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Finland (FiMSIC)

Chirurgie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Tamara, Erlangen

Motivation

Ich hatte schon mal einen Austausch nach Portugal gemacht, den ich super fand und wollte mir deswegen die Gelegenheit nicht entgehen lassen, noch einen zweiten Austausch in meinem Studium unterzubringen. Ich wollte in ein europäisches Land, weil ich finde, dass sich dort alles leichter organisieren lässt (Ich hatte auch mal einen Platz für Indonesien, das lief aber alles eher suboptimal, sodass ich die Famulatur letztendlich abgesagt habe). Und da ich schon in Südeuropa war, hat es mich dieses Mal eher in den Norden gezogen. Finnland wurde auf einer witzigen skandinavischen Facebook-Seite als „depressed but hilarious“ bezeichnet, außerdem kann man dort Nordlichter und Rentiere sehen, da dachte ich nichts wie hin!

Vorbereitung

Ich habe mich nicht groß vorbereitet, außer meine Urlaube um die Famulatur herumzuplanen. Ich war in Oulu, also recht weit im Norden und war vorher 2 Wochen im Süden unterwegs und danach noch eine Woche in Lappland. Für die Famulatur selber habe ich ein bisschen mit der finnischen Austauschorganisation geschrieben, sonst nichts. Es gibt keine speziellen Imfpungen, die man zusätzlich zu den normalen braucht. Finnisch habe ich nicht gelernt, diese Sprache ist unfassbar schwer, aber alle sprechen sehr gutes Englisch. Man sollte also auch selbst auf einem hohen Niveau Englisch sprechen.

Visum

Ein Visum ist nicht nötig, Finnland ist Teil der EU.

Gesundheit

Ich hatte die üblichen Dinge dabei, die ich immer in den Urlaub mitnehme sprich Fieberthermometer, Vomex, Ibuprofen etc. Ich hatte keine speziellen Medikamente dabei, man ist dort in Zweifel ja auch super medizinisch versorgt. Manche finnischen Unis verlangen einen MRSA-Test, Oulu aber nicht. Eine Auslandskrankenversicherung sollte man bei jedem Auslandsaufenthalt haben.

Sicherheit

Finnland ist ein extrem sicheres Land. Ich hatte nie ein schlechtes Gefühl und es gab keinerlei Einschränkungen. Beim Autofahren muss man auf Elche und Rentiere aufpassen, die auf die Straße laufen können und die Geschwindigkeitsbegrenzungen einhalten, da sind die Finnen sehr streng. Sonst fällt mir nichts ein.

Geld

Finnland hat den Euro und man kann an Geldautomaten und in Supermärkten problemlos Geld abheben. Es läuft aber inzwischen fast alles bargeldlos, also sollte man eine EC-Karte (Maestro wird überall akzeptiert) und noch am besten eine Kreditkarte mitnehmen, Bargeld braucht man kaum. Die Lebenshaltungskosten sind etwas höher als in Deutschland, vor allem Alkohol ist hoch besteuert und es gibt eine Zuckersteuer, deswegen sind einige Lebensmittel auch ungewohnt teuer. Im Restaurant zu essen ist auch nicht günstig, aber wenn sich einfach selbst was kocht, dann kommt man über die Runden.

Sprache

Finnisch ist sehr schwer und ich konnte mir auch während meines Aufenthalts dort kaum etwas merken. Die Sprache ist einfach komplett anders als alle Sprachen, die ich bisher kennengelernt habe, alles klingt wie Zaubersprüche. Aber die Leute, auch die älteren, sprechen alle sehr gutes Englisch, wenn man also gut Englisch spricht, braucht man sich keine Sorgen machen.

Verkehrsbindungen

Man kann nach Finnland fliegen oder Bahn/Auto fahren, was aber sehr lange dauert. Es gibt Fähren nach Russland, Schweden und die baltischen Staaten. Wenn man also viel Zeit hat, kann man evtl einen Roadtrip über z.B. Lettland/Estland/Litauen nach Finnland machen. Im Land selbst funktioniert Zug fahren super, bis auf Lappland, dort gibt es keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr und man ist auf ein Auto angewiesen. Züge haben Studentenrabatt und sind ansonsten auch bezahlbar. Es gibt auch Fernbusse, die habe ich allerdings nie genutzt. In Oulu fährt man am besten Fahrrad, Busse sind teuer.

