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GAP Brasilien (IFMSA Brazil)

Verschiedene - SCORE (Forschungsaustausch)
von Pia-Marie, Bochum

Motivation

Ich wollte ein Praktikum im Ausland absolvieren, um sowohl sprachliche als auch interkulturelle und professionelle Kompetenzen zu stärken. Meine Länderpräferenz war dabei Brasilien beziehungsweise Lateinamerika. Meine Erwartungen waren dabei vor allem auf diese Intentionen gerichtet. Außerdem wollte ich das andere Gesundheitssystem kennen und verstehen lernen.

Vorbereitung

Vorbereitet habe ich mich vor allem dadurch, dass ich versucht habe, Grundlagen der Ortssprache zu erlernen. Ansonsten habe ich mich vor allem um meine Flüge und meine Ankunft gekümmert. Für mein Praktikumsland Brasilien brauchte ich jedoch kein Visum.

Visum

Als Europäer*in benötigen wir bis für drei Monate Aufenthalt in Brasilien kein Visum. Bei der Einreise wird eventuell nach dem Einreisegrund sowie nach Ausreisedatum gefragt.

Gesundheit

Da ich in der Vergangenheit schon einige Auslandsreisen und Praktika gemacht habe, war ich gesundheitstechnisch schon ausreichend vorbereitet. Krankheiten in meinem Reiseland, die häufiger als in Deutschland vorkommen, sind vor allem durch Vektoren übertragbare Infektionskrankheiten daher habe ich mich um einen ausreichenden Schutz vor Moskitos bemüht.

Sicherheit

Da Brasilien als eher gefährliches Land bekannt ist, bin ich etwas vorsichtiger gewesen, als auf vorherigen Reisen. Während meiner gesamten Zeit habe ich jedoch keine Situation erlebt, in der ich mich gefährdet gefühlt hätte. Ich habe mich jedoch nicht speziell darauf vorbereiten müssen, da ich generellen Sicherheitsvorkehrungen für Reisen gefolgt bin. Meine generellen Sicherheitsvorkehrungen sind beispielsweise mehrere Kopien von Reisepass und Dokumenten mitzuführen, sowie verschiedene Orte für Kreditkarte und Bargeld zu wählen.

Geld

Bargeld und internationale Kreditkarte sind an fast allen Orten mögliche Zahlungsmittel und an Geldautomaten ist es kein Problem, Bargeld zu bekommen. Die Preise für Lebensmittel im Supermarkt sind etwas günstiger bis ähnlich teuer wie in Deutschland. Mahlzeiten können zu sehr unterschiedlichen Preisen in unterschiedlicher Qualität erworben werden. Ansonsten sind die Preise ähnlich bis etwas teurer.

Sprache

Die Sprache im Gastland ist brasilianisches Portugiesisch. An der Uni können einige Menschen zusätzlich Englisch und oft etwas Spanisch sprechen, die Allgemeinbevölkerung jedoch eher nicht. Ich habe mich mit einem Sprachkurs an meiner Uni sowie Selbststudium auf die Sprache vorbereitet. Für das Forschungspraktikum, wie ich es absolviert habe, halte ich ein sehr gutes Sprachniveau für absolut relevant; hätte ich die Sprache nicht beherrscht, hätte ich keinerlei Interaktionen mit den Menschen eingehen können sowie die meisten der Aufgaben nicht realisieren können und noch weniger gelernt.

Verkehrsbindungen

Die Flugverbindungen ins Gastland sind zum Teil sehr teuer und kompliziert, aber vor allem mit Fahrtkostenzuschuss möglich. Im Land selbst sind zum Teil Busverbindungen vorteilhaft und relativ günstig jedoch je nach Strecke zu lang. Busse und Flugverbindungen sind sicher und zuverlässig.

Kommunikation

Die Kommunikation im Gastland läuft hauptsächlich über Whatsapp und andere sozialen Medien. Ich habe mir direkt zu Anfang eine lokale Simkarte gekauft und konnte danach problemlos und relativ günstig mobiles Internet kaufen. Für die Simkarte ist jedoch eine lokale Identitätsnummer notwendig, die jemand von dort zur Verfügung stellen muss.

Unterkunft

Ich habe mit einer Mitstudierenden, also einer Art Gastfamilie gelebt. Die Unterkunft wurde von der örtlichen IFMSA organisiert und gestellt. Dort konnte ich mich selbst verpflegen. Utensilien des alltäglichen Gebrauches wurden gestellt.

