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France (ANEMF)

Innere - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Emilia, Halle (Saale)

Motivation

Früh im Studium war mir klar, dass es für den Arbeitsalltag sehr wichtig ist, ab und zu den Blick von außen zu haben, um vor allem die positiven Seiten unseres Gesundheitssystems mehr schätzen zu können. Aber auch, um die Sicht von Patienten aus anderen Ländern nachvollziehen zu können. Ich hatte vor dieser Famulatur schon mehrere Famulaturen in anderen europäischen Ländern absolviert und wollte auch das französische Gesundheitssystem aus erster Hand erleben und beobachten können. Die Medizin in Frankreich und in Montpellier speziell hat einen sehr guten Ruf. Montpellier streitet sich bis heute mit Bologna um die erste gegründete Medizinische Fakultät überhaupt – also ein sehr traditionsreicher Ort für Medizinstudenten.

Vorbereitung

Ich habe mich im Vorfeld nicht intensiv auf die Famulatur vorbereitet, außer einen erneuten Blick in eine französische Grammatik zu werfen. Schwierigkeiten gab es beim Hochladen der Dokumente und meiner sehr späten Card of Confirmation durch ANEMF (französisches Äquivalent der bvmd). Bei den Feldern muss man wirklich jedes Feld ausfüllen, und wenn es nur ein „-„ ist, sonst wird das Formular nicht abgeschickt und der Prozess geht nicht voran.

Visum

Da Frankreich in der EU ist, ist keinerlei Visum notwendig.

Gesundheit

Die deutsche Krankenversicherung, die gleichzeitig eine europäische Grundversicherung einschließt, hat vollkommen ausgereicht. Der allgemeine Impfschutz, der auch in Deutschland empfohlen wird, ist auch für Frankreich adäquat. Vor Ort war die Vorlage von speziellen Untersuchungen nicht mehr notwendig, für die Bewerbung war neben des Impfstatus`der Nachweis eines Tuberkulose-Test notwendig, bei mir war der am günstigsten im Gesundheitsamt der Stadt zu erhalten.

Sicherheit

Für die Bewerbung in Frankreich war der Nachweis einer Haftpflichtversicherung notwendig, weitere Versicherungen habe ich nicht abgeschlossen. Man sollte die allgemeinen Sicherheitshinweise beachten: nicht mit offenen Taschen rumlaufen, die Spinde immer abschließen, nicht zu viel Bargeld dabei haben. Ansonsten gibt es keine speziellen Maßnahmen zu beachten, Montpellier speziell hat sich als sehr sicher und zuverlässig erwiesen. Je nach politischer Entwicklung ist die Bewegung der "Gelbwesten" noch sehr aktiv, das ist aber eher ein Aspekt der Wochenendplanung als der Sicherheit.

Geld

Die Währung ist der Euro, abhebbar an vielen Bankautomaten in der ganzen Stadt. Frankreich ist hier viel weiter entwickelt als Deutschland, ihr könnt euer Baguette für 1€ problemlos ohne Bargeld per EC-Karte bezahlen. Selbst den Markteinkauf in den Markthallen oder den schnellen Kaffee kann man immer mit der Karte bezahlen. Bargeld ist eher die Ausnahme, und das wohl schon seit vielen Jahren. Die Lebensmittel sind teurer als in Deutschland, mit dem Taschengeld der ANEMF kommt man nicht ganz auf eine volle Mahlzeit pro Tag, dafür fallen durch den Austausch aber die Wohnkosten weg.

Sprache

Französisch ist Landessprache, und das ist auch die Sprache, in der man sich verständigen muss. Natürlich lernen die Franzosen auch Englisch und vor allem Deutsch, damit kann man aber keiner Visite folgen. Eine Grundkenntnis (B1) macht es daher bedeutend einfacher, auch wenn alle Ärzte – die Oberärzte eingeschlossen – sehr bemüht waren, alles Unverstandene nochmal zu wiederholen und zu erklären.

Verkehrsbindungen

Reisen in Frankreich geht sehr bequem mit dem Zug, quer durch das ganze Land dank TGV. Rechtzeitiges Buchen beschert einem sehr, sehr gute Preise, z.B. für 10€ von Montpellier nach Paris. Lokal wird der Nahverkehr subventioniert, sodass man – ebenfalls bei rechtzeitigem Buchen – für 1€ nach Nimes oder Avignon fahren kann mit dem Zug. Für die Stadt Montpellier wird von der Gastorganisation ein Monatsticket zur Verfügung gestellt, um die stets pünktlichen, regelmäßig verkehrenden Straßenbahnen quer durch die Stadt nutzen zu können. Selbst ein Bus zum 20 Minuten entfernten Strand kostet im 10er-Ticket 1€.

