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Intersectoral work in environmental/ social determinants of health (Malta)

Verschiedene - SCOPH (Public-Health Austausch)
von Noel, Heidelberg

Motivation

Ich hatte zum Zeitpunkt meiner Bewerbung bereits mehrere Auslandsaufenthalte absolviert und der BVMD-Austausch klang für mich wie die ideale Möglichkeit, schon in der Vorklinik das Gesundheitssystem eines anderen Landes kennenzulernen.

Vorbereitung

Für die Bewerbung würde ich mich vor allem bemühen, so schnell wie möglich einen aktuellen Sprachnachweis für Englisch zu bekommen. Alle anderen Dokumente sind weniger problematisch. Sobald man eine Zusage hat, sollte man sich recht früh mit den contact persons des Ziellandes in Verbindung setzen, um zum Beispiel die erforderlichen Gesundheitsnachweise in Erfahrung zu bringen. Als ich benachrichtigt wurde war es schon sehr knapp, da ich mehrere Labortests machen lassen musste, deren Ergebnisse auf Englisch verlangt wurden. Ansonsten erfordert ein Austausch in einem EU-Land sehr wenig Aufwand.

Visum

Als Deutscher benötigt man in Malta kein Visum und die Einreise ist völlig unproblematisch.

Gesundheit

Bevor ich einreisen konnte benötigte ich (auch als EU-Bürger) Nachweise über negativen HIV-Status, negativen TBC-Status, Bescheinigung des Hausarztes, dass ich gesundheitlich in der Lage bin, diesen Austausch zu absolvieren sowie Nachweise über die gängigen Impfungen, die man als Medizinstudent sowieso haben sollte. Der Hep-B-Titer musste ebenfalls nachgewiesen werden, für die anderen reichte eine Kopie des Impfpasses. Insgesamt waren das ca. 100€ an Kosten.

Sicherheit

Malta ist sehr sicher. Niemand aus der Gruppe hat dort schlechte Erfahrungen gemacht, maximal können betrunkene Touristen im Partyviertel mal Streit anfangen. Ich habe nur die Versicherungen abgeschlossen, die sowieso Voraussetzung für den Aufenthalt waren (Auslandskrankenversicherung von der Ärztefinanz).

Geld

In Malta ist der Euro Währung und meine Kreditkarte (DKB) wurde überall problemlos zum abheben oder für Zahlungen akzeptiert. Die Lebenshaltungskosten sind ein bischen teurer als in Deutschland, vor allem da große günstige Supermärkte oft etwas weiter entfernt liegen und die kleinen convenience stores teurer sind.

Sprache

In Malta wird Maltesisch gesprochen, ein Großteil der Bevölkerung spricht außerdem Englisch, das auch Amtssprache ist. Trotzdem finden viele Konsultationen im Krankenhaus auf Maltesisch statt und mehrere andere Studierende waren sehr frustriert, dass sie oft lange maltesischen Konversationen zuhören mussten um anschließend nur 1-2 Sätze auf Englisch zusammengefasstzubekommen. Hier kommt es extrem auf den Consultant (~Oberarzt) an, der/die euch betreuen.

Verkehrsbindungen

Malta ist unkompliziert und günstig per Flug zu erreichen. Schiffreisen sind deutlich teurer. Das Bussystem auf Malta ist ganz okay, meistens kommen die Busse +-10 Minuten um die Zeit, die im Fahrplan steht. Manchmal aber auch einfach nicht oder halten nicht. Es gibt Uber und Bolt, Fahrtendienste die z.B. nachts genutzt werden können und bezahlbar sind.

Kommunikation

Meine deutsche SIM-Karte konnte ich samt dem Datenpaket für den ganzen Aufenthalt nutzen, es lebe das EU-Roaming! Unsere Wohnung hatte WLan, andere allerdings nicht. Bei der Arbeit konnte ich kein WLan nutzen, da meine Abteilung im Keller war und zu schlechten Empfang hatte.

Unterkunft

Ich habe in einer von mehreren Wohnungen gewohnt, die die MMSA Studenten für uns gemietet hatten. Insgesamt gab es Wohnungen von 4 bis 14 Personen, wir waren zu sechst. Alle Studierenden hatten Doppel- oder Dreifachzimmer! Das Zimmer war sehr klein und die Wohnung sehr heiß, zum Glück habe ich mich gut mit meinem Zimmernachbarn verstanden. Vielen wurden im Vorhinein Einzelzimmer versprochen, was dann nicht eingehalten werden konnte. Insgesamt war es okay in der Unterbringung, andere hatten zum Teil aber sehr schmutzige Wohnungen und waren ziemlich unzufrieden.

