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Brazil (IFMSA-Brazil)

Pädiatrie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Simone, Regensburg

Motivation

Von Beginn des Medizinstudiums an wollte ich schon immer eine Auslandserfahrung sammeln und das am liebsten in Brasilien. Deshalb hab ich mich sehr gefreut, dass es gleich nach dem Physikum mit der Bewerbung geklappt hat.

Vorbereitung

Ich habe mir vorgenommen, mein Portugiesisch vor Anbruch meiner Reise selber nochmal aufzufrischen, da ich keine Zeit hatte, im letzten Semester nochmal einen Kurs zu belegen. Aber außer, dass ich einige medizinische Vokabeln gelernt habe, habe ich leider nicht besonders viel an Wiederholung geschafft. Ca. 2 Monate vor meinem Beginn erfuhr ich, dass ich die Famulatur in den Fachbereichen Pädiatrie und Anästhesie absolvieren werde. Das Blockpraktikum Anästhesie hatte ich zum Austausch bereits schon gemacht. In die Pädiatrie ging ich ohne Vorwissen.

Visum

Für einen Aufenthalt unter 3 Monaten ist kein Visum nötig. Ich bin insgesamt 7 Wochen in Brasilien geblieben und musste mir deshalb bezüglich Visum keine Gedanken machen.

Gesundheit

Ich hatte ein paar Monate vorher eine Reiseimpfberatung an der Uniklinik und habe ich mich gegen Gelbfieber, Meningokokken und Typhus impfen lassen. Für die letzten beiden Impfungen habe ich mich aber nur entschieden, weil ich im Anschluss an die Famulatur noch einen Trip in den Amazonas machen wollte. Ansonsten habe ich ein paar übliche Medikamente gegen Grippe, Kopfschmerz, Reiseübelkeit und Erkältung mitgenommen. Meiner Meinung nach der größte Risikofaktor waren die Klimaanlagen in den Gebäuden. Diese kühlen auf sehr frische Temperaturen runter, sodass man sich schnell mal eine Erkältung holen kann. Ansonsten kann man sich an Medikamenten auch dort alles kaufen, jedoch sind die Preise in Brasilien etwas teurer.

Sicherheit

Von Freunden und Bekannten wurde ich vorher schon darauf aufmerksam gemacht, dass man sich an ein paar einfache Regeln halten sollte, dann braucht man aber auch keine Angst zu haben. Beispielsweise das Handy immer in der Tasche lassen und z.B. nur in einem Geschäft rausholen, um etwas nachzuschauen/ zu telefonieren etc. Desweiteren sollte man bestimmte Orte nach Einbruch Tagen der Dunkelheit meiden. Ich habe mich aber nie unsicher gefühlt, auch wenn ich alleine unterwegs war. Eines meiner Krankenhäuser lag neben einer Favela, aber es gab am Krankenhaus immer viel Sicherheitspersonal, sodass man davon eigentlich überhaupt nichts mitbekommen hat.

Geld

Die Währung in Brasilien ist Real. Die Umrechnung bei mir lag bei ca. 4 Reais für einen Euro. Insgesamt lassen sich die Preise weitgehend mit denen in Deutschland vergleichen. Kleidung und Essen mögen vielleicht etwas günstiger sein. Ich habe kein brasilianisches Geld mitgenommen, sondern vor Ort Geld abgehoben. Dafür habe ich jedes Mal eine Gebühr von umgerechnet 6€ bezahlt. Es lohnt sich also immer größere Mengen abzuheben. Das maximal mögliche bei einer Abhebung sind 1000 Reais. Meine Kreditkarte wurde überall akzeptiert, meine EC-Karte nur an manchen Bankautomaten. Außerdem ist es typisch, dass so ziemlich alles bargeldlos bezahlt wird. An kleinen Marktständen und in der Krankenhaus-Cafeteria hatte ich teilweise Probleme, dass ein 100 Reais-Schein, also 25€ nicht gewechselt werden konnten. Einfach dran denken, in Restaurants oder größeren Geschäften, seine großen Scheine wechseln zu lassen! Wobei man sogar an den kleinsten Marktständen meist mit Karte zahlen kann.

Sprache

Ich hatte im Vorfeld schon einige Portugiesisch-Kurse absolviert. Es hat trotzdem ein bisschen gedauert, bis ich mich an den Dialekt in Minas Gerais gewönht habe. Es wird etwa nur die Hälfte des Wortes tatsächlich ausgesprochen, wenn Mineiros miteinander sprechen. Aber die Leute waren immer sehr bemüht und geduldig mit mir und so bin ich mit meinem Portugiesisch super zurecht gekommen.

