zurück

Honduras (IFMSA-Honduras)

Innere - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Bernhard Benedikt , Leipzig

Motivation

In andere Länder zu reisen hat mich schon immer fasziniert. Für meine Austauschfamulatur im
Sommer 2019 hatte ich aus mehreren Gründen vor, nach Lateinamerika zu gehen. Mein
wichtigstes Anliegen war, meine Sprachkenntnisse in Spanisch auszuweiten. Außerdem wollte ich
natürlich die Kultur, Politik, Gesellschaft und auch das Gesundheitssystem des Landes
kennenlernen. Und zu guter Letzt ging es selbstverständlich auch darum, medizinische Kenntnisse
und Fähigkeiten zu erwerben. Alle spanischsprachigen Länder Lateinamerikas haben diese
Kriterien erfüllt. Sicher hätte ich auch nach Spanien gehen können, aber dort bin ich schon sehr oft
gewesen und es sollte mal etwas Neues sein. Und so bin ich in Honduras´ Hauptstadt
„Tegucigalpa“ in Zentralamerika gelandet.

Vorbereitung

Aber vorweg möchte ich erklären, wie ich überhaupt auf die Idee einer Auslandsfamulatur
gekommen bin. Ungefähr ein Jahr vor dem Austausch habe ich an einem Info-Abend
teilgenommen, an dem die bvmd verschiedene ihrer Austauschprogramme vorgestellt hat. Bei
ausgelassener Stimmung – und free food ;) – war ich schnell von den Projekten begeistert. Ich
habe mich also bald über die Bewerbungsfristen und Konditionen informiert. Unter anderem
musste ich – wie sicherlich die meisten anderen auch – einen Sprachtest in Englisch ablegen. Da
der Test aus einem mündlichen und schriftlichen Teil besteht und auch hier Bewerbungsfristen
bestehen, sollte man lieber zu viel als zu wenig Zeit einplanen.

Eigentlich wollte ich die Auslandsfamulatur sogar schon im Winter 2019 absolvieren, aber das hat
zeitlich nicht mehr mit dem Sprachtest gepasst und außerdem muss man die erste Famulatur in
Deutschland absolvieren (gemäß bvmd-Bewerbungsbedingungen, Anm. d. Berichtekoordination) und die hat mir ebenfalls noch gefehlt. Dadurch bin ich einen Aufenthaltszeitraum nach hinten gerutscht. Das bedeutet, ich konnte formell frühestens ab Oktober 2019 famulieren, also nicht mehr in den Sommersemesterferien 2019. Da ich aber so früh wie möglich ins Ausland wollte, habe ich bei der bvmd angefragt, ob es nicht doch geht. Schließlich hat es geklappt und ich schulde der NEO out meinen endlosen Dank für ihre Mühe. Aber es hat die Organisation auch deutlich verkompliziert, gerade was den Fahrtkostenzuschuss anbelangt.
Fazit: Ich kann sehr gut verstehen, wenn ihr so früh wie möglich famulieren wollt, aber im Zweifelsfall
sollte man vielleicht einfach eine halbes oder ganzes Jahr später famulieren.

Ich habe ja schon angedeutet, dass man sich auf eine Menge Papierkram und Emails einstellen
sollte, aber am Ende muss ich sagen: „Es hat sich absolut gelohnt!“ Sobald man alle Formulare
eingereicht hat, vermittelt die bvmd zur Gastfamilie und zum Krankenhaus. Das hat mir viel Arbeit
abgenommen und wäre mir als Einzelperson vermutlich gar nicht möglich gewesen. Ganz zu
schweigen vom Fahrtkostenzuschuss. Der hat locker gereicht, um sowohl Hin- als auch Rückflug
zu bezahlen.

Auf eine weitere Sache, die sich gelohnt hat, möchte ich auch noch verweisen: Das Pre-Departure-
Training (PDT). Eigentlich habe ich daran damals vor allem deshalb teilgenommen, weil ich mir die
2 Punkte für das Bewerbungsverfahren sichern wollte. Aber im Nachhinein muss ich sagen, dass
es echt eine ganz gute Vorbereitung war und zwar vor allem in einem Punkt. Im PDT haben wir
besprochen, dass man im Gastland immer berücksichtigen muss, dass andere kulturelle
Vorstellungen gelten wie zum Beispiel der Umgang mit Pünktlichkeit. Das PDT war in diesem
Sinne eine gute Vorwarnung, denn wer in Honduras eine Stunde auf andere warten muss, darf das
nicht persönlich nehmen. Die Uhren ticken dort eben anders.

Visum

Wenn man einen Auslandsaufenthalt plant, muss man natürlich auch ans Thema Visum denken.
Dabei hatte ich in meinem Fall allerdings leichtes Spiel, da man als Deutscher bis zu 90 Tage in
Honduras ohne Visum verweilen darf. Weitere Infos dazu findet man ganz einfach online.

Gesundheit

Was mir allerdings Schwierigkeiten bereitet hat, waren die Bestimmungen, die für Impfungen
gelten. Laut den exchange conditions der IFMSA Honduras hatten mir noch die Impfungen für
Influenza, Typhus und Tollwut gefehlt, die ich im Vorfeld auch noch bekam. Allerdings bin ich vor
der Famulatur noch durch Panama, Costa Rica und Nicaragua gereist. An der Grenze zu
Nicaragua hat man dann einen Nachweis für die Gelbfieberimpfung von mir verlangt. Grund dafür
ist, dass ich vorher in Panama gewesen bin und Panama als Risikogebiet für Gelbfieber eingestuft
ist. Im Endeffekt musste ich einen Tag an der Grenze abwarten, um einreisen zu dürfen.
Spezifische Informationen zu Impfungen im Gastland und umliegenden Ländern kann man sich
beim Reise- und Tropenmediziner einholen.

Als weiterer Punkt, was die Gesundheit im Ausland anbelangt, sollte man sich über eine
Reiseapotheke informieren. Ich persönlich hatte etwas gegen Durchfall, Erkältung und
Schmerzmittel dabei. Ein Kumpel von mir hatte auch noch die Malaria-Prophylaxe eingepackt.
Zum Glück haben wir all das gar nicht gebraucht. Aber eine Austauschstudentin aus Spanien hat
es schlimmer erwischt. Sie hatte Durchfall – ausgelöst durch Dengue-Fieber – und ich habe ihr
deshalb meine Durchfalltabletten (Loperamid) überlassen. Allerdings hatte ich am Anfang des
Austauschs auch mehrfach Durchfall, ich habe es aber einfach ausgesessen. Vermutlich bekommt
jeder Europäer hier mindestens einmal Diarrhoe, vor allem wenn man die Finger von rohem
Gemüse nicht lassen kann.