Literatur

Ich habe vor allem wissenschaftliche Artikel in verschiedenen Sprachen gelesen, die sich mit dem „Forschungsthema“ beschäftigt haben. Außerdem habe ich zum Teil Seiten großer brasilianischer Medizinfakultäten konsultiert. Über das Land wusste ich durch Kontakte und ein Kulturseminar vorher schon einiges und hatte nicht das Gefühl, mich weiter belesen zu müssen.

Mitzunehmen

Dadurch, dass ich lediglich mit Handgepäck angereist bin, habe ich entsprechend wenig mitgenommen. Vermisst habe ich daher wärmere Sachen, die ich zum Teil kaufen musste. Außerdem müssen die Studierenden im brasilianischen Gesundheitssystem unter dem Kittel weiße Kleidung tragen (auch Schuhe), was mir leider vorher nicht mitgeteilt wurde, sodass ich mir diese dort ebenfalls kaufen musste.

Reise und Ankunft

Die Anreise lief durch meine vorherigen Erfahrungen problemlos. Am lokalen Busbahnhof wurde ich von meiner Gastgeberin abgeholt. Zwischen Ankunft und Praktikumsbeginn lag ein Tag, danach ist das Praktikum jedoch nur schleppend angelaufen, da die Organisation vor Ort von Seiten der zuständigen Studierenden etwas schwierig war und zum Teil Aufgaben scheinbar nicht eindeutig verteilt.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich habe an keinem festen Ort gearbeitet und daher hatte ich auch keinen festen Tagesablauf. Ich habe zum Teil tagelang Artikel gelesen und zusammengefasst, dann habe ich ab und zu an „ambulatories“ teilgenommen, das heißt, die Studierenden bei ihren Patient*innenbesuchen begleitet. Einige Male in der Woche habe ich Aktivitäten eines sozialen Programmes begleitet und einen halben Tag habe ich im Krankenhaus verbracht, um zu schauen, wie dort der Ablauf ist.

Da meine Aufgaben insgesamt nicht allzu klar waren und es eigentlich auch nach wiederholtem Nachhaken keine Supervision und kein einziges Feedback zu der Arbeit, die ich gemacht habe, gab, habe ich nicht das Gefühl, dass ich aus professioneller Sicht etwas gelernt habe. Obwohl es ein „research exchange“ war, habe ich leider nichts Neues über Forschung gelernt und bin bis auf die wissenschaftlichen Artikel, die ich lesen musste, auch nicht in Kontakt mit irgendeiner Form wissenschaftlicher Arbeit gekommen. Da ich mir einen Einblick in medizinische Forschung erhofft und erwartet hatte, hätte ich gerne stärker diesbezüglich gearbeitet.

Ich habe einen kleinen Einblick in das Studien- und das Gesundheitssystem erhalten und einige wenige fachlich relevante Aspekte gelernt, wenn ich mit den Studierenden die Patient*innen untersucht habe. Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass die Studierenden wesentlich fundiertere fachlich-praktische Kompetenzen aufweisen durch verstärkte praktische Tätigkeiten im Studium. Mit den Mitstudierenden und Professor*innen habe ich mich insgesamt sehr gut verstanden; vor allem auch, da ich als bisher erste Austauschstudentin ihre Sprache sprechen konnte.

Gefallen hat mir, dass ich im sozialen Projekt der Uni mitgearbeitet hab, was mehrmals wöchentlich Aktivitäten für und mit älteren Menschen durchgeführt hat. Dort waren jeweils einige Studierende mit den älteren Menschen beschäftigt und haben verschiedenste Arten von Aktivitäten durchgeführt. Ich bin gut in die Gruppe aufgenommen und von den älteren Menschen sehr herzlich empfangen worden. In der letzten Woche habe ich diese Aktivitäten eigenständig geplant und durchgeführt – was jedoch nur aufgrund der Sprachkenntnisse möglich war. Die Teilnehmer*innen der Gruppe waren begeistert von der Aktivität, was mir ein sehr positives Feedback gegeben hat (was besonders nach dem fehlenden Feedback des restlichen Praktikum sehr gut getan hat) und mich sehr zufrieden gestimmt hat. Im Kontakt mit den älteren Menschen habe ich sehr viel über das Land und die Menschen gelernt.

Am meisten habe ich meiner Meinung nach durch persönliches Interesse außerhalb des Praktikums gelernt, wenn ich mich innerhalb kulturrelevanter Freizeitaktivitäten wie der Capoeiragruppe bewegt habe. Außerdem hat sich mein Sprachniveau sehr stark verbessert. Sprachprobleme gab es daher zum Glück kaum.

