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India (MSAI-India)

Chirurgie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Lisa, Tübingen

Motivation

Ich weiß gar nicht wirklich, wann ich mich entschieden hatte, eine Auslandsfamulatur zu machen. Ich hatte von verschiedenen Seiten immer wieder mal gehört, dass Leute gute Erfahrungen gemacht haben, und der Gedanke, das Gesundheitssystem in Indien hautnah zu erleben, war mir immer irgendwie im Kopf rumgegeistert. Circa ein Jahr vor meinem Austausch bin ich mehr zufällig beim Pre Departure Training gelandet, und auch wenn ich dort nicht so unglaublich viel für den Austausch an sich mitgenommen hab, hat der Plan damit Form angenommen. Tatsächlich war dann Kenia meine erste Wahl, im Nachhinein bin ich aber froh, dass ich in Indien gelandet bin.

Vorbereitung

Auf den Austausch an sich habe ich mich nicht so intensiv vorbereitet. Ich habe ein Workbook für Medical English gekauft und zur Hälfte durchgearbeitet, hat mir aber im Grunde nicht viel genutzt, dazu unten mehr. Ansonsten hat es mir mehr geholfen, mich mit Freunden zu unterhalten, die schon in Indien waren oder die bereits einen SCOPE Austausch gemacht haben.
Ich war schon vor dem Austausch in Kontakt mit unseren CPs und dem LEO, und ich muss sagen, die waren wirklich sehr engagiert, seeehr gastfreundlich und haben sich um alles von Abholung bis Steckdosenadapter schon im Vorhinein gekümmert.

Visum

Die Organisation des Visums war echt kein Hexenwerk. Es reicht aus, ein Tourist eVisa zu beantragen, man braucht dafür ein amerikanisches Passbild, der Rest geht dann ganz easy online. Es dauert zwar eine Weile die ganzen Fragen auszufüllen, dafür hatte ich das Visum dann aber innerhalb von 24 Stunden. Gekostet hat der Spaß etwa 80$.

Gesundheit

Schon für die Bewerbung musste man Hepatitis B Titer und Tuberkulose-Test nachweisen. Den Tuberkulose Test hab ich in der Card of Documents übersehen und mich dann echt zu spät drum gekümmert. Ich musste in der Tropenambulanz über 100€ dafür hinblättern, im Nachhinein hab ich erfahren, dass ich das auch an der Uni in der Arbeitsmedizin machen lassen hätte können – nachfragen lohnt sich.
Hepatitis und Tollwut-Impfungen hatte ich bereits vorher und bin auch sonst gut durchgeimpft, ansonsten hab ich keine speziellen Impfungen bekommen.
Meine Reiseapotheke hab ich kaum benutzt, allerdings würde ich dringend empfehlen, Loperamid mitzunehmen, das hat eigentlich jeder von uns mal gebraucht:p Allerdings gibt’s das auch dort in der Apotheke auf dem Campus oder in jeder anderen günstig, wie eigentlich auch alle anderen Standardmedikamente. Und auch meine Malaronetabletten waren überflüssig...
Natürlich ist die Prävalenz von beispielsweise Hepatitis B oder HIV in Indien höher. Wenn wir solche Patienten hatten, wurden wir allerdings eher von diesen ferngehalten und hätten uns auch im OP nicht einwaschen dürfen. Die Pulmologie in der Klinik habe ich gemieden, ansonsten ist natürlich das TBC-Risiko höher, ich hätte jetzt aber trotzdem nicht die ganze Zeit mit Maske rumlaufen wollen.