Kommunikation

Das Internet funktioniert sehr gut, das Wlan ist an der Uni über eduroam nutzbar und innerstädtisch gibt es zum Teil kostenlose Wlan-Stellen. Außerdem funktionieren deutsche Verträge auch im europäischen Ausland ohne zusätzliche Gebühren.

Unterkunft

Ich war in einer WG mit 2 französischen Medizinstudenten untergebracht, was von der lokalen Austauschorganisation im Vorfeld organisiert wurde. Die Küche konnte ich frei nutzen, wir haben aber sehr viel in der WG zusammen gekocht und gegessen. Auch andere Haushaltsgegenstände wie Handtücher, Bettzeug und sogar Strandlaken wurden mir von der Gast-WG zur Verfügung gestellt.

Literatur

Ein medizinisches Französisch-Deutsch-Wörterbuch ist sehr zu empfehlen, außerdem lohnt es sich, jeden Tag 10 neue Vokabeln in ein Heft zu notieren, da so der Lerneffekt größer ist. Ich hatte mir außerdem ein deutsches Fachbuch für die Famulatur mitgebracht, habe aber auch die Medizinbücher der Gast-WG / der Unibibliothek nutzen können. In Montpellier kommt man außerdem sehr gut an gebrauchte Bücher, falls man auch Interesse an nicht-medizinischer Literatur hat während der Famulatur.

Mitzunehmen

Neben dem normalen persönlichen Reisegepäck natürlich einen Kittel, Stethoskop und Klinikschuhe sowie ein Kittelschild und ein Vorhängeschloss für den Spind. Man sollte beim Packen daran denken, in welche Region Frankreichs man reist, da es im Norden z.B. auch im August sehr frisch werden kann, während es im Süden im August auch nachts selten unter 25°C warm ist.

Reise und Ankunft

Ich kam mit dem Zug an und wurde am Bahnhof von meiner Austauschpartnerin empfangen, die mir dann erstmal die WG gezeigt haben. Die lokale Leo-Vertreterin hat mir außerdem alle benötigten Unterlagen für den ersten Arbeitstag zur Verfügung gestellt. Ein Mitbewohner hat mich dann am ersten Tag auch zur Famulatur gebracht und mir alles gezeigt, sodass ich einen sehr angenehmen Start hatte und auch eine Vorstellung auf Station vor dem ersten Arbeitstag nicht notwendig war.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Glücklicherweise bin ich dort gelandet, wofür ich mich beworben hatte, nämlich auf der Kardiologie, einer sehr renommierten und gut organisierten Station. Alle Angestellten, bis zum Oberarzt, waren sehr engagiert und haben immer versucht, die Studenten in alle Aspekte des Klinikalltags einzubeziehen. Da der Süden Frankreichs eine Urlaubsgegend ist, hat man auch entsprechend vielfältige Hintergründe in der Patientenschaft. Und man kann mal einspringen und dolmetschen, wenn Patienten aus dem eigenen Herkunftsland behandelt werden. Dabei konnten einige Missverständnisse ausgeräumt werden, wie z.B. über den Tag der Entlassung. Der Stationsalltag begann jeweils mit der Visite, je nach Wochentag ging man einmal über die komplette Station oder schloss sich einem der Assistenzärzte an, die jeweils ihre Betten betreuten. Nach einigen Tagen konnte man eigene Patienten übernehmen, stellte sie entsprechend in der Visite vor und kümmerte sich um Behandlung, Therapie und sonstiges Patientenmanagement. Leider bekommt man als nicht-französischer "Externe" (so heißen die Medizinstudenten im Praktikum vor Abschluss des Studiums) keinen Zugang zu der elektronischen Patientenakte und für das Kliniksystem, daher muss man immer jemanden bitten, sich für einen einzuloggen.
Nach der Visite, die wie üblich auf internistischen Stationen auch mal bis mittags gehen konnte, rollte man mit dem EKG über die Flure, um bei den Patienten EKGs zu schreiben. Dies war auch eine Gelegenheit, die Patienten nach Details aus der Visite zu fragen oder einfach ein bisschen mit ihnen zu quatschen. Die EKGs wurden anschließend ausnahmslos alle und jeden Tag mit den Assistenzärzten besprochen, wobei der Wissenszuwachs im Laufe der Tage deutlich spürbar war. Dabei erfolgte die Präsentation der EKGs ohne Druck und mit viel Verständnis für Rückfragen und erneute Erklärungen. Gegen Mittag/frühen Nachmittag wurde man dann meistens in den Feierabend entlassen, während die französischen Studenten nach einer Mittagspause je nach Semester auch bis spät am Abend auf der Station arbeiteten. Dazu muss man aber wissen, dass man in Frankreich als Medizinstudent auch für Pflichtblockpraktika während des Semesters eine Vergütung erhält, die je nach Semester auch weit über dem liegt, was man in Deutschland im PJ verdienen kann. Ab der zweiten Woche konnte ich dann auch in die anderen Stationen wechseln, ich war mehrmals im Herz-Echo, im Herzkatheter oder auch in der kardiologischen ITS zur Visite dabei. Der Standard kann dabei gut mit deutschen Krankenhäusern mithalten, teilweise ist er sogar höher, wie beispielsweise in der durchgängigen Benutzung von Computern für die Visite inklusive elektronischer Kurven.