Sicherheit

Wenn man an Vorkehrungen denkt, um seine Unversehrtheit sicherzustellen, sollte man auch über
die Sicherheitslage des Landes informiert sein. Honduras gehört momentan zu den gefährlichsten
Ländern der Welt. Immer wieder wird von Bandenkriminalität und Drogenhandel berichtet. Deshalb
gilt es einige Dinge zu beachten. Man sollte unbedingt vermeiden nachts alleine in der Stadt
unterwegs zu sein, vor allem wenn man das jeweilige Viertel nicht kennt. Nachts joggen zu gehen,
war für mich allerdings kein Problem, da meine Gastfamilie in einem umzäunten Viertel wohnt,
dass 24/7 bewacht wird. Des Weiteren sollte man öffentliche Busse und Taxen nur mit Bedacht
nutzen. Hierbei kommt es immer wieder zu Raubüberfällen. Am besten man lässt sich aus
vertraulicher Quelle eine Telefonnummer für ein sicheres Taxi geben. Und noch ein weiterer Tipp:
Manchmal wird im Krankenhaus geklaut, man sollte sich daher – wenn möglich – ein Schloss für
ein Schließfach besorgen und ansonsten alle Wertsachen und Bargeld bei sich tragen.

Geld

Damit kommen wir zum Thema Geld. Die Währung in Honduras heißt Lempiras und der
Wechselkurs beträgt zurzeit ungefähr 27HNL für 1EUR bzw. 24HNL für 1USD. In Panama, Costa
Rica und Nicaragua wurden meist sowohl US-Dollar als auch die jeweilige Landeswährung
akzeptiert. Im Gegensatz dazu bin ich mit dem Dollar in Honduras meist nicht weit gekommen. Um
immer etwas Bargeld dabei zu haben, habe ich je nach Bedarf Geld mithilfe meiner Kreditkarte
(Visa-Card) vor Ort abgehoben. Dabei sollte man beachten, dass manche ATMs kostenpflichtig
sind (ca. 5€ Abhebegebühr), während andere Bankautomaten kostenlos Bargeld zur Verügung
stellen. Meine Erfahrung hierbei ist, dass man bessere Chancen hat, wenn man eine Bank
aufsucht, als wenn man einen freistehenden Automaten verwendet.

Die Preise hier sind zum Teil ähnlich wie bei uns, das gilt zum Beispiel für Supermärkte.
Sonnencreme ist hier sehr teuer, ich habe für eine normale Tube mit LSF 50 knapp 10€ bezahlt.
Meistens jedoch bezahlt man hier doch weniger als in Deutschland: Ein halbe Stunde im Taxi
kostet 4€, eine üppige Mahlzeit bekommt man für 1-2€ und der Friseur hat mich sogar nur 2,50€
gekostet.

Sprache

Sicherlich kommt vor Antritt der Reise auch die Frage auf, wie man wohl mit der Sprache
zurechtkommen wird. Mit den 5 Jahren Spanischunterricht, die ich in der Schule hatte, bin ich auf
das Problem gestoßen, das ich schon vermutet hatte. Man kann zwar sagen, was man sagen will,
aber das Hörverständnis stellt eine unfassbare Sprachbarriere dar. Die Zentralamerikaner
sprechen schnell, undeutlich und verwenden anderes Vokabular als die Spanier. Das „Castellano“
was man als Pendant zum Hochdeutsch betrachten kann und mir in der Schule beigebracht wurde,
ist weit von dem entfernt, was hier gesprochen wird. Das macht sich nicht nur wie bereits erwähnt
im Vokabular bemerkbar, sondern betrifft auch die Grammatik. Trotzdem bin ich mit dem Spanisch,
was ich mitgebracht habe, relativ weit gekommen und ich konnte in dem Monat auch merkbare
Fortschritte machen. Zum Lernen habe ich eine kostenlose App von Leo auf meinem Handy
verwendet. Sie dient gleichzeitig als Wörterbuch und als Vokabeltrainer. Sicher kann man aber für
ein paar Euro ein schickere Variante bekommen, was sich im Endeffekt auch gelohnt hätte.

Was Englisch anbelangt, fällt das Sprachniveau der Honduraner sehr verschieden aus. Die
allgemeine Bevölkerung spricht kaum oder gar kein Englisch. Selbst unter den Akademikern waren
die Sprachkenntnisse eher bescheiden, auch innerhalb der jüngeren Generation. Selbst die
meisten PJler sprechen nur gebrochenes Englisch. Einige wenige wiederum sprechen
hervorragendes Englisch, da sie auf eine bilinguale Schule gegangen sind. Dies scheint ein
Privileg der reichen Oberschicht zu sein. Für das Bestreiten des Alltags ist Spanisch unabdingbar
und je sattelfester man Spanisch spricht, desto besser. Eine spezielle Vorbereitung habe ich
allerdings nicht getroffen, denn ich wollte meine Sprachkenntnisse vor allem vor Ort verbessern.

Verkehrsbindungen

Eine weitere Fragestellung, die den Alltag betrifft, sind Fortbewegung und öffentlicher
Personenverkehr. In Tegucigalpa gibt es zwar Busse und diese sind auch sehr günstig. Allerdings
muss man hier wie bereits erwähnt mit Raubüberfällen rechnen und es gibt keine festen
Fahrpläne. Damit sind sie für den Alltag eher ungeeignet. Beim Reisen in Panama, Costa Rica und
Nicaragua bin ich aber immer wieder mit dem Bus gefahren und wurde auch nie ausgeraubt. Eine
U-Bahn oder Straßenbahn gibt es in Tegucigalpa nicht. Fahrradfahrer, geschweige denn
Fahrradwege, existieren hier ebenso wenig. Um also täglich zum Krankenhaus zu kommen,
musste ich jeden Tag die Anfahrt für den darauffolgenden Tag absprechen. Entweder bin ich mit
meinem Gastpapa oder –bruder mitgefahren oder mit Freunden, oder aber mit dem Taxi.

Kommunikation

Um im Alltag mit meiner Gastfamilie zu kommunizieren, war es unabdingbar, eine SIM Karte in
Honduras zu kaufen. Das war nicht schwierig, denn mein Gastbruder hat mir dabei geholfen. Wir
sind in einem Einkaufszentrum in einen Laden gegangen, haben uns über die verschiedenen
Flatrates informiert und schließlich ein Kombipaket mit Freiminuten, SMS und mobilen Daten für
einen Monat gekauft. In meiner Erinnerung hat das Angebot ungefähr 15 Euro gekostet. Kurzum:
Das funktioniert genauso wie bei uns zu Hause auch. Und der Empfang war auch überwiegend
sehr gut. Im Endeffekt habe ich also meist über WhatsApp mit meiner Gastfamilie kommuniziert,
um Abholungen oder ähnliches abzusprechen. Außerdem gab es eine WhatsApp-Gruppe mit den
Freunden meines Gastruders. Aber auch für den Kontakt nach Deutschland habe ich WhatsApp
zum chatten oder telefonieren verwendet, wobei ich für letzteres in der Regel natürlich meist das
WLAN meiner Gastfamilie verwendet habe, um meine mobilen Daten zu schonen. Andere
Kommunikationsmedien habe ich nicht verwendet und auch nicht für nötig gehalten.