Sicherheit

Als ich mitten in der Nacht in Delhi angekommen und zu meinem Hostel gefahren bin, hab ich mich wirklich unwohl gefühlt. Als ich an meinem letzten Tag in Delhi mitten in der Nacht zum Flughafen bin, hatte ich null Bedenken.
Von der Sicherheit in Indien bin ich echt positiv überrascht. Ich hatte da echt negative Vorstellungen, aber mir ist dort auf den Straßen auch nachts wirklich nichts ungutes passiert, im Gegenteil, die allermeisten Leute sind wirklich hilfsbereit und freundlich gewesen, obwohl oder vielleicht weil ich als blauäugige Blondine eindeutig als Ausländerin zu indentifizieren war. Ich hatte oft den Eindruck, dass die Inder selber sich viel mehr Sorgen machen als ich. Unsere CPs waren vor allem zu Beginn sehr besorgt und wollten uns nicht ohne Begleitung in die Stadt gehen lassen, tatsächlich gilt Vadodara als eine der sichersten Städte Indiens und ich habe mich dort auch sehr sicher gefühlt. Unter anderem ist das wohl der Tatsache zu verdanken, dass Gujarat ein dry state ist – also kein Alkohol (außer für Ausländer in begrenzter Menge mit Permission).
Der Campus der Uni selbst, wo wir ja gewohnt haben und ins Krankenhaus gegangen sind, kam mir schon fast wie ein Hochsicherheitskontrakt vor. Alles war eingezäunt, alle 100 Meter ein Wachmann, die Security am Eingang hat kontrolliert wer ein- und ausgeht. Um ehrlich zu sein, war das eher unangenehm. Als Austauschstudenten war man zwar mit uns etwas lockerer, aber vor allem als Mädchen hat man sich dort wirklich eingesperrt gefühlt, bzw. war man das auch ab halb 10 abends.

Geld

Man zahlt mit Indischen Rupien, ein Euro entspricht zur Zeit circa 80 Rupien. Ich hab eigentlich immer alles bar gezahlt, ATMs gibt es an jeder Ecke, und ungefähr die Hälfte davon funktioniert auch;) Worauf man achten sollte, ist, dass ATMs oft geschlossen sind, wenn Feiertag ist, und davon gibt es wirklich verdammt viele in Indien. Mir ist dann auch mal passiert, dass ich einen Tag lang auf dem trockenen saß, als ich alleine unterwegs war, also immer lieber ein paar Rupien für den nächsten Feiertag zurücklegen. Geld wechseln am Flughafen ist wie überall nicht so eine gute Idee, da ist der Wechselkurs echt Mist, es bietet sich an, lieber ein paar Minuten zum nächsten Geldautomaten zu fahren.
Natürlich ist alles im Vergleich zu Deutschland unglaublich billig, und nach einer Weile hat man auch die Preise so weit raus, dass man sich nicht ständig über den Tisch ziehen lässt. Während des einmonatigen Praktikums habe ich glaube ich weniger Geld ausgegeben als in Deutschland, trotz des social programs und inklusive shopping. Die Mahlzeiten konnten wir alle in der Wohnheim-Mensa kostenlos einnehmen, ein Kaffee auf dem Campus hat 30 ct gekostet, eine Mahlzeit ungefähr 1-2 €, die 45 minütige Fahrt in die Stadt 25 ct. Also arm wird man sicher nicht.

Sprache

Die Sprache in Indien wechselt gefühlt alle 200 km. Auch wenn die gebildeteren Inder eigentlich alle Hindi in der Schule lernen, kommunizieren sie im jeweiligen Landesteil in der entsprechenden Sprache – also in Vadodara in Gujarati. Die Patienten im Krankenhaus, insbesondere diejenigen aus ländlicheren, armen Gegenden, konnten ausschließlich Gujarati sprechen. Ich habe mich auf die Sprache überhaupt nicht vorbereitet. Nach ein paar Wochen konnte ich ein paar Phrasen, die Leute freuen sich natürlich, wenn man sie wenigstens auf Hindi nach ihrem Namen fragen kann, aber für das Praktikum war es nicht nötig. Die „Medizinersprache“ dort ist Englisch, und jeder Student und jeder Arzt spricht mehr oder weniger gut Englisch. An den indischen Akzent musste ich mich allerdings wirklich gewöhnen, der war für mich auch am Ende noch manchmal wirklich schwer zu verstehen.
Bevor ich nach Indien gegangen bin, hab ich, wie schon erwähnt, mithilfe eines Workbooks ein paar medizinische Fachausdrücke gelernt, mir angeschaut, wie man eine Anamnese auf englisch führt, und so weiter. Das war auch definitiv sinnvoll, allerdings muss ich sagen, dass ich trotzdem Schwierigkeiten mit der Sprache hatte. Zwar habe ich alles verstehen können, aber im Vergleich zu den Studenten dort war es für mich schon schwierig, bestimmte Fragen auf englisch zu beantworten, weil mir einfach die Terminologie nicht so geläufig ist.