Kommunikation

Es gibt überall mobiles Netz und Internet (kostenlos weil EU). Das ist also wirklich kein Stress. Habe auch mit den anderen Studenten problemlos über Whatsapp kommuniziert. Sogar die Arbeitstelefone im Krankenhaus waren Smartphones.

Unterkunft

Ich habe in einer Wohnung gewohnt, die mir ein finnischer Student untervermietet hat. Sie hatte Geschirrspüler, Waschmaschine und einen riesigen Flatscreen, also deutlich mehr Luxus als ich zuhause habe :D Der Vermieter/Mitbewohner war echt nett und wir haben viel zusammen unternommen. Das Krankenhaus war 20min zu Fuß und knappe 10min mit dem Rad entfernt. War genial!

Literatur

Ich habe nichts speziell vorher gelesen. Nur ein bisschen im Internet recherchiert, was man in Finnland alles sehen und machen sollte auf Reiseblogs etc. Und man kann Moomincartoons anschauen, alle Finnen lieben die Moomins, dann kommt man schonmal in Stimmung.

Mitzunehmen

Warme Klamotten und Übergangssachen wenn man zur gleichen Jahreszeit kommt wie ich, Wanderschuhe, eventuell Kompressionsstrümpfe für den OP, Platz lassen für Souvenirs. Mückenschutz im Sommer wäre wichtig.

Reise und Ankunft

Ich bin mit dem Zug in Oulu angekommen und mein Mitbewohner/Vermieter hat mich abgeholt. Ich musste am nächsten Tag gleich zur Famulatur, da hat meine Kontaktperson mich begleitet. Ich habe mich dann meinem Tutor vorgestellt, der mir alles gezeigt und mich herumgeführt hat. Lief alles wie am Schnürchen.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich war in der Kinderchirurgie und es hat mir so gut gefallen, dass ich dieses Fach sogar für später mal in Betracht ziehe. Meine Tage gingen immer von morgens um 8 bis um etwa 15 Uhr. Das Erste täglich war die Röntgenbesprechung, dann Visite, dann OP. Die OPs begannen meistens gegen 9:00 oder 9:30 und meistens waren die OP-Säle gegen 15 Uhr dann leer. Manchmal war ich auch in der Ambulanz, aber da hat man dann doch die Sprachbarriere deutlich gespürt. Im OP wurde von mir erwartet, dass ich mich regelmäßig einwasche und assistiere oder am Tisch zuschaue. Ich durfte also Haken halten, manchmal nähen und sogar intubieren! Tipp: Immer die Anästhesie auch ansprechen! In Finnland wird viel Wert auf Lehre gelegt und sowohl die Chirurgen als auch die Anästhesisten haben mich gerne mitmachen lassen! Die Anästhesie war auch wahnsinnig nett und ich habe 5x intubieren dürfen, unter anderem auch einjährige Kleinkinder und zweimal Larynxmasken legen dürfen, das war wirklich besonders! Die Hierarchie ist sehr flach, der Chefarzt hat mir direkt sich mir direkt mit dem Vornamen vorgestellt und mit mir Nähen geübt. Auch sonst war die Stimmung im Team, auch zwischen Ärzten und Schwestern besser als man es in Deutschland gewohnt ist. Die OPs waren sehr abwechslungsreich, es wird wirklich die ganze Bandbreite operiert von angeborenen Fehlbildungen über Tumore über neurochirurgische Eingriffe wie Kranioplastiken, thoraxchirurgische Korrekturen, viele Frakturen, kleine Eingriffe an Penis oder Hoden und auch bauchchirurgische Sachen wie Blinddarmentfernung. Ich habe Eingriffe gesehen, die 15min gedauert haben und andere, die 5 Stunden gingen. Ich wurde immer mit Freundlichkeit und Respekt behandelt und habe mich gut im Team aufgenommen gefühlt, auch von den Schwestern. Das Gesundheitssystem ist sehr ähnlich dem Deutschen nur mit dem Unterschied, dass es in Finnland viel weniger Menschen gibt und dementsprechend die Ärzte mehr Zeit für ihre Patienten haben und insgesamt dadurch weniger gestresst sind. Die Lehre war auch herausragend gut, ich musste wenig fragen, viel wurde mir einfach so selbstverständlich erklärt und gezeigt und es lag meinem Tutor wirklich am Herzen, dass ich etwas mitnehme. Ich dachte ursprünglich, dass ich die Kinder als ausländischer Famulant auf keinen Fall anfassen darf, aber ganz im Gegenteil, unter Aufsicht durfte ich viel machen und lernen, weil das dort einfach selbstverständlich ist, gleich viel Praxis zu erleben. Da kann sich Deutschland ein Beispiel nehmen.

