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Romania (FSMR)

Chirurgie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Lena, München

Motivation

Ich bewarb mich für eine Famulatur im Ausland, da ich gerne das Gesundheitssystem und Krankenhäuser in einem anderen Land als Deutschland kennen lernen wollte. Ich dachte, es ist eine gute Erfahrung, Vergleiche ziehen zu können, da einem dann eventuell klarer wird, was im eigenen Land gut läuft oder was noch verbessert werden könnte. Des Weiteren hatte ich Lust einen Monat im Ausland zu verbringen und einen Alltag zu erleben, anstatt wie sonst backpacken zu gehen. Ich hatte die Erwartung, dass ich dadurch das Land und die Leute etwas besser und tiefer kennen lerne, als wenn man nur auf der Durchreise ist.

Vorbereitung

Die Vorbereitung umfasste bei mir das Buchen des Zugtickets nach Rumänien und Stöbern im Reiseführer, um etwas Hintergrundwissen über die Geschichte und Kultur zu haben. Außerdem habe ich versucht, die wichtigsten Wörter wie Danke, Bitte usw. zu lernen.

Visum

Aus Deutschland war kein Visum notwendig. Die anderen Incomings aus Kenia, Ägypten und Indien hatten alle Probleme beim Visum beantragen, aufgrund unfreundlicher Beamter, Verständigungsproblemen und einem sehr langsamen und langwierigen Prozess. Einer kam daher eine Woche zu spät. Eine andere hatte daher ihren Aufenthalt auf eine andere Stadt und einen anderen Monat verlegen müssen.

Gesundheit

Ich habe keine speziellen Vorkehrungen getroffen. Ich musste ein Formular zu meinem Impfstatus hochladen, jedoch kein Röntgen-Thorax oder Tuberkulose-Test (dieser wäre notwendig gewesen, wenn ich aus einem Land außerhalb der EU gekommen wäre)

Sicherheit

Meine Krankenversicherung deckt europäische Länder ab, daher musste ich keine zusätzliche Versicherung abschließen. Die Sicherheitslage in Rumänien ist gut, bis auf mehr Schlaglöcher auf den Straßen und etwas chaotischerer Verkehr gab es keine Sicherheitshinweise im Reiseführer.

Geld

Die rumänische Währung heißt LEI, beim Geldautomat auch RON. 1 Euro sind ungefähr 4,7 Lei. Die Lebenshaltungskosten sind in Rumänien günstiger als in Deutschland. Auswärts Essen ist bspw. für ca. 30 Lei gut möglich. Für vieles gibt es Ermäßigungen für Studenten. Ich habe das Meiste mit Kreditkarte bezahlt und relativ wenig Bargeld bei mir gehabt. Dies würde ich auch so weiterempfehlen. Andere Incomings brachten alles Geld in ihrer Währung mit und waren daher auf exchange offices angewiesen. Diese hatten meist faire Wechselkurse, insgesamt war es aber etwas stressiger für sie ,immer mitrechnen zu müssen, wie viel sie eintauschen und wie viel Bargeld sie auf Wochenendtrips usw. mitnehmen.

Sprache

In Rumänien wird Rumänisch gesprochen. Die meisten Rumänen können Englisch, einige sprechen auch Deutsch und/oder Spanisch. Ich habe nur ein paar wenige Worte auf Rumänisch gelernt und mich ansonsten auf Englisch verständigt.

Verkehrsbindungen

Ich bin mit dem Zug nach Budapest (ca. 6 Std.) und von dort mit Flixbus nach Timisoara (ca. 5 Std.) weiter. Zurück bin ich direkt von Timisoara nach München mit einem Flixbus (ca. 15 Std. über Nacht). In Timisoara selbst haben wir alles zu Fuß oder mit Uber zurück gelegt. Uber sind dort sehr günstig, eine 10 minütige Fahrt kostet ca. 12 Lei. Das Bussystem war etwas undurchsichtig für uns und meist auch nicht schneller als zu Fuß zu gehen. Innerhalb Rumäniens haben wir uns mit Zug und Blablacar fortbewegt. Die Züge sind günstiger als in Deutschland und bringen einen fast überall hin, allerdings sehr langsam. BlablaCar hat sich als die beste Variante rausgestellt, da es viel schneller als Zug und günstiger war. Die Abfahrts-und Ankunftsorte sind zudem flexibler und man ist unterwegs mit Einheimischen in Kontakt gekommen. Am günstigsten und flexibelsten ist ein Mietauto, dafür muss man sich allerdings den Verkehr zutrauen und eine Kaution von ca. 300 Euro hinterlegen.

Kommunikation

In meiner Unterkunft gab es WLAN, welches jedoch nur unzuverlässig funktioniert hat. Ich habe mir daher über meinen deutschen Handyprepaid Anbieter extra Daten gebucht und kam damit gut zurecht. Die anderen Incomings hatten sich für den Aufenhalt eine rumänische SIM Karte gekauft. Mobile Daten sind sehr günstig in Rumänien.