Verkehrsbindungen

Mein Flug hat 550 Euronen gekostet und war durch den Fahrtkostenzuschuss beinahe abgedeckt. Vom Flughafen in Vadodara wurde ich von zwei der CPs mit einem privaten Auto inklusive Fahrer der Uni abgeholt, das uns auch öfters fürs social program zur Verfügung gestellt wurde.
Normalerweise sind wir überallhin Autorickscha gefahren, das ist echt günstig und supereasy, die stehen dort auch an jeder Ecke. Nachts oder mit viel Gepäck ist es eher zu empfehlen, Uber oder Ola zu fahren, habe dort eigentlich nur Ola gefahren und bin gut damit zurechtgekommen.
Ich bin als einzige von uns manchmal auch Bus gefahren, das ist zwar nicht besonders komfortabel und den Busfahrplan habe ich nicht ganz durchschaut, man muss halt einfach den nächstbesten anhalten und fragen, wo es hingeht;) Und dann ist das aber wirklich eine authentische und vor allem super billige Art zu reisen.
Tram oder Regionalzüge gibt es in Vadodara nicht, in anderen Städten (Mumbai) würde ich den Trubel auf jeden Fall ausprobieren, ist irgendwie lustig
Wann genau man wo ankommt, erfährt man in Indien eigentlich nie vorher (außer bei Fernzügen, die sind meist auf die Minute, dagegen sieht die DB wirklich schlecht aus), aber es ist immer jemand da, der einem hilft, den nächsten Bus zu finden oder einen mit dem Scooter zur nächsten Haltestelle zu bringen. Das macht es zwar nicht übersichtlicher, aber irgendwie schön, dort zu reisen, und man lernt einen Haufen neue Menschen kennen!

Kommunikation

Meine CP hat mir direkt, als sie mich abgeholt haben, eine SIM-Karte mitgebracht. Das Internet war zwar überall vorhanden, aber vor allem auf dem Campus eher langsam, telefonieren konnte ich eigentlich nur nachts. WLAN war leider auch eher katastrophal. Das war echt eher eins der größeren Probleme, wenn man mal noch was zu planen hatte o.ä., um einen Fernbus zu buchen etc. hab ich auch wirklich manchmal Stunden zugebracht.

Unterkunft

Wir sollten eigentlich im Mädchenwohnheim in Dreierzimmern untergebracht werden, da dort aber alle Zimmer belegt waren, wurden wir drei Mädels in einer der Wohnungen für die Professoren und deren Familien untergebracht, was eindeutig komfortabler war, im Gegensatz zum Hostel hatten wir einen Kühlschrank, zwei Bäder, und viel mehr Platz. Bettzeug war vorhanden, allerdings war alles so semisauber und wurde leider entgegen der Vereinbarung auch zu selten geputzt.

Literatur

Ich habe vorher nichts spezielles zur Vorbereitung gelesen, außer mich natürlich vorher durch Reiseführer und Blogs gekramt. Es gibt dort eine Bibliothek, in der man englische Fachbücher ausleihen kann.

Mitzunehmen

Kleidungstechnisch war ich beim Packen ein bisschen überfordert, mir wurde gesagt, Jeans und T-Shirt ist ok und das ist es auch definitiv. Allerdings hätte ich bei der Hitze und Luftfeuchtigkeit meine Jeans gerne gegen luftige, leichte Hosen eingetauscht, was auch ok gewesen wäre. Shorts (egal welche Länge) habe ich auf dem Campus nur sehr vereinzelt bei internationalen Studenten gesehen, das war auch eher unerwünscht und in der Klinik nicht erlaubt. Enge Kleidung hingegen waren entgegen meiner Erwartung überhaupt kein Problem, alle laufen in Leggings und T-Shirt o.ä. rum. Überhaupt würde ich nicht zu viel mitnehmen, vielleicht 2-3 Hosen, gibt alles günstig zu kaufen. Wir durften unsere Klamotten so oft wir wollten in die Laundry des Krankenhauses bringen, war kostenlos und ist nix verfärbt oder verlorengegangen. Schnelltrocknende feste Schuhe sind ok, weiße sind ne blöde Idee und in der Regenzeit ist es auch im Krankenhaus ok, in Flipflops zu kommen, man muss einfach manchmal durch riesige dreckige Pfützen zum Krankenhaus waten.
Ich hatte zwei Laborkittel mit, würde jetzt aber keinen mehr mitnehmen und mir da einen kurzärmeligen leihen oder kaufen, alles andere ist mörderisch bei der Hitze und ich hab ihn eh nur alle 3 Tage auf Station gebraucht. Umsonst mitgenommen hab ich auch Reflexhammer und Stethoskop, beides hab ich nie gebraucht, die dortigen Studenten besitzen das nichtmal.
Über kleine Gastgeschenke, Schoki, Haribo und Co. haben sich alle gefreut, und auch Käse war sehr gefragt;)