Verkehrsbindungen

In Belo Horizonte gibt es viele Buslinien und eine Metrolinie. Keines der beiden habe ich auch nur ein einziges Mal benutzt. Laut meiner Familie sind Bus und Metro viel zu unsicher. Sie haben aber auch zwei Autos und sind nie auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Und von anderen Freunden dort weiß ich, dass sie diese nahezu täglich benutzen. Also hätte ich auch ruhig die Busse benutzen können. Ein anderer Punkt ist aber, dass man dadurch sehr lange braucht, um an sein Ziel zu gelangen und oft umsteigen müsste.
Ich habe immer ein Uber benutzt, um von A nach B zu kommen, da es die schnellste und verhältnismäßig meist günstigste Option ist (oft auch günstiger als der Bus!). An manchen Tagen konnte ich auch im Auto mit meinem Host mitfahren.

Kommunikation

In den ersten Tagen habe ich mir mithilfe einer der LEOs eine brasilianische Simkarte gekauft. Es werden sehr gute Konditionen angeboten. Ich habe mir bei Vivo eine Flatrate geholt. Auch während meiner Reisen bin ich damit überall sehr gut zurechtgekommen. Insgesamt habe ich für 7 Wochen keine 15€ für Internet und Co. ausgegeben.

Unterkunft

Mit meiner Gastfamilie hatte ich großes Glück. Meine Wohnsituation war sehr komfortabel. Ich hatte mein eigenes Zimmer. Meine Gastmuttter hat immer für mich mitgekocht und auch meine Wäsche wurde gewaschen. Und auch so habe ich mich super mit allen in der Familie verstanden. An allen Wochenenden und auch unter der Woche haben wir zusammen Ausflüge gemacht. Meine Gasteltern konnten kein Englisch, weshalb ich mich zuhause nur auf portugiesisch unterhalten habe. Sie haben mir alles immer langsam und verständlich erklärt, wovon meine Portugiesisch-Kenntnisse sehr profitiert haben.

Literatur

Ich habe mir einen Reiseführer über Minas Gerais und Rio de Janeiro gekauft, der mir von einer anderen Austauschfamulantin empfohlen wurde. An Fachbüchern für die Famulatur habe ich nichts mitgenommen. Das wäre auch nicht nötig gewesen.

Mitzunehmen

Ich habe nur Kittel und Stethoskop mitgenommen. Sinnvoll wäre auch noch OP-Kleidung gewesen, da diese in dem einen der beiden Krankenhäuser oft knapp war. Dort hätte man sie aber auch nur für OPs gebraucht, bei denen man freiwillig zuschauen wollte, da der Arzt mit seiner Karte nur eine zusätzliche Bekleidung ausleihen kann und immer mehrere Studenten ihn begleitet haben.