Unterkunft

Schon beim ersten Eindruck war klar, dass meine Gastfamilie zur wohlhabenden Oberschicht des
Landes gehört. Dementsprechend geräumig und luxuriös war deren Einfamilienhaus ausgestattet.
Ich hatte ein eigenes Zimmer mit Doppelbett und habe mir ein komfortables Badezimmer mit
großer Dusche mit meinem Gastbruder geteilt. Im Haus gab es mindestens 4 Fernseher, der
doppelflüglige Kühlschrank war immer voll, Fußboden aus Marmor und AirConditioning sowieso.
Der intensivste Kulturschock war aber der Tatsache geschuldet, dass außer meinen Gasteltern
und deren Sohn auch noch ein Hausmädchen bei uns gewohnt hat, um die alltäglichen Aufgaben
des Haushalts zu übernehmen. Ich habe in dem ganzen Monat kein einziges Mal Wäsche
gewaschen, Geschirr abgewaschen oder gekocht. Natürlich war das sehr komfortabel, aber selbst
am letzten Tag war es befremdlich, sich von einem Hausmädchen das Essen servieren zu lassen.

Ich bin der bmvd/ifmsa sehr dankbar dafür, dass sie mir den Kontakt zur Gastfamilie hergestellt
haben. Über sie habe ich die Emailadresse und Telefonnummer erhalten, um vor meiner Ankunft in
Tegucigalpa den Kontakt zu meinem Gastbruder Gabriel herzustellen. Gabriel war auch
gleichzeitig Mitglied der Organisation, die die ifmsa auf nationaler Ebene in Honduras vertritt. Das
hat natürlich einiges leichter gemacht. Generell war die Kommunikation mit ihm sehr unkompliziert
mit einer Ausnahme: Eine Woche vor meiner Ankunft hat sich herausgestellt, dass Gabriel davon
ausgegangen war, dass ich an einem Public Health Exchange anstelle des
Famulaturaustauschs teilnehmen werde. Dem muss wohl ein internes Kommunikationsproblem
zwischen dem NEO-In und Gabriel zugrunde gelegen haben. Am Ende war es aber kein Problem
und ich konnte den Famulaturaustausch nach meinen Vorstellungen absolvieren.

Literatur

Immer wieder wurde ich von meinem betreuenden Arzt dazu aufgefordert, zu gewissen
Krankheiten, Syndromen und Medikamenten zu recherchieren. Dazu hat er mir eine App namens
MedScape empfohlen, mit der man schnellen und einfachen Zugang zu medizinischem
Fachwissen in englischer Sprache erhält. Besonders für einen groben Überblick ist die App ganz
praktisch, da die Informationen steckbriefartig zusammengetragen sind.

Ansonsten habe ich mich auch sehr viel zur Gesellschaft und Politik in Honduras belesen. Dazu
habe ich das jeweilige Thema einfach gegoogelt und bin dabei auf verschiedene Internetseiten
gestoßen. Am häufigsten habe ich die Deutsche Welle - kurz DW - als Quelle verwendet
(www.dw.com).

Mitzunehmen

Was man unbedingt braucht ist natürlich eine Menge Sonnencreme. Ich habe in den 2 Monaten in
Zentralamerika 2-3 normalgroße Tuben 50er Creme verbraucht. Auch Moskito Spray sollte man
mitnehmen, wobei das im Endeffekt die Mücken auch nicht zuverlässig fernhält. Man braucht auf
jeden Fall alles, was zum Strandurlaub dazugehört: Badesachen, ein Handtuch, Flip-Flops und
eine Sonnenbrille. Kleidung für eine Woche hat in meinem Fall gereicht, das gilt sowohl für die
Alltagsklamotten als auch für die Arbeitskleidung. Ich hatte zwei Kasacks und eine weiße
Krankenhaushose dabei. Der Kittel, den ich dabei hatte - und der auch laut exchange conditions
vorgeschrieben war - war im Endeffekt überflüssig. Dafür war es eh zu warm und ich habe ihn nur
am ersten Tag getragen. Außerdem waren u.a. noch ein Otoskop und ein Reflexhammer
vorgeschrieben. Beides habe ich kein einziges Mal verwendet und wenn man es gebraucht hätte,
hätte man es sich ausleihen können. Das Stethoskop allerdings war ein absolutes Muss und auch
das Blutdruckmessgerät habe ich öfters verwendet. Ich hatte außerdem eine Diagnostikleuchte
und ein Maßband dabei und habe auch das verwendet.

Und was die Alltagsklamotten angeht, würde ich im speziellen 1-2 kurze Sporthosen empfehlen.
Die machen sich gerade bei Ausflügen gut. Außerdem braucht man eine Regenjacke, denn hier
regnet es in der Regenzeit fast täglich und zum Teil auch sehr stark, meist aber nur für 30min bis 2
Stunden. Ein weiterer Tipp: Bei Langstreckenbussen sollte man einen warmen Pullover dabei
haben, denn manchmal werden die Busse durch die Klimaanlage extrem heruntergekühlt.
Ansonsten sind Wanderschuhe empfehlenswert, wenn man noch Platz hat, denn es gibt in
Zentralamerika viele Nationalparks, in denen man durch den Regenwald wandern kann. Ein Zelt
hatte ich auch dabei, aber das habe ich nur einmal verwendet, da die Hostels hier eh günstig sind
und ich kaum Gelegenheiten zum campen hatte. Eine Kamera würde ich auch empfehlen, denn
gerade bei Nacht können die Handy-Kameras dann doch nicht mehr mithalten. Gastgeschenke
kommen sicher auch immer gut an. Ich hatte Haribo und einen Fotokalender von Leipzig dabei.
Und natürlich macht es sich gut, wenn man ein bisschen Platz im Rucksack für Souvenirs und
Geschenke für Freunde und Familie in Deutschland lässt. Außerdem braucht man auf jeden Fall
einen Adapter für die Steckdosen. Eine Powerbank ist praktisch zum reisen. Auch empfehlenswert
ist ein kleiner Rucksack für Tagesausflüge und auch als Handgepäck. Und den
Praktikumsnachweis hatte ich schon ausgedruckt mitgenommen sowie eine Kopie von allen
Ausweisen, Kreditkarten und so weiter.

Das alles hatte ich in einem Reiserucksack dabei. Ein Koffer wäre auch gegangen, aber die
„Krakse“ hat sich immer wieder bewährt.

