visum in Brasilien verbracht werden. Das Einladungsschreiben kann man im Handgepäck mitnehmen, falls doch noch Fragen aufkommen sollten bei der Einreise.

Gesundheit

Zwecks Vorbereitung habe ich mich beim Arzt beraten lassen bzgl. notwendiger Impfungen und Vorsorgemaßnahmen. Bei mir musste noch gegen Hepatits A und Gelbfieber geimpft werden. Außerdem sind Repellets (Icaridin und DEET) empfehlenswert. Ich habe somit zwei verschiedene Flaschen mitgenommen. Es lassen sich auch noch Kleidungsstücke speziell imprägnieren und ein Moskitonetz ist auch vorteilhaft!
Man sollte auch an eine Reiseapotheke mit bspw. Ibuprofen, Pantoprazol, Loperamid, Malarone, Iberogast, Vomex und Schleimlöser denken. Magenverstimmungen aufgrund der mangelhaften Hygiene oder grippale Infekte in der Klinik können vorkommen.

Sicherheit

Ich habe eine Reisekrankenversicherung mit Rückholoption für den Aufenthalt (Freizeit und Praktikum) in Brasilien abgeschlossen. Außerdem habe ich den Schutz meiner Privathaftpflichtversicherung überprüft und eine Reiserücktrittsversicherung abgeschlossen.
Die Sicherheitslage ist anders als in Deutschland. Dies wird schon am Straßenbild deutlich: Die meisten Grundstücke sind mit Gittern verriegelt. In der Nacht sollte man sich möglichst nicht alleine draußen aufhalten bzw. vorsichtig sein. Die Benutzung von Smartphones im Freien sollte man vermeiden. Hingegen sind öffentliche Plätze (insbesondere drinnen) tagsüber sicherer.
Es wird von Diebstählen auf der Straße, bis hin zu bewaffneten Busüberfällen berichtet. Mit ein wenig Vorsicht und einer etwas angepassten Verhaltensweise sind einige Situationen vermeidbar. Am besten ist es, wenn man mit mehreren Personen oder in Gruppen unterwegs ist und sich Tipps von den Gastgebern geben lässt.

Geld

In Brasilien wird mit brasilianischer Real, kurz R$ bezahlt. Andere Währungen werden normalerweise nicht akzeptiert! Es empfiehlt sich, bereits zuhause ein wenig Geld zu wechseln.
Im Land selbst kann dann allerdings meistens per Kreditkarte bezahlt werden. Nicht verwundern sollte man sich, wenn nach “débito” oder “crédito” gefragt wird. Bei jeder Bezahlung muss der Modus angegeben werden. Außerdem kann es vorkommen, dass in EUR oder BRL abgerechnet werden kann. Hier sollte man in BRL abrechnen, da die Umrechnung durch die eigenen Hausbank meist günstiger ist.
Die Preise im Vergleich zu Deutschland sind insgesamt ähnlich. Dienstleistungen sind etwas günstiger, technische Produkte und Importware können dagegen sehr teuer sein.

Sprache

In Brasilien wird Portugiesisch gesprochen. Es gibt allerdings Unterschiede zwischen der Sprache in Portugal und Brasilien! Vorausgesetzt wurde lediglich Englisch. Da ich keine Portugiesischkenntnisse hatte, habe ich mich mit einem Kurzlehrbuch etwas vorbereitet. Es wird gerne gesehen, wenn man ein paar einfache Floskeln sprechen kann, bspw. obrigado ;)
In der Klinik hat mir der Kardiologe die Patientenfälle jeweils nach der einzelnen Visitation auf Englisch erläutert! Auch in der Unterkunft konnte die Kontaktperson Englisch sprechen. Allerdings konnte man sich im Alltag nicht auf Englisch verständigen. Ob im Supermarkt, im Hospital oder am Strand - hier sollte man einen elektronischen Übersetzer oder ein paar Freunde dabeihaben.