Literatur

Ich habe 2-3 papers meines Betreuers gelesen, das war recht interessant als Vorbereitung, wäre aber eigentlich nicht nötig gewesen. Reisetipps oder ähnliches waren auch nicht nötig, weil wir ein sehr umfassendes social program mit vielen Ausflügen hatten und Malta nicht besonders groß ist

Mitzunehmen

Insektenspray ist sehr nützlich! Außerdem war der “bite burner” für die Stichbehandlung extrem gefragt in der WG. Ich habe im ganzen Monat nicht einmal einen Pullover getragen und geregnet hat es auch nicht. Ich würde wie für einen Standard-Sommerurlaub packen.

Reise und Ankunft

Trotz Ankündigung gab es keinen Airport-pick up. Ich habe mir aber wie empfohlen vorher Bolt runtergeladen und kam damit gut zur Wohnung. Bei mir waren bereits Leute da, ein russisches Mädchen ist aber die halbe Nacht durch die Stadt geirrt, weil niemand in ihrer Wohnung war, um ihr den Schlüssel zu geben. Das war etwas chaotisch bei 45 incomings und 4-5 contact persons.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich war die ersten zwei Wochen dem Department of Infection Control im Mater Dei Hospital zugeteilt, die dritte Woche der Superintendance of Public Health im St. Luke’s Hopital und die letzte Woche dem Department for Health Info and Research ebenfalls im St. Luke’s. Am ersten Tag (Freitag) mussten wir uns eine Access Card für das Mater Dei Hospital beantragen. Da wir etwa 30 Leute waren dauerte das ewig und meine Zugangskarte funktionierte auch an meinem letzten Tag dort noch nicht. Danach gab es noch eine kurze Vorstellung bei unseren Consultants aber der eigentliche Beginn war erst am Montag.
Mein Consultant bei Infection Control war Prof. Michael Borg, der Lehrstuhlinhaber für Mikrobiologie. Ich hatte allerdings wenigen direkten Kontakt zu ihm, sondern habe hauptsächlich mit Peter Zarb dem clinical pharmacist gearbeitet. In der ersten Woche habe ich die Arbeit der Unit kennengelernt und hatte den Auftrag, einige Patientendaten zu erheben. Es ging darum zu überprüfen, ob die Verschreibung von Piperacillin/Tazobactam den Richtlinien entsprechend erfolgt. Dazu bin ich auf die einzelnen Stationen gegangen und musste die Patientenakten durchgehen, was ziemlich langweilig war. In der zweiten Woche durfte ich aber mit einer Fachärztin für Mikrobiologie mit auf die „Antibiotikavisiten“ auf die Intensivstation, wo ich deutlich mehr lernen konnte. Mit ihr habe ich dann auch einen halben Tag im Bakteriologielabor verbracht und konnte die Arbeit dort kennenlernen. Generell gilt in Malta, dass die Ärzte sehr wenig von euch erwarten. Meistens gab es für mich nur Aufgaben für 3-4 Stunden pro Tag. Tage zu fehlen war auch unproblematisch, was einige der anderen Studierenden sehr stark genutzt haben :D. Wenn ich aber Interesse gezeigt und aktiv nachfragt habe, wurden mir auch viele Tätigkeiten ermöglicht, die eigentlich nicht gfür mich eingeplant waren. Zum Beispiel war ich mit einer Ärztin für Public Health in der psychiatrischen Klinik, in der sie und ihre Kollegin sich einen kompletten Tag genommen haben, um mir die Anlage zu zeigen und mir die Versorgungssituation in Malta zu erklären. Es gibt in Malta insgesamt etwa 5 staatliche Kliniken und einige kleinere private Häuser. Dabei ist Mater Dei das mit Abstand größte Haus, das über 90% der Patienten versorgt und über 1200 Betten hat. St. Luke’s hat die meisten Abteilungen im Bereich Public Health, also viele Büros des Gesundheitsministeriums.
Während meiner dritten Woche habe ich dort beim Team des Forschungsprojektes Social Determinants of Health mitgearbeitet. Das Projekt umfasst eine sehr große Erhebung zu verschiedenen psychosozialen Variablen in der Bevölkerung von Malta und wird hauptsächlich von der EU finanziert. Gerade die Public Health Spezialisten arbeiten dabei eng mit internationalen Organisationen wie der EU oder der WHO zusammen. Während dieser Zeit hatte ich einige kleinere Rechercheaufgaben, aber hauptsächlich haben mir die einzelnen Mitarbeiter ihre konkreten Tätigkeitsbereich kurz vorgestellt. Das war im Department for Health Info and Research ähnlich.
Die Einblicke, die ich hatte waren interessant und Malta eignet sich ausgezeichnet dazu, in einem Monat einen recht vollständigen Einblick in das Gesundheitssystem eines ganzen Landes zu bekommen. Andererseits beobachten Studierende hauptsächlich und führen wenig eigene Aufgaben eigenständig durch. Einige der anderen Studenten z.B. aus Kanada, die mehrere hundert Dollar für den Austausch bezahlt haben, waren auch enttäuscht, dass sie oft nach 1-2 Stunden wieder nach Hause geschickt wurden ohne wirklich etwas gelernt zu haben.