Reise und Ankunft

Meine Reise nach Honduras habe ich natürlich mit dem Flugzeug angetreten. Dabei kann ich
besonders die Suchmaschine „Skyscanner“ empfehlen. Dort findet man sehr günstige Flüge,
insgesamt habe ich den Hin- und Rückflug für nur ca. 560€ bekommen. Es empfiehlt sich, hierbei
einen flexibles Datum anzugeben und auch die Anreise bzw. Abreise über ein Nachbarland in
Betracht zu ziehen. Ich zum Beispiel bin über Panama City angereist und bin ab Guatemala City
wieder heim geflogen. Und natürlich habe ich es mir dabei nicht entgehen lassen auch noch
Panama bzw. Guatemala zu bereisen.

Die Reise verlief größtenteils problemlos. Nur auf die Deutsche Bahn war leider kein Verlass.
Aufgrund von drei Stunden Verspätung habe ich ziemlich knapp meinen Hinflug ab Frankfurt
verpasst. Ob die Bahn dafür aufkommt, wird sich noch zeigen. Ansonsten hat aber alles geklappt.
Meine Zielflughafen in Zentralamerika war wie gesagt Panama City. Von dort aus bin ich innerhalb
von gut zwei Wochen per Bus nach Tegucigalpa gelangt, und habe so nicht nur Geld gespart,
sondern eben auch noch Panama, Costa Rica und Nicaragua besichtigt. Ein Flug direkt nach
Tegucigalpa wäre um einiges teurer gewesen. Mein erstes Treffen mit meinem Gastbruder war in
einem Hostel in Tegucigalpa, in dem ich zuvor übernachtet hatte. Das hat gut geklappt. Dann hatte
ich noch 2-3 Tage bis die Famulatur angefangen hat und das kam mir auch sehr gelegen, da ich
noch eine Diarrhoe auszusitzen hatte. In der Zeit habe ich vor allem geschlafen. Am ersten Tag im
Krankenhaus namens „Hospital Escuela“ wurde ich von den Studenten durch den
Gebäudekomplex geführt und am Tag darauf wurde ich dann meinem betreuendem Arzt und der
Station vorgestellt.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Am zweiten Tag ging es dann auch direkt los auf Station, ich war auf der Inneren Station für
Frauen eingeteilt. Die Tage haben immer mit der Visite gegen 7:00 begonnen, an der der
„Residente“ (Facharzt in Ausbildung), die „Internos“ (PJler), eine Ernährungsbeauftragte und ich
teilnahmen. Anfangs habe ich natürlich aufgrund der Sprachbarriere wenig verstanden. Dies ist
dem Residente nicht entgangen, sodass er mir anbot auf Englisch Rückfragen zu stellen, wovon
ich auch immer wieder Gebrauch gemacht habe. Auch die Internos habe ich häufig um
Erklärungen gebeten, die sie mir bereitwillig und freundlich gegeben haben, sodass ich mehr über
einen Patienten erfahren konnte, wenn ich wollte. Nach der Visite mussten der Residente und die
Internos stundenlang Dokumentierungsarbeit erledigen. In dieser Zeit habe ich meist zu den in der
Visite besprochenen Themen nachgeforscht oder Vokabeln nachgeschlagen. Dazu habe ich die
weiter oben erwähnte App MedScape bzw. die Wörterbuch-App von LEO verwendet. Manchmal
hat mir der Residente auch Themen vorgeschlagen, die ich recherchieren sollte. Einmal hat er
mich dazu befragt. Dadurch konnte ich mein Fachwissen zu ausgewählten Krankheiten oder
Symptomen wie zum Beispiel Steven-Johnson, Pellagra oder Dengue ausweiten. Das
Recherchieren der Vokabeln des medizinischen Alltags hat es mir schließlich ab Mitte des
Praktikums erlaubt, zumindest bei den meisten Patienten die wesentlichen Fakten während der
Visite zu verstehen.

Die Visite an sich verlief ähnlich wie in Deutschland. Es wird eine kurze Anamnese erhoben,
untersucht, diagnostiziert und schließlich therapiert. Alle diese Aufgaben übernimmt der Residente,
wobei die Internos die Vorarbeit wie zum Beispiel Patientenaufnahme, und Erfassung und
Verlaufskontrolle der Vitalparameter erledigen. Der eigentliche Facharzt (Especialista) kommt nur
für ca. eine Stunde am Tag vorbei und bespricht Spezialfälle mit dem Residente. Das
Pflegepersonal verabreicht Medikamente und Infusionen, nimmt Blut ab und legt Blasenkatheter
o.ä. Die eigentliche Pflege erfolgt durch die Angehörigen, die natürlich nicht auf Station
übernachten dürfen, aber zum Teil von weit herkommen. Dementsprechend übernachten viele
Angehörige im Treppenhaus, in den Gängen oder sogar auf dem Parkplatz des Krankenhauses,
ein erster Indiz für die extreme Armut des Landes.

Laut einer spanischen NGO namens ACOES haben 80% Prozent der Honduraner nur ca. 2 USD
pro Tag zum leben. Ein weiteres Beispiel für die Notlage des Landes ist die Versorgung mit
Medikamenten. Manchmal sind bestimmte Arzneimittel einfach aufgebraucht. An einem Tag habe
ich in den Medikamentenschrank der Station geschaut und manche Fächer waren tatsächlich leer.
Dies muss der Arzt beim Therapieren bedenken und häufig auch die Angehörigen bitten, das
entsprechende Arzneimittel auf eigene Kosten zu besorgen. Auch an Materialien und Utensilien hat
es gefehlt. Wenn es keine Stauschläuche zur Blutentnahme gibt, dann bindet man den Arm eben
mit einem Gummihandschuh ab. Auch bildgebende Verfahren wie beispielsweise MRT oder CT
können nicht als Teil einer kostenlosen Grundversorgung angeboten werden. Letzteres kostet den
Patienten 1500 Lempiras (ca. 55€), wobei das Krankenhaus bereits den gleichen Betrag als
Unterstützung übernimmt. Trotzdem können viele Honduraner das nötige Geld nicht aufbringen. In
dem Fall kann die radiologische Diagnostik nicht erfolgen. Noch schlimmer trifft es Patienten, die
eine Organtransplantation benötigen. Offizielle Organtransplantationen gibt es in Honduras nicht,
auf Nachfrage hin habe ich vom Residente erfahren, dass in Honduras vermutlich illegal Organe
gehandelt werden.

Einen weiteren Schock habe ich bekommen, als ich zum ersten Mal Sträflinge im Krankenhaus
gesehen habe. Diese werden im Hospital Escuela behandelt, da es im Gefängnis keine
ausreichende medizinische Versorgung gibt. Demzufolge bin ich also mehrfach täglich Kriminellen
in Gefängnisuniform und Handschellen im Krankenhaus über den Weg gelaufen. Diese wurden
von mit Maschinengewehren bewaffneten Soldaten eskortiert.