Land und Leute

Frankreich generell hat als eines der europäischen Kernländer eine Vielzahl an Unterhaltung und Aktivitäten zu bieten: sehr schöne Kinos und Theater, eine sehr gute Infrastruktur inklusive angenehmer Laufwege zum Joggen entlang des Flusses, neue Viertel, die aus der Erde sprießen, weil seit Jahren die Bevölkerung anwächst. Das Zentrum ist seit einigen Jahren eine Fußgängerzone, entspannt kann man auf dem Place de la Comédie, in der Platanenallee oder durch die malerischen verwinkelten Gässchen flanieren, um die neuste Streetart an den Hauswänden zu entdecken und zu bewundern. Natürlich gibt es viele gemütliche Bars und Restaurants mit typisch französischer Küche oder auch Gerichten aus der ganzen Welt. Insgesamt bezahlt man für Essen hier meist mehr als in Deutschland, dafür kann man sich sicher sein, dass die Gerichte eine sehr hohe Qualität haben.
Die Gesellschaft ist auf eine natürlichere Art und Weise bunter als in Deutschland. Was sich auch in den Gewürzen und Nahrungsmitteln widerspiegelt, die man überall kaufen kann, weil viele ausländische Elemente in die französische Küche einfließen. Zu entdecken sind unter anderem French Tacos und Cheese Nan.
In Montpellier muss man auf jeden Fall eine der ältesten medizinischen Fakultäten besuchen, die direkt an die Kathedrale grenzt. Dazu gehört auch eine große anatomische Sammlung, die man einmal im Monat kostenlos besichtigen kann. An den restlichen Tagen ist der Eintrittspreis mit 12€ für Studenten leider sehr hoch.
Zum Pflichtprogramm gehört daneben auch der botanische Garten, die Kathedrale, die Gegend um das Peyrou und das Musée Fabre mit einer großen Kunstsammlung und gut kuratierten Sonderausstellungen. Daneben gibt es natürlich auch ein Museum für Moderne Kunst und mehrere sehr kleine Museen.
Montpellier ist strategisch super angebunden, man kommt sehr günstig (s.o.) in viele umliegende schöne Städte. Marseille, Nîmes oder Carcassonne liegen nicht weit weg und können innerhalb eines Tagesausflugs besichtigt werden. Für ein Wochenende lohnt sich auch der weitere Weg nach Nizza oder Cannes.
Nach getaner Arbeit ist das Meer nur 20min von der Haustür entfernt, was eindeutig ein tolles Lebensgefühl ist. Weitere Strände sind auch mit einer etwas längeren Fahrtzeit erreichbar, darunter Sète, la Grande Motte oder Aigues-Mortes. Wer keine Wellen mag kann stattdessen einen Bus in die andere Richtung nehmen. Sehr schön ist der See unter der Pont du Diable bei Saint-Guilhelm-le-Desert, aber auch der Lac du Cles ist nicht weit vom Zentrum entfernt.
Gerne wäre ich noch zum Lac du Salagou, nach Avignon oder Arles gefahren, dafür hat dann aber die Zeit nicht mehr gereicht.
Die sogenannten Gelbwesten sind gerade in Montpellier noch sehr aktiv, was man spätestens an seinem ersten Samstag mitbekommt, wenn die Innenstadt verbarrikadiert wird und keine Trams mehr fahren.

Fazit

Die Erfahrungen dort waren sehr bereichernd, alle Beteiligten motiviert und das Arbeitsklima angenehm. Dennoch hat auch das französische Gesundheitssystem einige Baustellen.
Ich würde auf jeden Fall auch für länger als nur 4 Wochen zurückgehen, um dort zu arbeiten und einen noch tieferen Einblick in Arbeit, Kultur und Gesellschaft zu bekommen. Durch die Tatsache, dass man in einem Austausch nach Frankreich geht, ist man eingebunden, geht abends mit Franzosen in eine der vielen Bars und hat direkt einen sehr guten Einblick in das lokale Leben und die französische Kultur.

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