Reise und Ankunft

Wie gesagt, wurde ich am Flughafen abgeholt und direkt zum Essen eingeladen Ich kam 3 Tage vor Praktikumsbeginn an und fand es auch schön, ein bisschen Zeit zum einleben zu haben, aber ich habe auch im Vergleich zu den anderen Austauschstudenten viel Zeit mit den indischen Studenten in unserem Semester verbracht und fand es schön, die alle kennenzulernen. Es reicht sicherlich auch am Tag vorher anzureisen.
Wir wurden einen Tag vor Praktikumsbeginn spontan zusammen dem Medical Director vorgestellt, es wurde dann eine Art Stundenplan für uns erstellt, ansonsten hab ich vorher nichts gemacht.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Mein Wunschfach war eigentlich Gynäkologie und Geburtshilfe, da die Ärzte dort aber wohl unterbesetzt und überlastet waren, wurde ich zu den anderen beiden Incomings in die Allgemeinchirurgie gesteckt. Und Allgemeinchirurgie hieß wirklich so ziemlich alles: Viszeral-, Thorax-, Plastische Chirurgie, und ohnehin wurde uns erlaubt, alle Eingriffe auch aus der Neurochirurgie, HNO, Ortho, Gefäßchirurgie zu sehen wie wir Lust hatten bzw. je nachdem was eben grade lief.
Für die ersten drei Wochen hatten wir einen Stundenplan, nachdem wir in den verschiedenen Units jeweils abwechselnd in der Ambulanz, auf Station oder im OP eingeteilt waren.
Ambulanz war im Grunde echt Zeitverschwendung. Ein Professor und zwei Ärzte saßen zusammen mit 3 bis 8 Medizinstudenten um einen Tisch und schleusten Patienten im Schnelldurchgang durch, meistens zwei gleichzeitig, alles auf Gujarati, Untersuchungen gingen zack-zack, immerhin durfte ich auch überall mal draufdrücken:/ Ab und zu nahm sich einer Zeit, mir etwas genau zu erklären, aber die meiste Zeit war einfach grausig langweilig, wobei es aber immer wieder mal ein paar Highlights gab und ich Fälle sehen konnte, die ich hier in Deutschland nie hätte sehen können, weil die Patienten aus Informations-/Geldmangel oft erst in sehr fortgeschrittenen Krankheitsstadien kommen. Am Nachmittag wurden manchmal ambulante kleine Eingriffe durchgeführt, wenn nichts los war, bin ich auch mit den Ärzten Chai trinken gegangen.
Auf Station bin ich bei der Visite mitgelaufen, das war manchmal wirklich nur ein nebenherlaufen, meistens haben die Professoren sich aber tatsächlich viel Zeit genommen, mir zu jedem einzelnen der Patienten Diagnose und Vorgehen zu erklären. Weil aber eine Traube von etwa 30 Studenten um das Patientenbett rumstand, war mit untersuchen nicht so viel, und auch die Zeit war bei der Anzahl der Patienten einfach knapp. Nach der Visite hab ich mal Verbände und Wundversorgung mit machen dürfen, und es gab oft noch Studentenunterricht, in dem Patientenanamnese und sehr detailliert die körperliche Untersuchung besprochen wurden, hier hab ich echt viel über Differentialdiagnose (mit sehr eingeschränkten Mitteln) gelernt. Meist bin ich danach in den OP gegangen, weil niemand so richtig wusste, wohin mit mir auf Station.
