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Morocco (IFMSA-Morocco)

Neurologie - SCOPE (Famulaturaustausch)
Anonym

Motivation

Meine Motivation ins Ausland zu gehen hatte mehrere Gründe. Zum einen wollte ich ein anderes Gesundheitssystem kennen lernen. Ich habe mir dabei bewusst Länder ausgesucht, deren Gesundheitssystem schlechter ist als das unsere, da ich erfahren wollte, wie Ärzte und Studenten mit schlechten Bedingungen umgehen lernen. Zudem wollte ich eine neue Kultur kennen lernen und natürlich mussten auch die angeforderten Sprachkenntnisse übereinstimmen. In meiner Wunschliste ergab sich dann folgende Reihenfolge: Georgien, Marokko, Israel (hier stimmt der Punkt, mit den schlechten Bedingungen natürlich nicht).

Vorbereitung

In Vorbereitung auf meinen Austausch habe ich an meiner Universität einen Englischkurs für Mediziner belegt. Nach jahrelangem Studium wollte ich wieder mehr Sicherheit im Englischen bekommen.
Ich hatte in der Vorbereitung keine Probleme, bei Fragen habe ich mich per Email an meine Ansprechperson der bvmd gewandt, die mir beispielsweise eine Verlängerung der Frist zum Einreichen meiner Dokumente nach Bestätigung des Austauschs gewehrt hat.

Visum

Für Marokko habe ich als Deutsche kein Visum benötigt.

Gesundheit

Um den Austausch antreten zu können, musste ich nachweisen, dass ich nicht an Tuberkulose erkrankt bin. Hierfür bin ich zu einem Lungenfacharzt gegangen, der dies mittels Interferon-gamma-Test nachgewiesen hat. Zudem habe ich einen Tropen- und Reisemediziner aufgesucht um meine Impfungen zu überprüfen. Von Marokko aus ist eine Impfung gegen Tuberkulose empfohlen, von dieser wurde mir jedoch abgeraten.
Ansonsten habe ich noch Impfungen gegen Meningokokken und eine Auffrischung gegen Polio, die in Deutschland sonst nicht empfohlen wird. Des Weiteren sind Impfungen gegen Typhus und Hep. A./B. empfehlenswert.
Eine Auslandskrankenversicherung besaß ich schon zuvor.

Sicherheit

Dass Marokko ein sicheres Reiseland ist, habe ich durch Erfahrungsberichte meiner Freunde und Verwandten im vor hinein erfahren. Gedanken habe ich mir über die Rechte und Sicherheit einer Frau in Marokko gemacht. Im Vorhinein habe ich mich informiert, wie man sich als Frau kleiden sollte und auch welche Rechte Frauen besitzen. Ich habe nicht damit gerechnet, dass so viele Frauen studieren und ein Großteil der Ärzte weiblich ist, so wie in Deutschland.
In Marokko ist es sehr abhängig von der Stadt und der Region in der man sich aufhält wie konservativ die Gesellschaft ist. In Fès sollte man nachts nicht alleine durch die Stadt laufen, nur in Begleitung von Marokkanern. Selbst tagsüber sind Spaziergänge durch die Stadt als Frau nicht unbedingt empfehlenswert, da man teilweise von Männern verfolgt und dauerhaft durch Zurufe belästigt wird.
Ganz anders ist das in den anderen großen Städten wie Marrakech oder Rabat, die auch nachts sicher sind und man als Frau problemlos durch die Straßen laufen kann.
Das Reisen durch das Land und mit Öffentlichen Verkehrsmitteln ist sicher und auch in Frauengruppen kein Problem.

Geld

Die Währung in Marokko sind Dirham. Ich habe nie versucht in Euro zuzahlen, daher weiß ich nicht, ob das möglich ist.
Mein Geld habe mich mir per Kreditkarte abgehoben. Es wird eigentlich alles in bar gezahlt, viele Restaurants und Geschäfte haben keine Möglichkeit der Kartenzahlungen. Andere Austauschstudenten sind mit Euro in Bar angereist und haben diese dann gewechselt.
Die Preise sind im Vergleich zu Deutschland niedrig. Lebensmittel sind sehr günstig, besonders wenn man sie auf dem Markt kauft. Ein Essen im Restaurant kostet 2-5 Euro, Frühstücken kann man sogar schon für 70 Cent.

Sprache

Zudem sprechen die Meisten Französisch. Studiert wird in Französisch und auch im Krankenhaus wird in Morgenbesprechungen oder bei der Visite Französisch gesprochen. Einige Marokkaner sprechen je nach Region noch Berber, die 2. Amtssprache. Im Norden ist auch Spanisch sehr verbreitet.
Die meisten Studenten sprechen Englisch, sonst ist Englisch aber nicht ganz so verbreitet. Um so gebildeter die Menschen, um so eher sprechen sie Englisch. Das Gleiche gilt auch für Französisch, auch wenn das wesentlich verbreiteter ist.