Zu diesem Anblick muss man sich außerdem vorstellen, dass das marode Krankenhaus, das seit
ca. 50 Jahren nicht mehr repariert wurde, jeden Tag komplett überfüllt ist. Vor allem die
Notaufnahme ist zum Teil so voll gewesen, dass man kaum noch durchgekommen ist. Hauptgrund
für die Überfüllung ist die Annahme in der Allgemeinbevölkerung, dass man hier im Krankenhaus in
der Hauptstadt die beste medizinische Versorgung erhält. Diese Annahme ist zum Teil sogar
berechtigt, denn in den meisten „Centros de Salud“ (Versorgungszentren) in den Provinzen gibt es
weniger Spezialisten und auch weniger Ausstattung. Demzufolge kommen also zahlreiche
Patienten aus dem gesamten Land, um sich in der Hauptstadt versorgen zu lassen. Dies entspricht
nicht dem Konzept des Gesundheitssystems, welches eigentlich vorsieht, dass man zuerst in den
lokalen Centros de Salud versorgt wird. An sich ist das Hospital Escuela vor allem für Spezialfälle
vorgesehen, welche man im regionalen Krankenhaus nicht behandeln kann.

Diese und weitere Missstände deuten die katastrophale Lage an, in der sich die medizinische
Versorgung befindet. Was mich immer erstaunt hat und was ich auch bewundert habe, ist die
Lebensfreude, die die Internos, Residentes und auch die Krankenschwestern trotz dieser
Umstände ausgestrahlt haben. Es werden Witze gerissen, man zieht sich gegenseitig auf und oft
hat einer der Internos eine große Flasche Cola oder Chips mitgebracht, um sie mit den anderen zu
teilen. Es herrschte eine ungezwungene Stimmung und ich habe mich schnell wohl gefühlt.

Dadurch hatte ich kaum Hemmungen immer wieder auf die Internos zuzugehen und sie darum zu
bitten, mir etwas zu erklären. Mit ihnen gemeinsam habe ich eine Magensonde und einen
Blasenkatheter gelegt, immer wieder Blut abgenommen (venös und arteriell) und auch einige
körperliche Untersuchungen durchgeführt. Bei einer Aszites- und auch einer Lungenpunktion bin
ich dabei gewesen. Ersteres hätte ich gerne auch durchgeführt, dazu ergab sich dann allerdings
keine Gelegenheit mehr. In meiner letzten Woche war ich dann in der Notfallaufnahme, und dort
habe ich mehrfach - leider erfolglos - versucht, einen peripheren Venenkatheter zu legen.
Vermutlich war die chaotische Notfallaufnahme nicht der richtige Ort, um das zu lernen. Zudem
konnte ich die Anweisungen und Erklärungen der Blutentnahmeschwester aufgrund der
Sprachbarriere kaum verstehen. Ich bin also mit dem festen Vorhaben nach Deutschland
zurückgekommen zu lernen, wie man eine Flexüle legt.

Generell muss man aber sagen, dass man als Student sehr viel übernehmen darf. Das lässt sich
sicher durch den Mangel an Ärzten erklären, deren Arbeit zu einem großen Anteil von den Internos
übernommen wird. Im Kreißsaal zum Beispiel, wo ich eine Nachtschicht abgeleistet habe, wird der
Großteil der Geburten von Studenten betreut. Hier gilt das Motto: „Beim ersten Mal wird es dir
gezeigt, beim zweiten Mal machst du es selber.“ Und das ohne Aufsicht durch einen Arzt. Da liegt
es nahe, dass man auch als ausländischer Student viel machen darf. Eine italienische
Austauschstudentin hat tatsächlich Geburtshilfe geleistet. Dadurch, dass ich auf der inneren
Station war, hatte ich allerdings weniger Gelegenheit, Hand anzulegen. Im Nachhinein glaube ich,
dass ich auf einer chirurgischen Station wesentlich mehr Praxiserfahrung hätte sammeln können.

Der Umstand, dass man als Medizinstudent in Honduras viele praxisbezogene Fertigkeiten sehr
frühzeitig erlernen kann, geht mit dem Nachteil einher, dass das theoretische Wissen zum Teil auf
der Strecke liegen bleibt. Gerade im PJ aber auch während der Facharztausbildung muss man so
viel arbeiten, dass weder Zeit noch Motivation fürs Lernen übrig bleibt. Meist sind die Internos und
der Residente von 6:00 morgens bis 6:00 abends im Krankenhaus gewesen. Nur Sonntage sind
frei. Zudem muss man alle 4 bzw. 5 Tage eine Nachtschicht ableisten, die insgesamt 36h dauert.
Viele Studenten leiden während des PJs unter der extremen physischen und psychischen
Belastung, in einige Fällen führt dies sogar zu Depressionen. Selbstmorde unter den Studenten
sind keineswegs eine Ausnahme und ich habe an einem Tag sogar eine Werbekampagne für
Hilfsangebote gegen Selbstmord speziell für das medizinische Krankenhauspersonal miterlebt.

Nach dem PJ müssen die Medizinstudenten außerdem eine Art Zivildienst ableisten, den
sogenannten „Servicio social“. Das bedeutet ein weiteres Jahr Arbeit für einen Hungenlohn,
sodass man an öffentlichen Universitäten auf eine Regelstudienzeit von 8 Jahren kommt. Als
Begründung für den Servicio social führt die Regierung das Argument an, dass die Studierenden
nach 7 Jahren staatlich finanzierter Ausbildung eine Gegenleistung erbringen müssen.

Diese Rechtfertigung wird angesichts der dürftigen Qualität der Lehre und der Ausbeutung des
Medizinstudenten als billige Arbeitskraft als lachhaft und geradezu zynisch empfunden. Doch damit
nicht genug! Mir wurde erzählt, dass der Staat sogar das Vorhaben hatte, das Gehalt der PJler
gänzlich zu streichen, obwohl dieses jetzt schon unter dem Mindestlohn liegt. Als Antwort darauf
reagierte das Hospital Escuela mit Protesten. Das Krankenhaus war bis auf die Notaufnahme
komplett geschlossen, sodass die Regierung ihr Bestreben aufgab und alles beim Alten beließ.

Im Kontrast zu den inhumanen Arbeitsbedingungen, die für die Internos, die Studenten im
Zivildienst und die Residentes gelten, genießen die Fachärzte (Especialistas) fast schon
gegensätzliche Standards. Wie schon erwähnt, erscheinen die Fachärzte im Regelfall nur für kurze
Zeit auf der Station, um mit dem Residente schwierigere Patienten zu besprechen. Auf unserer
Station konnte man damit rechnen, dass die Especialista um 10:00 kommt und um 11:00 wieder
geht. Wann genau sie gekommen ist, hing allerdings davon ab, wann sie ihre Sprechstunde am
Vormittag beendet hat. Wie die meisten Fachärzte arbeitete auch sie täglich in mehreren
Krankenhäusern, um ihr ohnehin schon beträchtliches Einkommen weiter zu steigern. Außerdem
wurde mir erklärt, dass man als Facharzt frei entscheiden kann, ob man nachmittags arbeiten will
oder nicht, je nachdem, wie viel Geld man verdienen möchte.