Verkehrsbindungen

Nach Brasilien kann man Direktflüge von Frankfurt nehmen. Ideal sind auch Flüge mit Zwischenstopp in Portugal oder Spanien. So lässt sich der lange Flug aufsplitten. Der Transatlantikflug umfasst mindestens 9-10 Stunden und dann je nach Destination in Deutschland noch weitere 2-3 Stunden.
Für Hin- und Rückflug sollte man zirka 700-1000 Euro einplanen. Empfehlenswert ist auch das Anfragen eines Fahrtkostenzuschusses bei der bvmd.
Im Land selbst kann man gut und preiswert mit Uber und dem brasilianischen Äquivalent “99” vorankommen. Für längere Strecken eignen sich Reisebusse. Dabei ist zu beachten, dass immer nach eurem Ausweis gefragt wird. Insgesamt kann man so relativ sicher und zuverlässig vereisen.

Kommunikation

Zur Kommunikation empfiehlt sich das zeitnahe Anschaffen einer SIM Karte. Ich habe Oi! genutzt und war sehr zufrieden. Für unter 10 Euro konnte ich die Karte inkl. 4 GB Datennutzung für einen Monat nutzen.
WiFi bzw. WLAN könnt ihr in der Stadt / im Zentrum, ggf. bei eurer Gastfamilien und in der Klinik nutzen. Die Internetverbindung ist bspw. nützlich zur Kommunikation nach Deutschland (Whatsapp Call, WifiCall, VoIP...) oder um einfach ein Uber zu bestellen.

Unterkunft

Ich bin in einer Gastfamilie untergekommen. Die Unterkunft wurde mir vom lokalen Austauschteam in Santos organisiert. Leider war die Organisation etwas chaotisch und die Angaben dazu wurden erst kurz zuvor bekannt gegeben und dann auch noch gewechselt.
In der Gastfamilie lebten eine Mutter mit ihren beiden Söhnen, Hund und Hamster! Der eine Sohn war in meinem Alter und kurz vor Abschluss seines Medizinstudiums. Mit ihm konnte ich mich gut auf Englisch verständigen - was mit den anderen Familienmitgliedern leider nicht gelang.
Beachten sollte man, dass die Lebensverhältnisse sehr bescheiden und ärmlich sein können. Die Wasserqualität lässt zu wünschen übrig. Zudem kann es auch mal einen Strom- oder Wasserausfall geben.

Literatur

Ich hatte mich auf der Webseite des Auswärtigen Amtes über die Reisebedingungen und Sicherheitshinweise informiert. Außerdem hatte ich mir ein kurzes Reisewörterbuch und einen Reiseführer gekauft. Im Netz findet man zudem viele Informationen über die Reisemöglichkeiten und gesundheitlichen Bedingungen. Gute Informationen findet man in Erfahrungsberichten der bvmd und auf tropenmedizinischen Webseiten.

Mitzunehmen

Die Hygiene ist zumeist mangelhaft in Brasilien. Egal ob zuhause, unterwegs oder in der Klinik! Somit waren verschiedene Desinfektionsmittel sehr vorteilhaft. Flüssige Desinfektionsmittel für die Haut sind eher schwierig zu bekommen, hier werden zumeist Gels verwendet. Reinigungs-, Kosmetik- und Medizinprodukte sind schwieriger zu erhalten bzw. Mangelware und sind teurer als bei uns.
Somit sollte auch Sonnenmilch nicht im Gepäck fehlen. Außerdem hat sich die Mitnahme von Repellents als hilfreich herausgestellt. Nicht vergessen sollte man zudem ein kleines Geschenk aus dem Heimatland für die Gastgeber.