Unterkunft

Die Unterkunft wurde vom Gastland organisiert. Alle Incomings waren jeweils in Zweierzimmern im Studentenwohnheim untergebracht. Kissen und Decke wurde gestellt. Die Küche war mit einem Kühlschrank, Waschbecken und Schränken ausgestattet. Allerdings gab es kein Geschirr und keinen Ofen. Wir haben uns dann etwas Besteck und Geschirr gekauft bzw. ausgeliehen und ab der zweiten Woche teilten wir uns zu fünft eine Mikrowelle, einen Wasserkocher und eine mobile Herdplatte, die wir uns gegenseitig ausleihen konnten.

Literatur

Reiseführer Rumänien, Baedeker. Wer gruselige Geschichten mag, hat vielleicht Freude am Lesen von Dracula. Allerdings war der Autor wohl nie selbst in Rumänien, sondern hat die Landschaftsbeschreibungen aus einem Reiseführer abgeschaut.

Mitzunehmen

Wichtig war eigene Krankenhauskleidung und Schuhe (die meisten hatten weiße Plastikschlappen, wichtig ist, dass man nicht die selben wie draußen trägt) mitzubringen, da dies nicht vom Krankenhaus dort gestellt wird. Ich hatte auch Kittel und Stethoskop dabei, was ich allerdings nicht gebraucht habe.

Reise und Ankunft

Die Anreise verlief ohne Probleme und ich wurde von meiner Kontaktperson und einer weiteren Freiwilligen am Busbahnhof abgeholt. Den Nachmittag verbrachte ich mit meiner Zimmermitbewohnerin in der Stadt. Mein Praktikum startete am nächsten Tag. Meine Kontaktperson brachte mich am ersten Tag hin und stellte mich dem zuständigen Professor vor.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich verbrachte den Monat in der Allgemeinchirurgie, wodurch ich Einblicke in viele verschiedene Operationen bekam, da dort alles mögliche operiert wurde: Brust-, Schilddrüsen-, Kolon-Ca, Hernien, Varikosen, Amputationen, Hydrozelen, usw.. Es gab vier Operationssäle und ich konnte mir aussuchen, in welchem ich zuschaute, wodurch ich jeden Tag etwas neues zu sehen bekam. Es gab keinen ausgehängten Operationsplan, wodurch man jeden Tag einen Arzt finden musste, der einem den Plan sagen konnte. Studenten dürfen in Rumänien außer Anamnese und körperliche Untersuchung keine praktischen Tätigkeiten übernehmen. Das erste Jahr der Assistenzarztzeit schien dem PJ zu ähneln. Am Tisch assistieren durften nur Assistenzärzte ab dem zweiten Jahr. Daher bestand meine Tätigkeit nur im Zuschauen, was für mich in Ordnung war, da ich in Deutschland noch fast keine OPs gesehen hatte. Für jemanden, der bereits Chirurgie-Erfahrung hat, wäre es eventuell langweilig geworden. Verständigt habe ich mich auf Englisch, wobei nicht alle Ärzte gut und vor allem einige nicht gerne Englisch sprachen. Insgesamt war es durch die Sprachbarriere deutlich schwieriger in Kontakt zu treten als in Deutschland. Ich war sehr froh, dass ich Chirurgie gewählt hatte, da ich somit keinen direkten Patientenkontakt hatte und so viel sehen konnte, dass es trotz fehlender praktischer Tätigkeit nicht langweilig für mich wurde. Insgesamt zeigten die Ärzte von sich aus nur sehr wenig Interesse an uns Austauschstudenten, vielleicht weil sie insgesamt viele Studentenkurse haben. Man musste sich sehr bemühen, wenn man etwas erklärt haben wollte und auch, um eine Beziehung aufzubauen. Es wurde nur auf (zum Teil mehrmalige Nachfrage) etwas erklärt und es kamen wenige private Gespräche zustande. Insgesamt hatte ich aber im Vergleich zu den Berichten der anderen incomings Glück. Zum einen konnten einige Ärzte in meiner Abteilung Deutsch oder hatten großes Interesse an Deutschland, da sie dort eventuell zum Arbeiten hin möchten. Zum Anderen waren die Anästhesisten sehr freundlich, wodurch ich insgesamt fast mehr über Anästhesie als Chirurgie gelernt habe.
Die Ausbildung unterscheidet sich von Deutschland darin, dass die Examensnote darüber entscheidet, ob man sein Wunschfach erhält (die Bestnote darf zuerst wählen usw.). Zudem gibt es genügend freie Plätze für die Assistenzärzte aber nicht genügend freie Stellen für Fachärzte. Dadurch müssen sie nach Abschluss der Facharztausbildung entweder ins Ausland oder erneut das Examen schreiben, um dann eine neue Fachrichtung wählen zu können. Da viele Studenten und Assistenzärzte anstreben, nach Deutschland zu gehen, wurde ich zum Teil herzlicher als die anderen Incomings und primär als zukünftige Kontaktperson behandelt, was mir sehr unangenehm war.
Die Standards schienen mir weitestgehend ähnlich, deutlich wurde jedoch, dass mehr gespart werden muss, als in Deutschland, so werden z.B. Handschuhe auf Station nur selten benutzt, das Operationsbesteck war alt und zum Teil abgenutzt und die verwendeten Baumwollfäden zum Nähen rissen sehr häufig beim Knüpfen. Auch die Operationstechniken waren zum Teil anders.