Der OP. War ein bisschen chaotisch, wie alles in Indien. Auf den Terminplan konnte man sich null verlassen, OPs wurden ständig abgesagt oder verschoben oder haben einfach ständig viel zu spät angefangen. Das heißt, wir kamen circa um 9 Uhr, sind dann durch alle Säle gelaufen und haben geschaut wo grade was läuft, mussten aber auch ab und zu erstmal bis 11 auf die erste OP warten. Einige der Ärzte waren echt sehr freundlich, interessiert und haben sich bemüht, uns viel zu erklären und mitzugeben, andere haben uns komplett ignoriert. Das Gros der Fälle waren Hernien, Tumoren, Ulcera... Uns eingewaschen und assistert haben wir viel zu selten, aber vielleicht wird das in Zukunft besser, wir waren eben die ersten SCOPE Studenten überhaupt in dem Krankenhaus und im Vergleich zu den dortigen Medizinstudenten haben sie uns schon viel mehr ermöglicht. Der OP Tag war meist ungefähr um 3 Uhr rum, weil danach keine OPs mehr durchgeführt wurden.
Offiziell gingen die Tage von 9 Uhr morgens bis 5 Uhr nachmittags mit einer Stunde Mittagspause. Die anderen beiden Austauschstudenten sind ab der zweiten Woche nur noch in den OP gegangen und auch nur bis mittags geblieben, ich war die einzige die sich – laut den Indern typisch deutsch:P – mehr oder weniger an den Plan gehalten hat. Allerdings haben die Ärzte es schon wertgeschätzt, wenn man mit Interesse dabei war, und haben sich dann eher auch mal eine halbe Stunde Zeit genommen, einem was zu erklären.
Ich hätte mir schon gewünscht, mehr praktisch „Hand anlegen“ zu dürfen. Wenn man sich interessiert zeigt und aktiv fragt, kann ich mir vorstellen, dass man schon auch bisschen was machen darf, ich hab das aber irgendwie erst in der letzten Woche mehr gemacht.
Dadurch, dass der Umgang in der ganzen Abteilung mit Ärzten und Studenten zwar sehr repektvoll, aber irgendwie auch familiär ist, hatte ich die Möglichkeit, auch woanders reinzuschnuppern. Ich war ein paarmal auf der Intensivstation und auch mal auf der Neugeborenenintensiv- und Neugeborenenstation, die Studenten dürfen dort einfach auftauchen und Patienten untersuchen, das ist ganz normal und eine tolle Möglichkeit, interessante Fälle zu sehen. Und nach einigen Nachfragen hatte ich auch die Möglichkeit, bei einer natürlichen Geburt im Kreißsaal dabeizusein, was ich unbedingt gewollt hab.
(Anmerkung für Leute, die nach Vadodara wollen, aber nicht wissen, an welche Uni: wie ich es mitbekommen habe, waren die Austauschstudenten an der Sumandeep Uni sehr viel freier, keiner hat sich dafür interessiert, wie oft und lang sie im Krankenhaus erscheinen, und sie haben einige viele Tage ausfallen lassen, um zu Reisen. Außerdem waren die Campusregeln nicht ganz so streng. Allerdings waren sie manchmal auch ein bisschen frustriert, dass sie fachlich kaum etwas mitbekommen haben, keiner ihnen was beigebracht hat, oder im Krankenhaus für sie zuständig war. Würde also die Entscheidung davon abhängig machen, ob ihr wirklich die Krankenversorgung kennen lernen und Zeit im Krankenhaus zubringen wollt oder ob ihr sagt, ich möchte nur mal reinschauen, aber am liebsten die ganze Zeit chillen und reisen;))