Reise und Ankunft

Meinen Flug hab ich noch am dem Tag gebucht, an dem ich meine Stadt erfahren habe. Das war ca. 2 Monate vor Beginn des Austauschs. Ich empfehle, den Flug erst zu buchen, wenn man seine Stadt sicher weiß. Bei mir und ausnahmslos allen anderen Austauschfamulanten, die ich in Brasilien beim National Social Program getroffen habe, ist keiner der Städtewünsche in Erfüllung gegangen. Ich bin aber sehr froh, dass ich in Belo Horizonte gelandet bin!
Ich musste zweimal umsteigen, um in meine Stadt zu kommen. Die Reisedauer lag bei ca. 20 Stunden.
Mein Host hat mich vom Flughafen, der ca. 50 min vom Zentrum entfernt liegt, abgeholt. Und wir haben gleich am ersten Tag Geld abgehoben und sind dann zur Wohnung gefahren, in der mein Host mit seinen Eltern wohnt. Ich durfte das Zimmer der Schwester beziehen, die bereits mit ihrem Freund zusammengezogen ist, hatte also mein eigenes Zimmer. Am ersten Tag sind wir abends ausgegangen, weil mein Host eine Feier von seiner Fakultät aus hatte, und ich habe gleich die zweite Austauschfamulantin kennengelernt, die jedoch nur noch eine Woche hier war, da ihr Austausch bereits zu Ende ging.
Es hat ein paar Tage gedauert, bis ich mich an den Zeitunterschied von 5 Stunden akklimatisiert hatte.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich habe in zwei öffentlichen Krankenhäusern gearbeitet, in welchen vorwiegend Patienten ohne Krankenversicherung behandelt werden. Davon gibt es in Brasilien sehr viele, da die Krankenversicherung im Alter immer teurer wird und mehrere Mindestlöhne pro Monat kosten kann. Aus diesem Grund müssen diese Patienten mehrere Monate auf einen OP-Termin warten und die letzten Voruntersuchungen sind dementsprechend lange her.
Montags und Mittwochs war ich bei der Spätschicht in der Anästhesie dabei. Das Krankenhaus behandelt vorwiegend onkologische Patienten und diese oft in sehr stark fortgeschrittenen Stadien. Deshalb wurden oft sehr große Resektionen vorgenommen. Der Arzt hat uns dabei die jeweilige Narkose immer ausführlich erklärt. Oft haben wir die komplette Patientenakte durchgesprochen. Ich durfte einige Male selber intubieren und ventilieren. Es gab fast jede Woche eine Teambesprechung der Anästhesisten, in der jeweils ein Arzt einen Vortrag über ein bestimmtes Thema hielt. Dort war ich auch ein paar Mal dabei.
Dienstags und Freitags habe ich immer in der Nachtschicht einen Professor begleitet, zusammen mit ein paar weiteren Studierenden. Ich war dort in der Abteilung für pädiatrische Notfälle. Unsere alltäglichen Patienten waren Asthma- und Appendizitis-Fälle, einige Unfälle und Epilepsie-Patienten. Aber ich habe auch einige richtig spannende Fälle gesehen, die es in Deutschland nicht gibt: Wir hatten ein Kleinkind mit Zika-Virus und einen Verdacht auf Dengue. Daneben hatten wir mehrere Verdachtsfälle von Masern und einmal tatsächlich ein Kleinkind mit Masern.
Um 19.00 abends kam ich immer zur Nachtschicht und war bei der Übergabe der Patienten dabei. Anschließend wurden alle Patienten visitiert. Normalerweise dauert eine Nachtschicht bis 7.00 morgens, aber gegen 2.00 nachts konnte ich meist schon nach hause fahren.
Bei beiden Fachbereichen war ich immer dem gleichen Arzt zugeteilt. Nur wenige Ärzte hier können Englisch sprechen, Krankenpfleger und Patienten gar nicht.
Es gibt natürlich einen Unterschied in der Ausstattung der öffentlichen Krankenhäuser im Vergleich zu den privaten. Die technischen Geräte sind teilweise etwas älter, aber sie funktionieren alle. Es standen auch immer Handschuhe und Desinfektionsmittel zur Verfügung. Darum muss man sich keine Sorgen machen.
Ich durfte auch die medizinische Fakultät meines Hosts kennenlernen und bekam eine kleine Führung von dem ifmsa-Team. Faminas ist eine der privaten und daher sehr teuren Unis. Dementsprechend ist dort alles auf einem sehr hohen Stand: es gibt mehrere Simulationsräume, in denen die Studenten eine OP etc. durchspielen müssen. Was mich besonders beeindruckt hat war ein VR-Raum für Anatomie, man konnte den menschlichen Körper und alle Organe in allen Richtungen durchqueren.
Einen anderen Tag habe ich meinen Host in eine neurologische UPA (=Ambulanz für diejenigen ohne Versicherung) begleitet, um dort dem Arzt bei seinen Konsultationen zuzuschauen. In der Regel arbeiten Studenten in solchen Ambulanzen. Es gibt zwar einen Arzt als Supervisor, aber normalerweise führen die Studenten Anamnese und Untersuchungen selbst durch. Auch mein Host, der im sechsten Semester studiert, arbeitet dort jede Woche.