Das bedeutet, dass man als Facharzt bei weitaus besseren Arbeitsbedingungen gleichzeitig
wesentlich mehr Gehalt bekommt als in den vorherigen Etappen der Ausbildung. Meiner Meinung
nach ist dies ein wesentlicher Faktor für die Hierarchie, die im Krankenhaus herrscht. Denn nicht
nur Lohn und Arbeitszeiten verbessern sich schlagartig, wenn man den Titel des Facharztes erhält,
sondern auch Ansehen und Respekt. Manchmal hatte ich sogar das Gefühl, dass das restliche
Krankenhauspersonal - abgesehen vom Residente - es kaum gewagt hat, die Fachärztin
anzusprechen.

Land und Leute

Mit etwas Phantasie kann man dieses 2-Klassen-Modell aus dem Krankenhaus auch auf die
honduranische Gesellschaft übertragen. Entweder man gehört zu den Wohlhabenden wie zum
Beispiel meine Gastfamilie oder eben zu denjenigen, die immer wieder mit finanziellen Sorgen zu
leben haben. In meiner Wahrnehmung gab es also de facto nicht wirklich eine Mittelschicht. Aber
vielleicht ist das auch eine Definitionsfrage. Einer meiner Freunde in Honduras namens Javier hat
sich selbst der Mittelschicht zugeordnet. Allerdings gab es ein paar Situationen, in denen ich klar
gemerkt habe, dass er mit weitaus weniger Geld auskommen muss als zum Beispiel mein
Gastbruder. Einmal konnte Javier nicht zur Party kommen, weil er sich momentan keinen Sprit
leisten konnte. Bei einer anderen Fete wollte ich mit ihm etwas an der Bar trinken gehen,
woraufhin er entgegnete, dass er kein Geld habe. Als ich ihn eingeladen habe, hat er sich natürlich
sehr gefreut. Einmal ganz kurz habe ich auch seine Wohnung gesehen, die er sich mit seinem
Onkel teilt. Die schlichte Unterkunft von Javier habe ich als Gegenstück zu dem luxuriösem
Einfamilienhaus meiner Gastfamilie wahrgenommen.

Natürlich stellt man sich die Frage, wie es sein kann, dass solch eine enorme Kluft zwischen
Armen und Reichen besteht. Sicherlich spielt die Politik in Honduras eine große Rolle, welche von
Korruption, Intransparenz und Ungerechtigkeit geprägt ist. Ein erster schockierender Fakt für mich
war folgendes. Der Bruder des gegenwärtigen Präsidenten von Honduras gilt offiziell als
Drogenhändler im großen Stil und wartet derzeit auf sein Urteil durch ein US-amerikanisches
Gericht. Da liegt natürlich die Vermutung nahe, dass das Staatsoberhaupt, nämlich Juan Orlando
Hernandez selbst, ebenfalls in unlautere Praktiken verwickelt ist. Laut Verfassung hätte seine Zeit
im Amt, die 2013 begann, nach vier Jahren also im Jahr 2017 enden müssen. Eigens zu dem
Zweck weiterregieren zu können, hat Hernandez die Posten im Verfassungsgericht neu besetzt. Es
wurde ein neues Gesetz verabschiedet, das dem Präsidenten erlaubt, auch nach seiner ersten
Legislaturperiode weiter im Amt zu bleiben.

Außerdem wird ihm Wahlmanipulation bei seiner Wiederwahl 2017 angelastet. Erste
Wahlergebnisse zeigten damals, dass sein Konkurrent eindeutig vorne lag. Kurze Zeit darauf kam
es zu einem Stromausfall in der Hauptstadt und als der Strom wieder da war, hatte Hernandez
plötzlich mehr Stimmen als sein Herausforderer. Dieser Betrug an seinem eigenen Volk war so
offensichtlich, dass die Leute auf die Straßen gingen. Für ein paar Wochen herrschte ein
Ausnahmezustand: Demonstrationen, Ausgangssperren und generelles Chaos machten es zum
Teil unmöglich, den alltäglichen Dingen nachzugehen. Meine Freunde haben mir erzählt, dass sie
in diesen Wochen nicht zur Uni gehen konnten und zu Hause bleiben mussten.

Aber nicht nur die Honduranische Bevölkerung selbst lehnte den Präsidenten entschieden ab,
sondern auch die Regierungen der Nachbarländer. Auch dort hatte man den undemokratischen
Ablauf der Wahlen mitverfolgt. Aber um regieren zu können, war Hernandez auch auf
internationale Akzeptanz angewiesen. Woher bekam er also die Legitimation, Präsident zu
bleiben?

Die Antwort auf diese Frage gehört mitunter zu den betrübendsten Erkenntnissen, die ich während
des Austauschs hatte. Die offizielle Anerkennung erhielt der Präsident damals durch die USA, und
auch jetzt sind Donald Trump und Juan Orlando Hernandez immer wieder Hände schüttelnd im
Fernsehen zu sehen. Wie kann es sein, dass die Vereinigten Staaten, die sich als demokratische
Nation profilieren, ausgerechnet diesen Präsident unterstützen? Welche Interessen verfolgen sie
damit?

Für die Geschäfte mit Hernandez haben die USA mehrere strategische Gründe. Die Partei des
Präsidenten gilt als neoliberal und befürwortet einen freien Handel zwischen den beiden Ländern.
Dadurch stellt Honduras für die USA einen unkomplizierten Absatzmarkt dar, zum Beispiel für
Agrarprodukte. Dies hat allerdings schwerwiegende Folgen für die honduranischen Landwirte, da
diese häufig nicht mit den Dumpingpreisen der US-amerikanischen Agrarerzeugnisse mithalten
können.
Ein weiterer interessanter Grund für die Zusammenarbeit mit Hernandez besteht darin, dass die
USA Honduras als strategisch wichtigen Militärstützpunkt nutzen. Mein Gastpapa hat mir zum
Beispiel erzählt, dass die USA einen Teil ihrer Luftwaffe in Honduras stationieren, denn von dort
aus sind alle zentralamerikanischen und einige südamerikanischen Länder in Reichweite.