Land und Leute

Unter der Woche habe ich kaum Sachen außerhalb des Campus unternommen, es gibt auch ein Sportstudio, einen Swimmingpool und oft waren wir auch mit dem Feiern von religiösen Festen beschäftigt, während meiner Zeit habe ich das 10-tägige Ganesha-Festival und teilweise das 9-tägige Navratri-Festival erlebt. Navratri war wirklich unglaublich, wer kann, mitnehmen! Ab und zu bin ich zum einkaufen in die Stadt gefahren, ein paar mal waren wir auch mit Kommilitonen oder unseren CPs Essen und ich persönlich hab auch die anderen Austauschstudenten von der Sumandeep Uni besucht, die nur ca. 10 Minuten entfernt ist.
Das Social Program hat meine Erwartungen übertroffen, unsere Gastorga war da wirklich sehr engagiert und hat uns, oft mit den Studenten von Sumandeep, fast jedes Wochenende Trips organisiert und zum Teil auch bezahlt. Wir waren ein Wochenende in Udaipur, eins im Regenwald in Jambughoda, Champaner anschauen und zu einem heiligen Wasserfall kraxeln, und ein Wochenende wurde Taj Mahal organisiert, das hab ich ausfallen lassen und bin stattdessen zur Statue of Unity gefahren (ist nice to see, aber hoffnungslos überfüllt am Sonntag). Da ich ein paar mal Samstags ins Krankenhaus gegangen bin, konnte ich schon 2 Tage früher am letzten Wochenende gehen und habe dann noch ein paar andere Ecken von Indien erkundet, die Zeit (Oktober) war dafür perfekt, da der Monsun dann langsam vorbei, es nicht mehr ganz so drückend heiß und überall grün war, aber noch weit entfernt von der Hauptsaison.
Indisches Essen kann der absolute Hammer sein (wenn auch immer ein bisschen bis schrecklich scharf;), in der Mensa war es allerdings meistens nicht so gut, sondern sehr fettig, verkocht und viel zu scharf. Es gibt aber im Food Court auch günstiges südindisches oder nordindisches Essen, was sowieso besser als Gujarati Food ist;) Und was zwar nicht indisch ist: falls ihr nach Mumbai oder Delhi kommt, Eiscreme von Natural holen, das ist das beste Eis was ich je gegessen hab! Und lernt mit den Fingern zu essen, schmeckt irgendwie besser:)
Die Menschen...waren zum Großteil unglaublich lieb, freundlich, hilfsbereit und offen, ich wurde so liebevoll aufgenommen und habe mich die meiste Zeit sehr wohlgefühlt. Auch wenn viele ein bisschen schüchtern zu sein scheinen, sind die Inder selten distanziert, und schon nach 5 Minuten zeigen dir Fremde in der Rikscha Fotos von zuhause, ihrer Familie, erzählen alles von ihrem Leben, begleiten dich zu deinem Ziel, wenn du total lost bist und laden dich dann zu sich nach hause zum Abendessen ein. Zumindest für mich hat sich das anfangs übergriffig angefühlt, aber man muss es einfach genießen, die Leute meinen es gut. (In Touri-Ecken natürlich haben sich die Leute auch auf den Tourismus eingestellt und wollen einen eher mal übers Ohr hauen.)
Allgemein fühlt sich Indien in der Stadt an wie in einem Ameisenhaufen. Es ist immer voll, laut, und dreckig und definitiv nichts für schwache Nerven. Was mich am meisten gestört hat, sind tyrannische Männer, die irgendwelche unsinnigen Regeln durchsetzen, für die einem keiner die Gründe nennen kann. Von den Indern wird das so hingenommen, keiner scheint irgendetwas zu hinterfragen, und jede noch so dumme Regel wird einfach befolgt. Vor allem die jungen Inder kommen einem im Vergleich zu uns ziemlich unselbstständig vor, was klar ist, da alle bei ihren Eltern leben und alles von diesen entschieden wird, die Studenten können nicht einmal den Campus verlassen, ohne dass die Eltern angerufen werden.

Fazit

Auch wenn ich während des Praktikums an sich viel Zeit mit Warten und Rumstehen verbracht hab, hat es sich gelohnt für ein paar tolle offene OPs, bei denen man dann auch echt nah dabeistehen darf, einige echt interessante Fälle, paar mega engagierte und motivierte Lehrer und im Grunde hatte ich auch echt manchmal viel Spaß mit den Ärzten und Studenten.
Der Mangel an Hygiene, Ressourcen und Privatsphäre ist zwar am Anfang schon schockierend, aber nach den vier Wochen habe ich auch zu schätzen gelernt, wie verpflichtet die Ärzte ihren Patienten sind und wie viel sie trotz der eingeschränkten Möglichkeiten zustandebringen.
Indien selbst ist definitiv eine Reise wert. Ich habe etwas ganz anderes erwartet, aber ich bin wirklich sehr froh, dass ich die Möglichkeit hatte, das Land auf diese Weise kennenzulernen – als Teil einer Gemeinschaft und mit einer Art Aufgabe. Indien ist nicht erholsam, und mir persönlich würde es auch schwerfallen, inmitten dieser problematischen Verhältnisse Urlaub zu machen, umso dankbarer bin ich, dass ich das Land auf diese Weise „hautnah“ erleben durfte.

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