Land und Leute

Ich habe noch nie so gastfreundliche und herzliche Menschen kennengelernt.
Es läuft hier alles um einiges persönlicher ab als in Deutschland. Auch im Beruf: Beispielsweise werden Ärzte von allen, inklusive den Patienten, mit ihrem Vornamen angesprochen. Und auch die Kommunikation zwischen Arzt und Studenten habe ich als sehr freundschaftlich erlebt. Privates und Beruf werden nicht so stark getrennt wie bei uns. Allgemein fand ich, dass der brasilianische Kommunikationsstil enorm zu einer guten Arbeitsatmosphäre beitragen hat.
Seit meiner Ankunft habe mich dort keinen einzigen Tag alleine gefühlt, was aber auch daran lag, dass meine Gastfamilie mich in alles eingebunden hat und wir wirklich viel gemeinsam unternommen haben, z.B. haben wir, neben vielen anderen Sachen, einen Tagesausflug in die Kolonialstadt Ouro Preto gemacht und einmal haben wir einen Ausflug an einen großen See und in das Fußballstadion von Belo Horizonte unternommen, in dem das berühmte 7:1 gespielt wurde.
Ich war ebenfalls in der luxuriösen Situation, dass die Familie immer für mich mit eingekauft und gekocht hat. So konnte ich auch viele traditionelle Gerichte ausprobieren. Das Essen im Bundesstaat Minas Gerais wurde mir von vielen Leuten als das beste in ganz Brasilien angepriesen. Und von dem, was ich alles gesehen und später noch bereist habe, kann ich das bisher bestätigen. Durch die hohe Konzentration an Landwirtschaft, gibt es jede Menge Sorten an Getreide, Fleisch, Käse und Süßspeisen.
Anfangs habe ich mir schon einige Gedanken gemacht, wie sicher es ist, alleine herumzulaufen. Besonders nachdem ich ein paar Geschichten von Brasilianern gehört habe. Beinahe jeder, mit dem ich mich unterhalten habe, hat mir erzählt, dass er schon einmal bestohlen oder ausgeraubt wurde. Wenn ich das Haus verlassen habe, habe ich also immer darauf geachtet, keinen Schmuck und keine aufmerksamkeitserregende Kleidung zu tragen und immer ein wenig Bargeld mitzunehmen. Diebstähle auf der Straße werden anscheinend meist von Drogensüchtigen begangen, die sich mit ein paar Reais für den nächsten Rausch zufrieden geben und dann schnell abhauen.
Insgesamt habe ich mich immer sicher gefühlt und mir ist auch nie etwas passiert. Solange man aufmerksam bleibt und sich an ein paar Regeln hält, braucht man auch wirklich keine Angst zu haben! Außerdem sind Brasilianer sehr hilfsbereit. Beispielsweise haben einige Uber-Fahrer, die mich nach der Nachtschicht nach hause gebracht haben, gewartet bis ich durch das Eingangstor unseres Wohnhauses gegangen bin, obwohl wir auch einen Pförtner hatten. Unter der Woche war ich ab und zu alleine unterwegs, wenn mein Host an der Uni war und seine Eltern arbeiten mussten. Dabei ich habe ich oft Spaziergänge, um mein Stadtviertel besser auszukundschaften, unternommen. Mein Wohnviertel war eines der wohlhabenderen und deshalb sehr sicher. Den Stadtpark im Zentrum durfte ich nicht nachts (wegen der vielen Obdachlosen, die dort leben), sondern nur tagsüber und zu frequentierten Zeiten besuchen. Nachdem ich mich dann noch mit Bauchtasche ausgestattet hatte, hat die Familie sich keine Sorgen mehr gemacht, mich alleine in den Park zu schicken.
Belo Horizonte ist die Stadt der Bars und der Shoppingmalls. Meine Gastmutter hat mir das einmal so erklärt, dass die Einwohner keinen Strand haben und sich deshalb andere Vergnügungsmöglichkeiten schaffen mussten.
Das erste Wochenende nach meiner Ankunft nahm ich am National Social Program teil, dem beach-project. Im Juli und August wird jedes Wochenende ein Social Program in einer bestimmten Stadt angeboten. Dazu sind alle Famulanten, die sich gerade in Brasilien befinden eingeladen. Ich entschied mich für ein Wochenende in Rio de Janeiro. Zusammen mit ca. 40 anderen SCOPE- und SCORE-Teilnehmern wurden wir vom lokalen bvmd-Team durch ein abwechslungsreiches Programm begleitet mit Stadtführung, vielen Restaurant- und Barbesuchen und den bekanntesten Sehenswürdigkeiten wie den Zuckerhut oder der Christus-der Erlöser-Statue. Es war auch sehr interessant, seine Erfahrungen mit den anderen Famulanten und Researchern zu teilen.

Fazit

Der Famulaturaustausch war für mich eine sehr bereichernde Erfahrung! Nicht nur zu meinem Fachwissen habe ich einiges dazugelernt. Ich habe viel über das Gesundheitssystem erfahren und wie das Medizinstudium an sich funktioniert und organisiert ist. Mir haben mehrere Brasilianer erzählt, dass das Land im Vergleich zu Europa oder Nordamerika noch ein Baby ist, dass lange noch nicht so viel Geschichte erlebt hat, nachdem es bis ca. 1500 nur indigene Stämme gab. Und genau so habe ich es auch oft empfunden: es läuft alles schon ganz gut, aber es gibt noch Unmengen an Verbesserungspotential, ob im Gesundheitswesen, in der Wirtschaft oder Politik. Es war zu gleich schön und erschreckend zu sehen, dass zwar alle Bürger Zugang zu medizinischer Versorgung haben, aber dennoch lange Wartezeiten erdulden müssen. Die Ärzte/ allgemein die Leute geben sich viel Mühe und das Zwischenmenschliche und die Art, wie miteinander umgegangen wird, hat mich sehr beeindruckt.
Alles in allem konnte ich durch den Austausch einen tiefen und authentischen Einblick in die verschiedenen Facetten Brasiliens gewinnen.

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