Verkehrsbindungen

Taxi fahren kostet je nach Distanz und Stadt 50 Cent bis 3 Euro. Bei Bus und Bahn gilt genau wie Deutschland, wer früher bucht bekommt den besten Preis. Ein Zug-Ticket von Fes nach Rabat beispielsweise kostet zwischen 5 und 10 Euro (3 Stunden Zugfahrt), ein Bus Ticket für die gleiche Distanz 8,50 Euro. Es kommt schon regelmäßig zu Verspätungen, besonders bei der Bahn. Busse sind meist pünktlich, insbesondere wenn man mit den großen Agenturen wir CTM und Supratours unterwegs ist.
Es gibt auch die Möglichkeit der Inlandsflüge.
Außerdem gibt es Sammeltaxis, die sich besonders für ländliche Regionen oder kürzere Strecken eignen.

Kommunikation

Gleich zu Beginn habe ich mir eine marokkanische Sim-Karte besorgt. Der Netzausbau ist super, man hat fast überall 4G. 5GB kosten umgerechnet 5 Euro, es ist daher wirklich erschwinglich. In sämtlichen Cafes und Restaurants gibt es außerdem WIFI.

Unterkunft

Ich habe mir mit einer Studentin das Appartement geteilt, ich hatte dort mein eigenes Zimmer. Die Unterkunft wurde von der lokalen Organisation gestellt. Ich hab keine Bettwäsche, Decke oder Kissen mitbringen müssen. Die Küche war voll ausgestattet.

Literatur

Ich habe mir einen Reiseführer über Marokko gekauft, welchen ich auch weiter empfehlen kann (
Reiseführer Marokko: Tradition und Kultur im Land der Berber). Ich war besonders in geschichtlich und kulturelles Hintergrundwissen interessiert. Abgesehen davon habe ich ein bisschen im Internet gesurft und Freunde und Familie befragt, die schon dort waren.
Ich habe mir keine Fremdsprachigen Lehrbücher besorgt. Dies war auch nicht nötig, auf Nachfrage habe ich dort sämtliche Skripte oder Bücher von Studenten ausleihen können.

Mitzunehmen

Wichtig für das Krankenhaus: Kittel, Kasack, Stethoskop, Desinfektionsmittel (wenn man nicht nur Gel, sondern unser alkoholisches Desinfektionsmittel haben möchte. Dieses ist in der Apotheken dort nicht erhältlich. Das Krankenhaus war sehr schlecht mit Desinfektionsmittel ausgestattet), Schuhe, angemessene Kleidung (lange Hose, T-Short)
Kleidung in der Freizeit: in Fes war es als Frau angebracht lange Hosen oder Röcke zu tragen, obwohl das vom Wohlbefinden der Person abhängt. Einheimische Frauen in Fes sieht man nicht in kurzen Sachen. Dies ist in anderes Städten Marokkos anders. Männer können kurze Hosen tragen
Sonstiges: Ein Mitbringsel für meinen Host

Reise und Ankunft

Ich bin schon eine Woche vor Beginn meinen Praktikums in Marokko gelandet und bin ein bisschen rumgereist. Als ich am Freitag vor Beginn meines Praktikums in Fes angekommen bin, wurde ich vom Bahnhof abgeholt und zu meiner Unterkunft gebracht.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich habe auf der neurologischen Station gearbeitet. Jeder Tag hat mit einer Morgenbesprechung begonnen, in der neue Patienten sowie Entwicklungen der bekannten Patienten besprochen wurden. Die Besprechung fand auf Französisch statt. Zu beginn habe ich sehr wenig verstanden, was sich aber im Laufe der Zeit gebessert hat. Wenn der Professor dabei war, hat er viele Fragen an die Assistenzärzte gestellt und dabei wurden Krankheitsbilder, Differentialdiagnosen und Behandlungsschemata erklärt. Danach geht jeder seiner Wege. Für mich war es schwierig eine Arbeit zu finden, da ich nirgends eingeteilt war und sich auch niemand für mich verantwortlich gefühlt hat. Ich musste aktiv auf Ärzte zugehen und fragen ob ich zuschauen oder helfen darf, leider sind diese dann oft wortlos verschwunden. Dies lag vermutlich viel daran, dass mit mir 30 marokkanische Studenten auf Station waren, die dort ihr 4 wöchiges Pflichtpraktikum absolviert haben. Leider war es daher sehr voll und schwierig selbst etwas zu machen. Die Kommunikation mit den Patienten war für mich kaum möglich, da sie meist nur arabisch gesprochen haben. Hin und wieder fand eine Visite statt, dafür gab es keine feste Regel. Donnerstags war Chefarztvisite, in der auch immer viele Fragen an Studenten gestellt wurde. Einmal in der Woche habe ich eine Nachtschicht gemacht, in der ich auch in der Notaufnahme war. Da in dieser Schicht nur 2 weitere Studenten auf meiner Station waren, hatte man auch Raum die Ärzte zu fragen und selber Hand anzulegen.
Die Bedingungen im Krankenhaus allgemein sind schlecht. Es fehlt Geld, Material und Hygiene. Die Notaufnahme ist restlos überfüllt und das pure Chaos. Steriles Arbeiten wie wir es kennen gibt es dort nicht. Händedesinfektionsmittel sollte man selber dabei haben. Als Student darf man eigentlich erst ab dem 7. Jahr irgendetwas machen, bei Austauschstudenten ist das aber anders. Man muss sehr aktiv nachfragen um etwas machen zu dürfen. Auch der OP ist meist überfüllt mit vielen Studenten und mehreren Assistenzärzten, sodass es selten vorkommt, dass man assistieren darf.
Am meisten Lernen kann man in der Notaufnahme, da sie dort unterbesetzt sind und jede Hand brauchen.
Das Gesundheitssystem ist im Vergleich zu Deutschland katastrophal. Die meisten Menschen habe keine Versicherung und auf dem Land sind die Krankenhäuser so schlecht ausgestattet, dass diese teils nicht einmal ein Ultraschallgerät haben. Daher werden Städte und Uniklinik zu Versorgungszentren und sind maßlos überlaufen. Selbst dort fehlen jedoch oft die Mittel.