Reise und Ankunft

Meine Anreise lief ohne größere Probleme ab: Zug - 1. Flug - 2. Flug - Uber. Nur am Flughafen sollte man sich orientieren, wo die Uber-Fahrzeuge stehen, da die Kommunikation ausschließlich in portugiesisch stattfindet. Ich bin dann für ein paar Tage zuvor in Rio de Janeiro in einem Hotel untergekommen.
Es ist sehr empfehlenswert auf eigene Kosten zuvor 3-4 Tage früher anzukommen, bevor das Praktikum beginnt. Danach bin ich nach Santos gereist. Dort wurde ich von der Gastfamilie abgeholt und nach Hause gebracht. Am ersten Tag hat mir der Student aus der Gastfamilie alles Wichtige in der Klinik gezeigt. Auch außerhalb des Krankenhausbetriebes hat er mir alle wichtigen Orte des Lebens gezeigt.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Mein Praktikum fand in einem öffentlichen Krankenhaus in Santos statt. Es handelt sich um die Klinik "Hospital Guilherme Álvaro". Ich wurde der Inneren Medizin, Kardiologie zugeteilt. In meiner Bewerbung hatte ich dieses Fachgebiet zwar auch angegeben, allerdings nicht den Ort Santos.

Am ersten Tag wurde mir von dem Studenten aus der Gastfamilie das Krankenhaus gezeigt. Wichtig ist, dass man weiße Kleidung trägt und immer seinen Klinikausweis dabei hat!
Und schon am ersten Tag war ich inmitten einer Reanimation. Mehrere Studenten und Ärzte eilten herbei. Die Ausstattung ist zwar nicht mit einer europäischen Ausstattung vergleichbar, dennoch konnte die Reanimation und Intubation erfolgreich zu Ende geführt werden. Nach diesem ereignisreichen Start, bin ich in den folgenden Tagen nur noch in der Kardiologie gewesen, z.T. mit Visitationen in der Ambulanz, Poliklinik und Chirurgie (Konsile).

Das Pflegepersonal oder andere Ärzte habe ich kaum kennengelernt. Dafür hatte ich den Kontakt zum Studenten und eine enge Betreuung durch den leitenden Kardiologen. Der Arzt hat mich während des Praktikums begleitet. So kam es auch vor, dass der Kardiologe mir vor der Visite über wichtige Sachverhalte aufgeklärt hatte. Die Visite erfolgte in Zusammenarbeit mit den Studenten. Jeweils anschließend konnte ich mit dem Kardiologen Fragen klären und die Patientenfälle besprechen. Die Patienten kamen zumeist wegen KHK, Angina pectoris, pulmonalen Erkrankungen und Myokardinfarkt. Es erfolgten medikamentöse Therapien und auch kathetergestützte Eingriffe. Für kardiochirurgische Interventionen mussten Patienten an andere Krankenhäuser überwiesen werden.
Die Patienten waren größtenteils sehr dankbar für die Visitation und Behandlung durch die Ärzte.

An einigen Nachmittagen folgte die ambulante Sprechstunde in der Poliklinik. Dort wurden die Patienten von den Studenten untersucht und vom Arzt nachgeschaut. Dieses Prozedere ist dem in Deutschland vergleichbar. Die Patienten kamen zumeist wegen routinierter Nachuntersuchungen. So wurden die allgemeinen physiologischen Parameter erhoben und je nach Patient unterschiedliche Laborergebnisse angefordert.

Sprachprobleme gab es untereinander nicht, da die Ärzte und Studenten der englischen Sprache mächtig waren. Mit den Patienten konnte man sich allerdings nur z.T. verständigen. Dabei halfen allerdings auch die anderen anwesenden Personen. Trotz der Sprachbarriere, habe ich viele Inhalte aus der Kardiologie praktisch kennenlernen dürfen.

Das Gesundheitssystem ist dort aufgeteilt in einen öffentlichen und privaten Sektor. Zumeist sind öffentliche Kliniken insuffizient ausgestattet und es kann zu Mangelzuständen bei der Medikamentenversorgung oder Hygiene kommen. Auf der anderen Seite kann man gute private Kliniken vor allem in den Großstädten antreffen. Die öffentlichen Krankenhäuser bieten die Behandlung "kostenlos" an, in die privaten Kliniken können nur "gut betuchte" Personen.
Das Studium der Medizin besteht auch aus 6 Jahren und der Aufteilung Vorklinik und Klinik. Allerdings werden in der Klinik zuerst die theoretischen Grundlagen durchgekommen und dann nach einem Examen die praktischen Inhalte. Es gibt daher am Ende kein praktisches Jahr oder ausschlaggebendes Examen! Nach Abschluss des Studiums muss man allerdings einen Eingangstest für die Facharztausbildung absolvieren.