Hinzukommend muss man das Thema Drogenhandel erwähnen, das für die Vereinigten Staaten
eine enorme Rolle spielt, denn die meisten Dorgen wie Heroin, Kokain, LSD und dergleichen
kommen von Süd.- über Zentralamerika in die USA, um dort verkauft und konsumiert zu werden.
Selbstverständlich haben die Vereinigten Staaten großes Interesse daran, den Drogenhandel
bereits in den lateinamerikanischen Herkunftsländern zu verfolgen und nach ihren Vorstellungen
zu ahnden. Hernandez lässt den USA dabei in Honduras quasi freie Hand. Die
Gerichtsverhandlung über seinen Bruder in den Vereinigten Staaten ist das beste Beispiel dafür.

Abgesehen von den USA erhält Hernandez auch großen Rückhalt durch das Militär von Honduras,
das immer wieder dazu dient aufbegehrende Bürger einzuschüchtern. Wer Widerstand leistet,
muss mit Konsequenzen rechnen. An dieser Stelle sei Berta Cáceres erwähnt, eine honduranische
Menschenrechts- und Umweltaktivistin, die im März 2016 in ihrem eigenen Haus ermordet wurde.
Ein Zitat: „Die [honduranische] Armee hat eine Todesliste, auf der die Namen von 18
Menschenrechtsaktivisten stehen – mein Name steht an der Spitze.“

All diese Dinge habe ich in online in Zeitungsartikeln wie zum Beispiel von der Deutschen Welle
oder im Gespräch mit den Locals erfahren. Am meisten habe ich mich mit meinem Gastpapa
„Enrique“ darüber unterhalten, der, wie man sich leicht vorstellen kann, nicht gut auf die
Außenpolitik der USA mit Honduras zu sprechen ist. Eine Konversation gipfelte sogar darin, dass
der sonst ruhig und freundliche wirkende „Enrique“ Donald Trump als Hijo de Puta, also als
Hurensohn, beschimpft hat. Zuerst musste ich innerlich über diese Wortwahl schmunzeln, aber
das Lachen ist mir schnell vergangen, als mir klar wurde, welch fatale Folgen der US-amerikanische
Einfluss für die Honduraner bedeutet.

Also was ist es, das die Schere zwischen Armen und Reichen auseinandertreibt? Jetzt aktuell ist
sicherlich der Präsident und seine Regierung dafür verantwortlich zu machen. Das
Staatsoberhaupt ist allem Anschein nach vielmehr daran interessiert sich persönlich zu bereichern,
als seinem Volk zu dienen. In einem Gespräch mit einem Taxifahrer, konnte dieser ganz klar
ausformulieren, woran es fehlt, um zwar an Investitionen in Bildung, Infrastruktur und Gesundheit.

Sicherlich ist die Schuld nicht alleinig bei einer einzigen Person, dem Präsidenten, zu suchen. Als
ein anderes Beispiel kann man den Vorsitzenden der honduranischen Krankenversicherung
nennen. Mir wurde erzählt, dass dieser sich Gelder aus den Versicherungsfonds hat zukommen
lassen. Manchmal habe ich fast gedacht, es gibt niemanden in diesem Land, der nicht korrupt ist.
Es gibt aber auch die „Guten“. Den Bürgermeister von Tegucigalpa will ich an dieser Stelle nennen,
der wesentlich zur Erleichterung der Verkehrsbelastung der Hauptstadt beigetragen hat. Dazu hat
er mehrere Schnellstraßen bauen lassen.

All diese Gedanken haben mich sehr häufig beschäftigt und nachdenklich gestimmt. Was ist es
nicht nur für eine ungerechte Welt, in der wir leben? Wie würde mein Leben wohl aussehen, wenn
ich in einem Armutsviertel in Tegucigalpa geboren worden wäre?

Immer wenn ich gefragt wurde, ob es mir Honduras gefällt, habe ich auch einige dieser
Feststellungen genannt. Gleichzeitig konnte ich aber auch eine Menge Dinge aufzählen, die mir
sehr zusagen. Die Leute hier sind in der Regel wirklich entspannter, lustiger und lebensfroher als
wir Deutschen. Frauen begrüßt man mit einem Küsschen und Männer mit einem lässigen
Handschlag, eine direkte Übersetzung für die Anrede „Sie“ gibt es nicht wirklich und die Leute
reißen vulgäre Witze. Zur Erklärung: an sich gibt es im Spanischen zwar eine Höflichkeitsform als
Anrede, diese wird allerdings in Honduras im Gegensatz zu Spanien zum Beispiel gleichbedeutend
mit dem Wort für Du verwendet. De facto wird nicht gesiezt.

Auch auf den zahlreichen Parties, auf denen ich war, hat man es gemerkt. Jeder hier ist ziemlich
gut dabei, wenn es um die klassischen traditionellen Tänze wie Salsa, Merengue oder ähnliches
geht. Ich denke, in Deutschland hatten wir fast alle mal einen Tanzkurs. Aber wann fordert man
jemanden auf einer Party zu einem traditionellen Tanz auf, es sei dann man hat es wirklich drauf?
Aber die oben genannten Tänze waren ja noch harmlos. Einfach mal ein Video mit dem
sogenannten „Perreo“ googeln! Nur so viel vorweg: Das zeigt eindrücklich, dass die Honduraner,
und vielleicht darf man das sogar auf die Lateinamerikaner verallgemeinern, einfach weniger
Hemmungen haben als die Deutschen. Im Vergleich zu den Latinos sind wir wirklich ein bisschen
reservierter.

Und die Honduraner haben ein anderen Umgang mit Pünktlichkeit. Klar, auf der Arbeit muss man
schon pünktlich erscheinen. Aber bei einer Verabredung mit einem Freund kann man sich sicher
sein, dass es erst eine Stunde später losgeht. Ziemlich erstaunt war ich auch als mir mein
Gastpapa erklärt hat, dass es seinen meisten Kunden, für deren fachliche Beratung er als
Mikrobiologie zuständig ist, eigentlich egal ist, ob er pünktlich zu einem Treffen kommt. Die
meisten sagen wohl sogar: „Komm‘ einfach, wann es dir passt!“ Eine derartige Gelassenheit kann
ich mir für einen professionellen Kontext in Deutschland kaum vorstellen. Ein anderes Beispiel: Für
die Busse in Tegucigalpa gibt es keine Fahrpläne mit Zeitangaben. Der Bus kommt halt, wenn er
kommt.

Im Endeffekt ist dieser Umgang mit Pünktlichkeit aus meiner Sicht als ambivalent einzustufen.
Natürlich hat man weniger Stress, aber gleichzeitig sehe ich darin einen Faktor, der dazu beiträgt,
dass in Honduras so vieles nicht funktioniert. Und gerade in den ersten Wochen habe ich
stundenlang auf andere gewartet. Andererseits habe ich es auch selber sehr genossen, dass ich
mich fast nie beeilen musste.