Land und Leute

An den Wochenenden hatten wir Zeit für Ausflüge und konnten so beliebte Städte wie Cluj-Napoca, Alba-Iulia, Oradea, Brasov und Sibiu besuchen. Die Landschaft wird insbesondere bei Brasov schön bergig und auch die Atmosphäre gefiel mir dort am besten. Man kann auf einem Hügel die Aussicht auf die Stadt genießen und in der Umgebung das Schloss Bran und das Schloss Peles besuchen. Insbesondere das Peles Castle hat mir gut gefallen, da es eine englische Führung gab und man viel über die Zeit und die Bewohner gelernt hat. Cluj-Napoca gilt als eine hippe Studentenstadt. Da wir während der Semesterferien dort waren, war es wohl deutlich ruhiger als sonst. Leider reichte die Zeit nicht, um wandern zu gehen. Die Wochenendtrips wurden in unserem Fall nicht von den Volunteers organisiert. Ich empfand dies als positiv, da wir selbst entscheiden konnte, wann und was wir anschauen wollten. Die anderen Incomings empfanden es allerdings als Nachteil, da wir dadurch die Incomings in den anderen Städten nicht kennenlernen konnten und es recht aufwändig zu organisieren war. In Timisoara selbst war nicht zu erkennen, dass Rumänien zu den ärmsten Ländern Europas gehört. Es ist sehr ähnlich zu westeuropäischen Städten und die Bevölkerung schien eher zu den wohlhabenderen zu gehören. Dies ist in kleineren Ortschaften und Dörfern mit Sicherheit anders, davon habe ich aber nur sehr wenig gesehen. Die Sinti und Roma werden gesellschaftlich stark ausgegrenzt und bilden den Großteil der Bettler. Die negative Haltung gegenüber ihnen scheint in der ganzen restlichen rumänischen Bevölkerung stark verhaftet zu sein.
Insgesamt schienen mir Rumänen (die Volunteers ausgenommen) eher unaufgeschlossen gegenüber Ausländern. Die anderen Incomings aus Kenia und Indien hatten zum Teil sehr negative Erfahrungen, wie Starren, wüstes Hinterherrufen und sexuelle Anspielungen. Wohl aufgrund europäischem Aussehens blieben mir diese Erfahrungen erspart, dennoch empfand ich das Land an sich nicht als herzlich und die Atmosphäre im Vergleich zu anderen Ländern weniger fröhlich und offen (ich vergleiche bspw. mit Nordkolumbien, wo ich meinen letzten Urlaub verbracht habe).
Das Essen ist sehr fleischlastig, wodurch ich als Vegetarierin nicht viel lokales Essen probieren konnte. Zudem gibt es sehr viel Frittiertes, was in vier mal die Woche Pommes Frites für Vegetarier mündete.
Gerne wäre ich noch länger geblieben, um eine Mehrtageswanderung in den Karpaten zu machen, dafür hat aber leider die Zeit nicht mehr gereicht.

Fazit

Insgesamt bin ich sehr froh, an diesem Austausch teilgenommen zu haben. Es war für mich eine wichtige Erfahrung zu sehen wie es ist, an einem Ort zu arbeiten, wo man überhaupt nichts versteht und auch keiner sich die Mühe macht zu übersetzen oder einen mimisch mit einzubeziehen, wenn man nicht nachfragt. Ich hoffe, dass ich dies anders machen werde, wenn mir in Deutschland ausländische Kollegen begegnen. Zudem war es für mich ein wundervoller und tiefer Einblick in verschiedene Kulturen, nicht nur in die Rumänische. Ich verbrachte jeden Tag mit den anderen Incomings aus Kenia, Ägypten und Indien und erfuhr so auch vieles über ihre Kultur, Gesundheitssystem und Ausbildung. Auch Englisch konnte ich damit erfreulicherweise mal wieder intensiv üben. Ich kämpfte deutlich mehr als die anderen Incomings mit dem medical english, da in ihren Ländern der Unterricht auf Englisch stattfindet, jedoch konnte ich dadurch auch viel von ihnen lernen. Von Rumänien selbst hatte ich mir mehr wahrmherzige südländische Atmosphäre und mehr Berge erhofft. Dies habe ich in Timisoara nicht gefunden. Dennoch habe ich mich in dem Monat, insbesondere dank der sehr engagierten und netten Volunteers und hier vor allem aufgrund meiner Kontaktperson sehr wohl gefühlt.

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