Land und Leute

Jedes Wochenende habe ich mit den anderen Austauschstudenten Ausflüge gemacht. Wir haben Marrakesch, Rabat, Tanger, die Sahara, Essaouira, Chefchauen und Meknes besucht. Die Infrastruktur ist gut, sodass mit öffentlichen Verkehrsmittel alles zu erreichen ist. Ein Wochenende haben wir auch ein Auto gemietet, um auch an abgelegenere Plätze zu kommen. Auch nach dem Krankenhaus habe ich teilweise Ausflüge in umliegende Ortschaften gemacht. Mein persönliches Highlight war Essaouira. Eine süße Küstenstadt am Atlantik mit wunderschöner Altstadt, großem Strand und tollem Flair. Die Hauptstadt Rabat kann ich besonders empfehlen für kulturell interessierte. Dort gibt es ein Kunstmuseum für Zeitgenössische Kunst, indem Kunstwerke afrikanischer Künstler ausgestellt werden. Rabat kann man gut als Tagesausflug machen. Die Stadt ist sehr sicher, selbst als Frau alleine habe ich mich dort jederzeit wohl gefühlt.
Der Großteil der Bevölkerung arm, besonders in den ländlichen Regionen. Man sieht auch viele bettelnde Kinder auf den Straßen und viel Arbeitslosigkeit. Die politische Situation ist stabil. Es herrscht noch immer ein König, de facto hat das Volk nichts zu sagen. Die Regierung ist islamisch-konservativ, was sich in Gesetzgebung und Gesellschaft widerspiegelt. Die meisten jungen Menschen sind jedoch sehr offen und viele gebildete Menschen sehen das System kritisch. Viele junge Menschen sind politik-verdrossen und perspektivlos und wollen daher das Land verlassen.
Mit meiner Gastgeberin habe ich mich wunderbar verstanden und ich habe mit ihr viel Zeit verbracht. Wir haben zusammen gekocht, waren gemeinsam in Cafes und ich habe mit ihr ihre Heimatstadt berichtet.
Marokkaner sind unheimlich gastfreundliche Menschen. Dies habe ich in allen Lebensbereichen erfahren dürfen. Sowohl Studenten in der Uni, als auch Bekanntschaften in der Stadt sind immer hilfsbereit und laden einen auch gerne nach Hause ein. Eine Schwierigkeit für mich war jedoch, dass niemand jemals Nein sagt, man muss daher herauslesen können, wenn jemand auf etwas doch keine Lust hat.
Das Essen in Marokko ist der lecker und die Marokkaner sind sehr stolz auf ihre Küche. In Restaurants kann ma leider die traditionelle Küche nicht so gut probieren, weshalb man unbedingt auf Einladungen von Familien eingehen sollte. Sonst gibt es diverse Formen von Fast-Food und Imbissen. Auch zum Frühstück kann man in kleine Imbisse gehen, in denen man die traditionellen Backwaren für weniger als einen euro probieren kann. Getränke sind prinzipiell alle sehr stark gesüßt. Alkohol gibt es nur in wenigen Bars und speziellen Supermärkten.

Fazit

Kulturell und menschlich war der Austausch ein voller Erfolg und ich würde es auf jeden Fall wieder machen!
Vom rein theoretischen Wissenserwerb und der Arbeit im Krankenhaus habe ich leider nicht so viel mitgenommen wie erhofft, die Arbeit dort war für mich etwas enttäuschend. Trotz allem kann ich auch daraus ein positives Fazit ziehen, da ich viel über ein fremdes Gesundheitssystem und den Umgang mit schlechten Bedingungen und wenig Ressourcen gelernt habe.
Ich habe unser Krankensystem sehr zu schätzen gelernt.

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