Und zu guter Letzt muss ich natürlich noch Honduras‘ unfassbar schöne Landschaft und die
leckere Essen erwähnen. Das Land hat viele Berge mit tollen Aussichten, einige Nationalparks mit
beeindruckenden Regenwäldern aber natürlich auch die karibischen Inseln mit traumhaften weißen
Sandstränden und kristallklarem warmen Wasser. Die wohl bekannteste Insel heißt Utila und ist
auf jeden Fall einen Besuch wert, wenn man gerne im Meer badet, am Strand liegt und
schnorcheln oder tauchen geht. Utila ist allerdings auch für seine ausgelassenen Parties berühmt.

Die honduranische Küche ist vielleicht an vielen Stellen nicht besonders ausgefallen, aber
manchmal sind die besten Dinge einfach simpel. Mein absoluter Favorit waren die Baleadas, eine
Art Wrap, der zuerst mit einem Püree aus Bohnen bestrichen wird. Darüber wird dann Käse
gestreuselt und schließlich kann man je nach Wunsch noch Avocado, Kochbanane, Chorizo,
Rührei oder Fleisch hinzufügen. Generell gibt es hier viel „Finger Food“, die Grundnahrungsmittel
sind Mais, Bohnen und Hühnchen. Es wird wirklich enorm viel Hühnchen gegessen. Es wird zwar
nicht viel Gemüse serviert, aber dafür gibt es umso mehr Früchte. Die Papayas habe ich für mich
als potenzielle neue Lieblingsfrucht entdeckt. Aber selbstverständlich gibt es hier noch eine Menge
anderer tropischer Früchte super günstig und lecker zu kaufen wie zum Beispiel Litschis, Guaven,
Kokosnüsse, deren Kokoswasser man trinkt, oder Maracujas, aus denen Saft gemacht wird.

Selbstverständlich hat mir meine Gastfamilie den Großteil dieser Speisen gezeigt, und wir haben
auch einige Male zusammen gegessen. Aber die Kultur des gemeinsamen Abendessen als Ritual
gab es in meiner Gasfamilie kaum. Meist hat jeder dann gegessen, wenn es gerade gepasst hat.
Generell habe ich mir manchmal mehr soziale Interaktion mit meiner Gasfamilie gewünscht, vor
allem mit meinem Gastbruder. Am ersten Abend zum Beispiel wollte ich ihm den Fotokalender aus
Leipzig, also das Gastgeschenk, zeigen. Leider hatte er daran offenbar nicht wirklich Interesse.
Dafür habe ich mich umso besser mit seinen Freunden und den Kollegen auf Station verstanden.
Mit einer PJlerin habe ich mich besonders angefreundet und ich habe sie auf zwei Mal bei ihr zu
Hause besucht und mit ihr Ausflüge gemacht.

Fazit

Im Endeffekt kann ich den Schluss ziehen, dass der Famulaturaustausch in Honduras für mich
eine persönliche Bereicherung und Weiterentwicklung bedeutet. An aller erster Stelle meiner
Erwartungen standen anfangs der Einblick in Gesellschaft, Politik und Kultur, und auch der
Zuwachs meiner Sprachfertigkeiten. Diesbezüglich muss ich sagen, dass meine Vorstellungen
erfüllt bzw. sogar übertroffen wurden. Ich hätte gar nicht gedacht, dass sich so viele interessante
und aufschlussreiche Konversationen über Honduras ergeben. Das habe ich vor allem meinem
Gastpapa Enrique zu verdanken.

Ähnlich bedeutsam waren die Gespräche für das Spanisch Lernen. Es hat mir zwar zum Teil auch
gegen Ende des Aufenthalts noch immer viel abverlangt, die Honduraner zu verstehen, aber ich
konnte trotzdem deutlich feststellen, dass ich große Fortschritte gemacht hatte. Ich kann jetzt viel
flüssiger sprechen, verfüge über mehr Vokabular und bin viel sicherer im Umgang mit
unregelmäßigen Verben und deren Vergangenheitsformen. Gerade die Verben hatte ich in der
Theorie in der Schule gelernt, aber nie genug geübt.

Der Erwerb medizinischer Fachkenntnisse und Fertigkeiten war für mich von Anfang an
zweitrangig, und so hat es sich im Endeffekt auch verwirklicht. Dafür mache ich im Wesentlichen
zwei Faktoren verantwortlich. Erstens hat die Sprachbarriere tatsächlich immer wieder ein
Hindernis dargestellt und zweitens war mir zwar eine betreuende Ärztin zugewiesen, diese ist
allerdings nur für ca. 1h pro Tag auf der Station erschienen. Demzufolge hing es von meiner
Eigeninitiative ab, wie viel ich dazulernen konnte. Selbstverständlich habe ich immer wieder die
Internos und den Residente angesprochen, aber ich denke im Endeffekt, dass ich vermutlich bei
einer Famulatur in Deutschland mehr auf medizinischer Ebene erfahren hätte.

Dass mir das nicht viel ausmacht, liegt vor allem daran, dass ich meinen kulturellen Horizont
immens erweitern konnte. Der Austausch hat mir enormen Unterschiede auf den Ebenen
Wohlstand, Bildung, Gesundheitssystem, Sicherheit, Freiheit und vielen mehr zwischen Honduras
und Deutschland aufgezeigt. Dafür bin ich sehr dankbar, denn es hat mir klar gezeigt, wie das
Leben ablaufen kann, wenn man in einer anderen Gesellschaft geboren wird und mir zu verstehen
gegeben, was mir alles in meinem Heimatland geboten wird. In meinen Überlegungen war ich
immer wieder regelrecht fasziniert darüber, wie gut doch (vermeintlich) alles in Deutschland
funktioniert. Diese Feststellung motiviert mich, meinen kleinen persönlichen Beitrag zu leisten,
unsere Gesellschaft aufrechtzuerhalten oder sogar besser zu machen.

Demzufolge muss ich sagen, dass ich mir sehr gut vorstellen kann, eine weitere Famulatur im
Ausland zu absolvieren. Allerdings denke ich nicht, dass ich in näherer Zukunft noch einmal nach
Honduras reisen werde. Dafür gibt es einfach zu viele Länder auf der Welt, die ich noch entdecken
möchte. Ehrlich gesagt könnte ich mir auch nicht vorstellen, längerfristig in Honduras zu arbeiten,
denn es ist dort einfach viel zu chaotisch und die Arbeitsbedingungen sowie der Lohn sind
miserabel.

Alles in allem kann ich jedem wärmstens empfehlen, einen Famulaturaustausch zu wagen.
Sicherlich kann man nie vorhersagen, was einen erwartet, aber genau das macht es ja auch so
spannend. In jedem Fall ist es eine einzigartige und vielleicht sogar einmalige Chance, in ein
anderes Land einzutauchen. Denn als Tourist hätte ich nur auf von außen darauf geschaut, und als
Famulant war ich mitten drin.

zurück