Land und Leute

Außerhalb des Krankenhauses beziehungsweise der Uni habe ich schnell Aktivitäten gefunden, an denen ich teilnehmen wollte und daher auch schnell Kontakte geknüpft, die nichts mit der Uni zu tun hatten. Ich habe mehrmals die Woche eine Capoeiragruppe besucht und mit den Menschen auch an Wochenenden Veranstaltungen besucht und Dinge unternommen. Mit anderen Freund*innen habe ich zum Teil die nähere Umgebung etwas besser kennen lernen können. Alle haben mich mit offenen Armen empfangen. Ich habe in kurzer Zeit enge Beziehungen geknüpft und Menschen fast aller sozialer Hintergründe kennen lernen dürfen, was mir einen Umfangenden Einblick in Land und Kultur gegeben hat. Außerdem habe ich viele traditionelle Dinge gelernt und ausprobieren können, sowie viele typische Speisen probieren können.

Sehr touristisch war ich nicht unterwegs, da meine Mobilität in der Region etwas eingeschränkt war – zu vielen Orten in der doch sehr ländlich bis abgelegenen Region gibt es keine Busverbindungen. Daher sind viele Ziele nur mit Auto oder anderen motorisierten Verkehrsmittel erreichbar.

Insgesamt habe ich mich im Land sehr wohl gefühlt und bin überall sehr herzlich aufgenommen worden, obwohl es irgendwann etwas frustrierend war, ständig gefragt zu werden, wo ich herkomme. Dadurch, dass ich in einer sehr kleinen und kaum von ausländischen Menschen besuchten Stadt gewohnt habe, waren viele Menschen sehr neugierig mir gegenüber, was im ersten Moment sehr schön ist, mir gegen Ende jedoch auch ein Gefühl der Ausgrenzung vermittelt hat (was definitiv durch die Menschen nicht intendiert war). Das Land befindet sich zurzeit vor allem politisch in einer sehr schwierigen Phase in der vor allem die politisch extrem Rechte Bevölkerung andere Meinungen konfrontiert und dadurch eine insgesamt zum Teil angespannte Stimmung herrscht. Wirtschaftlich sind extrem starke soziale Unterschiede ein großes Problem im Land, was mich an der Uni vor allem in den ersten Tagen sehr schockiert hat, da mir nicht bewusst war, dass es sich um eine Privatuni handelt. Privatunis in Brasilien sind extrem teuer (zum Teil deutlich teurer als Privatunis in Deutschland oder Europa) und damit nur für einen sehr kleinen Personenkreis des Landes zugänglich. Als deutsche Studentin aus eher einfacheren Verhältnissen bin ich dort auf eine völlig andere Realität gestoßen, mit der ich mich oft nur wenig identifizieren konnte und die die mehrheitliche Realität des Landes kein bisschen repräsentieren.

Die Kultur des Landes sowie seine Vielfalt an Natur und Lebensmitteln fasziniert mich völlig und auch die Diversität der Menschen begeistert mich. Es gab, bis auf das vor allem zu Beginn etwas frustrane Praktikum keine schlechten Erfahrungen und keine, die ich missen wollen würde. Sehr gerne wäre ich viel länger geblieben und hätte viel mehr von Menschen, Kultur und Land kennen gelernt.

Fazit

Meine Erwartungen bezüglich des Praktikumsinhaltes wurden kein bisschen erfüllt. Da es als Forschungspraktikum ausgewiesen war, hatte ich erhofft und erwartet, in Forschung eingebunden zu werden und dadurch etwas über medizinische Forschung zu lernen. Leider hatte ich in den vier Wochen keinerlei Kontakt dazu. Das Praktikum würde ich jedoch trotzdem jederzeit wiederholen, da ich alternativ sehr viele andere Dinge lernen konnte sowie einen wichtigen Eindruck in Studium und Gesundheitssystem erhalten habe. Ich könnte mir sogar vorstellen, für einige Jahre oder zumindest für ein PJ-Tertial wieder in das Land zu reisen, um dort zu arbeiten, da mich Menschen und Kultur sehr faszinieren. Ich würde jedoch auch jederzeit wieder ein ähnliches Praktikum in einem anderen Lateinamerikanischen Land absolvieren (wenn auch in der Hoffnung, fachlich mehr zu lernen).

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