Land und Leute

Die ersten Tage war ich in Rio de Janeiro und habe unter anderem die Christusstatue bzw. "Cristo Redentor" und den Zuckerberg gesehen. Auf der einen Seite stehen die wunderschönen Strände Ipanema und Copacabana und auf der anderen Seite sind die ärmlichen Lebensbedingungen - ganz besonders in den Favelas - zu sehen.
Später im Zielort Santos konnte ich ähnliche Erfahrungen machen: Ein schöner Strand mit dem längsten Strand-Garten der Welt, dazu allerdings eher bescheidene Lebensverhältnisse im Ganzen. Das Straßenbild wird gezeichnet von oberirdischen Leitungen, kaputten Gehwegen und heruntergekommenen Baracken. Außerdem leben die Menschen im ständigen Gefahrenbewusstsein - die eigenen Unterkünfte sind mehrfach abgeriegelt und abends im Dunkeln herrscht eine unangenehme Leere auf den Straßen.
In Santos habe ich außerhalb des langen Strandes noch das Kaffeemuseum, den Hafen, das Zentrum und das Aquarium besichtigt. Ich bin zweimal nach Sao Paulo gereist. Dort kann man qualitativ bessere private Krankenhäuser vorfinden, die berühmte 3-kilometerlange Straße "Paulista Avenue" vorfinden und einen ausgedehnten Spaziergang im Ibirapuera-Park (ähnlich wie der Central Park in New York) machen.
Mir hat der Gastgeber (sehr gastfreundlicher Student aus der Hostingfamilie) einige Orte gezeigt und mich anderen Freunden vorgestellt. Somit hatte ich einen guten Einblick in das Leben der Brasilianer. Die Lebensweise ist relaxt. Zeitliche Absprachen werden meistens ausgedehnt betrachtet, solange es sich um freizeitliche Aktivitäten handelt ;)
Das traditionelle Essen besteht aus deftigen Fleischmahlzeiten, dicken Bohnen und Reis. Es gibt allerdings auch viele Buffets. Dort ist es dann nicht unüblich, dass das Essen abgewogen wird. Außerdem kann man sich bspw. beim Italiener oder Chinesen bedienen lassen. Für die tägliche Verkostung sollte man die Ausstattung der Küche in der Gastfamilie beachten und ggf. auf einen Imbiss zurückgreifen.
Eine gute Möglichkeit ist das Ausleihen von Fahrrädern oder E-Scootern in der Stadt. So kommt man schnell voran und kann unter anderem den Blick auf den Strand genießen. Dort oder auch auf großen Straßen befinden sich extra abgegrenzte Radwege.
Aufpassen sollte man bei der Hygiene bzgl. des Essen oder in der Klinik, der Sicherheit (drinnen und vermehrt draußen) und beim chaotischen Verkehr. Das bloße Überqueren einer Straße ist hier um einiges gefährlicher, als bspw. in Europa. Straßenverkehrsregeln werden hier nicht so genau genommen und auch auf Gehwegen ist man nicht unbedingt sicher.

Fazit

Meine Erwartungen wurden erfüllt. Ich kann Brasilien als Ziel für eine Famulatur und als Reiseland empfehlen. Man lernt nette Menschen, wunderschöne Orte und ein anderes Gesundheitssystem kennen. Auch fachlich war man sehr bemüht, mir die Inhalte der Kardiologie anhand der Patientenfälle zu erläutern. Ich könnte mir allerdings nicht vorstellen, in dem Ort zu arbeiten. Leider sind die Ausstattung und Versorgung gerade im öffentlichen Bereich nicht ausreichend. Aufgrund der mangelhaften Ausstattung wurde hier nochmals deutlich, wie wichtig Menschlichkeit und Knowledge im medizinischen Alltag sind.

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