Land und Leute

Den größten Teil des Austausches nahm auf jeden Fall das social program ein, das in Malta wirklich super ist. Wir hatten drei bis vier Ausflüge pro Woche, die immer sehr gut geplant waren mit eigenem Reisebus für den Transport etc. Wir hatten zum Beispiel eine Boot Party, viele Strandausflüge mit beach yoga oder stand up paddling, eine Schnitzeljagd und natürlich die national foods and drinks party. Und auch ohne offizielles Programm haben wir incomings fast jeden Abend gemeinsam verbracht. Der Austausch hat sich so fast wie ein Schulausflug angefühlt, weil wir 45 incomings alle nur wenige Straßen voneinander gewohnt haben, fast alle im gleichen Krankenhaus gearbeitet haben, gemeinsame Mittagessen hatten und alle zu den geplanten Freizeitaktivitäten gegangen sind. Malta ist im Vergleich zu Deutschland etwas chaotischer und durch die Kombination von britischen, arabischen und italienischen Einflüssen ein sehr lebhafter Ort. Zusätzlich ist die Bevölkerungszahl in den letzten Jahren stark gestiegen, da durch das starke Wirtschaftswachstum viele Leute zum arbeiten zugezogen sind. Das merkt man vor allem beim Verkehr, der eine Katastrophe ist. Radfahrer gibt es kaum, da die Infrastruktur fehlt und die meisten nutzen das eigene Auto für den Transport. Die maltesiche Gesellschaft hat auch ein großes Problem mit Übergewicht, fehlender Bewegung, Diabetes, Rauchen und den anderen üblichen Risikofaktoren.
Eine Besonderheit sind auf jeden Fall die Feuerwerke, die während des Sommers ständig stattfinden. Die einzelnen Nachbarschaften haben eine Art Rivalität, wer die meisten und besten Feuerwerke veranstaltet und es gab eigentlich jeden Abend (und aus irgendwelchen Gründen auch tagsüber) welche. Das Image von Malta als Partyinsel ist auch gerechtfertigt, das Nachtleben spielt sich vor allem in Paceville ab, wo viele junge britische, italienische und deutsche Touristen ziemlich heftig feiern. Die Clubs sind dabei gnadenlos überfüllt und es gibt auch immer wieder mal Schlägereien. Während ich dort war gab es aber auch zum Beispiel ein gratis Musikfestival in einem Nationalpark über drei Tage.
Das Wetter war im August sehr heiß, zwischen 9 und 17 Uhr möchte man kaum vor die Haustür gehen. Dafür gibt es aber auch immer einen Strand in Gehweite, wobei die felsigen und nicht die sandigen Stränge überwiegen. Wer sich fürs Tauchen interessiert sollte definitiv einen oder mehrere Tauchgänge machen. Ich war in Comino in einem Schiffswrack und die Sichtweite unter Wasser ist wirklich unglaublich. Wir haben uns auch einen Nachmittag ein Motorboot ausgeliehen, wofür in Malta kein Bootsführerschein nötig ist und damit die vielen Buchten erkundet, was sehr empfehlenswert ist. Auch sonst gibt es viele Aktivitäten um das Meer und die Küsten wie Klippenspringen oder Hochseefischen. Man hat in einem Monat auf jeden Fall genug Zeit, um Malta zu erkunden. Ich bin nach Ende des Austausches dann weiter nach Sizilien, was nur wenige Kilometer entfernt ist, allerdings sollte man die Fähre schon weit im Voraus buchen.

Fazit

Für mich war der Austausch freiwillig und ich habe keine Famulatur dafür angerechnet bekommen. Ich war auch zufrieden damit, kürzere Einblicke in verschiedene Abteilungen zu bekommen, ohne selbst viel Verantwortung zu haben, da ich bisher wenig medizinische Vorerfahrungen habe. Wer also einen vorklinischen Austausch für einen ersten Einblick in ein anderes Gesundheitssystem sucht oder eine entspannte Famulatur, bei der das Freizeitprogramm im Vordergrund steht, dem würde ich einen Austausch in Malta empfehlen. Wer wirklich viel von Spezialisten lernen und gefordert werden will, dem eher nicht.

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