Land und Leute

Ich hatte mit meinem Mitbewohner und seinen Freunden viel zu tun, mit der finnischen Austauschorganisation und mit zwei Erasmusstudentinnen aus Belgien und Italien. Insgesamt war ich überhaupt nicht einsam, sondern hatte viel netten Anschluss. Die finnischen Studenten hatten Uni, haben sich aber sehr bemüht, uns zu unterhalten und haben einen Koch- und einen Backabend und einen Ausflug nach Schweden organsiert und eine Wanderung. Abgesehen von Oulu ist Helsinki sehenswert, das Kwarken Archipelago ist schön, die Seenplatte im Südosten und natürlich Lappland mit der Natur und dem Weihnachtsmanndorf. Eine Woche war für Lappland eigentlich zu wenig, wenn ich es nochmal neu planen könnte, würde ich dafür mindestens 10 Tage nehmen und noch weiter in den Norden fahren, wo es noch indigene Völker gibt. Dazu hatte ich leider keine Gelegenheit mehr. Ich war in vielen Nationalparks und insgesamt über die ganzen 7 Wochen viel mehr draußen als ich es normal in Deutschland bin. Die Finnen habe ich als sehr herzlich und nett empfunden, ich habe nie schlechte Erfahrungen gemacht und die Leute im öffentlichen Service wie zB Zugpersonal ist VIEL netter als in Deutschland. Zum typisch finnischen Essen kann ich nicht so viel sagen, da ich größtenteils vegan lebe und dort viel Fisch und auch Rentier oder Elch gegessen wird, das habe ich aber nicht probiert. Für Veganer/Vegetarier gibt es aber eine unheimliche Auswahl an Ersatzprodukten in den Supermärkten, vor allem K-Market! Das war eine Offenbarung! Oulu ist eine relativ kleine Stadt, aber man kann dort shoppen gehen, es gibt Designläden, schöne Cafes, ein Pfannkuchenhaus, einen Strand, ein süßes Wissenschaftsmuseum und viel Natur drumherum. Langweilig wird einem nicht, wenn man Lust hat, ein bisschen rauszugehen. Es gibt auch Huskyfarmen die man besuchen kann und Moore, durch die man wandern kann. Und Oulu hat ein starkes Icehockeyteam, da lohnt sich ein Stadionbesuch. Außerdem sollte man auf Nordlichter achten, die sind ab Ende August zu sehen, wenn sie sehr stark sind auch in Oulu selbst, ansonsten an dunkleren Orten außerhalb der Stadt. Ich habe während meines Aufenthalts 3x welche gesehen, aber leider nicht so starke schillernde wie auf den Fotos immer (dafür fährt man am besten hoch in den Norden zB nach Inari und beobachtet einige Nächte bei gutem Wetter den Himmel). Lustiger Fact noch am Ende: die Finnen essen komischerweise schon um 10:30 zu Mittag. Daran habe ich mich auch nach einem ganzen Monat nicht gewöhnt gehabt.

Fazit

Ich würde den Austausch jederzeit wieder machen, es war eine tolle Zeit! Leben und Arbeiten würde ich in Finnland wahrscheinlich wegen Kälte und Dunkelheit nicht, aber ich kann jedem empfehlen eine Famulatur dort zu machen. Die Leute sind nett und herzlich, das Land ist wunderschön und vielfältig und die Lehre ist extrem gut!

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